Agathodaimon
Listening Session zu "Serpent's Embrace"

Special

Es gibt doch nichts Erhebenderes, als wenn man nach dem Klingeln des Weckers den Rollladen öffnet und den Taunus in ein richtig dickes Schneeweiß getaucht ist. Denn plötzlich wird einem bewusst, dass man sich gleich in sein Auto setzen darf, um ca. 300km nach Donzdorf, dem Wohnsitz von Dr. Blast, zu fahren und dort dem neuen Output „Serpent’s Embrace“ (VÖ: 21.06.04) der Mainzer Melodic-Black-Dark-Metaller von Agathodaimon zu lauschen. Also flugs die Karre gesattelt und eine Stunde früher als geplant aufgebrochen, was im Nachhinein aber gar nicht nötig gewesen wäre, denn Gitarrist Sathonys steckte mitsamt Gefolge, sprich Neu-Basser Eddie, Frontmann Akaias und Produzent Kristian Kohlmannslehner alias Kohle selbst auf der Autobahn im Gedränge, da sie direkt aus dem Darmstädter Kohlekeller Studio anreisten. Man befindet sich nämlich noch mitten in der Produktion des neuen Rundlings, weswegen der versammelten Schreiberzunft an diesem Nachmittag auch nur sechs Songs im Rough Mix komplett ohne Bass vorgestellt werden konnten. Negativ ins Gewicht fiel dies jedoch nicht, da auch so schon ein guter Gesamtüberblick über „Serpent’s Embrace“ entstehen konnte, dem letztendlich nur noch vier weitere Songs (darunter eine Ballade) und ein paar produktionstechnische Änderungen (wie eben der Bass oder ein Drum-Fill-In hier und da) zugefügt werden sollen.

Cellos For The Insatiable
In einem für einen Rough Mix jetzt schon brutal guten Sound entfaltet sich ein mächtiger Beginn, bei dem direkt auffällt, dass die Jungs wesentlich mehr elektronische Elemente in ihren Sound gepackt haben (ein Verdienst des neuen Keyboarders Felix?). Dominiert wird das Geschehen von monströsem Midtempo und hartem Stakkato-Riffing, bevor sich ein ruhiger Mittelteil anschließt, der sich wieder gezielt auf das Hauptthema des Songs hin steigert. Wie von Sathonys anfangs schon angekündigt, ein schlüssiger Mix aus traditionellem Agathodaimon-Stuff und ein paar Neurungen.

Bitter End
Ein noisiger Anfang wird von kraftvollem Schlagzeug samt Keyboarduntermalung abgelöst und lässt so schon direkt am Anfang die progressiven Züge dieses Stückes erkennen. Mal sphärisch und melodisch, mal abgehackt und vertrackt, mal fieses BM-Geknüppel (was übrigens in den restlichen, heute gehörten Songs vergebens gesucht werden kann), mal Stakkato-Riffing und sogar ein paar trancige Soundspielereien machen „Bitter End“ (so bitter wie im Titel angedeutet, so abrupt auch das Songende) zum am schwersten zugänglichen der bisher fertigen Lieder.

Feelings
Der Titel lässt es vermuten und Sathonys‘ Eingangsworte verraten es: „This one is for the girls.“ Trotzdem entwickelt sich dieses Stück ungeachtet der vorherrschenden Langsamkeit zu einem zugkräftigen Stampfer, in dem vor allem der Wechsel zwischen den Kreischvocals von Akaias und Eddies cleanen Parts, die ein wenig an Tom S. Englund (EVERGREY) erinnern, zu begeistern weiß. Durch diesen Neuzugang an den vier Saiten eröffnen sich den Mainzern ganz neue Perspektiven in punkto gesangliche Variationen. Apropos Abwechslung: Ein paar Power Metal-Einflüsse sind hier gitarrentechnisch auch verbraten worden, an die sich ein mit verträumtem Piano und zahmen Gitarren daherkommender, balladesker Schlussteil anschließt.

Limbs Of A Stare
Eine fette Salve Maschinengewehrriffs drückt einen gnadenlos in den Sitz, bevor es „dimmuesk“ im Midtempo mit dramatischem Keyboard und variantenreichem Gesang von Akaias (mal grunzend, mal kreischend) weitergeht. Die Glanzstücke dieses Songs sind jedoch die Bridge (unheimlich intensive Double Bass samt packend melodischen Klampfenläufen) und der Schluss, der mit einer brettharten, lang gezogenen und einfach nur zum Bangen animierenden Riffschleife aufwartet. Das bisherige Highlight und vielleicht das groovigste Stück ihrer Karriere!

Serpent’s Embrace
Der von Sathonys als „Chartbreaker“ bezeichnete Titeltrack lässt mir eine Band immer wieder ins Gedächtnis springen: In Flames anno 2004. Nicht, dass die Jungs hier klingen, wie die Göteborger Durchstarter, nein, nur die eingängige Songstruktur erinnert mich an den Wandel, den IF von „Clayman“ hin zu „Reroute To Remain“ durchgemacht haben. Kongruent dazu läuft in diesem Falle nämlich die Entwicklung von Agathodaimon. Viele Synthie-Spielereien, einmal mehr ein wunderbarer Kontrast zwischen Sathonys epischem Cleangesang und Akaias‘ Kreischvocals, dem sich sogar die Instrumentierung unterwirft, und ein eigenwilliger Pianoausklang dürften BM-Traditionalisten schön ins Würgen bringen. Aber für jene ist solch ein Stück auch nicht gedacht.

Static Day
Ein fast schon thrashiger Beginn leitet über in abgehacktes Midtempo-Riffing, das einmal mehr von viel Elektronik unterstützt wird. Besonders erwähnenswert sind die Variationen, die jetzt auf einmal auch innerhalb der cleanen Vocals (wirken diesmal neben harten Gitarren fast zerbrechlich) verarbeitet werden. Singt Eddie eher „power-metal-clean“, bedient Sathonys mehr die Gothicfraktion. So kommt noch mehr an verschiedenartigen Atmosphären in den Sound von Agathodaimon, die in einem Schalmeien-artigen Mittelteil, der gegen Ende brutal verzerrt wird, gipfeln, bevor ein wunderbar passendes Solo wieder zum Grundgedanken des Songs zurückführt.

Fazit: Agathodaimon werden sich mit ihrem vierten Album „Serpent’s Embrace“ (als ursprünglicher Titel war „Darkened Days“ ins Auge gefasst) erfolgreich noch ein Stück weiter von ihren Black Metal-Wurzeln entfernen. Dies wird mit Sicherheit wieder die Lästermäuler auf den Plan rufen, aber für selbige hatten Sathonys und Co. in den letzten Jahren sowieso nicht mehr als ein mildes Lächeln übrig. So erklären sich die effizienten und gut in den Aga-Sound integrierten Neuerungen wie die vermehrt eingesetzte Elektronik und die Variationen im Vocalbereich, die alles in allem zu höherer Eingängigkeit und Livetauglichkeit der Songs führen, einerseits durch die neuen Bandmitglieder und andererseits durch den bandeigenen Anspruch, nicht auf der Stelle treten zu wollen. Dies versicherten mir im Nachhinein bei einem kleinen Schwatz auch noch mal Sänger/Gitarrist Akaias und Produzent Kohle.

Was sind die Hauptgründe für den doch recht großen Sprung zwischen „Chapter III“ und den neuen Sachen? Inwieweit sind die neuen Bandmitglieder Schuld daran?

Akaias: Sie haben schon einen großen Teil dazu beigetragen. „Feelings“ ist z.B. komplett von Eddie geschrieben worden und auch Thilo, ein weiterer unserer Gitarristen, der für mich eingesprungen ist, als ich die Hand gebrochen hatte, und der auch bei meiner eigenen Band Asaru in die Saiten haut, hat drei Stücke beigesteuert. Jeder hat Songs geschrieben, die wir dann in einen Topf geschmissen haben, aus dem wir das Beste wieder entnommen haben.
Kohle: Seit Vlad, der alte Sänger, weg war, stand die Band doch schon vor dem Problem, wer was machen soll. Dann kam ich als Produzent ins Spiel. Die Arbeitsweise war genau wie beim letzten Album. Jeder, der irgendwie etwas mit der Agathodaimon-Familie zu tun hat, hat erstmal unabhängig von den anderen Songs gemacht. Am Ende versammele ich dann die Leute und schraube die Sachen zusammen. Deswegen die großen stilistischen Unterschiede. Was die Eingängigkeit angeht, war es so, dass alle Bock hatten, etwas straighter und grooviger zu werden.

Noch dazu habt ihr durch die verschiedenartigen Fähigkeiten eurer Neuzugänge viel mehr Möglichkeiten, was das Ausreizen eurer Variationsgrenzen angeht.

Akaias: Ja, genau das wollen wir ausnutzen. Mittlerweile macht sich Sathonys auch ganz gut am Mikro. Auf „Chapter III“ kamen die cleanen Vocals hauptsächlich vom Kohle, weswegen wir es live nicht gescheit reproduzieren konnten. Bis jetzt konnten wir bei den neuen Songs einen Gesangseinsatz von Kohle komplett vermeiden. Das, was Sathonys und Eddie hier abgeliefert haben, ist richtig gut geworden.

Ja, vor allem, weil sie sich untereinander auch noch mal unterscheiden.

Kohle: Eddie klingt eher traditionell, eher metal-mäßig. Sathonys klingt düsterer, pathetischer.
Akaias: Ja, er könnte auch bei einer Gothic-Band singen. Seine Vocals passen quasi in das Klischee, in das Agathodaimon immer hineingedrückt werden.

Die Herangehensweise an das Album war, wie schon von euch gesagt, die gleiche wie vorher. Also fungierst du quasi bei dieser Arbeitsweise als unsichtbares Bindeglied der Band, Kohle?

Kohle: Ja, so kann man das nennen. Eddie kam zu mir, hat mir einen Song vorgestellt und ich habe es grob aufgenommen. Dann hat jeder seinen Senf dazu gegeben. Und genauso kamen auch Akaias, Sathonys oder Thilo unabhängig zu mir, was letztendlich zur Entstehung von „Serpent’s Embrace“ geführt hat. Noch dazu ist der neue Keyboarder Felix kein traditioneller BM-Tastenmann, der nur Dimmu-Läufe drauf hat, sondern auch ein wenig Elektronik und modernere Sounds. Das hat sich auch ausgewirkt.

Allerdings. Mir ist ein paar Mal der Name In Flames in den Kopf geschossen, weil eure Entwicklung auf der neuen Scheibe mit ihrer irgendwie kongruent läuft. Gerade, was den Titeltrack „Serpent’s Embrace“ anbelangt.

Akaias: Also, In Flames höre ich zu Hause überhaupt nicht. Aber das Stück ist schon unser „Pop-Song“, das stimmt.
Kohle: In Flames waren mit Sicherheit absolut kein Vorbild, aber auf diese etwas eingängigere Schiene hatten alle Lust. Es sollte alles etwas mehr rollen.

Mit der Eingängigkeit ist in meinen Augen auch die Livetauglichkeit der Stücke immens gestiegen. Bestes Beispiel: „Limbs Of A Stare“ und sein richtig fettes Riff-Ende.

Kohle: Ich hoffe es.
Akaias: Das wird sich jetzt zeigen. „Limbs Of A Stare“ habe ich bei meiner Freundin ohne Amp und jeglichen anderen Kram zusammengeschraubt, einfach nur mit der Klampfe, ohne zu hören, was um mich herum abgeht. Ich hätte auch nicht gedacht, dass dabei so ein geiles Ding rauskommt. (lacht)
Kohle: Ja, dieses Endriff kannst du Ewigkeiten spielen und die Leute gehen ab.

Des Weiteren habt ihr euch wieder weiter von euren Black Metal-Roots entfernt.

Akaias: Ja, es gibt neben meinem Gesang nur noch ein paar vereinzelte Stellen, wo sie durchscheinen. Sonst ist nichts mehr an Schwarzmetall drin. Das war aber eigentlich auch schon bei „Higher Art Of Rebellion“ der Fall. Das Album kann man auch nicht mehr als Black Metal bezeichnen.
Kohle: Ich hatte beim Vortreffen, bei dem wir alle über die Richtung und Ausrichtung der neuen Sachen gesprochen haben, schon gesagt, dass Agathodaimon noch nie eine Band war, die von irgendwelchen Black Metallern ernst genommen worden ist, sondern immer als „Pop-Black-Metal“ verschrieen war. Also muss man sich im Nachhinein auch nicht mehr rechtfertigen, keinen Black Metal mehr zu machen. Wenn die Szene auf einen scheißt, kann man selbst im Gegenzug auf die Szene scheißen.

Inwieweit habt nach dieser Stilkorrektur auch eure Zielsetzung und eure Zielgruppe überdacht?

Akaias: Uns geht es in erster Linie darum, dass wir möglichst viel auf die Bühne kommen. Ich denke nicht, dass wir in Deutschland unbedingt mehr verkaufen oder rocken können, als der bisherige Stand der Dinge. Wir müssen uns irgendwie mal das Ausland erschließen, was aber noch ein längerer Weg sein wird. Mal kucken, wie es beim Up From The Ground und beim Wave-Gotik-Treffen, für die wir bereits bestätigt sind, läuft. Das sind nächsten größeren Termine. Tourmäßig ist noch nichts geplant.

Was hat es mit dem neuen Albumtitel auf sich? Und werdet ihr wieder in die gleiche Artworkkerbe schlagen?

Akaias: Das ist eine ganz lustige Geschichte. Zuerst war „Darkened Days“ als Arbeitstitel geplant. Dann kam Sathonys mit einer Artworkidee, die eine Schlange mit goldenen Augen als Cover und Promofotos mit Schlangen beinhaltete. Das wäre alles kein Problem, weil mein Bruder einen ganzen Schlangenzoo im Keller hat. Deswegen wollten wir den Titel vom Inhalt her angleichen. Dann kam ich mit „Serpent’s Embrace“ um die Ecke. Tja, und jetzt haben wir es genommen. (grinst)

Also gibt es diesmal keine ironischen Fotos mit Zigarre und Stretchlimo, die eh keiner versteht?

Akaias: Hehe. Das Problem mit den Schlangenfotos ist, dass wir die Tierchen schlecht von meinem Bruder wegtransportieren können. Und bei uns zu Hause ist es mit einem passenden Hintergrund für die Bilder ziemlich Essig. Vielleicht müssen wir doch wieder auf eine professionelle Fotosession zurückgreifen.

Hängt euch die Klumb-Sache noch irgendwie hinterher?

Akaias: Ich habe lange nichts mehr in diese Richtung gehört. Aber ich bin ja sowieso immer der letzte, der Neuigkeiten mitbekommt. (lacht)
Kohle: Nein, ich habe auch nichts mehr mitbekommen. Die Sache ist wohl endgültig vorbei und die Connection, die es da gab, mit Hyperion (ex-Gitarrist, jetzt mit Megalith aktiv, Anm. d. Verf.) abgewandert.

Letzte Frage: Bekommt ihr es in Zukunft irgendwann einmal auf die Reihe, auf der Bühne optisch in punkto Outfit wie aus einem Guss zu wirken?

Akaias: Hmm…keine Ahnung. Wir sind völlig verschiedene Menschen und der Altersunterschied spielt auch eine Rolle. Ich bin z.B. erst 24, während Eddie schon 34 ist. Wir werden sehen.

Im Prinzip ist es ja auch die Musik, die zählt. Und die kann sich nach dem ersten Eindruck wirklich hören lassen. Also liebe Aga-Fans und die, die es noch werden wollen: Bitte den 21.06.04 vormerken!

08.03.2004
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