Endstille
Videodreh zu "Anomie"

Special

Endstille

Wo ENDSTILLE musizieren, wächst kein Gras mehr – wie muss es dann erst zugehen, wenn sie ihre auralen Massaker auch noch auf Zelluloid bannen wollen? Hier ein mutiger Augenzeugenbericht ihres Videodrehs zu „Anomie“, frisch von ihrem neuesten Album „Infektion 1813“.


Ein strahlender blauer Himmel erstreckt sich am frühen Morgen über ein kleines verfallenes Industriegebiet nahe der schönen Stadt Leipzig. Es macht den Eindruck, als hätte schon seit langem niemand mehr einen Fuß auf dieses ehemalige Fabrikgelände gesetzt. Wo einst reges Treiben geherrscht haben muss, wuchern nun aus allen Ecken kleine Bäume, und alles scheint von Unkraut verschlungen zu werden. Die Insekten fliegen fröhlich durch die Luft und es ist kein Mensch weit und breit zu sehen. Es ist geradezu idyllisch… wenn da nicht plötzlich dieser höllische Lärm aus einer der verfallenen Fabrikgebäude hämmern würde. Bei genauerem Hinhören scheint es sich bei diesem Krach jedoch um eine Art Musik zu handeln.

Von meiner Neugier vorangetrieben werfe ich einen Blick durch eines der zerbrochenen Werksfenster und ein skurriler Anblick bietet sich mir: ein Haufen sehr heruntergekommener und blutüberströmter Gestalten, die Musikinstrumente dabei zu haben scheinen. Einer aus dieser Gruppe, der allerdings einen etwas saubereren Eindruck macht, hält eine Kamera in seinen Händen. Außerdem wird diese Ruine von zwei merkwürdigen Scheinwerfern ausgeleuchtet.

Handelt es sich um eine Truppe armer Irrer, die einen abartigen Film drehen oder sich bei einem bizarren Ritual aus irgendwelchen Gründen aufnehmen lassen? Wie aus dem Nichts wird plötzlich ein ebenfalls blutverschmiertes schwarzes Rednerpult zwischen den beiden Scheinwerfern positioniert. Einer der vier äußerst verdreckten Gestalten baut sich hinter dem  Podest auf.

Plötzlich hämmert dieser infernalische Lärm wieder los. Was auffällt ist das kurze Wort „Anomie“, das in einer kurzen Unterbrechung des Gehämmers fällt. Das verdreckte Ding beginnt wie wild zu gestikulieren und mit Blut um sich zu spucken. Der Mann mit der Kamera bewegt sich dazu um den Blutspuckenden herum. Dieses Schauspiel dauert einige Minuten. Danach ist kurz Ruhe… aber wirklich nur sehr kurz… es geht schnell lautstark weiter… Dieses wiederholt sich einige Male bis das Rednerpult wegetragen wird.
Aber noch nicht genug. Einer der Truppe schnallt sich ein rostiges Gerät um, bei dem es sich um eine Bassgitarre zu handeln scheint. Schnell übergießt er sich noch mit einer Flüssigkeit, bei der es sich um Blut handeln könnte.

Der Krach setzt wieder ein. Ich bin nun fest davon überzeugt, dass es sich dabei um ein Lied handelt! Haare fliegen durch die Luft, verursacht durch heftiges auf- und ab bewegen des weiß-, schwarz- und blutverschmierten Schädels, wobei nebenbei Unmengen an roter Flüssigkeit umhergespuckt werden.
Als nächstes schnallt sich ein Wesen mit einem unheimlichen roten Haarwuchs im Gesichts- und Kopfbereich eine Gitarre um und ein ähnliches Szenario bietet sich mir.
Nach stundenlangem Dröhnen desselben Liedes wird ein Schlagzeug in der verfallenen Fabrik aufgebaut. Die Lautstärke steigert sich noch um einiges, nachdem  der letzte der Gruppe hinter dem Instrument Platz genommen hat und mit Inbrunst auf dieses einprügelt. Es folgen wieder endlose Wiederholungen und der Kameramann umkreist das Schlagzeug etliche Male.

Mittlerweile ist es Nachmittag, aber bei dem Treiben scheint noch kein Ende in Sicht zu sein. Im Gegenteil. Die gesamte Situation scheint noch skurriler zu werden: Ein beinahe komplett entkleideter Mann wird in die runtergekommene Halle geführt und mit Ketten an einen schlichten Stuhl gefesselt.
Der verstört dreinblickende Mann wird von den mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit verdreckten Typen mit Blut übergossen, verprügelt, bespuckt und Schweineherzen werden ihm in den Mund gequetscht. Diese Szene wird offensichtlich mit viel Freude zelebriert und erstreckt sich über eine recht Lange Zeit.

Von einer Sekunde auf die andere entspannt sich die Lage jedoch und der mittlerweile samt Stuhl auf dem Boden liegende Mann wird aus seiner misslichen Lage befreit. Es macht den Anschein, als wäre nichts passiert.
Eine gelassene Stimmung macht sich unter der gesamten Truppe breit. Es wird anscheinend zusammengepackt und die Truppe begibt sich langsam aber sicher in Richtung Ausgang der Fabrikruine. Zeit für mich, schnellstmöglich aufzubrechen, denn nach einem direkten Kontakt mit der Bande steht mir nach dem Beobachteten so gar nicht der Sinn!

25.05.2011
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