Wenn Anderssein politisch wird: Sonja M. Schulz über „Mauerpogo“ und die Kraft des Punk

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In „Mauerpogo“ erzählt Sonja M. Schulz vom Ostpunk der frühen Achtziger aus der Perspektive einer Jugendlichen, die zunächst nichts weiter will als herauszufinden, wer sie ist. Im Gespräch für „Metal Minds: The Pit Unplugged“ wird daraus eine Geschichte über Selbstbestimmung, Repression und eine Subkultur, deren politische Bedeutung oft erst dort begann, wo der Staat sie dazu machte.

Jo ist 14, steht kurz vor ihrer Jugendweihe und sieht ein Foto einer Punkerin aus London. Es ist ein Bild, das ihre Welt verändert. Kleidung, Haltung, eine Form von Selbstverständlichkeit, die etwas in ihr trifft. Jo färbt sich die Haare, gründet eine Band, verliebt sich in die Schlagzeugerin Ratte und beginnt, sich ein Leben vorzustellen, das nicht bereits für sie entworfen wurde. Mauerpogo setzt damit bei einem sehr persönlichen Wunsch an: einen Ausdruck für sich selbst zu finden.

„Man ist Teenager und möchte einfach man selbst sein oder werden“, sagt Sonja. Rückblickend lässt sich Geschichte leicht in klare Lager sortieren. Auf der einen Seite steht der Staat, auf der anderen diejenigen, die sich ihm bewusst widersetzen. Die Biografien, aus denen Mauerpogo hervorgegangen ist, waren komplizierter. Viele Jugendliche wollten Musik hören, anders aussehen und Menschen finden, mit denen sie sich verbunden fühlten. Ihr Anderssein bekam politische Bedeutung, weil ein autoritäres System Abweichung zunehmend als Bedrohung behandelte.

Von Selbsterfahrung und Fremdzuweisungen

Punk eröffnet Jo die Möglichkeit, ihre Umgebung selbst mitzugestalten. Kleidung wird verändert, Materialien werden zweckentfremdet, Instrumente werden organisiert und eigene Texte werden geschrieben. Aus Improvisation entsteht eine eigene Ästhetik. Gleichzeitig wächst eine Gemeinschaft, die Halt geben kann. Sonja beschreibt im Gespräch, wie Jugendliche sich in einer als grau und normiert empfundenen Gesellschaft ihre eigene Umwelt schufen. Dort konnten sie kreativ sein, dazugehören und ausprobieren, wer sie sein wollten.

Dass im Zentrum zwei junge Frauen stehen und Jo ihre Liebe zu einem Mädchen selbstverständlich lebt, erweitert diese Perspektive. Sonja wollte bewusst eine weibliche Hauptfigur erzählen. Frauen gehörten zum Ostpunk als Musikerinnen, Texterinnen und Szeneakteurinnen, auch wenn die Geschichte der Szene häufig männlich erzählt wurde. Für Mauerpogo sprach Sonja überwiegend mit Frauen. Viele ihrer Erfahrungen flossen in die fiktive Figur Jo ein. Deren selbstbewussten Umgang mit ihrer Sexualität bezeichnet Sonja selbst als rückwirkende Utopie.

Doch der Freiraum, den Jo im Punk findet, bleibt verletzlich. Sonja hat jahrelang recherchiert, mit Zeitzeuginnen gesprochen und Stasi-Akten gelesen. Daraus entsteht eine Figur, die widersprüchlich bleiben darf. Jo passt sich an, widersetzt sich, ist mutig und wird verunsichert. Diese Uneindeutigkeit schützt die Geschichte vor der nachträglichen Verklärung zur Widerstandsbiografie. Repression zeigt sich dabei auch jenseits spektakulärer Verhaftungen. Sie beginnt mit Beobachtung, Polizeikontrollen, eingeschränkten Perspektiven und dem Misstrauen, das die Staatssicherheit in Freundeskreise trägt.

Besonders deutlich wird die Dimension dieser Kontrolle dort, wo Musik selbst Konsequenzen haben konnte. Texte wurden in Kellern, in privaten Räumen oder unter dem Schutz von Kirchen aufgeführt. Wer sie schrieb und sang, riskierte mehr als nur Ärger nach einem Konzert. „Ein Songtext konnte für ein ganzes Leben solche harten Folgen haben“, sagt Sonja. Die Entscheidung, trotzdem den Mund aufzumachen, gehört für sie zum Kern des Ostpunk.

Schwere und Leichtmut im selben Raum

Bei all dem bleibt Mauerpogo voller Spiel, Witz und Lust am eigenen Ausdruck. Das ist wichtig, weil Jugendkultur auch unter repressiven Bedingungen aus Freundschaften, Albernheit, Kreativität und dem gemeinsamen Austesten von Grenzen besteht. Im Podcast erzählt Sonja von einem Jugendlichen, der beim Handstand fotografiert wurde, weil bereits diese harmlose Abweichung Aufmerksamkeit erzeugte. Ihre knappe Folgerung daraus gehört zu den stärksten Sätzen des Gesprächs: „Humor unterläuft jedes autoritäre System.“

Genau diese Energie trägt Mauerpogo über seinen historischen Stoff hinaus. Sonja verortet das Herz von Punk heute dort, wo Menschen ihren eigenen Ausdruck ernst nehmen und Haltung zeigen, auch wenn er gerade keinem Trend entspricht. In Jos Geschichte beginnt das mit einem Foto. Plötzlich wird sichtbar, dass ein anderes Leben überhaupt denkbar ist.

Mauerpogo: Eine Geschichte findet neue Formen

Inzwischen bewegt sich diese fiktive Welt selbst weiter. Aus einem Text des Romans entstand mit „Eisenwerda Burning“ ein 39-Sekunden-langer Punk-Song, eingesungen von der Post-Punk-Musikerin Safi. Die Sprache, die Jo im Roman für ihre eigene Band findet, landet damit tatsächlich in der Musik.

Anfang 2027 folgt der nächste Schritt. Mauerpogo kommt in Berlin auf die Bühne. Gespielt werden soll in einer Kirche im Osten der Stadt. Gerade dieser Ort verbindet sich für Sonja mit einer besonderen Geschichte. Kirchen boten in der DDR Jugendgruppen und Punks Räume, in denen auch Konzerte stattfanden. So führt der Weg des Romans zurück an einen Ort, an dem Subkultur damals tatsächlich Platz fand.

Mauerpogo erschien 2025 und wurde 2026 mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet. Seine besondere Stärke liegt in der Größe seiner kleinen Ausgangsfrage: Was passiert, wenn ein junger Mensch entdeckt, dass sein Leben anders aussehen könnte?

Quelle: Interview Sonja M Schulz
04.10.2026

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