
Eigentlich ist Bahn fahren ja etwas Schönes. Man tut der Umwelt was Gutes, man kann sich zurücklehnen und die Fahrt genießen, dösen und ohne Fahrtunterbrechung aufs Klo gehen, wann man will. In manchen Zügen ist sogar ein rollendes Restaurant dabei, also immer eine Futterquelle in der Nähe, und am Ende erreicht man ausgeruht und entspannt sein Ziel. Oder so die Theorie.
Reisealltag für Vielfahrer mit der Deutschen Bahn
Dass die Realität komplett anders aussieht, darüber berichtet Rockgeigerin ALLY STORCH, besser bekannt aus Bands wie ALLY THE FIDDLE oder SUBWAY TO SALLY, ihren Followern auf Social Media schon länger in humorvollen kurzen Beiträgen. Dieses Jahr hat sie die bisherigen Erfahrungen ihres Reisealltags mit der DB nun zu einem Buch zusammengefasst und unter dem Titel “Ally Fährt Bahn“ veröffentlicht. Dabei wird schnell klar, dass sie zwar mit schöner Regelmäßigkeit mit der Deutschen Bahn reist, aber leider ebenso regelmäßig von dieser im metaphorischen Regen stehen gelassen wird.
Angefangen bei spontanen und dürftig bis gar nicht begründeten Zugausfällen, für schwer bepackte Reisende schier unmöglichen Gleiswechseln in letzter Minute kurz vor Zugabfahrt auf Bahnhöfen, an denen keine einzige Rolltreppe oder Lift funktionieren, über falsch beschilderte Zugwaggons bis hin zu verspätet gemeldeten Zügen, die dann doch früher als geplant abfahren – alleine schon der Fakt, dass ALLY STORCH ihre Reisen grundsätzlich immer mit großzügigem Zeitpuffer von ca. zwei Stunden plant und selbst dieser oft nicht ausreicht, ist ein deutlicher Hinweis auf die fehlende Verlässlichkeit des Bahnfahrplans.
Man nehme dann noch unangenehme Mitreisende, deren Spektrum von Geruchs- und Lärmbelästigung und schierer körperlicher Überzahl durch Überfüllung der Züge bis hin zu methodisch versuchtem Diebstahl auf Nachtfahrten reicht. Dazu Züge mit Ausfallerscheinungen im Sinne von nur defekten Toiletten im kompletten Zug, defekten Türen, defekter Klimaanlage usw… und möchte weiten Abstand vom Bahn fahren nehmen. Allerdings gelingt es ALLY STORCH auch, dem Ganzen durch ihren humorvollen Unterton einen versöhnlichen Anstrich zu verpassen, wenn sie auch in ihrem letzten Kapitel der Bahn einen schriftlichen Korb verpasst und laut Klappentext darüber nachdenkt, zukünftig lieber Bus zu fahren.
ALLY STORCH macht Schluss mit der DB
Ein bisschen fehlt dem Buch ein roter Faden, da die Geschichten keinem erkennbaren Schema folgen, sondern vermutlich so aneinandergereiht sind, wie sie die Autorin erlebt hat. In “Ally Fährt Bahn“ bietet sich für Bahnhasser auch viel Frustpotenzial, aber für Mitreisen… pardon, -leidende wiederum das Gefühl, nicht allein mit dem ganzen Schlamassel zu sein. Generell ist “Ally Fährt Bahn“ ein unterhaltsames Büchlein und durch seinen Kurzgeschichtencharakter bestens dazu geeignet, sich beim irgendwo Warten die Zeit zu vertreiben. Nur für Gelegenheitsbahnfahrer vielleicht nicht unmittelbar beim Verreisen mit der Bahn zu empfehlen. Die Lektüre könnte sonst den Panikpuls der Reisenden in ungeahnte Höhen treiben, denn Allys Erfahrungen zeigen, dass es bei der DB nichts gibt, was es nicht gibt.

Sonja Schörg



























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