
Dragonbane
Die deutsche Grundbox erscheint
Special

Mit DRAGONBANE bringt der Uhrwerk Verlag eines der spannendsten Fantasy-Rollenspiele der letzten Jahre auf Deutsch heraus. Auf der EulenCon in Köln konnte unser Gastautor Marc Petschke die fertige Grundbox zwar noch nicht physisch in den Händen halten, dafür aber mit Franz Janson, dem verantwortlichen Redakteur der deutschen Ausgabe, ausführlich über Inhalt, Übersetzung, Layout und die Zukunft der Reihe sprechen.
Was steckt in der Box?
Ein großer Pluspunkt der deutschen Grundbox ist, dass sie keine abgespeckte Einsteigerversion enthält. Das Regelwerk in der Box ist vollständig. Es handelt sich also nicht um einen Auszug, keine Schnellstartfassung und keine halbe Lösung, die erst durch weitere Käufe vollständig wird. Wer die Box kauft, bekommt die Regeln, die man zum Spielen braucht.
Dazu kommt eine ordentliche Menge Material: Abenteuer, Battlemaps, Spielfiguren, Würfel und weiteres Spielmaterial. Damit wirkt die Grundbox nicht wie ein bloßer Appetithappen, sondern wie ein rundes Komplettpaket. Gerade für Gruppen, die nicht erst mehrere Bücher kaufen wollen, ist das ein starkes Argument. Mehr als diese Box braucht man zum Einstieg erst einmal nicht. Das macht auch das Preis-Leistungs-Verhältnis ausgesprochen attraktiv.

W20, aber anders
Auf den ersten Blick wirkt DRAGONBANE vertraut. Auch hier steht der W20 im Zentrum. Wer von DUNGEONS & DRAGONS kommt, erkennt also sofort den wichtigsten Würfel wieder. Der entscheidende Unterschied: Bei DRAGONBANE will man niedrig würfeln. Die 1 ist der kritische Erfolg, die 20 der Patzer.
Das allein macht natürlich noch kein eigenes Spielgefühl. Interessant wird DRAGONBANE durch viele kleine, kluge Stellschrauben. Fertigkeiten auf dem Charakterbogen sind nicht bloße Dekoration, sondern kommen tatsächlich ins Spiel. Selbst Dinge wie Angeln, Jagen, Fischen, Wegsuche oder Lagerbau haben eine klare Bedeutung. Wer unterwegs keine Nahrung findet oder keinen vernünftigen Schlafplatz organisiert, bekommt die Folgen am nächsten Tag zu spüren.
DRAGONBANE legt damit deutlich mehr Gewicht auf Reisen, Erkunden und Überleben, als man es aus vielen heroischeren Fantasy-Systemen gewohnt ist. Die Wildnis ist hier nicht nur Kulisse zwischen zwei Abenteuerschauplätzen, sondern Teil der Herausforderung.
Leicht zugänglich, aber gefährlich
Regelseitig ist DRAGONBANE angenehm schlank. Als Spielleiter kommt man schnell hinein, und auch Spielerinnen und Spieler lassen sich gut an die Hand nehmen. Das System erklärt sich am Tisch zügig und wirkt nicht wie ein Regelkoloss, vor dem man erst einmal Respekt haben muss.
Gleichzeitig sollte man es nicht unterschätzen. DRAGONBANE ist zugänglich, aber nicht harmlos. Ein besonders wichtiger Punkt: Lebenspunkte steigen nicht einfach mit jeder Erfahrungsstufe. Wer mit 12 Lebenspunkten startet, bleibt auch nach dem Leveln bei diesen 12 Lebenspunkten. Kämpfe bleiben dadurch gefährlich, schlechte Entscheidungen haben Konsequenzen und die Gruppe lernt schnell, Risiken ernst zu nehmen.
Gerade diese Mischung macht den Reiz aus. DRAGONBANE ist einfach genug, um schnell loszuspielen, aber hart genug, damit Entscheidungen Gewicht haben. Es fühlt sich klassisch an, aber nicht altbacken. Es ist gefährlich, ohne unnötig kompliziert zu werden.
Charaktere, Talente und Enten
Die Charaktererschaffung geht flott von der Hand. Professionen und Völker wirken stimmig und funktional, ohne die Spielenden mit Optionen zu erschlagen. Sehr gelungen ist auch die Entwicklung über Fertigkeiten und Talente. Wenn eine Fertigkeit einen hohen Wert erreicht, kann man besondere Fähigkeiten erwerben, die den Charakter weiter individualisieren.
Auch das Erfahrungssystem passt gut zum Spielgefühl. Es geht nicht darum, möglichst viele Gegner zu erschlagen und dafür Punkte einzusammeln. Erfahrung entsteht durch Anwesenheit, erreichte Ziele und Spielmomente. Diese Punkte können anschließend eingesetzt werden, um Fertigkeiten zu verbessern. Das unterstützt den Fokus auf Abenteuer, Erkundung und gemeinsames Spiel deutlich besser als reines Monsterkloppen.
Besonders auffällig sind natürlich die entenartigen Charaktere à la Darkwing Duck. Für manche dürfte das ein herrlich skurriles Highlight sein, andere werden damit vielleicht fremdeln. Ich konnte mich mit der Ente nicht anfreunden.

Wenig Vorbereitung, viel Ertrag
DRAGONBANE ist kein Spiel, bei dem man sich völlig unvorbereitet an den Tisch setzt und einfach los improvisiert. Die Abenteuer sollte man vorher gelesen haben. Aber der Aufwand bleibt angenehm überschaubar. Als Spielleiter muss man nicht wochenlang planen, um eine funktionierende Runde auf die Beine zu stellen.
Damit eignet sich DRAGONBANE hervorragend für einzelne Sessions, kurze Abenteuerbögen oder als System, das man zwischen größeren Kampagnen immer wieder einschiebt. Bei uns wird es kein bestehendes Kampagnensystem ersetzen. Das muss es aber auch nicht. DRAGONBANE hat seinen Platz als schnelles, gefährliches und spaßiges Fantasy-System gefunden, das man immer wieder gerne auf den Tisch bringt.
Elegantes Layout und starke deutsche Umsetzung
Auch optisch macht die deutsche Ausgabe einen sehr starken Eindruck. Das elegante Design von Johan Egerkrans zieht sich durch die gesamte Linie und fügt sich hervorragend in den visuellen Auftritt von DRAGONBANE ein. Die Gestaltung ist atmosphärisch, aber trotzdem übersichtlich. Gerade bei einer Grundbox ist das wichtig: Regeln, Tabellen, Spielmaterial und Abenteuer müssen nicht nur schön aussehen, sondern auch gut benutzbar sein.
Die deutsche Übersetzung und das deutsche Layout sind absolut überzeugend. Die Lesbarkeit bleibt hoch, das Buch behält seine elegante, aufgeräumte Wirkung. Spannend sind auch einige Übersetzungsentscheidungen. Janson konnte nachvollziehbar erklären, warum man sich im Deutschen an bestimmten Stellen für bestimmte Begriffe entschieden hat. Besonders interessant: Teilweise liegt die deutsche Übersetzung näher am schwedischen Original als die englische Fassung. Insgesamt geht die deutsche Ausgabe sehr gut von der Hand.
Was kommt noch?
Die deutsche Grundbox befindet sich aktuell im Druck. Unterstützerinnen und Unterstützer des Crowdfundings sollen zuerst beliefert werden. Wer Interesse an DRAGONBANE hat, sollte die Box im Blick behalten. Gerade bei international erfolgreichen Systemen kann eine erste Auflage schnell vergriffen sein. Und DRAGONBANE ist international gefragt: Der letzte Kickstarter brachte dem Mutterverlag Free League rund 900.000 Euro ein.
Auch die Zukunft der deutschen Linie klingt vielversprechend. Geplant sind unter anderem ein Bestiarium, ein Magiebuch und weitere Abenteuerbände. Zusätzlich arbeitet der Uhrwerk Verlag an eigenen Abenteuer- und Settingmodulen. Besonders spannend ist dabei „Die Grüne Ebene“, ein Aventurien-Setting, das mit DRAGONBANE-Regeln bespielt wird. Die Idee, die Welt von DAS SCHWARZE AUGE mit einem schnelleren, gefährlicheren System zu erleben, ist definitiv reizvoll.
Nach dem Eindruck vor Ort werden sich zwei Produktstränge entwickeln: einerseits die klassische DRAGONBANE-Linie entlang der Veröffentlichungen von Free League, andererseits Material, das Aventurien mit DRAGONBANE verbindet. Das macht neugierig auf die nächsten Jahre.
Fazit
Die deutsche Grundbox von DRAGONBANE macht schon vor der finalen Auslieferung einen sehr starken Eindruck. Sie bietet ein vollständiges Regelwerk, viel Spielmaterial, ein elegantes Layout und ein System, das schnell zugänglich ist, aber trotzdem Spannung und Gefahr erzeugt.
DRAGONBANE ist kein D&D-Klon und auch kein Ersatz für jedes große Kampagnensystem. Es ist vielmehr ein eigenständiges, dynamisches Fantasy-Rollenspiel, das besonders dann glänzt, wenn Reisen, Entdeckungen, gefährliche Kämpfe und unvorhersehbare Situationen im Mittelpunkt stehen.
Wer ein unkompliziertes, aber nicht belangloses Fantasy-System sucht, sollte hier zugreifen. Für mich ist die deutsche Grundbox eine klare Kaufempfehlung.
Gastautor: Marc Petschke

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