Six Feet Under
Der modrige Diskografie-Check

Special

Mit „Next To Die“ veröffentlichen SIX FEET UNDER ihr fünfzehntes Studioalbum in 31 Jahren. Dabei sind die vier „Graveyard Classics“-Alben noch nicht mit eingerechnet. Viele werden sagen, dass die Band seit der Jahrtausendwende keinen mehr interessiert, aber trotzdem hat sich Chris Barnes mit wechselnder Besetzung immer wieder zurück ins Untotendasein geröchelt. Über seine Vocals mag man streiten, doch man erkennt sie stets wieder.

In unserem Diskografie-Check stellen wir uns die Frage: Haben SIX FEET UNDER nach „Maximum Violence“ noch spannendes Material produziert? Eignen sich die Lyrics für einen poetischen Pärchenabend? Welcher Song von „Graveyard Classics II“ ist das beste AC/DC-Cover?

Spaß beiseite, wir schauen ernsthaft auf alle Platten und man darf gespannt sein, denn entgegen aller Unkenrufe sind die letzten 27 Jahre der Band keine Rohstoffverschwendung gewesen.

Haunted (1995)

Das Debüt von SIX FEET UNDER sehen viele heute als Klassiker an – insbesondere die Fraktion, die mit dem Corpsegrinder bei CANNIBAL CORPSE nicht warm wurden. Doch Chris Barnes schlägt mit seiner damals neu gegründeten Band andere Töne an und setzt viel mehr auf Groove als auf Brutalität. Die Lyrics sind zwar immer noch von klassischen Death-Metal-Themen durchzogen, aber der Sound ist mehr Dampfwalze als Abrissbirne.

Der Sound ist gar nicht so unähnlich dem der neueren Tage, allerdings hört sich gerade Barnes hier schön unverbraucht an und bei den Gitarren hat man sich fleißig in Großbritannien bedient. Kein Wunder, dass das Ding damals steil ging. Ein Blick zu setlist.fm zeigt, dass gut die Hälfte der Nummern heute immer noch im Liveset sind.

Sammlungswürdig: ja

Anspieltipps: The Enemy Inside, Lycanthropy

Warpath (1997)

Auf „Warpath“ ist die Klassikerdichte hoch: „War Is Coming“ hat ganze Bands inspiriert – Gruß an DEBAUCHERY an dieser Stelle und der SIX-FEET-UNDER-Death-Metal wird mehr und mehr salonfähig. Chris Barnes‘ damals schon vorhandene Liebe zum grünen Gold wird in „4:20“ deutlich, das allerdings 4:24 Minuten lang ist – so close!

Auf den ersten drei Alben geben sich die Amerikaner wenig Blöße und liefern feinen Florida-Death ab, der zeigt, warum die Gruppe in jede ordentliche Todesblei-Playlist gehört.

Sammlungswürdig: ja

Anspieltipps: War Is Coming, Revenge Of The Zombie

Maximum Violence (1999)

Ähnlich wie bei „Warpath“ finden sich hier viele der zeitlosen Klassiker von SIX FEET UNDER. Mit „Torture Killer“ ist ein Lied dabei, dass einen Bandnamen inspiriert hat. Diese Band hat wiederum ein Album veröffentlicht, das Chris Barnes eingesungen hat: SFUception sozusagen.

Auf der limitierten Version finden sich zwei Cover von IRON MAIDENs „Wrathchild“ und THIN LIZZYs „Jailbreak“. Prinzipiell nicht schlimm, allerdings schien hier der Grundstein für eine Idee Chris Barnes‘ gelegt worden zu sein, der in der folgenden Zeit etwas überstrapaziert werden sollte.

Sammlungswürdig: ja

Anspieltipps: Feasting On The Blood Of The Insane, Victim Of The Paranoid

Graveyard Classics (2000)

Die „Graveyard Classics“-Reihe sorgt seit jeher für Diskussionen unter SIX-FEET-UNDER-Fans: Man liebt sie, man hasst sie – mit jedem fortschreitenden Teil wird die Stimme der Kritiker lauter. Als 2000 der erste Teil rauskam, war das Konzept klassischer Rock- und Metal-Songs im Death-Gewand ganz witzig. Gerade „T.N.T.“ hat sich zum kleinen Klassiker entwickelt. Kein Wunder, das Original ist unantastbar, aber ähnlich simpel.

Es finden sich noch weitere Songs auf der „Graveyard Classics“, die man auf einer Metalparty gut auflegen kann, um etwas Abwechslung in Spiel zu bringen. Wäre es bei diesem einen Album geblieben, würde der Albumname vermutlich bei vielen heute kein unkontrolliertes Augenlidzucken hervorrufen.

Sammlungswürdig: ja

Anspieltipps: T.N.T., Smoke On The Water

True Carnage (2001)

Mit „True Carnage“ bricht die bisher lückenlos empfehlenswerte Diskografie SIX FEET UNDERs etwas ein: Zwar sind die Lieder nicht per se schlecht, doch sowohl der Sound als auch die Vocals von Chris Barnes überzeugen auf dieser Scheibe nicht vollends. Zu dumpf ist das Album produziert und viele Stücke kommen nicht ausm Quark. Es scheint, als hätte der Frontmann hier zu viel Indica-Strains konsumiert und wäre zu lethargisch für eine vernünftige Prügelplatte geworden.

Eine Ausnahme gibt es allerdings: „One Bullet Left“ bietet ein kultiges ICE-T-Feature.

Sammlungswürdig: begrenzt

Anspieltipps: The Day The Dead Walked, One Bullet Left

Bringer Of Blood (2003)

Mit dem „Bringer des Blutes“ geht es wieder aufwärts: Die fünfte reguläre SIX-FEET-UNDER-Scheibe hat wieder ordentlich Dampf auf dem Kessel und haut einem ein Dutzend angepisster Songs vor den Latz. Wir haben den Albumtitel übrigens nicht ohne Grund übersetzt: In bestem Ami-Deutsch gibt Chris Barnes eine kultige Version des Titelsongs zum Besten. Als einmalige Sache ganz lustig – Eine Lektion, die DEBAUCHERY-Frontgrunzer beherzigen hätte sollen, bevor er anfing, seine Texte in seine Landessprache zu übersetzen.

Sammlungswürdig: ja

Anspieltipps: Sick In The Head, Bringer Of Blood

Graveyard Classics 2 (2004)

Was auch immer sich SIX FEET UNDER gedacht haben, die komplette „Back In Black“ von AC/DC zu covern. Vermutlich ging das etwa so:

„Hey, unsere Albumverkäufe sind rückläufig. Was können wir da machen?“

„Ey, was ist das meistverkaufteste Album der Welt?“

„‚Thriller‘.“

„Nee, ich kann keinen Moonwalk. Was kommt danach?“

„‚Back In Black‘.“

„Cool, die Riffs und Texte brauchen wir nichtmal proben. Lass‘ machen, wird ’n Hit.“

Naja, ein paar Songs sind ganz witzig, aber die hätten es als Bonustracks auf einer regulären Platte auch getan.

Sammlungswürdig: weniger

Anspieltipps: Hells Bells, Back In Black

13 (2005)

Mit „13“ liefern SIX FEET UNDER die Definition von Durchschnitt: Durchschnittliche Produktion, durchschnittliche Lieder und durchschnittlicher Sound. Hier ist alles soweit ok, es gibt keinen großen Ausrutscher nach unten, aber nachdem man das Album gehört hat, ist man genau so schlau wie vorher.

Sammlungswürdig: für Durchschnittsmenschen

Anspieltipps: egal

Commandment (2007)

Mit „Commandment“ revidieren die Florida-Men den Eindruck ihrer Vorgängerplatte und liefern ein kurzes, aber brutales Schlachtwerk ab, das sich hören lassen kann. Der Sound hat wieder deutlich mehr Wumms und drückt nach vorne und die Songs liefern Riffs und Parts, die man tatsächlich länger als einen Durchlauf im Kopf hat. Außerdem ist das limitierte Boxset, das es zum Release gab, schick.

Sammlungswürdig: ja

Anspieltipps: Doomsday, The Edge Of The Hatchet

Death Rituals (2008)

Schnell nachgeschossen ist „Death Rituals“ eine Art „Commandment“ 2.0. Vom Sound und von den Tracks her unterscheidet es sich so gut wie gar nicht von seinem Vorgänger – was auch positiv zu sehen ist, da dieser zu den besseren „neuen“ SIX-FEET-UNDER-Scheiben zählt. Mit „Seed Of Filth“ hat sich bis heute sogar ein Stück in den Setlists gehalten, was nicht selbstverständlich ist, da Barnes viele seiner neueren Outputs stiefmütterlich behandelt – teils zu Recht.

Sammlungswürdig: kann man machen

Anspieltipps: Involuntary Movement Of Dead Flesh, Shot In The Head

Graveyard Classics III (2010)

Im ersten Entwurf dieser Seite sollte hier einfach drei Mal „nein.“ stehen. Letzten Endes würde das ausreichen, denn den mittlerweile dritten Aufguss einer einst guten braucht keiner. Ohne Zweifel sind Songs wie „The Frayed Ends Of Sanity“ großartige Lieder, doch man kann auch „…And Justice For All“ auflegen. Der einzige Punkt, in dem das Cover das Original erreicht ist, dass man hier den Bass wenigstens hört.

Zudem muss man es Chris Barnes lassen, dass er nicht die ausgelutschtesten Lieder der gecoverten Bands nimmt: Wir bekommen hier kein xtes „Master Of Puppets“-Cover und an Balladen versucht er sich Gott sei Dank auch nicht. Somit bleibt es jedem selbst überlassen, ob man zehn Metal-Klassiker tiefer getunt mit Growls braucht – oder nicht.

Sammlungswürdig: nein

Anspieltipps: The Frayed Ends Of Sanity

Undead (2012)

Wenn man die dritte „Graveyard Classics“ ausklammert, sind die knapp vier Jahre zwischen „Death Rituals“ und „Undead“ die längste Spanne zwischen zwei SIX-FEET-UNDER-Alben bis dato – und die Zeit hat sich gelohnt. „Undead“ bietet natürlich keine Innovation, das würde man von einer Band dieses Genres auch nicht verlangen, aber die Stücke gehen erneut gut nach vorne, sind kurzweilig, behandeln die üblichen brutalen bis widerlichen Themen und obendrauf gibt es reichlich Geröchel des Bandkopfs.

Sammlungswürdig: ja

Anspieltipps: Frozen At The Moment Of Death, Formaldehyde

Unborn (2013)

„Unborn“ ist wahrlich der Zwilling von „Undead“. Anstelle uns zu wiederholen empfehlen wir die Platte ganz uneingeschränkt denen, die den Vorgänger gefeiert haben. Die Teile klingen so homogen, dass sie vermutlich zur gleichen Zeit eingespielt wurden.

Sammlungswürdig: wenn man „Undead“ mag, ja

Anspieltipps: Alive To Kill You

Crypt Of The Devil (2015)

„Crypt Of The Devil“ verdient ungehört im Jahr 2015 den Preis des stimmungsvollsten SIX-FEET-UNDER-Covers bis dato. Doch „Außen hui, innen pfui“ gilt hier zum Glück nicht und das Ding lässt sich gut hören. Zwar ist die Produktion etwas zu dumpf geraten, aber die Lieder sind auf gutem Niveau. Es ist kein Brecher, aber auch kein Totalausfall.

Sammlungswürdig: in zweiter Reihe

Anspieltipps: Gruesome, Open Coffin Orgy

Graveyard Classics IV: The Number Of The Priest (2016)

Die Idee, nur wenige Bands zu covern kam schon auf „Graveyard Classics 2“ nicht gut an und gerade Priest- und Maiden-Nummern drei Tonarten tiefer runterzurumpeln ergibt keinen Sinn, sorry.

Sammlungswürdig: nein

Anspieltipps: nein

Torment (2017)

Auf Social Media kündigte Chris Barnes „Torment“ damals als „Back To The Roots“-Album an, was lustig ist, weil sein Vorgänger viel old-schooliger und auch besser klingt. „Torment“ ist nicht nur optisch ein Griff ins Klo, auch musikalisch muss es im Vergleich zu „Crypt Of The Devil“ zurückstecken.

Die Lieder lösen statt zünftigem Headbanging mehr ein Schulterzucken aus und der Gesang findet hier seinen vorläufigen Tiefpunkt. Keine Ahnung, was der Kollege bei der Aussage, es sei das beste SIX-FEET-UNDER-Album seit langem geraucht hat, aber es war kein guter Shit.

Sammlungswürdig: nein

Anspieltipps: The Separation Of Flesh From Bone, Bloody Underwear

Nightmares Of The Decomposed (2020)

Ach ja, „Nightmares Of The Decomposed“. Unsere Albumkritik fasst das Elend gut zusammen. Das Coverartwork kann man noch unter misslungenem Trash verbuchen und Besitzer der CD-Box bleiben davon verschont, solange sie diese nicht aufklappen.

Es gibt musikalisch gute Lieder auf dem Album: Der Opener „Amputator“ macht was her und auch „Blood Of The Zombie“ groovt ordentlich. Doch Chris Barnes muss das Album mit einer miesen Erkältung eingesungen haben, denn nirgends klangen seine Vocals so kraftlos wie hier. Noch schlimmer sind die Pig Squeals, weder nach „Pig“ noch nach „Squeal“ klingen. Die Platte würde mindestens einen Punkt besser sein, wenn er sie nochmal einsingen würde.

Eigentlich ist es verwunderlich, dass das Album so schlecht ist, denn seit dieser Scheibe ist Ex-Kannibale Jack Owen mit an Bord.

Sammlungswürdig: 

Anspieltipps: 

Killing For Revenge (2024)

Nach einer ziemlich großen Enttäuschung haben sich SIX FEET UNDER vier Jahre in der Gruft verschanzt, um dafür zu sorgen, dass sich dieses Desaster nicht wiederholt. Als ob man nichts dem Zufall überlassen wollte, haben sich die Todesmetaller Vince Locke als Coverkünstler rangeholt, der für viele CANNIBAL-CORPSE-Cover zuständig ist.

Doch nicht nur optisch überzeugt „Killing For Revenge“: Sound, Brutalität und Songwriting stimmen ebenfalls – es scheint, als müssten Jack Owen und Chris Barnes sich erstmal wieder zurechtruckeln und haben dies nun getan. Sogar Barnes‘ Vocals sind auf ungewöhnlich gutem Niveau, nachdem diese ein großer Kritikpunkt des Vorgängers waren. Somit ist „Killing For Revenge“ ein empfehlenswertes Spätwerk.

Sammlungswürdig: Ja.

Anspieltipps: Know-Nothing Ingrate, When The Moon Goes Down, Hostility Against Mankind

Next To Die (2026)

Nachdem die Messlatte mit „Killing For Revenge“ hoch liegt, muss „Next To Die“ überzeugen. Zwar ist die Scheibe nicht schlecht, aber das Niveau seines direkten Vorgängers kann sie nicht komplett halten. Dennoch befindet sich das Songwriting-Duo Barnes/Owen auf dem richtigen Weg. Außerdem finden sich ein paar Ohrwürmer auf dem Album, was für das Genre keine Selbstverständlichkeit ist.

Sammlungswürdig: In zweiter Reihe ja.

Anspieltipps: Mister Blood And Guts, Mutilated Corpse In The Woods

Quelle: Six Feet Under / Metal Blade
04.05.2026

Redakteur für alle Genres, außer Grindcore, und zuständig für das Premieren-Ressort.

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