Schandmaul
"Aufhören stand für mich nie zur Debatte!"
Interview
Schwere Zeiten liegen hinter SCHANDMAUL-Frontmann Thomas Lindner. Nach überstandener Krebserkrankung musste der nun-nicht-mehr-Sänger das Mikrofon bei den Münchenern an Nachfolger Marco Klingel alias Till Herence weitergeben. Doch unterkriegen ließ sich das sympathische Exil-Nordlicht nicht und verwandelte mit seinen Bandgefährten all die Unsicherheiten, Frust und sonstige negativen Gefühle in ein starkes neues Album, das vor positiver Energie und Aufbruchstimmung nur so strotzt. Wir feierten den „Sternensegler“ bereits im Review angemessen ab und lassen uns nun die Gelegenheit freilich nicht entgehen, uns mit Thomas über den Entstehungsprozess, seine neue Rolle im Bandgefüge und alles das zu unterhalten, wofür SCHANDMAUL nach achtundzwanzig Jahren Bandgeschichte noch immer Flagge bekennen.
Hallo Thomas! Wir sprechen hier wenige Tage nach dem Folkfield Festival miteinander, das ihr in diesem Jahr bereits zum vierten Mal veranstaltet habt. Wie kam es dazu, dass ihr das Festival 2022 ins Leben gerufen habt?
Der Wunsch, ein eigenes Festival zu machen, der ist uralt und wir hatten auch 2004 schon mal einen Versuch gestartet. Das war noch ein völlig anderes Konzept, als Indoor-Veranstaltung hier in München zwischen Weihnachten und Silvester. Damals hieß das noch „Funkenflug Festival“, wir haben das zwei- oder dreimal durchgezogen und den Namen mittlerweile verschenkt. Uns hat da der Atem gefehlt, aber die Idee, die starb niemals. Gemeinsam mit unserer Bookingagentur hatten wir dann überlegt, wie und wo man das wieder einmal machen kann. Da war gerade diese geniale Location, das Amphitheater in Gelsenkirchen, frei, weil irgendein anderes Festival baden gegangen ist – wie so viele halt – und wir haben es einfach mal probiert. Wie du sagst, war das inzwischen das vierte Mal. Wir bleiben jetzt wie der Terrier an der Wade hängen und lassen erst mal nicht los, weil uns das einen riesigen Spaß macht. Der Termin nächstes Jahr ist fix, das übernächste Jahr ist fix geplant.
Ich nehme an, wenn ihr als Veranstalter zugleich auf dem Festival spielt, könnt ihr euch nicht um jedes Detail selbst kümmern und delegiert manches an eure Partner. Gibt es aber zentrale Punkte, die euch besonders wichtig sind und über die ihr auf jeden Fall persönlich die Kontrolle behalten wollt?
Wie erwähnt arbeiten wir mit unserer Booking Agentur zusammen. Headline Concerts (mittlerweile Headline Music – Anm. d. Red.) machen zusammen mit unserem Schlagzeuger auch unser Management und dadurch sitzen wir gemeinsam am Tisch und entscheiden bei allen Gewerken mit, das ist echtes Teamwork! Wo wir zum Beispiel selbst Hand anlegen, ist unser VIP-Bereich mit dem überdachten Pavillon – wobei das ja nicht wirklich ein Pavillon ist, sondern ein aus Holz gebautes, fettes, geiles Teil! Das ist für uns nicht nur so eine Geschichte, wo die Leute ein bisschen mehr zahlen und dafür dann noch irgendwie ein T-Shirt oder so geschenkt kriegen. Den Bereich dekorieren wir selber, eigenhändig schlagen wir die Nägel rein, und die Gäste haben dort ihre eigene Tränke und Futterstelle, sag ich mal. Wir laufen da selbst – egal was wir gerade zu tun haben an diesem Tag, sei es jetzt für die Autogrammstunde am Merchandise-Stand oder auf dem Weg zu einem Interview – immer durch und planen dementsprechend auch für jeden Weg zehn, fünfzehn Minuten mehr ein, weil wir da dann immer aufgehalten werden auf einen netten Plausch zwischendurch. Oder wir stehen dann da oben und gucken uns die anderen Bands an mit den VIP-Gästen. Das ist sehr familiär, finde ich, obwohl es ja kein kleines Clubkonzert ist mit 200 Leuten.
Und wie erlebt ihr eure eigene Show dort? Ist das für dich eine SCHANDMAUL-Show wie jede andere oder ist es etwas ganz besonderes, wenn man zwei Abende in Folge auf dem eigenen Festival spielen darf?
So war es jetzt dieses Jahr, genau. Es ist natürlich immer etwas besonderes, weil man so lange darauf hinarbeitet. Das ist nicht nur ein Festival, wo man in der Früh anreist und dann lungert man im Catering rum, dann ist man dran und dann reist man wieder ab und hat sich hinter der Bühne noch ein bisschen mit den anderen Bands unterhalten. Stattdessen ist es das eigene Baby. Dieses Mal war es sowieso besonders, weil wir zudem noch genau an diesem Wochenende unser Album releast und präsentiert haben. Da waren wir alle höchst nervös, auch weil wir den Wahnsinn, den wir uns im Studio erdacht hatten, jetzt frisch aus dem Probenraum auf die Bühne bringen mussten. Es war hochspannend, das Baby kam zur Welt und der „Sternsegler“ ist in See gestochen. Das war also schon geil und die neuen Lieder konnten wir dann auf zwei Tage verteilen, gemischt mit Best-Of-Klassikern, und so war das eine runde Sache, toll!
Ihr habt ja inzwischen genug Lieder, um auch 2 Sets mühelos voll zu kriegen. Euer neues Album mochte ich auch wirklich sehr. Es dürfte von der Entstehung her aber das vermutlich schwerste eurer bisherigen Karriere gewesen sein, oder siehst du das anders?
Schwer? (überlegt) Also die Ideen kamen nicht schwerer als sonst aus uns heraus gesprudelt. Es haben sich Sachen verändert, sage ich mal, einfach durch Till, der neu dazu kam. Wir hatten die letzten 25 Jahre zu sechst rumgewurschtelt, jetzt kam ein siebter Mann, hatte seinen eigenen Koffer mit Gewürzen dabei und der hat jetzt mitgemischt im Eintopf und hat auch Ideen dabei gehabt und eine ganz ordentliche Brise frischen Wind. Aber das Arbeiten an sich, das war nicht schwer, das war schön! Grundsätzlich arbeiten wir so, dass jemand mit einer Idee ankommt auf der Lagerfeuergitarre, am Klavier, irgendwas vorgesummt oder vorgespielt. „Ich habe da mal was vorbereitet, wie gefällt euch das?“ – dann gehen die Daumen rauf oder runter und ab dann geht es ja eigentlich erst los. Dann gehen wir rüber in den Probenraum und fangen an zu spielen. Jeder packt eben sein Zeug aus und dann sind wir echt gespannt, was für ein Eintopf da rauskommt. Und so war das auch jetzt, nur eben mit einem neuen Gesang, neuen Richtungen, neuen Ansichten, neue Einflüsse… Jeder ist ja irgendwie geprägt, jeder hat so seine Musik. Und das finde ich auch so spannend in dieser Band, weil das so unterschiedlich ist, wenn man sich jetzt von Birgit über Saskia, Matthias, Ducky, Stefan, bis hin zu mir die CD-Regale – oder heute die Playlists (rollt demonstrativ mit den Augen) – anschaut: Was hören diese Leute, wo kommen die her? Wie sich das dann hier vereint, wo man sagt, das passt nie zusammen – aber es funktioniert ja schon seit dann fast drei Jahrzehnten und macht diese geile Mischung, die jetzt noch um eine Facette reicher geworden ist.
Mit deiner Krebserkrankung hattet ihr aber schon einen heftigen Schicksalsschlag zu verarbeiten. Zunächst auf alle Fälle Glückwunsch, dass du den Krebs – für den Moment wenigstens – besiegt hast!
Er ist im Moment nicht da, so muss man das ja sagen. Die Ärzte hätten gerne erst nach vier Jahren, sprich in einem Jahr, gesagt, dass dieser Krebs dann nicht mehr da ist. Wenn dann am Tag drauf wieder was wäre, wäre es ein neuer. Aber Stand hier und jetzt und die letzten drei Jahre bin ich ihn offensichtlich los, das war gut.
Toi, toi, toi! Es freut mich wirklich von Herzen, dass es dir aktuell gesundheitlich wieder gut geht. Trotzdem ist ja ein bleibender Schaden zurückgeblieben, deine Stimme ist ja nun dauerhaft nicht mehr gesangstauglich, oder?
Ich hab eben auch meinen Preis zahlen müssen. Die Stimme ist komplett verbrannt von der Bestrahlung, die tatsächlich sicherheitshalber gemacht wurde. Es wurde quasi alles mit dem Messer erwischt und dann… egal, ich wurde dann beschossen mit der großen Kanone und meine Stimme ist von oben bis unten vernabt. Auch wenn ich länger spreche, wird es jetzt immer krasser, dann werde ich immer heiserer. Und die hohen Töne schaffe ich überhaupt nicht mehr, es ist einfach komplett vernabt. Und das ist irreparabel.
Das ist verdammt hart und wirklich schade. Dass ihr mit Till in eurem engsten Umfeld einen neuen Sänger gefunden habt, ist unter diesen Umständen ein echter Glücksfall. Ich muss zugeben, dass ich immer noch ein bisschen mit seiner Stimme fremdle, weil es halt anders ist und dein Gesang etwas sehr eigenes hatte, was jetzt logischerweise nicht mehr da ist. Nichtsdestotrotz macht Till einen tollen Job bei den neuen Lieder. Aber wie ist es für dich, nun auf der Bühne neben ihm zu stehen und selbst nicht mehr als Sänger im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen? Einerseits könnte das ja schon ein bisschen am Ego kratzen, auf der anderen Seite lastet vielleicht auch etwas weniger Druck auf dir. Wie fühlt es sich also für dich an?
Wenn man mich so richtig, richtig privat kennt, weiß man, dass es an meinem Ego nicht kratzt. Tatsächlich ist der Druck eher weg und ich kann mich bei den Konzerten jetzt mehr in die ganze Sache reinfallen lassen, mich daran erfreuen, mit den anderen zu musizieren. Wenn wir geil spielen, dann kriege ich selbst Gänsepelle beim Spielen. Ich bin also als Musiker „back to the roots“ sozusagen, weil ich in meiner ersten Band – wann war das? (überlegt) 1991? – als Keyboarder angefangen habe. Aus Personalmangel bin ich dann in die Sängerrolle gerutscht, das war lange vor SCHANDMAUL. Jetzt bin ich gewissermaßen wieder da, wo ich hingehöre. Ich habe also wirklich kein Problem damit. Sicherlich, als die Diagnose kam – die neuerliche Diagnose – als der Prof mir also sagte: „Schauen Sie sich nach einem neuen Job um, weil das wird nichts mehr!“, ist mir natürlich erstmal das Gesicht ins Essen gefallen. Das ist schon auch traurig, wenn einem so etwas dann genommen wird. Aber dann war dem so – was soll ich machen? Und aufzuhören stand für mich nie zur Debatte, für die Kapelle stand aber auch außer Frage, dass wir da irgendwie zusammen weitermachen müssen. Wir haben dann ja auch kein Casting veranstaltet oder so, die Idee vom Till war da schon längst geboren und das fühlte sich gleich gut an. Man muss ja dazu sagen, dass der Till seit zwei Jahrzehnten ein richtig guter Freund ist. Die letzten Jahre, als ich noch sang, war er mein Gesangsproduzent und wir haben uns sozusagen voreinander nackig gemacht. Als ich die letzten zwei Alben mit ihm eingesungen habe, stand ich ohne Witz in Unterhose in der Gesangskabine, weil es so heiß war. Und dann macht man auch Seelen-Striptease und so weiter. Und jetzt singt er, das ist jetzt mein Sänger und ich bin froh darüber.
Es ist ein absoluter Glücksfall, dass ihr im engsten Umfeld jemanden hattet, der auch in die Rolle reinwachsen konnte. Das war im ersten Moment sicherlich eine etwas undankbare Aufgabe, aber ich denke, die Fans kennen die Umstände und haben ihn als Sänger schnell akzeptiert, oder?
Absolut, das Feedback ist da zum superallergrößten Teil überwältigend. Aber klar hat er da auch sein Paket zu schleppen. Er ist ja auch ein empfindsamer Mensch und wenn dir Hundert zujubeln und zwei machen einen Unkenruf, der schallt am lautesten und der tut am meisten weh. Ich würde das so gern erklären oder die Leute fragen: „Warum?“ Wir sind ja nicht irgendwie im Zank und Streit auseinandergegangen und die Band hat mich geschmissen, weil ich die Nase zu hoch trug oder weiß der Geier was. Und jetzt kommt der neue Sänger und scheißt auf den alten oder so. So ist es ja nicht. Wir machen jetzt so weiter, haben einen neuen Sänger und das klingt natürlich anders – und Gottseidank klingt es anders! Ich meine, stell dir vor, er wäre in einem ähnlichen Gesangsregister angesiedelt und er würde jetzt versuchen, so zu klingen wie ich damals. Was wäre denn das? Ich nehm gerne das Beispiel von LINKIN PARK. Da ist es Gottseidank eine Frau! (lacht) Ich meine, der Mann ist tot, es ist jetzt entweder Ende Gelände, hört euch die alten Scheiben an und gut ist. Stattdessen geht es aber weiter und jetzt singt eine Frau. Eigentlich könnte man ja da noch viel weniger unken und könnte sagen: „Toll, es gibt neue Sachen!“ Aber da wird auch geunkt und ich versteh es nicht. Wer die neuen Sachen nicht möchte, den zwingt ja keiner, aber schimpfen braucht man ja auch nicht.
Absolut nicht. Da spielt vermutlich immer auch die Gewöhnung an das Alte mit hinein, was ja auch die Verbundenheit mit eurem bisherigen Schaffen zeigt. Man sollte aber offen genug sein, sich auch auf das Neue einzulassen. Klar kann es passieren, dass mir das persönlich nicht mehr taugt, aber da brauche ich dann nicht beleidigt sein und hinterher zu unken, wie du es so schön ausgedrückt hast.
Oder verletzend zu werden gegenüber dem Till, das versteh ich gar nicht. Ich meine, zum Glück haben wir alle Sachen aufgenommen, sprich: Wer hier aussteigen möchte, der hat es ja dann irgendwo und kann sich die alten Sachen anhören. Und wer wissen möchte, wie es weitergeht: Herzlich willkommen! Aber um jetzt bloß keinen falschen Eindruck entstehen lassen: Also wirklich, die überwältigende Mehrheit empfängt uns und Till mit offenen Armen.
Das finde ich richtig schön, weil es zeigt, was ihr für tolle Fans habt. Und wie du gerade schon gesagt hast, versucht Till ja zum Glück auch gar nicht erst, deinen Gesangsstil zu imitieren.
Richtig, er hat schon seinen eigenen Stil. Aber auch wenn hier zum Beispiel Texte lagen, die ich geschrieben und mitunter auch noch selber gesungen hatte, wo noch Demos von mir existierten. Dann hat er sich aber auch den Text genommen und gesagt: „Nee, das hättest du singen können, ich fühl das anders.“ Dann wird da dran rumgedreht und plötzlich ergibt das dann auch einen Sinn. Das geht halt nicht eins zu eins. Vorher hab ich einen Text geschrieben und dann hatte ich das mit mir auszumachen. Jetzt wird da viel früher eingestiegen. Wenn ich mit einer Idee ankomme, ist das noch viel fragmenthafter, thematischer eigentlich eher, und dann wird Ping Pong gespielt, dann entsteht ein Text und dann wird rumgeschraubt, dann kommt Musik und dann wird wieder rumgeschraubt. Das ist also so ein schönes Ping-Pong-Spiel – zu zweit, zu dritt, zu viert, in Kleingruppen, dann wieder im Plenum – dann kommen wieder neue Einflüsse… Es ist also ein Riesenspaß und in Wahrheit sind wir jetzt schon alle spitz wie Nachbars Lumpi, wieder mit neuen Sachen anzufangen. Nach dem Album ist vor dem Album (er imitiert angesichts der offensichtlichen Floskel einen Tusch) und wir wollen jetzt schon wieder neue Lieder machen. Und Proben müssen wir auch noch, auf Tour wollen wir auch noch – ach, es ist schön!
Du sagst, ihr habt noch Demoaufnahmen von den neuen Songs mit deiner Stimme. Bestimmt kannst du dir vorstellen, dass sich die Fans garantiert die Finger danach lecken würden, diese zu hören. Ich nehme aber an, es war eine sehr bewusste Entscheidung, die zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht als Bonusmaterial oder anderweitig zu veröffentlichen, oder?
Man soll das zwar nie sagen, aber ich sage, das wird es nie geben. Erstens ist seit diese Demoversionen – die eben noch vor der Erkrankung, also mittlerweile auch schon vor mehr als drei Jahren entstanden sind – das ganze Lied anders geworden. Das hat nicht mehr viel mit den heutigen Songs zu tun. Die Idee ist so alt und dann auch lausig aufgenommen, mal eben ins Mikrofon gehustet, um eine Gesangsspur festzuhalten. Das ist nicht vorführenswert und wird es auch nicht geben. Till ist jetzt der Sänger.
Verständlich, aber trotzdem schade, weil gerade diesen Entstehungsprozess nachzuvollziehen ja das wäre, was mich als Nerd daran reizen würde. Aber ich verstehe den Punkt natürlich, dass du auf der einen Seite einen gewissen Anspruch an die Qualität hast und auf der anderen Seite eurem neuen Sänger nicht in die Parade fahren willst.
Ich denke mal, dass man da dann wieder irgendwelche schlafenden Hunde wecken würde. Also im Sinne von, dann geht das Geheule los, unberechtigterweise. Nee, sowas gibt es nicht.
Die Songs sind also zum Teil schon vor deiner Erkrankung geschrieben worden. Ich denke aber, bei einigen Liedern hat deine Krankheit sowohl textlich als auch musikalisch hörbare Spuren hinterlassen.
Sagen wir mal so, grundsätzlich sitzen wir ja nicht zu Beginn des Songwritings an einem Flipchart und überlegen uns ein Konzept. Es sind ja immer irgendwelche Inspirationen, dann kommen die Gefühle dazu und dann gehen der Text und die Musik in irgendeine Richtung. Und tatsächlich gibt es einige Lieder, wo ich jetzt auch das Feedback bekomme: „Ja, ganz klar, da spüren wir das!“ Und das ist daraus geworden, auch für uns. Es wäre jetzt aber auch entzaubernd zu sagen: „Okay, aber eigentlich war das etwas ganz anderes.“
Nehmen wir „In Der Hand“ zum Beispiel, was wir vor einem Jahr rausgebracht haben, weil es uns wichtig war und gefühlt wie Arsch auf Eimer gepasst hat: Jetzt komm, wir machen es nochmal und auf geht’s, wir raffen uns wieder auf und wir sind lange noch nicht auserzählt, hier sind wir! Die Ursprungsidee war eine Geschichte von Anfang der Achtziger aus der „Drachenlanze“-Fantasy-Reihe – „D&D“, beziehungsweise „AD&D“ hieß es damals noch. Und da gibt es eine, die ich gelesen habe, wo es um alte Recken geht. Also nicht im Sinne von Krückstock-alt, sondern gestandene Helden, der eine war schon Wirt geworden und der andere weiß-der-Geier-was. Dann kam DIE BEDROHUNG DER WELT und dann wurde diese alte Heldentruppe, die Party, aus ihrem schon bürgerlichen Leben herausgerissen und musste noch mal zusammen die Welt retten.
Das war die ursprüngliche Inspiration für den Text. Er hat sich aber dann verändert und das ganze Gefühl, das da reinfloss, hat sich dann verändert. Und deswegen passt es wie Arsch auf Eimer irgendwie zu uns, bäm! Und so ist es mit vielen Liedern.
Gerade an „In Der Hand“, aber auch beispielsweise am Opener „Nimm Alles Mit“, finde ich schön, dass diese etwas kämpferisches haben, ohne dass es ins Zerstörerische abdriftet. Dieses Feeling verbinde ich immer mit SCHANDMAUL, dass viele eurer Lieder auf eine positive Weise kämpferisch sind, nie destruktiv, sondern immer konstruktiv, aufbauend.
Ja, ich fühle das durchaus auch so. Du hast gerade „Nimm Alles Mit“ genannt: Ich war durchaus auch schwer gefährdet, mich in einen Keller zurückzuziehen und noch eine Mauer drum herum zu bauen und das Licht auszumachen. Weil zumindest hat man dann seine Ruhe, ist allein. Es kann einem nichts passieren. Und dann ist da aber dieser Sonnenstrahl am Kellerfenster oben und vielleicht sollte man es doch mal wagen, vor die Tür zu gehen. Dieser Aufbruch, wir erzählen da halt keinen Scheiß. Das ist halt echt, das kennen auch viele.
Gleichzeitig steckt da auch viel Optimismus drin, der in unserer aktuellen Zeit eher Mangelware zu sein scheint. Gerade wenn ich schaue, in welche Richtung wir gerade politisch steuern, ist ein Song wie „Flagge“ für mich unglaublich wichtig, weil ihr auch hier nicht den Kopf in den Sand steckt, sondern kämpferisch positiv vorangeht und dabei eine klare Haltung gegenüber allen rechspopulistischen Rattenfängern zeigt. Habt ihr euch als Band euren Optimismus immer bewahren können oder macht ihr euch auch Sorgen um eure eigene Zukunft?
Man kann Sorgen haben, definitiv. Also das ist einfach sehr bedenklich. Die Strömungen, das was hier passiert – es zwackt an vielen Ecken und Enden. Wie soll ich das sagen? Irgendwie hat man das wohlige Gefühl der Sicherheit, in der Mehrheit zu sein, aber wenn diese Mehrheit schweigt, dann passiert ja nichts. Die anderen sind laut, die sind immer laut. Und die Mehrheit sollte sich dessen bewusst sein, dass sie mal lauter werden muss, weil sonst sind diejenigen, die so laut schreien, das einzige, was man hört. Deswegen muss man Flagge bekennen.
Absolut! Deswegen finde ich es auch so wichtig, dass ihr – wie ja auch viele andere Bands in der Folk- und Mittelalter-Rock-Szene – auf der Bühne die Klappe aufmacht und euch klar positioniert.
Die Leute sollen auch wissen, woran sie sind. So geht mir das, wenn ich mit jemandem spreche, derjenige muss ja wissen, woran er mit mir ist. Unterhaltungsband hin oder her, und wir gehen da hin, um gute Laune zu haben, ja! Aber man kann ja gar nicht unpolitisch sein. Und natürlich sind uns alle herzlich willkommen und sollen Spaß haben, aber man sollte wissen, woran man ist. Woran auch wir sind, woran wir glauben. Die Vielfalt ist uns ultra wichtig. Ich brauch keine Ausgrenzung, ich freu mich darauf, im Publikum alles zu sehen, was es gibt. Und nicht irgendwen nicht. Das ist zu kurz gedacht, es ist alles so kurz gedacht und das ist so traurig. Aber ich brauche jetzt ja auch keine Vorträge halten, weil dafür fehlt uns die Zeit. Überhaupt immer fehlt einem die Zeit. Deswegen müssen wir schreien: „Denk nach!“ Wir müssen schreien. Aber nee, den Optimismus habe ich nicht verloren, nebenbei. Also den Kopf in den Sand stecken bringt nichts, aber man muss laut sein.
Auf jeden Fall! Lass uns nochmal in eine ganz andere Richtung abbiegen: Mit „Zwei Raben“ habt ihr wieder einen alten WETO-Song neu aufgenommen. Wie blickst du heute zurück auf WETO? Manchmal finde ich es ein bisschen schade, dass es die Band nicht mehr als Nebenspielwiese für euch gibt.
Das haben wir nie gesagt! (lacht) Nee, es fehlt die Zeit. WETO ist toll, aber es fehlt einfach die Zeit. Jetzt haben – Corona sei Dank! – alle auch noch ihre Nebenjobs, haben dort ihre Sicherheitsnetze ausgespannt. Da geht auch wieder Zeit flöten ohne Ende. Es fehlt also die Zeit, aber Musik ist dafür da, dass sie gespielt wird, und es gibt einfach so ein paar Perlen. „Zwei Raben“ ist so ein Ding, das haben viel zu wenige mitgekriegt. Jetzt haben wir das ja neu gemacht und mit den Melodie-Instrumenten, mit den Mädels, da kamen wieder ganz neue Schlüfter rein, auch mit der Laura im Duett. Jetzt ist das Stück neu erblüht, vor zwei Wochen haben wir das Video rausgebracht und die Leute feiern das ab. Natürlich wird das auf der nächsten Tournee gespielt. Ich freue mich jetzt schon auf das Vier-Minuten-E-Gitarrensolo auf der Bühne jeden Abend, Ducky werden die Finger bluten! Das wird ein Riesenspaß und es wäre einfach schade, wenn das Lied da geblieben wäre, wohin es versunken ward.
Sehr schön, da freue ich mich auch drauf! Ich hoffe, dass ich es dann im nächsten Frühjahr zur Tour schaffe – das ist ja auch noch ein bisschen hin.
Das ist noch ein bisschen hin, aber du schaffst das!
Ihr seid dann ja vor allem an den Wochenenden unterwegs. Liegt das auch daran, dass ihr SCHANDMAUL nicht mehr als Vollzeitjob machen könnt?
Auch, wobei sich der Trend schon vorher abgezeichnet hat, dass die Leute unter der Woche nicht so weggehfreudig sind oder selber keine Zeit haben. Das Wochenendhopping hat sich eigentlich schon seit längerem abgezeichnet – gut, dann eben so.
Wie verbringt ihr dann die Zeit bis zur Tour? Du hast schon angedeutet, dass ihr im Prinzip jetzt schon an neuen Liedern arbeitet…
Also zum einen wollen wir tatsächlich noch ein bis zwei Videos drehen, es ist noch nicht alles abgedreht was wir da auf dem Schirm haben. Des Weiteren haben wir drei Lieder vom neuen Album noch nicht gespielt, die müssen wir noch aus dem Studio quasi auf die Bühne bringen. Das ist auch noch ein bisschen Arbeit und damit wollen wir frühzeitig anfangen. Wir sind mittlerweile auch verstreut, da ist es nicht so, dass wir alle in einem Dorf wohnen und uns fünfmal die Woche treffen. Wenn man so im Wochenturnus arbeitet mit Proben in Anwesenheit, dann geht die Zeit auch dementsprechend schnell, also haben wir da viel zu tun. Und – du hast es angesprochen – neue Sachen wollen wir auch nicht aus den Augen verlieren. Da wollen wir nächstes Jahr auf jeden Fall schon irgendwas wissen, wohin die nächste Reise geht, welchen Kurs der „Sternsegler“ dann einschlägt.
Da bin ich dann jetzt schon gespannt und freu mich drauf! Das war’s dann auch schon von meiner Seite, vielen Dank, dass du dir die Zeit für mich genommen hast!
Danke dir und dann sehen wir uns hoffentlich auf der Tour. Ich würd mich freuen!
