Flatsch! - Drei (Net Stumbe!)

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

Am 24. Januar 2026 ist Gerd Knebel nach einer Krebserkrankung verstorben, seines Zeichens vermutlich den meisten ein Begriff als Bestandteil des Comedy-Duos BADESALZ an der Seite von Henni Nachtsheim, der anlässlich dessen ein bewegendes Statement veröffentlicht hat. Musikliebhabern dürfte er u. a. auch durch seine ehemalige Band FLATSCH! (benannt nach dem Geräusch, das eine Torte macht, wenn sie in einem Gesicht landet) geläufig gewesen sein (neben anderen Projekten wie GIFTDWARF). Und da sich zufälligerweise für diese Woche eine sporadische Lücke in unserer Blast From The Past-Planung aufgetan hat, dachte sich unsereins, die Gelegenheit zu nutzen, um dem musikalischen Wirken des hessischen Urgesteins eine Widmung in Form einer Klassiker-Review auf das dritte Album von FLATSCH! zu schreiben.

Eine spaßige Platte – zu einem traurigen Anlass

Bei näherer Betrachtung entpuppt sich besagte, in Offenbach gegründete Formation ohnehin als eine der interessanteren Bands des deutschsprachigen Rocks, die rückblickend viel mehr Aufmerksamkeit verdient, auch fernab des traurigen Anlasses. „Drei (Net stumbe!)“ knüpft am direkten Vorgänger „Flatsch zwo!“ zuvorderst durch die weiterhin gegebene Atmosphäre an, die hier und da sogar ins Psychedelische übergeht. Die Spritzigkeit zur Untermalung des Comedy-Faktors ist weiterhin gegeben, auch wenn die nach wie vor überspitzte Textarbeit auf „Drei (Net stumbe!)“ weniger pessimistisch herüber kommt als auf dem Vorgänger. Es gibt durchaus politisch düstere Untertöne, allen voran in „Heile, Heile“, aber vermehrt wandelt man den Grat zwischen eher verspielter Gesellschaftskritik und totalem Blödsinn.

Das geschieht jedoch nach wie vor mit beherztem Gusto und mit einem etwas prominenter gewordenen (gewollten?) THE POLICE-Einschlag, der sich durch einen Großteil der Songs durchzieht. Dadurch gewinnt das Album eine leichte Ska-Schlagseite, die sich mit den neckischen, oft durch Mundart geprägten Texten erstaunlich gut paart, eine Symbiose, die auf „Tannenbaum P.S.“ in Perfektion zu erleben ist. Zwischendrin darf auch mal richtig geblödelt werden, wenn sich FLATSCH! voll dem Klamauk hingeben. Auch das passt aufgrund der Peppigkeit des Gesamtsounds gut zueinander. Das hat uns den Klassiker „Badekapp“ beschert, der mit praktisch jeder Zeile absurder wird und aufgrund der genuinen Darbietung echtes Monty Python-Flair versprüht.

FLATSCH! klangen auf „Drei (Net stumbe)“ noch gediegener und verspielter

Musikalisch nistet man sich in unverändertem Lineup deutlich gediegener als zuvor zwischen beschwingter Ska-Rhythmik, kessem Funk und beherzter Rotznäsigkeit ein. Anno 1983 klingen FLATSCH! weniger eklektisch und dadurch homogener als zuvor, auch wenn die Musikalität hinter den Songs nach wie vor erste Sahne ist. Die Gitarren der Saitenfraktion Olaf Mill/Andreas Scheinhütte wuseln munter durch die Stücke während der erfreulich lebhafte Bass von Bernd Neumann nur zu gerne um die Harmonien herum blubbert. Seppl Niemeyer fasst alles indes in elegante, nicht zu straff sitzende Grooves ein. Am wohlsten fühlen sich die Hessen irgendwo zwischen regulärem und flotterem Midtempo, was der bereits erwähnten Spritzigkeit wunderbar in die Karten spielt. Der Gesang variiert zwischen klarer Artikulation (unter Berücksichtigung besagter Mundart) und überspitzter Intonation, wobei Knebel und Co. peppige Hooks am laufenden Band liefern.

Bei alledem wirkt „Drei (Net stumbe!)“ jedoch stets locker aus der Hüfte gefeuert, was den Zugang extrem leicht gestaltet. Das gute Songwriting tut sein Übriges, um die einzelnen Stücke nachhaltig im Gehörgang festzuspaxen. Der relativ kernige Rocker „Der Gast“ fügt sich trotz seiner etwas ruppigeren Natur wunderbar in die Trackliste hinein, die abseits dessen mehr durch quirlige, lebhafte Arbeit hinter sämtlichen Saiten dominiert wird. Die Themenwahl ist unterdessen wie auf dem Vorgänger auch teilweise durch das damalige Zeitgeschehen bestimmt, produziert aber selbst aus heutiger Sicht mindestens mal Zitierbares, teilweise auch ins Hier und Jetzt transferierbare Satire wie schäbige Produktqualitäten im Schatten von Star-gepowerter Werbe-/Sponsoring-Heuchelei („Die Zweiminutensuppe“) oder ein übertriebener/selbstgefälliger vom Elternhaus ausgehender Leistungsdruck („Bub“).

Lebewohl, Gerd …

Man darf angesichts des Comedy-Intros „Die sprechende Platte“ sowie des Intermezzos „Bilder aus Hessen“ gerne die ein oder andere Braue empor hieven – die Platte wäre durchaus ohne diese Skits ausgekommen, aber andererseits heben sie wiederum den Klamauk-Faktor der Band hervor, die auf der Bühne mindestens genauso viel gealbert hatte, wie sie musizierte, was abseits der Bühne zugegeben ein zeitgenössisches Problem der Band war: die Live-Energie auf Platte zu bannen. Dennoch ist „Drei (Net stumbe)“ fantastisch gealtert, vielleicht gerade weil hier der Fokus eindeutig auf der Musik gelegen hat; falsch machen potentielle Hörer mit dem Drittwerk dieses hessischen Rock-Urgesteins also ganz bestimmt nichts. Der musikalische Teil dieser Platte unterhält auf ganzer Linie und gefällt mit einem humorvollen Textwerk, das den alltäglichen Wahnsinn der damaligen Zeit nur zu gern ad absurdum führt – und aufzeigt, dass sich abgesehen vom Medienumfeld rein menschlich wenig bis heute geändert hat.

Wer eingedenk des Lebenswerks Gerd Knebels also neben dem BADESALZ-Œuvre auch eine mehr auf Musik fokussierte Alternative sucht, findet hierhin ein Kleinod, dessen (Wieder-)Entdeckung auf alle Fälle lohnt. Im Übrigen unterscheidet sich die Reihenfolge der Trackliste, je nach dem, ob die Vinyl- oder die in den Streaming-Plattformen vorherrschende CD-Version vorliegt. Weiter unten in den Metadaten ist letztere Variante gelistet, aber das nur so nebenbei.

In diesem Sinne: Auf einen Mann, der den Humor buchstäblich bis zum letzten Atemzug gelebt hat. Lebewohl, Gerd und unser aufrichtiges Beileid allen Hinterbliebenen …

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11.02.2026

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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