Flatsch! - Flatsch zwo!

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

Ich gebe es zu: Ich nutze die Rubrik Blast From The Past! hin und wieder aus, um obskures Zeug aus der Vergangenheit auszugraben. Je nach dem, wo man als Leser/Hörer herkommt, könnte auch das dieswöchige Exponat dazugehören, wobei es hier ausnahmsweise nicht um Kellermensch-Avantgarde oder quietschigen Japano-Prog geht. FLATSCH! – das ist das Geräusch, das eine Torte macht, wenn sie im Gesicht landet, falls sich wer gewundert haben sollte – waren eine in Offenbach gegründete Band um die eine BADESALZ-Hälfte Gerd Knebel, deren andere Hälfte zur gleiche Zeit das Rodgau unsicher machte. Die Freundschaft mit Henni Nachtsheims Kapelle brachte Knebels Rasselbande einigen Aufwind um die Mitte der Achtziger, was unter anderem zu einem Auftritt im Rahmen der 1987er Ausgabe von Rock am Ring führte. Im Gegensatz zu den MONOTONES löste man sich aber Ende der Achtziger nach dem Erscheinen vom sechsten Album „Gib Flatsch eine Chance“ auf und fand erst jüngst wieder wenn auch nur für einzelne Shows wieder zusammen.

Gib FLATSCH! eine Chance!

Apropos: Ein markantes Merkmal waren die Live-Shows, die gewisse chaotische Vibes innehatten. Zum Repertoire gehörten neben diversen Kostümen, darunter zum Teil knallbunte Outfits, vor allem Sketches, die in bester, prophetischer BADESALZ-Manier mal mehr, mal weniger ins Schwarze trafen, die spontane Energie aber in jedem Falle aufrecht erhielten. Das nahm gerne überhand, sodass gefühlt fast mehr Zeit mit Albern als mit Musizieren verbracht worden ist. Doch trotz allem: Die Offenbacher waren hessische Musikkultur. Und angesichts ihrem Hang zum Bühnenklamauk ist es echt überraschend, wie oft die Texte doch in satirische Untiefen vordrangen und dabei zum Teil in düstere Sphären vorstießen, wo wir beim hier zu besprechenden Album angekommen wären.

„Flatsch zwo!“ ist 1982 erschienen, hat damit dieses Jahr seinen 40. Geburtstag rund gemacht und enthält Lyrics, die heute noch (oder wieder) relevant sind. Nicht ausschließlich, muss man dazu sagen; „Männer müssen Männer sein“ ist ein typischer Song über ein noch recht konservatives Männerbild, das man heutzutage vermutlich als „toxisch“ beschreiben würde. Doch auch hier scheint aufgrund der Spritzigkeit des Songs und der dezent überzogenen Lyrics eine gewisse Ironie durch, deren Steigerungsform vermutlich KNORKATORs „Der ultimative Mann“ sein dürfte. Auch der Rausschmeißer „Bier, Schnaps, Äbbelwoi, Wodka, Gin“ kommt mit titelgemäß hochprozentiger Hook daher, aber nicht, ohne den Funken Ironie kraft der angedeuteten Stammtischphilosophie und damit einhergehenden Heuchelei hinsichtlich der zu konsumierenden Rauschmittel missen zu lassen.

Zwischen Klamauk und Satire

Doch dann stolpert man über einen Song wie „Langeweile“, der eine deutlich bissigere Message sein eigen nennt. Etwas ähnliches passiert auch bei „Toter Mann“, bei dem man sich nicht so ganz sicher ist, ob das Ganze jetzt tatsächlich so harmlos und albern gemeint ist wie gesungen oder ob da zwischen den Zeilen doch ein Song über Depressionen und Suizid steckt. Und plötzlich gewinnen die Lyrics an Gewicht und Schwärze. Bei „Schwarzer Block“ wird die bürgerliche Scheuklappenmentalität thematisiert, während „Braincheck“ ein bisschen Aluhut-Paranoia schürt, wie man sie Jahre später in den neurotischeren Passagen von SUCH A SURGE beispielsweise wiederfinden sollte – auch wieder so ein Ding, das angesichts des Unsinns aus dem Lager der Corona-Leugner traurig gut gealtert ist.

Musikalisch birgt das Album ebenfalls einige unerwartete Perlen, gerade wenn man bei Klamauk in Verbindung mit Rock aufgrund von Bands schon geprägt ist und entweder instinktiv mit bierseliger Begeisterung oder blankem Entsetzen reagiert. Tatsächlich fühlt sich hier nicht ein einziger Song so an, als könnte er beispielsweise auch auf einem Album von J.B.O. Platz finden. „Männer müssen Männer sein“ sowie „Bier, Schnaps, Äbbelwoi, Wodka, Gin“ rocken und grooven ziemlich offensiv drauf los und gehen direkt in die Beine. Doch so richtig laufen sie erst zur Höchstform auf, wenn sich Songs wie „Zaubertruhe“ oder „Langeweile“ von ihrer atmosphärischen Seite zeigen und dann von hymnischen, mitunter mehrstimmig gesungenen Refrains gekrönt werden, die sich vom sonst vorherrschenden, rotznäsigen und zum Teil recht exzentrischen Gesang Knebels abheben.

Die (Wieder-)Entdeckung von „Flatsch zwo!“ lohnt sich

Dynamik wird hier groß geschrieben mit leichten, eklektischen Zügen. Hin und wieder kämpft sich zum Beispiel mal ein Hauch (Post-)Punk durch, wie etwa bei „Vermieter“, das jeden ansprechen dürfte der in den letzten Jahren in einer Großstadt oder deren Umfeld auf Wohnungssuche war, oder „Schwarzer Block“. Ebenfalls wird es durchaus mal locker funkig wie auf „Braincheck“ mit abschließenden 7/8-Break. Generell erfreulich sind auch die zum Teil sehr lebhaften Gitarren, die gerne mal ins Psychedelische hinein ragen. „Bier, Schnaps, Äbbelwoi, Wodka, Gin“ hat zum Beispiels ein erfrischend FLOYDiges Gitarrensolo. Oder man nehme die Hook von „Zaubertruhe“, die mit herrlich perlenden Pinch Harmonics ausgeschmückt wird.

Grobe Schnitzer leisteten sich FLATSCH! auf ihrem zweiten Album nicht, auch wenn es vermutlich aufgrund seiner insgesamt gedämpften Art wahrscheinlich weniger das Album ist, dessen Titel die einstigen Fans wie aus der Pistole gefeuert rufen, wenn es um das beste Werk der Herren um Knebel geht. Aber vermutlich entpuppt sich das Scheibchen (und natürlich der gesamte Katalog der Herren) auch angesichts der dieser Tage wieder stärker für Retro-Klänge sensibilisierten Ohren als kleine Perle aus der Vergangenheit, die man ruhig mal für sich entdecken kann. Ob die Zeitlosigkeit und Tiefe der Lyrics Absicht oder ein Happy Accident (und damit Interpretationssache) sind, das lässt sich möglicherweise diskutieren (siehe obige Deutungsansätze für ein Für), aber „Flatsch Zwo!“ bleibt ein entdeckenswertes Album aus der Vergangenheit.

17.11.2022

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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