Kamelot - Ghost Opera

Review

KAMELOT war immer schon keine gewöhnliche Power Metal-Band, auch wenn viele sie meist in diesem Genre unterbrachten. Die US-Band verwob auf magische Art Progelemente mit orientalischen Rhythmen und Metal-Licks mit klassischen Ornamenten. Das große Plus von KAMELOT lag zudem in der songwriterischen Finesse und dem virtuosen instrumentalen Können aller Musiker untermalt durch die variabel eingetzte charismatische Stimme des Norwegers Roy Khan. Einflüsse folkloristischer Natur wurden dezent in die durchaus rockigen, oft flott vorgetragenen Songs eingebaut. Das opulente Element bei KAMELOT war immer Zierrat, nie Vordergrund. So sind letztendlich MARILLION und FISH oder frühe QUEENSRYCHE stets näher als Bombastkapellen wie SONATA ARTICA, Pythagoras-Combos wie COMMUNIC oder Simpel-Power Metal der Sorte HAMMERFALL. Und „The Black Halo“, wer erinnert sich nicht gerne an diesen ultimativen Brecher? „Ghost Opera“ nennt sich das neue Studiowerk von KAMELOT, das ich nun zu besprechen die Ehre habe.

„Solitaire“ führt mit Violinenklängen (was sind Violinen doch für eine gute Erfindung) in die Scheibe und geht nahtlos in den eigentlichen Opener „Rule The World“ über, einen rhythmisch-groovenden, mit orientalischer Hookline unterlegten Song, in dem Roy aus seiner Stimme alles herausholt, was die Möglichkeiten bieten. Und sie bieten viel, das sei gesagt. So kann ein Power Metal-Sänger nämlich auch klingen. Dezente Frauenstimmen, ein kurzes inspiriertes Solo runden den Einstand ab. Sehr gelungen! „Ghost Opera“ beginnt treibend, schneller, derwischartig, auch hier sind Töne aus tausend und einer Nacht zu vernehmen. Der Chorus fällt opulent aus, es wird weit ausgeholt, die Melodie ist einprägsam, dezenter Bombast, Klassik und ein wiederum kristallinklares Solo setzen Akzente. „The Human Stain“ enthält Klavierklänge, einen großen Refrain, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht, eine optimale Singleauskopplung könnte das geben. Heavy sind sie auch; ich brauch es nicht zu sagen. KAMELOT sind eine der wenigen Bands, denen es gelingt, Opern-Zitate authentisch in ihre Rock-Songs zu integrieren. „Blücher“ ist ein mutiges, an MARILLION erinnerndes Monument: Streicher, Bläser, dunkle Strophenführung, dann der helle, hohe Chorus, transparent wie ein Schmetterlingsflügel. Der Gesang ist wirklich klasse, weil variabel, immer der Stimmung des Songs angepasst. Wenn ich dagegen an die ganzen Opernbands denke, die ich zuletzt rezensieren durfte…

„Love You To Death“ zeigt, dass KAMELOT eine Menge für die Siebziger übrig haben: Roys Vortrag wird ergänzt von Frauengesang der besonders guten Art, progrockiges Ausholen in atmosphärische Klanglandschaften führt zu schwelgerischem Solo, um melancholisch auszuklingen. „Up Through The Ashes“ könnte anfangs von der „Death Cult Armageddon“ sein, dann ein Riff, der warme Gesang, die Drums machen kräftig Druck vor dem barocken Refrain. Gregorianische Gesänge eröffnen „Morning Star“, der Orient hat es ihnen angetan, verzerrter Vocals, eine junge Sängerin übernimmt den Refrain, magisch ist der Gegensatz zu Roy, und das ganze ohne Growls. Die Instrumentalabteilung spielt mit Leichtigkeit, beinahe schwebend; sie hat keinerlei Mühe, so scheint es, das permanent hohe Niveau zu halten. „Silence Of Darkness“ still got the Blues, zumindest anfangs, dann gibts Tempo, vor allem im Refrain. Thomas, der Gitarrist und Oliver, der Tastenmann, solieren effektiv, auch DEEP PURPLE würden da nicht nein sagen. „Anthem“ ist ein trauriger Song, eine Ballade, Emotion mit nettem Kitsch, denn die Elben singen im Hintergrund mit, Fantasy und Filmmusik könnten sie auch machen, keine Frage. Auch gut, Kompliment. Das Finale „EdenEcho“ stimmt versöhnlich: statt Trauer dominiert nun treibender Rhythmus, ein typischer KAMELOT-Refrain und eine Gänsehaut-Stelle im Pre-Chorus bleiben im Gedächtnis des feingestimmten Hörers.

KAMELOT sind und bleiben einzigartig. Ohne die sonst im Genre üblichen Musicalallüren oder überdrehten Ausflüge ins theaterhafte machen sie auf „Ghost Opera“ die Musik, die NIGHTWISH oder DARK MOOR gerne komponieren würden wenn sie es denn könnten. Ein Plus der Band besteht in der Fähigkeit, die Songs nicht mit Bombast zu überladen. Für mich ist KAMELOT die beste Power-Prog-Metal-Band derzeit, ganz klar. Virtuos, vielseitig, facettenreich. Melodisch, magisch, mysteriös. Im Gegensatz zu vielen anderen können sie es halt, und wie.

26.05.2007
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