Knorkator - The Schlechtst Of

Review

Zweifelsohne eine der exzentrischsten Live-Bands hierzulande sind die Berliner KNORKATOR. Deutschlands meiste Band der Welt glänzt dabei bekanntermaßen mehr durch sporadischen, überdrehten Klamauk als beispielsweise die Kollegen RAMMSTEIN, die eher auf explosiven Bombast setzen. Unsereins hat die Band damals mit einem ihrer ersten Hits, „Böse“, kennen gelernt und zunächst als alberne Verballhornung der letztgenannten wahrgenommen. Doch Stumpen, Alf Ator und Co. sollten sich musikalisch spätestens beim zweiten Hör in mehrerlei Hinsicht absetzen. Unsereins musste quasi mindestens eine zweite Nase nehmen, um die Duftmarke der Band eindeutig zu erkennen und lieb zu gewinnen.

Auch Deutschlands meiste Band der Welt hat mal angefangen

Offensichtlich ist natürlich die Parallele des Industrial Metal der härteren Gangart, weshalb man KNORKATOR durchaus in die Ecke NDH einordnen könnte. Doch treiben sie viele Aspekte ihres Sounds auf die humoristische, mindestens aber klamaukige Spitze und bieten allein dadurch vor allem auf ihren frühen, noch etwas roheren Werken eine sonderbare, überdrehte Hörerfahrung, als das Kernlineup noch nur aus Stumpen, Alf Ator und Gitarrist Buzz Dee bestand und erst später zu einer richtigen Band (mit rotierender Besetzung) heranwachsen sollte, während die Formation aktuell mit Rajko Gohlke am Bass und Nicolaj Gogow am Schlagzeug komplettiert ist.

Nach einer EP entdeckte Rod Gonzales (DIE ÄRZTE) die Band im Berliner Umfeld und verhalf ihr zu einem ersten Plattenvertrag unter Rodrec. Zuvor taten sich Alexander Thomas (Alf Ator) und Gero Ivers (Stumpen) zusammen, die bereits zuvor wenn auch vergleichsweise fruchtlos in einer Band namens FUNKREICH zusammen spielten, mit dem Gitarristen J. Kirk Thiele zusammen, der die Band jedoch 1996 wieder verließ. So wurde, um touren zu können, schließlich Sebastian Baur (Buzz Dee) als Gitarrist verpflichtet, der so die klassischen KNORKATOR komplettierte. Die Band veröffentlichte schließlich ihr Vollzeit-Debüt „The Schlechtst Of“.

KNORKATOR debütieren mit Langzeitwirkung

Das Album sollte sich als Lieferant vieler bis heute regelmäßig auf die Bühne gebrachter Live-Klassiker der Band manifestieren wie etwa „Absolution“ oder „Böse“ und gestaltet sich wie bereits erwähnt als deutlich roher als die neueren Alben der Band. Klar, dass die Band beispielsweise mit ihrem aktuellen Album „Widerstand ist zwecklos“ etwas mehr auf aktuelle, gesellschaftliche Entwicklung eingeht, geht gut einher mit ihrer musikalischen Entwicklung. Natürlich sind die Berliner eine Band geblieben, die ihren Sinn für das Klamaukige während des Reifeprozesses ganz sicher nicht abgelegt hat, ihn mit ihrer Musikalität aber haben reifen lassen.

Dennoch bringt das hier vorliegende Debüt eben doch eine speziell industrielle Härte in Spiel und zeigt dabei wenig Zurückhaltung. Die Beats aus Alf Ators Elektro-Konserve bummern teilweise so intensiv wie bei der Kirmesdisko aus den 90ern, während Buzz Dee brachiale Riffs mit reichlich Groove unterm Kessel unterhebt und sowohl Stumpen als auch Alf Ator passend dazu ein entfesseltes Gebrüll fernab der klar gesungenen Passagen vom Zaun brechen. Seien es Alf Ators Growls, wie – berühmter – auf „Böse“ oder Stumpens aggressive, teilweise irgendwie kindlich tobsüchtig anmutende Shouts wie in „Kurz und klein“.

„The Schlechtst Of“ schwindelt mit seinem Etikett

Umso greller fällt der Kontrast zwischen diesen härteren Industrial-Metal-Ausbrüchen mit den bizarren oder einfach nur bescheuerten Texten und den Elementen klassischer Musik aus, die ihren Weg einerseits durch Alf Ators zum Teil erstaunlich romantisierte Synths, andererseits auch durch Stumpens hoher Stimme und die vielschichtigen Gesangsharmonien in den Sound finden. Aber diesen Aspekt kennt man von KNORKATOR mittlerweile nur zu gut, mindestens mal von einem ihrer Festivalauftritte, ob man die nun freiwillig gesehen hat oder nicht.

Wenn man sich im Rahmen eines Gedankenexperiments vorstellt, das gesamte Album „The Schlechtst Of“ und damit die Band zum ersten Mal zu Gehör zu bekommen, kommt man vor allem bei den etwas seltener auf Bühne gebrachten Songs der Platte um Äußerungen der Marke „WTF??“ nicht herum, zum Beispiel wenn KNORKATOR bei „Ich geh sowas von überhaupt nicht“ mit voller Absicht eine riesige, dramatisch-hymnische Kiste um… nicht sonderlich viel Aussage herum aufmachen, die im Geiste von „Big Enough“ in den heutigen kulturellen Kontext hinein veröffentlicht sicher reichlich Meme-Potential bieten würde.

KNORKATOR definieren sich bereits mit ihrem Debüt

Dabei ist es nicht gerade so, als bräuchte man sonderlich viel Kontext für die Lyrics von „The Schlechtst Of“. Doch es ist eben der erwähnte Kontrast und die Art, wie sie dargeboten werden, die den Humor transportiert. Ohne seine epischen Melodien würde sich ein „Werwurm“ zum Beispiel nur halb so effektiv durch die Kanalisation winden, ohne seine aggressiven Riffs würde „Es kotzt mich an“ nicht so sehr einem herrlich kindlichen Tobsuchtsanfall gleich kommen. Statt flatternder Augenlider (sieht man mal von „Schwanzlich Willkommen“ ab) gibt es steife Oberlippen, statt klobiger RAMMSTEIN-Innuendos entweder Explizites, Skurriles oder puren, charmanten Nonsens.

Im Grunde haben die Berliner hiermit also ihren Stil beim ersten, richtigen Waschgang in Stein gemeißelt, von dem sie im Grunde auch nie wirklich bedeutend abgewichen sind, den sie lediglich durch die personelle Aufstockung mehr von den Industrial-Wurzeln gelöst und damit zugänglicher gemacht haben. Interessanterweise ist „The Schlechtst Of“ auch eines der wenigen Alben der Band ohne Coverversionen, die ein regelmäßiger Bestandteil späterer Werke sein würden. Es folgte weiterhin natürlich bekanntermaßen die Teilnahme beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2000 mit „Ick wer zun Schwein“. Aber das kam ein paar Jährchen hiernach…

01.01.2020

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

Exit mobile version