Odraza - Rzeczom

Review

ODRAZA, die Band mit den besonderen Cover-Bildern, kehrt nach sechs Jahren mit dem Zweitwerk “Rzeczom” zurück. Während das Foto vom Erstling “Esperalem Tkane“ (2014) mit dem Bandnamen (“Ekel”) korrelierte, passt die Schwarz-Weiß-Fotografie des Models Maria Kuźmicka auf den ersten Blick weniger zum Inhalt. Beim gleichzeitigen Betrachten und Hören wird der Eindruck nicht kongruent, aber von der Musik entfachte Stimmungsblitze oder ganze Emotionen lassen sich rein interpretatorisch durchaus mit ihrem Ausdruck, der Blickrichtung, den wehenden Haaren in Verbindung bringen. Das Auseinandersetzen mit Alkohol, Drogen, Nihilismus und dergleichen geschieht bei ODRAZA nicht auf einer unterhaltenden, sondern auf der Gefühlsebene. Statt der gereckten Faust, grummelt es im Magen, statt dem Jubelschrei ob einer genialen instrumentalen Stelle, schnürt sich die Kehle zu. Die Musik von ODRAZA ist schwere Kost, sie ist dunkel, dreckig und kostet eher vom Schimmel als vom Nektar des Lebens.

ODRAZA bleiben ihrer Linie mit “Rzeczom” treu

Der mit dem deutschen Titel “Schadenfreude” (das haben GOATWHORE auch schon gemacht) versehene Opener lässt sich nicht lumpen: Es klimpert kurz im Intro, dann schiebt sich ein Midtempo-Riff in den Vordergrund, das von Tremolo-Einschüben abgelöst wird und umgekehrt. Bald folgt ein Downtempo-Moment, der wie ein langes Break wirkt, bevor das Lied wieder Fahrt aufnimmt. Die Black-Metal-Riffs flirren zwischen Melancholie und Alarm. Immer wieder offerieren ODRAZA Neues und verbinden es gekonnt durch kleine Übergänge. Der Abwechslung tut das richtig gut – und wir befinden uns noch im ersten Song.

Eine musikalische Entdeckungsreise mit emotionalen Schwerpunkten

ODRAZA verstehen es, überaus spannende Arrangements zu kreieren, indem sie von vielem etwas, aber nie zu viel verwenden oder zu wirr agieren. Strukturell erinnern die Polen weiterhin an Bands wie FURIA – der progressive Ansatz ist unumstritten. Dabei spielt es keine Rolle, ob die einzelnen Elemente von “Rzeczom” technisch anspruchsvoll sind, die Zusammenstellung macht es aus; auf allen Ebenen, denn auch das Schlagzeug ist kein reines Mittel zum Zweck und setzt eigene Akzente, wenn es sinnvoll ist. “Sinn” ist songstrukturell auch das Stichwort. Viel hilft viel ist kein guter Leitgedanke in der Musik, aber ODRAZA harmonisieren ihre etlichen Elemente einwandfrei – nicht schöngeistig oder gar eufonisch, das Ergebnis ätzt unter der Last von Schwermut, Depression und Verneinung, aber es ist überaus stimmig.

Lebensnaher Ekel

Zusätzlich zum eh schon hohen Level von “Rzeczom” kredenzen ODRAZA ein paar Besonderheiten. Der cleane Gesang im Titelsong gehört zweifelsfrei dazu. Auch “…Twoją Rzecz Te” ist ein Highlight, weil es eine morbide Bierzeltatmosphäre kreiert – ein Gefühl, als würdest du mit einem Haufen Hoffnungsloser inmitten deiner und ihrer Körperflüssigkeiten neben der Bank, unter dem Tisch, in einer Ecke aufwachen, die Augenlider verklebt von Wodka und Blut, während Regen auf das Zeltdach prasselt und aus irgendeinem Grund, der zwischen Belächeln und Verachten pendelt, noch die Musik vom Vorabend läuft. Du schleppst dein Körperwrack nach Hause, bewegt vom einzigen in Frage kommenden Impetus: diese Nacht so oft zu wiederholen, bis es vorbei ist. Natürlich lässt sich “Rzeczom” aufgrund der mitreißenden Lieder auch befeiern, doch das Album ist mehr als das: Es wirkt gleichermaßen wie ein Fingerzeig, Mittelfinger und Handschlag in Richtung des verkorksten, abgeschriebenen Daseins, das sich vielerorts scheinheilig Leben nennt.

21.06.2020

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1 Kommentar zu Odraza - Rzeczom

  1. Schraluk sagt:

    Nice Band, die ihrem Stil auf ner Art treu bleibt, sich aber dennoch nicht damit begnügt die selbe Platte zu machen. Mies schlechte Laune-Soundtrack, zwischen Suizid und völlig entrückt, zwischen Furia, Massemord und den anderen Crazy Leuten aus Poland. Stark.

    8/10