Schandmaul - Sternensegler
Review
„Sternensegler“ dürfte ohne Zweifel ein verdammt schwieriges Album für SCHANDMAUL und insbesondere ihren bisherigen Sänger und Hauptkomponisten Thomas Lindner darstellen, möglicherweise sogar das härteste ihrer Karriere. Und das nicht, weil die Münchener den auf dem Vorgänger „Knüppel Aus Dem Sack“ eingeschlagenen Weg hin zu mehr Deutschrock – Metal gar! – und ein Stückweit weg vom Folk konsequent fortsetzen. Vielmehr müssen sie ihre Fans erst einmal mit Marco Klingel, alias Till Herence, „dem Neuen am Mikro“ versöhnen.
Das neue SCHANDMAUL am Gesang
So ein Sängerwechsel ist für jede Band kompliziert und nicht wenige zum Scheitern gebracht. Jedoch ist Thomas Lindner keineswegs raus bei SCHANDMAUL und dürfte seine Rolle als ikonischer Frontmann weiterhin mit Bravour ausfüllen – nur singen wird er eben zukünftig nicht mehr. Kehlkopfkrebs heißt das gottverdammte Arschloch, das Schuld daran trägt, umso erleichterter darf man sein, dass Lindner diesen überwunden und keineswegs die Lust daran verloren hat, mit SCHANDMAUL weiter Musik zu machen. Denn ganz abgesehen von einem tragischen Verlust für unsere Szene hätten wir dann wohl auch auf „Sternensegler“ verzichten müssen, das sich nach einigen Durchläufen als verdammt starkes Stück Musik entpuppt.
Freilich darf man mit der neuen Stimme von SCHANDMAUL zunächst ausgiebig fremdeln. Das Organ von Till Herence tönt höher und cleaner aus den Boxen als man es von seinem Vorgänger gewohnt war, die markante Rauheit kann und will er ebenso wenig reproduzieren wie das gerne genutzte Akzentuieren durch gezielte Überbetonung einzelner Silben, mit dem sich Thomas Lindner wohlig im musikalischen Gedächtnis seiner Zuhörerschaft verankerte. Dessen vokales Charisma lässt sich leider nicht ersetzen, wenngleich Till Herence rein technisch eine starke Leistung abliefert. Hat man sich jedoch endlich von dem Gedanken verabschiedet, wie dieses oder jenes Stück wohl mit Thomas Lindners Stimme geklungen hätte, kann man den „Sternensegler“ in der dargebotenen Form angemessen würdigen.
Eine gewohnt trittsichere Gratwanderung zwischen Folk und Schlager
Handelt es sich bei dem trotzig-lebensbejahenden Opener „Nimm alles mit“ um Traumabewältigung in Reinstform, merkt man dem fröhlich-verspielten Titeltrack an, dass er noch vor Thomas Lindners Erkrankung geschrieben wurde. In diesem emotionalen Spannungsfeld haben SCHANDMAUL also einen wunderbar abwechslungsreichen Liederstrauß gepflückt, der mit vielen bunten Blüten auch längerfristig beste Unterhaltung garantiert. Da darf es wie im Falle von „Nosferatu“ auch mal etwas düsterer werden, insgesamt legt die Band aber großen Wert darauf, ein grundpositives Werk zu schaffen, das auch dann noch gänzlich zeitgeistbefreiten Optimismus versprüht, wenn die metaphorische Kerze bereits „An beiden Enden“ lichterloh brennt.
Sucht man hingegen nach Haaren in der Suppe, so könnte das eine oder andere Stück zu rührselig anmuten und bei der schmalen Gratwanderung zwischen Folk und Schlager für einen kurzen Moment ins Straucheln kommen. Das ist im Hause SCHANDMAUL freilich nichts gänzlich neues, wird aber durch die neue, stromlinienförmigere Gesangsstimme nochmals ohrenfälliger. Selbst die beiden Balladen „Wo Sprache aufhört“ und „Trag Dich“ bewahrt jedoch die lyrische Qualität der Texte davor, gänzlich zu entgleiten und im Kitsch zu ertrinken.
SCHANDMAULs „Sternensegler“ endet mit einem alten Bekannten
Gänzlich unkitischig, dafür aber mit einer angenehm klaren Kante zeigen die auch in der Vergangenheit stets für ihre klare antirassistische Haltung bekannten SCHANDMAUL einmal mehr „Flagge“. Das gleichnamige Stück darf als klare Absage an die geschichtsvergessenen Hasstiraden uns allen allzu wohlbekannter Rechtspopulisten und Neofaschisten verstanden werden und entpuppt sich nicht nur deshalb als echter Hit, der zugleich den stärksten Ausschlag des „Sternensegler“-Pendels in Richtung Deutschrock markiert.
Als Rausschmeißer gibt es hingegen einen alten Bekannten, der seinem ursprünglichen Deutschrock-Gewand bereits wieder entwachsen ist: Gemeinsam mit Laura Fella (FAUN) haben SCHANDMAUL „Zwei Raben“ vom 2011er „Schattenspieler“-Album ihres Quasi-Nebenprojekts WETO neu aufgenommen. Was als ruhige Flöten-Ballade beginnt, steigert sich mit dem Einsetzen der Stromgitarre immer weiter zum epischen Finale eines grandiosen Albums, das nach einer erfreulich gut überstandenen extraschwierigen Phase einen echten Befreiungsschlag für SCHANDMAUL darstellen dürfte.
Schandmaul - Sternensegler
| Band | |
|---|---|
| Wertung | |
| User-Wertung | |
| Stile | Folk, Mittelalter-Rock |
| Anzahl Songs | 11 |
| Spieldauer | 48:52 |
| Release | 11.09.2026 |
| Label | Napalm Records |
| Trackliste | 1. Nimm alles mit 2. Sternensegler 3. Beide Füße in der Luft 4. Flagge 5. Nosferatu 6. Wo Sprache aufhört 7. In der Hand 8. An beiden Enden 9. Lass nicht los 10. Trag Dich 11. Zwei Raben (feat. Laura Fella) |
