Corentin Charbonnier - The Hellfest - A Pilgrimage for Metalheads

Review

Vor einigen Wochen verkündeten die Veranstalter des Hellfest Open Air in Frankreich, dass sie ihren 15. Geburtstag und die Rückkehr aus der Pandemie-Pause mit einem gigantischen Line Up feiern werden. An sieben Tagen werden über 350 Bands auftreten, darunter zahlreiche Hochkaräter wie METALLICA, ALICE COOPER, JUDAS PRIEST und GUNS N‘ ROSES, um nur einige zu nennen. In seinem Buch „The Hellfest – A Pilgrimage for Metalheads“ widmet sich Corentin Charbonnier zwar nicht explizit der Frage, wie das Festival so groß werden konnte, untersucht aber, was dessen Anziehungskraft ausmacht.

Wie auch bei „Home Festivus“ von Alexander Hutzel, dass wir an anderer Stelle bereits vorgestellt haben, handelt es sich um die Buchveröffentlichung einer wissenschaftlichen Arbeit. Im Fall von Corentin Charbonnier ist es seine Doktorarbeit, die von 2011 bis 2015 entstand. Ausgangspunkt und Kernstück ist die Untersuchung des Hellfest 2011, aber auch die folgenden Jahre werden detailliert beobachtet.

Das Hellfest – ein Festival in Bewegung

Einleitend legt der Autor dar, welche Rollen Metal einnehmen kann. So ist es ein Musikgenre, eine über die Musik verbundene Gemeinschaft und eine Ausprägung zeitgenössischer Musikkultur. Ebenso wagt Charbonnier sich an die Frage, ob sich religiöse Motive – beim Festival insbesondere das Pilgern und kultisch-mystische Erlebnis – im Metal finden lassen. Speziell der Pilgerfahrt wird hinsichtlich ihrer ökonomischen Aspekte ein größerer Platz eingeräumt.

Es sind also mehrere dicke Bretter, die der Autor bohren möchte, die sich letztlich aber auf eine Frage herunterbrechen lassen: Welchen Status hat das Hellfest für die Metal-Szene? Charbonnier sieht im Festival einen zentralen Idenfikationsmoment für Mitglieder der Metalszene. Es ist ein Ort der Selbstdarstellung, aber auch Impulsgeber zur Selbstreflexion. Die eigene Identität als Metalfan bildet sich also im Zusammenspiel mit anderen aus.

Spannend wäre es in diesem Punkt gewesen, zu untersuchen, welche Erwartungshaltungen nicht nur an das Event selbst, sondern auch an die anderen Besucherinnen und Besucher bestehen. Weit verbreitete Festival-Verhaltensweise wie übermäßiger Alkoholkonsum, im Schlamm tanzen und generelle Rüpelhaftigkeit werden als Standard festgehalten, von Charbonnier aber nicht hinterfragt. Er hält zwar fest, dass die Metal-Szene sehr heterogen ist, geht aber offenbar davon aus, dass sich auf dem Festival der kleinste gemeinsame Nenner zeigt und andere Zugänge zur Musik und Szene dahinter zurückstehen.

Das Event steht im Vordergrund, nicht das Publikum

Generell richtet sich der Blick des Autors eher auf die Veranstaltung selbst, als auf das Publikum. Charbonnier untersucht die Anziehungskraft des Festivals, weniger die Reaktion des Publikums. Zwar gibt es vereinzelte Interviews, diese dienen aber vornehmlich zur Illustration einer zuvor formulierten Feststellung. Dadurch bekommt das im Buch beschriebene Hellfest zwar Leben eingehaucht, erscheint stellenweise aber auch wie ein Schaukasten, in dem der Autor seine Erkenntnisse präsentiert.

Charbonnier sieht das Hellfest als gesetzten Anziehungspunkt für die Metal-Szene, schneidet die Dynamiken, die dazu geführt haben, aber nur am Rande an. Er beobachtet eher den Ist-Zustand, beschreibt das Festival als bestehende Pilgerstätte, was sich im Titel spiegelt. Metal sei wie eine Religionsgemeinschaft, die keine Landesgrenzen hat und ihre identitätsstiftenden Zentren selbst erschaffen muss, um dort ihre eigentümlichen Handlungen ungestört ausüben zu können.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Rolle von Lokalpolitik und und -gewerbe. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Kleinstadt Clisson, ihre Verwaltung, der Einzelhandel und das Tourismusgewerbe haben sich auf das jährliche Event eingestellt, wie die Menschen in Mekka und Umgebung auf die andauernde Pilgerfahrt der gläubigen Muslime.

Diese Vergleich ist zwar ansprechend, legt aber auch ein generelles Problem des Buches dar. Der Festivalbesuch ist nicht verpflichtend, um sich als vollwertiger Metalfan fühlen zu dürfen. Dass es für Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, selten oder gar nicht Festivals besuchen, trotzdem Zugangsmöglichkeiten zur Metalszene gibt, lässt das Buch nicht nur aus, sondern negiert sie durch die überhöhte Darstellung des Festivals, im speziellen des Hellfest.

Was macht die Attraktivität des Hellfest aus?

Charbonnier stellt gut dar, was die Attraktivität von Festivals ausmacht, spricht ihnen aber auch eine sehr exponierte Rolle innerhalb der Metalszene zu. Eine grundlegende Einordnung, ob nicht auch Kneipen, Clubs, Wohnzimmer oder einsame Wälder zentrale Schauplätze des Metalfan-Seins darstellen können, wären bei der Betrachtung der religiösen Elemente angebracht gewesen, oder zumindest eine vorsichtige Relativierung der Bedeutung des Hellfest.

So bleibt der Eindruck, dass Charbonnier selbst dem Zauber des Open Airs erlegen ist. Nichtsdestotrotz finden sich in „The Hellfest – A Pilgrimage for Metalheads“ viele Informationen und Hintergründe zu einem der weltweit größten Metal-Festivals. Wer sich für die eigene „Pilgerfahrt“ im kommenden Jahr in Stimmung bringen möchte, hat mit dem Buch einen erhellenden Reiseführer.

09.07.2021

Der metal.de Serviervorschlag

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