Alexander Hutzel - Homo Festivus

Review

Menschen feiern häufig und die meisten von ihnen tun dies auch gerne. In der Metal-Szene kennen wir zahlreiche Gelegenheiten dazu: vom eigenen Haushalt über Kneipe und Club bis hin zum großen Festival mit zehntausenden Besuchern. Die Frage drängt sich auf, ob nicht jeder Moment, in dem ein Lied gespielt wird, bereits ein kleines Fest darstellt.

Ein großes Fest hingegen ist das Summer Breeze Open Air, das seit 1997, abgesehen von zwei Ausfällen in den Jahren 1998 und 2020, jährlich stattfindet. Unsere Redaktion hat das Festival häufig journalistisch begleitet und darüber berichtet. In den Jahren 2011-2013 näherte sich der damalige Student Alexander Philipp Hutzel dem Summer Breeze mit den Mitteln der Sozialforschung. Im Jahr 2014 entstand aus der Forschung seine Bachelor-Arbeit, die seit 2018 in Buchform unter dem Titel „Homo Festivus. Das Summer Breeze Open Air und seine Besucher“ im Tectum Verlag vorliegt.

Ein Überblick zum Summer-Breeze-Publikum

„Was passiert hier auf dem Festival eigentlich?“, ist die einleitende Frage, die laut dem Autor als Impuls zur Forschung verstanden werden kann. Da sich diese Frage wahrscheinlich schon viele Festivalbesucher selbst gestellt haben, vor allem während der magischen ersten Fahrten, ist sie nachvollziehbar und weckt die eigene Neugier. Da es konkret um ein Metal-Festival geht, mag ihre Beantwortung der Erkenntnis dienen, „worin die Essenz eines Metal-Fans besteht“, wie Prof. Dr. Richard Utz in seinem Geleitwort zum Buch anmerkt.

Auf einem großen Festival wie dem Summer Breeze, auf dem sich Fans und Bands verschiedener Metal-Subgenres versammeln, mag eine Annäherung an den gemeinsamen Kern der Szene besonders ergebnisreich sein. Hutzel untersucht, inwiefern es sich beim Besuch eines Festivals um eine Form „posttraditioneller Vergemeinschaftung“ handelt. Ebenso, welche Rolle ein Event „als spezifische Form des Festes“ bei der Herausbildung und Aufrechterhaltung „thematisch fokussierter Netzwerke“, sprich: der Metal-Szene, spielt.

Dazu hat sich Alexander Hutzel auf eine besondere Form der Feldforschung begeben. Denn er nähert sich seinem Untersuchungsgegenstand nicht als Fremder, sondern ist selbst Fan, Szenemitglied und Besucher. Es ist also nur folgerichtig, dass er dieses Verhältnis selbst reflektiert und klarstellt, welche Methoden er anwendet. Dass er die 10 Gebote der Sozialforschung nach Roland Girtler darstellt und die Probleme thematisiert, die er berücksichtigen muss, macht die Forschung transparent und auch für Laien nachvollziehbar.

Eher was für akademische Experten?

Insgesamt ist das Buch verständlich geschrieben, doch der Ursprung als Bachelor-Arbeit ist nicht zu verleugnen. Einige Fremdwörter und Fachbegriffe stehen erst einmal für sich, werden in der Regel zwar erklärt, aber eben nicht in für Außenstehende sinnvoller Reihenfolge. Das ero-epische Gespräch wird zum Beispiel bereits zu Beginn erwähnt, aber erst später wird erklärt, worum es dabei geht und dass es nichts mit Erotik zu tun hat, wie ein Laie vermuten würde, sondern mit „Erotema“ und „Epos“, also mit Frage und Erzählung.

Diese Gliederung schmälert das Lesevergnügen nicht wesentlich, doch potenzielle Leser und Leserinnen sollten verstehen, wie wissenschaftliche Arbeiten aufgebaut sind, um sich „Homo Festivus“ besser erschließen zu können. Die erhobenen Daten und vor allem auch einige der aufgenommenen Zitate der Festivalbesucher sind aber auch ohne Kenntnis der Methodik durchaus interessant, teilweise sogar erheiternd.

Wer Daten sucht, wie sich die typische Besucherschaft eines Festivals zusammensetzt, wird bei „Homo Festivus“ fündig, zumindest was das Summer Breeze betrifft. Ein Vergleich, welche demografischen Unterschiede zwischen gebrauchtwagenteuren Nobel-Festivals wie dem 70.000 Tons of Metal und Umsonst-und-draußen-Veranstaltungen wie dem Rage against Racism in Duisburg bestehen, wäre sicher noch spannender gewesen. Ebenso wie eine Einordnung der wirtschaftlichen Aspekte und der Organisation des Festivals. Aber – auch das kennen Leser wissenschaftlicher Arbeiten – hätte den Rahmen der Untersuchung gesprengt, wie Hutzel selbst einräumt.

„Homo Festivus“ regt die eigene Neugier an

„Homo Festivus“ konzentriert sich, wie der Titel ja auch ankündigt, auf das Summer Breeze und dessen Besucher. Das Fazit hält fest, welches Bild die Zahlen und Aussagen vom  durchschnittlichen Festivalbesucher zeichnen, stellt aber auch ganz sachlich klar, dass insgesamt eine heterogene Gruppe auf dem Summer Breeze zu finden ist. Im Rückgriff auf die eingangs gestellten Fragen zur Funktion des Festivals als Moment posttraditioneller Vergemeinschaftung hätte das Fazit hier gerne etwas griffiger ausfallen dürfen. Dies hätte für eine wissenschaftliche Arbeit aber wahrscheinlich zu sehr in den Bereich der Spekulationen geführt.

Dennoch bleibt die Lektüre spannend und kurzweilig. In den aufgezeichneten Zitaten finden sich immer wieder Momente, in denen man sich als Festivalbesucher und Metalfan selbst wiedererkennt. Insofern dient auch „Homo Festivus“ der Vergemeinschaftung und Bindung an die Szene.

Perfekt geeignet ist es jedoch für jene, die Zahlen zu Festivals suchen oder schon immer einmal nachlesen wollten, wie sich die Wissenschaft Veranstaltungen wie dem Summer Breeze nähert. In diesem Punkt ist es Alexander Hutzel gut gelungen, forschende Distanz zu wahren, ohne die eigene Faszination am Festival auszublenden. So weckt „Homo Festivus“ auch beim interessierten Laien Neugier und regt zur Selbstreflektion an.

29.05.2021

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1 Kommentar zu Alexander Hutzel - Homo Festivus

  1. nili68 sagt:

    >Perfekt geeignet ist es jedoch für jene, die Zahlen zu Festivals suchen oder schon immer einmal nachlesen wollten, wie sich die Wissenschaft Veranstaltungen wie dem Summer Breeze nähert.<

    Die gibt's? Mikroskopisch kleine Zielgruppe, möchte man meinen. Der normale (Festival) Metaller denkt doch nur an Bier und Titten.
    Ich hab' hier nur raufgeklickt, weil da Black Metal (warum auch immer) stand, deshalb müsst ihr jetzt meinen Sermon ertragen. 😛