
Bands mit SEO-feindlicher Nomenklatur begegnen uns ja immer mal wieder. Wir hatten es vor einiger Zeit von den chinesischen Prog-Eklektikern OU, dann gibt es noch Bands wie ZS oder ZA, aber die Krone dessen – in Hinblick zumindest auf die deutsche Sprache – ziehen dem Ganzen die Italiener ZU auf. Das ist hier gleich doppelt kniffelig, schließlich ist das Wörtchen „zu“ eine der geläufigsten Vokabeln in unserem Sprachgebrauch. Eine Review auf ein neues Album der Italiener also nicht damit überladen, damit das Wörtchen nicht durch inflationären Gebrauch all seiner Bedeutung verlustig geht – das ist schon eine Herausforderung, der sich unsereins nichtsdestotrotz hiermit stellen muss, wenn es darum geht, der potentiellen Hörerschaft dieses Werk vorzustellen. Und das lohnt sich in diesem Fall, denn das neue Album der Instrumental Avant-Rocker ist ein Leckerbissen.
ZU drehen auf mit ihrem instrumentalen Mix
Die Grundsubstanzen des Klangbildes der Band im Allgemeinen und deren neuem, als Doppelalbum konzipierten Werks „Ferrum Sidereum“ sind Rock, Jazz und ein Stück weit Punk, angereichert mit einer ordentlichen Portion Noise und einem Sinn für das Avantgardistische. Dass sich hier fast 80 Minuten instrumentaler Kost in diesem Spannungsfeld angesammelt hat, mag auf Empfängerseite zunächst einmal erschlagend wirken, zumal die Stücke selbst je eine substantielle Spielzeit mit sich bringen. Die prinzipiell eher raue Natur des Sounds tut ihr Übriges und trägt dazu bei, dass „Ferrum Sidereum“ im Gesamten recht sperrig herüber kommt, gerade wenn im Bezug auf Instrumentalmusik eher ein gewisser Grad an Lautmalerei erwartet wird.
Diese gibt es bei „Ferrum Sidereum“ eher weniger. Hier herrscht ein meist ruppiger, düsterer Grundton vor, wobei der Spirit der alternativen Neunziger über allem her schwebt. Die Riffs sind also recht launisch und selten melodischer als sie wirklich sein müssen. Es gibt diese harmonischen Oasen natürlich, zum Beispiel in Form der eröffnenden Phrasen von „La Donna Vestita Di Sole“, wobei die erbauliche Harmoniearbeit hier vor allem durch die ätherischen Synths geleistet wird, während die Gitarren nach wie vor fröhlich im Dreck wühlen. Dazu setzt das Saxofon von Luca T. Mai hektische Spitzen, während die Rhythmik aus den Händen und Füßen von Paolo Mongardi den sporadischen, schwitzigen und unberechenbaren Charakter des Gesamtbildes unterstreichen.
Dabei ist „Ferrum Sidereum“ schon recht sperrig …
„Ferrum Sidereum“ ist also weißgott kein Album für Schöngeister, sondern eines, das vor allem mit dem Körper gefühlt werden möchte. Denn die Musik in Kombination mit der druckvollen, raumgreifenden und kantigen Produktion verwandelt das Album wahrhaftig in eine Ganzkörpererfahrung. Elemente wie einladende, atmosphärische Melodiebögen werden mit äußerstem Bedacht eingesetzt, um sie nicht durch inflationären Gebrauch abzuschwächen. Das zwingt ZU dazu, praktisch jeden einzelnen Song mit einem eigenständigen Gimmick auszustatten. Und das schaffen sie auch mühelos hin zum Punkt, dass man sich auf Empfängerseite vollkommen in der körperlichen Musik verlieren kann und nur so am Rande mitbekommt, dass hier gerade knapp 80 Minuten Musik in den Corpus gefahren sind.
Die Italiener liefern fast durchgehendes Gold ab, aber besonders hervorzuheben ist vor allem die erstaunliche Subtilität, mit denen ZU ins Gebein ihrer Hörerschaft eindringen und diese geradezu in Trance versetzen. Paradebeispiel hierfür ist „Fuoco Saturnio“, das nach ätherischem Beginn inklusive Mellotron(-samples) in einen TOOL-artigen Kopfnicker-Rhythmus wechselt und der Hörerschaft so ganz nebenbei einen krummen Takt unterjubelt, ohne dass allzu sehr darauf aufgemerkt werden muss. Das wiederum repräsentiert den körperlichen Aspekt von „Ferrum Sidereum“ ganz gut, denn wie zuvor erwähnt finden ZU immer wieder Wege, die Motorik auf Empfängerseite anzukurbeln.
… aber doch etwas nahbarer als andere Genregenossen
Ohne einen allzu ausgeprägten, lautmalerischen Aspekt ist das auch absolut notwendig gewesen, damit das Album funktioniert. Das Trio hat das glücklicherweise erkannt und genau diese Stärke in all ihren Facetten ausgearbeitet und erforscht deren Potential auf elf Tracks. Dabei ist die Energie hinter „Ferrum Sidereum“ enorm und spontan, die Vibes sind düster und die Musik im Allgemeinen nicht immer ganz einsteigerfreundlich, gerade wenn sich geduldigere, vorzugsweise von TOOL beseelte Passagen wie in „Hymn Of The Pearl“ im Äther ausbreiten. Gleichzeitig wirken ZU aber nicht so unnahbar wie beispielsweise BRAIN TENTACLES oder erfordern ein derart offenes Ohr für ungewöhnliche Instrumentierung wie OTTONE PESANTE. Wer energetische Instrumental-Musik der ruppigeren, düsteren Art sucht, sollte sich also unbedingt mit „Ferrum Sidereum“ befassen.

Michael































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