
Female Fronted Is Not A Genre
Special
„Female Fronted“ sagt nichts darüber aus, wie eine Band klingt, und trotzdem entscheidet Geschlecht bis heute mit darüber, wer gesehen, gebucht oder selbstverständlich auf einer Bühne wahrgenommen wird. Geraldine „Gero“ Crocianelli und Giulia Campagna von KILL HER FIRST sprechen über FEMALE FRONTED IS NOT A GENRE, musikalische Vielfalt, Sichtbarkeit, Szenenstrukturen und darüber, wie ein Festival Räume verändern kann.
KILL HER FIRST hat aus einem Widerspruch ein Festival geschaffen. 2026 wächst FEMALE FRONTED IS NOT A GENRE auf zwei Tage im Berliner SO36 und erstmals über die Stadt hinaus. Was dort entsteht, ist längst mehr als eine Frage der Repräsentation.
Der Name erledigt bereits einen Teil der Arbeit. FEMALE FRONTED IS NOT A GENRE nimmt eine Bezeichnung, die sich seit Jahrzehnten durch Rock, Punk und Metal zieht, und verweigert ihr den Platz im Genre-Regal. Wer wissen will, wie eine Band klingt, erfährt schließlich wenig dadurch, dass eine Frau am Mikrofon steht. Hardcore, Punk, Metalcore, Alternative Metal oder Rapcore erzählen deutlich mehr. Ganz verschwinden lässt sich die Kategorie trotzdem noch nicht.
„Wir wollen nicht gebucht werden, weil wir eine Frauenband sind. Andererseits wollen wir natürlich gebucht werden, weil wir eine Frauenband sind“, sagt Giulia im Gespräch.
Mehr muss man über den Widerspruch fast nicht wissen. Sichtbarkeit kann Türen öffnen, Vorbilder schaffen und Bands auf Bühnen bringen, auf denen sie zuvor kaum vorkamen. Gleichzeitig wird sie zur Schublade, sobald das Geschlecht plötzlich interessanter erscheint als die Musik. KILL HER FIRST kennt diese Spannung seit ihren Anfängen.
KILL HER FIRST: Erst die Band, dann die Schublade
Als die Band 2007 entstand, fiel die Entscheidung für eine rein weibliche Besetzung bewusst. Die Idee dahinter war dabei denkbar direkt: härtere Musik spielen, gemeinsam mit anderen Frauen. Gerade im Hardcore- und Rockbereich war das damals deutlich weniger selbstverständlich als heute.
Die Besetzung von KILL HER FIRST hat sich seitdem mehrfach verändert. Heute spielen drei Frauen und zwei Männer in der Band. Aus der ursprünglichen Idee wurde kein Dogma. Wer miteinander Musik macht, muss musikalisch zusammenpassen, Zeit haben, miteinander klarkommen und ähnliche Werte teilen.
Geblieben ist die Erfahrung, dass Menschen auf Bühnen unterschiedlich gelesen werden, bevor sie überhaupt den ersten Ton gespielt haben.
Giulia erinnert im Gespräch an Kommentare wie „für eine Frau ganz okay“. Gero formuliert die Gegenbewegung trocken: „Hör doch mal hin. Benutz deine Ohren, bevor du anfängst, etwas zu kritisieren, was mit den Augen passiert.“ Genau dort beginnt auch die Idee hinter dem Festival.
FEMALE FRONTED IS NOT A GENRE: Ein Line-up muss zuerst als Line-up funktionieren
Wer FEMALE FRONTED IS NOT A GENRE ausschließlich als gesellschaftspolitisches Projekt liest, verpasst einen wesentlichen Teil davon. Gero und Giulia sind Musikerinnen. Sie buchen Bands, die sie mögen. Und sie wollen einen Abend bauen, der musikalisch trägt.
Deshalb folgt das Line-up bewusst keiner engen Genrelogik. Punk trifft auf Metal, Hardcore auf Alternative, melodischere Acts auf deutlich härtere. Die härteste Band kann früh spielen, größere Namen müssen nicht automatisch am Ende stehen. Gero beschreibt das Booking eher wie die Dramaturgie eines Films oder Buches: Ein Abend braucht Bewegung, Kontraste und einen Spannungsbogen.
Vier Stunden annähernd gleicher Hardcore mögen für Puristen funktionieren. Für Gero wird es irgendwann schlicht anstrengend.
Gerade diese Offenheit macht den Festivaltitel hörbar. FEMALE FRONTED IS NOT A GENRE muss seine These nicht auf die Bühne schreiben. Das Line-up erledigt das selbst.
Bei THE IRON ROSES hört man Giulia im Gespräch die Musikerin an, lange bevor es um Repräsentation geht. Sie spricht über den fast durchgehend zweistimmigen Gesang, die Stimmen – einzeln und im Zusammenspiel –, über die Live-Energie der Band und über Begegnungen nach Konzerten. Die Begeisterung ist unmittelbar. Giulia und Gero wollten diese Band auf dem Festival, weil sie sie musikalisch großartig finden. Und so muss das auch sein!
Die Acts auf der Bühne müssen keine gesellschaftliche These belegen. Sie sollen Shows spielen, Menschen überraschen und vielleicht zur neuen Lieblingsband werden. Im besten Fall bleibt am Ende „War fett!“ zurück.
Sichtbarkeit beginnt lange vor dem Festivalposter
Die Frage, wer auf einer Bühne steht, beginnt ohnehin früher. Giulia erzählt von Instrumenten, die Kindern nahegelegt werden, von Musikschulen, Jugendprojekten und Rollenbildern. Das Bild ist simpel: Der Junge bekommt die Drumsticks, das Mädchen das Mikrofon.
Solche kleinen Selbstverständlichkeiten entscheiden nicht über ganze Biografien. Sie prägen aber, was sich für jemanden selbstverständlich anfühlt. Wer sich an einer Gitarre, am Schlagzeug oder hinter einem Mischpult erst einmal als Ausnahme erlebt, muss irgendwann nicht nur das Instrument lernen.
Gulia erinnert sich daran, wie schwierig es selbst in Berlin sein konnte, Musikerinnen oder FLINTA-Personen für eine Band zu finden. Nicht unbedingt, weil sie nicht existierten. Manchmal fehlte Erfahrung, manchmal Zeit, manchmal vielleicht auch der Mut, sich überhaupt zu melden.
Und irgendwann kommen jene Faktoren hinzu, die jede Band kennt: Job, Familie, mehrere Projekte, Terminkalender, Menschen, mit denen man wirklich zusammenspielen möchte. Die Frage nach Sichtbarkeit stellt sich deshalb zu spät, wenn man sie erst beim Festivalposter stellt.
Dasselbe gilt für die Bereiche hinter der Bühne. Gero spricht über Technikerinnen und FLINTA-Personen in technischen Berufen, deren Kompetenz nicht immer automatisch vorausgesetzt wird. Auch dort entscheidet sich, wer sich in einer Szene selbstverständlich bewegen kann. Nicht jeder dieser Mechanismen ist spektakulär. Gerade deshalb halten sie sich so gut.
Gemeinsam im Pit: „Die Menschen lernen“
Der vielleicht interessanteste Teil von FEMALE FRONTED IS NOT A GENRE passiert vor der Bühne. Das Festival ist keine geschlossene Veranstaltung. Die Bühne schafft gezielt Sichtbarkeit, der Zuschauerraum bleibt offen. Crocianelli fasst die Idee in drei Worten zusammen: „Die Menschen lernen.“
Sie erzählt von Männern, die nach Shows am Merch stehen und begeistert über Bands sprechen, die sie zuvor nicht kannten. Von einem Publikum, das hart mosht und trotzdem darauf achtet, wer Platz braucht. Von Menschen, die bei anderen Veranstaltungen vielleicht nicht selbstverständlich nebeneinanderstehen würden.
Gero beschreibt eine Atmosphäre, in der Rücksicht Teil des Abends ist. Wer nach vorne geht, darf sich bewegen, springen und moshen. Gleichzeitig bleibt im Blick, wer danebensteht. Die Härte der Musik muss darunter nicht leiden.
Gerade darin liegt ein wesentlicher Gedanke des Festivals: Menschen müssen nicht voneinander getrennt werden, damit unterschiedliche Bedürfnisse im selben Raum Platz haben. Gero und Giulia wollen gemeinsam feiern. Mit Menschen verschiedenen Geschlechts, Alters und unterschiedlicher Szenebiografien. Ein guter Pit lebt ohnehin davon, dass die Menschen einander darin wahrnehmen.
FEMALE FRONTED IS NOT A GENRE: Warum das SO36 Teil der Geschichte ist
Dass das Festival im SO36 stattfindet, ist deshalb mehr als nur eine praktische Entscheidung.
Der Kreuzberger Club gehört seit Jahrzehnten zu den Fixpunkten von Punk und Hardcore in Berlin. Gero arbeitet dort selbst; Giulia verbindet mit dem Laden Shows großer und kleiner Bands, Erinnerungen und jene typischen Konzertabende, an denen man einen Act vor wenigen hundert Menschen entdeckt und zwei Jahre später in einer deutlich größeren Halle wiedersieht.
Ein Club bringt sein eigenes Publikum mit. Seine Netzwerke. Seine Geschichte. Und Erwartungen daran, wie ein Abend dort aussehen kann.
Das hilft auch kleineren Bands im Line-up. Ein Teil des Publikums kommt vielleicht zunächst wegen des SO36, wegen einer anderen Band oder schlicht, weil der Laden seit Jahren zum eigenen Konzertleben gehört. Und geht anschließend mit einem neuen Namen nach Hause.
2026 verlässt FEMALE FRONTED IS NOT A GENRE erstmals Berlin. Die Verbindung nach Hannover entstand beinahe beiläufig: Bei einer Preisverleihung lernte Gero einen Booker des Kulturzentrums Faust kennen. Sie erzählte von ihrem Festival. Einige Wochen später meldete er sich mit der Frage, ob man das nicht auch in Hannover machen könne. Inzwischen gibt es Interesse aus weiteren Städten.
Vielleicht wächst daraus irgendwann eine kleine Tour. Entscheidend ist zunächst etwas anderes: Ein Format wandert weiter, weil Menschen in anderen Clubs darin etwas erkennen, das auch für ihre eigene Szene funktionieren könnte.
Wenn Geschlecht zur weniger interessanten Information wird
Vielleicht zeigt sich darin am klarsten, wohin FEMALE FRONTED IS NOT A GENRE eigentlich möchte.
Das Festival begann mit einer Zuschreibung, die bis heute Bestand hat. Es reagiert darauf mit Sichtbarkeit, mit Booking, mit anderen Selbstverständlichkeiten auf und vor der Bühne. Gleichzeitig wäre der interessante Endpunkt gerade der Moment, in dem all das weniger erklärungsbedürftig wird.
Dann geht jemand wegen der Band zum Merch, weil die Show gut war. Eine Schlagzeugerin sitzt hinter ihrem Kit, ohne dass ihre Anwesenheit bereits als Aussage gelesen wird. Ein Techniker wird nicht automatisch als kompetenter als seine Kollegin angesehen. Im Pit fliegt weiterhin jemand quer durch die Gegend – und merkt doch rechtzeitig, wer neben ihm steht.
Vielleicht liegt die Vision des Festivals genau dort: in einer Szene, in der mehr Menschen selbstverständlich Platz haben, ohne dass jedes Mal darüber gesprochen werden muss.
Bis dahin darf der Name ruhig widersprüchlich bleiben. FEMALE FRONTED IS NOT A GENRE. Und irgendwann ist das Geschlecht der Person am Mikrofon, an der Gitarre oder hinter dem Schlagzeug vielleicht einfach die langweiligere Information.
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Diana Heinbucher




















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