Open Air mit Kindern
Dong Open Air als perfekter Einstieg

Konzertbericht

Konzert vom 18.07.2026 | Halde Norddeutschland, Neukirchen-Vluyn

Schon normaler Urlaub mit Kindern bedeutet doppelt so viel Gepäck und halb so viel Schlaf. Wie extrem muss es dann erst sein, wenn der Nachwuchs zum ersten Mal ein Metal-Festival besucht? Das Dong Open Air auf dem „Mount Moshmore“ in Neukirchen-Vluyn gilt seit Jahren als besonders familienfreundlich und somit als guter Startpunkt. Manche Kinder im Alter unserer Siebenjährigen sind dort längst alte Hasen. Wir wollten herausfinden, wie gut sich echtes Festival-Feeling und Familienausflug verbinden lassen.

Idyllisch auf einer begrünten Halde gelegen, bietet das Festival mit nur einer Bühne, kurzen Wegen und rund 4.000 Besucher:innen nahezu ideale Bedingungen für den ersten Metal-Ausflug mit Kind.

Das erste Festival beginnt zu Hause

Damit veränderte sich auch die Packliste. Neben Zelt, Schlafsack und Isomatte gehören plötzlich Ohrschützer, das Lieblingskopfkissen, Kinderzahnpasta, Feenspray gegen Ziepen beim Haarebürsten und mindestens ein Spiel für Wartezeiten – in diesem Fall „Dobble“ – zum Gepäck. Andere Eltern hatten eine Spielekiste dabei. Ein Open Air mit Kind ist nicht einfach ein Festival mit einem Rucksack mehr, sondern eine völlig andere Disziplin.

Menschen mit Kindern vor der Schulpflicht oder aus einem anderen Bundesland sind im Vorteil. Denn: In Nordrhein-Westfalen endet das Schuljahr erst am Freitag, dem zweiten Festivaltag. Für den Hauptautor dieser Zeilen ist erst mal „normales Festival“ angesagt, weil Mama die Tochter erst nach Schulschluss nach Neukirchen-Vluyn bringt. So wartet statt einer Zeltbaustelle bereits ein fertig eingerichtetes kleines Festival-Zuhause. Andere Kinder haben mehr Glück: Alex und Saskia waren vor einem Jahr schon als Familie vor Ort und die Kinder wollten unbedingt schon am ersten Tag dabei sein. Eine glückliche Kindheit hat, wer Eltern hat, die am nächsten Morgen früh aufstehen und den Schulbesuch mit einem über einstündigen Shuttle-Trip sicherstellen.

Auch hinter der Bühne viel Herz für Familie

Und noch ein bisschen glücklicher wird diese Kindheit vielleicht, wenn Mama und Papa eine Mitarbeiter-Parkerlaubnis für den Haldenring organisieren konnten. Die mittelschwere Wanderung auf den Berg hat zwar Tradition, wird aber nicht gerade geschmeidiger, wenn sich noch zwei bis drölf Kinder mit auf den Bollerwagen setzen. Als Verantwortlicher für den metal.de-Stand lernt Alex mit seinem Dong-erprobten Nachwuchs in diesem Jahr erstmals die Mitarbeitendenperspektive kennen. Hier folgen also ein paar Gastautorenzeilen zum Dong als Helfer:in mit Kind:

Mit dem Auto bis an den Rand des Campgrounds steuern zu dürfen ist definitiv einer der größten Vorzüge. Aber auch im Backstage-Betrieb schlägt das Herz für Familie. Neben dem Getränkestand für Mitarbeitende findet sich ein Schaustellerwagen mit Bällebad und Mini-Indoorspielplatz. Onkel Basti am Eingang der Artist Area zückt mindestens drei Mal am Tag eine Ladung Wassereis aus dem Kühler und natürlich kann die Sprite an der Bar auf zwei Becher aufgeteilt werden.  Ein kurzer Blick in die Runde zeigt: Crew mit Kindern ist hier nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Die Kurzen sind einfach überall mittendrin dabei, entspannt und selbstverständlich. Anders würde sich eine von vielen Freiwilligen getragene Veranstaltung wie das Dong wohl auch nicht realisieren lassen, sobald die langjährigen Helfer anfangen, Familien zu gründen.

So ist es vielleicht nicht ganz treffend, das Dong als familienfreundlich zu bezeichnen. Vielmehr wird hier die Basis der Szene gelebt: Wenn du Lust auf die Musik hast und mit uns feiern willst, bist du willkommen. Im Zweifel auch mit Windelpo. Auf der Halde glitzern Seifenblasen, leuchten LED-Blumenkränze und es bilden sich Kinder-Circlepits zu „Julia und die Räuber“ am Rande des Gedränges, in die sich auch der eine oder andere kinderlose Gast mit Hingabe hineinstürzt. Alex‘ Fünfjährige kostet das voll aus und lässt sich zu AMORPHIS mit ihrer Freundin über die Menge tragen. Erstes Mal Crowdsurfing: Check! Schade nur, dass der Wecker am nächsten Morgen schon um kurz vor sechs klingelt. Der große Bruder und die mitgereisten Freunde müssen wie erwähnt zum letzten Schultag gefahren werden. Erneut ein Hoch auf den Mitarbeiter-Parkausweis! Während die Schulkinder übermüdet und staubig in die Turnhalle zur Jahresabschlussfeier einziehen, begeht unser Hauptautor den ersten Tag mit Kind:

Krach schlägt Melodie

Ein wenig schade ist es, dass die Kleine den Donnerstag verpasst. Gerade der Co-Headliner SUBWAY TO SALLY wäre ein schöner Einstieg gewesen. Der tanzbare Folk Metal der Potsdamer ist zugänglich und „Blut, Blut, Räuber saufen Blut” erklingt ohnehin regelmäßig aus väterlicher Kehle. Das einmal gemeinsam live zu erleben, hätte gut gepasst.

Auch die ersten Bands am Freitag bleiben zunächst ein Solo-Erlebnis. HOLD YOUR GROUND hätten mit ihrer Mischung aus Hardcore und Punk sowie dem angenehm räudigen Gesang vermutlich offene Ohren gefunden. Krach funktioniert erstaunlich oft besser als Melodie. Das zeigt sich auch bei anderen Festival-Kids. Die zweijährige Melanie war mit gerade einmal sieben Wochen zum ersten Mal dabei und erlebt jetzt ihren dritten Besuch. Für eine Lieblingsband sei sie zwar noch zu jung, doch die Vorlieben seien eindeutig, erklärt ihre Mutter: „MESHUGGAH kommt bei ihr deutlich besser an als HEAVYSAURUS.“

Ob das Kind bei VORGA erfreut gewesen wäre, ist nicht bekannt. Der eigenen Tochter hätte der atmosphärische Black Metal sicherlich gefallen und auf dem Dong Open Air 2026 hat die Band sicherlich neue Freund:innen hinzugewinnen können.

Ankommen auf dem Mount Moshmore

Kurz vor dem Auftritt von NIGHT IN GALES ist endlich die Zusammenführung von Vater und Tochter. Der Weg vom Parkplatz hinauf wäre per Shuttle angenehmer und zweifelsfrei kinderfreundlicher gewesen, aber ein Festival kann man sich auch als Kind verdienen. Als die ersten Zelte in Sicht kommen, werden die Augen jedenfalls groß und das Abenteuer kann endlich beginnen.

Zwischen dem Mischpult und der Merch-Area haben die Dong-Macher:innen ein kleines Areal als „Duck Pit“ abgegrenzt. Die dort losgetretene Schaumparty ist zwar längst vorbei, doch der zurückgebliebene Schaum reicht völlig aus, um sofort einen Anziehungspunkt zu schaffen. GOLDSMITH rauschen daher eher vorbei. Ganz anders die GRAILKNIGHTS: Die Superheldenkostüme fallen sofort ins Auge und der Power Metal geht direkt ins Ohr.

Hier zeigt sich die erste große Veränderung gegenüber einem Festival ohne Kinder. Die Running Order ist plötzlich keine To-do-Liste mehr, sondern nur noch eine Orientierung. Nur Erwachsene verfolgen bewusst Konzerte. Kinder hingegen sitzen lieber im Sand am Rand des Infields, spielen oder ziehen mit einer Wasserpistole los.

Familien sind hier willkommen

Dass die Metal-Community dafür erstaunlich viel Verständnis hat, zeigt der kleine Ben. Er buddelt am Cocktailstand im Sand, spielt mit Wasserbomben (gestiftet vom Team des Cocktailstandes) und sorgt eher für Schmunzeln als für genervte Blicke. Wer trocken bleiben möchte, sagt dem Jungen das – was er auch akzeptiert. Seine Mutter Jenny wollte im vergangenen Jahr nur testen, ob ihrem Sohn das Festival überhaupt gefällt. Für ihn stand am Abend die Entscheidung fest: „Ich will hier zelten!” Eine Campingausrüstung hatten sie dafür allerdings nicht dabei. Das spielte jedoch keine Rolle. Bekannte halfen ihnen spontan mit einem Ersatzzelt, Schlafsäcken, Isomatten und sogar Windeln aus. Seitdem kennt Ben nur eine Frage: „Wann fahren wir wieder aufs Dong?“

Die gleiche Selbstverständlichkeit zeigte sich wenig später exemplarisch am Getränkestand. Zwei Kuttenträger machen dem gleichzeitig angekommenen Vater-Kind-Gespann von sich aus Platz: „Kinder gehen vor.“ Das gilt zwar nicht immer, auch Kids müssen das Warten lernen, zeigt aber den Spirit des Festivals.

Das Kind bestimmt das Tempo

Wie treffend der Satz „Kinder gehen vor“ ist, zeigt sich später bei SATYRICON. Die Norweger spielen routiniert auf. Als die ersten Takte von „Mother North” erklingen und für einen Flashback in die eigene Jugend sorgen, ertönt die Ansage: „Papa, ich muss auf die Toilette.” So ist das halt. Egal, welcher Song gerade läuft – die Bedürfnisse des Kindes sind wichtiger. Abgesehen von der grundsätzlichen Verantwortung zahlt das auch auf die Zukunft ein: Wenn am Anfang der kindliche Spaß obsiegt, steht ein paar Jahre später vielleicht das gemeinsame Headbangen in der Front Row an. Praktisch, dass Festivals inzwischen deutlich komfortabler geworden sind. Die Spültoiletten vor dem Infield erleichtern den Kindern den Einstieg in das Abenteuer Metal-Festival erheblich.

Der Headliner SKINDRED flutscht dann nahezu komplett durch. Irgendwann sind Zwerge mal müde, und das Reizdauerfeuer aus Menschen, Musik und Licht gibt es im Alltag selten bis nie. Während die walisische Reggae-Metal-Band dem Vernehmen nach nicht nur ordentlich abrockt, sondern auch für beste Stimmung sorgt, steht wenige hundert Meter Luftlinie Zähneputzen an. So ist das halt. Die Freiheit eines Metal-Festivals zeigt sich aber auch hier und für Kinder. Niemand muss sofort ins Bett. Stattdessen endet der erste Abend auf der Wiese am Rand des Campgrounds: aneinandergekuschelt Sterne schauen, bevor der Schlafsack ruft.

Nudel-Romantik und Rücksicht

Der Samstag ist der erste echte Festivaltag von morgens bis nachts. Schon beim Frühstück zeigt sich, dass auf einem Festival andere Regeln gelten. Während die Kinder in den Nachbarzelten begeistert Nudeln mit Hartkäse aus dem Streuer essen, muss für die eigene Tochter eine Alternative her. Die Fertigmischung mit Tomatensauce einer bekannten Marke wäre zu Hause niemals ein Frühstück. Auf dem Dong Open Air schmeckt sie dagegen hervorragend. Festival bedeutet eben auch Abenteuer.

Auf dem Campingplatz wird schnell deutlich, warum das Dong Open Air unter Familien einen so guten Ruf genießt. Als in unserer Gruppe vier Kinder zwischen fünf und acht Jahren eintreffen, boten die Zeltnachbarn sofort an, auf einen kurzen Hinweis ihre laute Musik sofort runterzudrehen: „Sag Bescheid, wenn es zu viel wird.“ Rücksichtnahme ist hier keine Pflicht, sondern selbstverständlich. Genau das hat auch Jan überzeugt. Im vergangenen Jahr war er zum ersten Mal allein auf dem Dong Open Air. Die entspannte und familiäre Atmosphäre gefiel ihm so gut, dass er diesmal seinen Sohn Theo mitbrachte.

Indirekter Netflix-Support für SYNSNAKE

Mit Kind verschiebt sich zwangsläufig auch der Blick auf die Running Order. GOATFATHER hätten mit ihrem staubigen Stoner Rock perfekt zum heißen Wochenende gepasst. Stattdessen geht es über den Campingplatz. Der Nachwuchs möchte das Gelände erkunden – und genau darum geht es jetzt. Erst später bleibt Zeit für die letzten Songs von GANGRENA GASOSA aus Brasilien. SEPULTURA haben auf „Roots“ offenbar nur angedeutet, wie tief Tribal Metal tatsächlich gehen kann. Vor allem das ungewöhnliche Outfit von Sänger Omulú sorgt für neugierige Blicke.

Noch besser funktioniert anschließend SYNSNAKE. Die Südkoreaner geben auf dem Mount Moshmore ihr Deutschland-Debüt. Daheim hat der Netflix-Hit „KPop Demon Hunters“ offensichtlich gute Vorarbeit geleistet: Die eingängigen Gesangslinien von Frontfrau Serah Oh bilden den perfekten Bezugspunkt. Von Kinder- oder gar Popmusik ist der „K-Popcore“ allerdings weit entfernt und auch für Erwachsene bestens geeignet. Die schneidenden Gitarren und speziell das Screaming von Sungmin Cho sorgen für genügend Reibungsfläche.

Huckepack am Moshpit

Nachdem bislang immer am Rand, von hinten oder vom schattenspendenden Radio-Bob-/Metal.de-Zelt neben der Bühne gelauscht wurde, geht es bei IMPUREZA direkt an den Rand des Moshpits. Das Kind auf den Schultern hat beste Aussicht auf die Meute vor der Bühne und erst recht auf die Band, die von einer Tänzerin unterstützt wird. Der spanische Death Metal mit Flamenco-Elementen macht derweil den Papa glücklich. Tatsächlich schüttet beides zusammen – mit dem Kind live fantastischen Death Metal zu hören – eine Menge Glückshormone aus. Auch finden sich solche Paare immer wieder bei den Auftritten und es ist ein fantastisches Gefühl, dass niemand wegen einer versperrten Sicht meckert. Vielmehr gibt es positive Signale in Richtung des Kindes, statt Selfies bieten sich andere Gäste für deutlich bessere Fotos an und einmal wird auch eine Dose Seifenblasen nach oben gereicht.

Später sorgt der Zwerg für noch mehr Glücksgefühle: Während die alten Helden der vergleichsweise jungen Band BONDED eher ignoriert werden, sind die portugiesischen (Post-)Black-Metaller von GAEREA eine weitere Entdeckung – die in Teilen für ein Déjà-vu sorgt. Erneut schüttet Musik ordentlich Glücksgefühle aus, aber dieses Mal steuert das Kind von sich aus den Papa direkt zum Moshpit. Das muss beim ersten Mal wohl einen extrem positiven Eindruck hinterlassen haben. Beim Co-Headliner OVERKILL lässt die Kurze danach zwar die Chance zum Crowdsurfen aus, aber andere Kinder haben sich das getraut. So erzählt Boris stolz von seinem achtjährigen Sohn, der sich erst am Nachmittag zum ersten Mal von der Menge tragen ließ: „‚Beim ersten Mal bin ich noch mitgelaufen, beim dritten Mal habe ich nur noch zugeschaut.‘“

Ihr Versprechen auf eine riesengroße Badeente erfüllen ALESTORM als Headliner und Abschluss des Festivals gleich mehrfach – mit der großen Ente auf der Bühne und mindestens einer Ente, die auch als Crowdsurfer ihr Glück versucht. Die Kurze ist angesichts des langen Tages zwar mittlerweile stehend k.o., will aber nicht ins Zelt, damit Papa das Konzert sehen kann. Da darf man ruhig mal ein Tränchen vor Rührung ob dieser Fürsorge verdrücken, muss sich aber dennoch durchsetzen. Das Sterneschauen fällt denn auch aus.

Rückkehr wahrscheinlich

Am Ende bleibt ein Eindruck, der sich erst durch die Praxis erschließt: Ein Metal-Festival funktioniert auch mit Kind – und das erstaunlich gut. Gerade beim Dong Open Air zeigen die überschaubare Größe, die kurzen Wege und die entspannte Atmosphäre, wie viel Druck das nimmt. Unterm Strich zählt weniger die perfekte Running Order als das Gesamterlebnis. Das war nicht der letzte Festivalbesuch, auch wenn das aus kindlicher Sicht mehr ein Zelturlaub war. Denn: „Kommen wir nächstes Wochenende mit Mama wieder?“

08.08.2026

From the Underground and Below

Interessante Alben finden

Auf der Suche nach neuer Mucke? Durchsuche unser Review-Archiv mit aktuell 38634 Reviews und lass Dich inspirieren!

Nach Wertung filtern ▼︎
Punkten
Nach Genres filtern ►︎
  • Black Metal
  • Death Metal
  • Doom Metal
  • Gothic / Darkwave
  • Gothic Metal / Mittelalter
  • Hardcore / Grindcore
  • Heavy Metal
  • Industrial / Electronic
  • Modern Metal
  • Off Topic
  • Pagan / Viking Metal
  • Post-Rock/Metal
  • Progressive Rock/Metal
  • Punk
  • Rock
  • Sonstige
  • Thrash Metal

Kommentare