Episode 6: Zwischen Underground und Vermächtnis

Special

Erfolg um jeden Preis war für ASP nie das Ziel. In der sechsten und letzten Episode unserer Podcast-Reihe spricht der Musiker über künstlerische Unabhängigkeit, die Mechanismen der Musikindustrie, den Rückzug von den Festivals 2026 – und darüber, weshalb am Ende weder Charts noch Spektakel zählen, sondern die Momente zwischen Band und Publikum.

„Rebellion gehörte immer dazu.“ Wenn ASP auf die Anfänge seiner Band zurückblickt, klingt das zunächst nach jenen Rock’n’Roll-Erzählungen, die irgendwann selbst zum Klischee wurden. Bei ihm meint Rebellion allerdings weniger eine Pose als vielmehr ein Prinzip. Musik müsse zuerst aus einem eigenen künstlerischen Impuls entstehen und nicht aus der Frage, welche Strategie gerade Reichweite verspricht.

Genau dort liegt der rote Faden der sechsten und letzten Folge unserer Podcast-Reihe: zwischen Kunst und Geschäft, Unabhängigkeit und Erfolg, dem Wunsch nach Reichweite und der Weigerung, sich ihr unterzuordnen. ASP formuliert das ungewöhnlich klar: Erst entsteht das Album, danach die Frage, wie sich Menschen dafür begeistern lassen. Nicht umgekehrt. Würde er Themen und Musik stromlinienförmiger gestalten, ließe sich vielleicht ein größeres Publikum erreichen. Doch dann, sagt er, verliere das Ganze seine Seele.

ASP: Unabhängigkeit als Überlebensstrategie

Das Bild vom ewigen Außenseiter bekommt allerdings Risse, sobald eine Band nachts vor Zehntausenden in Wacken steht oder Festivals headlined. ASP weiß um diesen Widerspruch. Sein Erfolg sei nicht aus Anpassung entstanden, sondern „trotz allem“. Gerade darin liege für ihn sein Wert.

Diese Haltung hat bei ASP längst konkrete wirtschaftliche Konsequenzen. Die Band betreibt ihren eigenen Shop, verkauft dort ihre Veröffentlichungen und verkauft teilweise auch Tickets selbst und versucht, möglichst viele Wege zwischen Künstler und Publikum nicht an Plattformen oder Dienstleister abzugeben. Das ist nicht nur Idealismus. Es ist auch eine Überlebensstrategie.

Denn Unabhängigkeit bedeutet für ASP nicht, außerhalb aller wirtschaftlichen Zusammenhänge zu stehen. Im Gegenteil: Ein eigener Shop verursacht Kosten, Versandpreise steigen, und die Risiken bleiben bei der Band. Entscheidend ist etwas anderes: Wer die Infrastruktur selbst kontrolliert, kann auch entscheiden, wie er mit den Menschen umgeht, die diese Musik überhaupt tragen.

ASP spricht an einer Stelle von „Kunden“ und korrigiert sich beinahe sofort: Hörer, Fans, Menschen. Genau darin steckt viel von seinem Verständnis dieses Projekts. Zwischen Band und Publikum soll möglichst wenig liegen. In dieser Logik spielen Charts kaum eine Rolle. Eine Platzierung sei eine Woche später vergessen und sage ohnehin immer weniger darüber aus, wie intensiv sich Menschen tatsächlich mit einer Platte beschäftigen. ASP interessiert eine andere Vorstellung deutlich mehr: Jemand nimmt sich einen Abend Zeit, hört das neue Album bewusst, vielleicht mit Tee oder Wein, und lässt Musik und Geschichte wirken.

Das klingt beinahe anachronistisch in einer Branche, die Aufmerksamkeit zunehmend in Sekunden misst. Vielleicht ist es gerade deshalb konsequent.

Mehr denn je: Tonträger als kulturelle Infrastruktur

Dabei führt ASP keine nostalgische Schlacht Analog gegen Digital. Streaming als Technik lehnt er grundsätzlich nicht ab. Seine Kritik richtet sich gegen die Machtverhältnisse dahinter, also gegen Unternehmen, die den Zugang zur Musik kontrollieren, während jene, die sie erschaffen, wirtschaftlich immer weniger davon haben.

Der physische Tonträger erhält vor diesem Hintergrund eine Bedeutung, die über die Vinylromantik hinausgeht. Wer heute eine CD, Platte oder Kassette kauft, ermöglicht damit auch, dass solche Formate überhaupt weiter produziert werden können. Sinkende Auflagen treiben die Herstellungskosten nach oben. Dadurch verschwinden irgendwann nicht nur die Produkte, sondern auch die Möglichkeit für jene, denen Artwork, Gestaltung und das bewusste Erleben eines Albums wichtig sind.

ASP fordert deshalb auch die Musiker selbst zum Umdenken auf: Wenn ihnen physische Veröffentlichungen etwas bedeuten, müssten sie diese sichtbarer feiern, statt ihre Kommunikation beinahe ausschließlich auf Streamingplattformen auszurichten.

Ähnlich pragmatisch fällt sein Plädoyer für den vermeintlich altmodischen Newsletter aus. Soziale Netzwerke entscheiden algorithmisch, welcher Beitrag überhaupt noch beim Publikum landet. Eine E-Mail-Adresse schafft dagegen einen direkten Kanal.

Oder wie ASP es trocken auf den Punkt bringt: Man löscht schließlich auch nicht die Telefonnummer seiner Freunde, nur weil man sie auf Instagram kennt.

Braucht ASP einen Elefanten auf der Bühne?

Am deutlichsten wird die Spannung zwischen künstlerischem Anspruch und Branchenlogik beim Thema Festival. ASP spielen 2026 bewusst keine Festivals. Einerseits braucht es Zeit für neue Songs und für die Arbeit am kommenden „Turm“-Zyklus. Andererseits steckt hinter der Pause auch eine grundsätzliche Frage.

Festivals verlangen von ihren Headlinern immer häufiger Exklusivität, spezielle Programme und besondere Inszenierungen. Das ist aus Veranstaltersicht nachvollziehbar: Wer Publikum gewinnen will, muss Gründe schaffen, gerade dieses Festival zu besuchen. Für Bands entsteht daraus jedoch eine Spirale des „schneller, höher, weiter“.

ASP beschreibt, wie viel Arbeit einzelne Festivalshows inzwischen verursachen können. Neue Setlisten, Proben, Specials, Effekte, Gäste. Das führt dazu, dass eine Handvoll Festivalauftritte beinahe so aufwendig werden können wie eine Tournee. Zeit, die beim Schreiben neuer Musik fehlt.

Und irgendwann, erzählt er mit gewohnt trockenem Humor, wache man morgens auf und denke: „Wir brauchen einen Elefanten auf der Bühne.“

Genau dort zieht ASP die Grenze. Nicht, weil die Inszenierung grundsätzlich falsch wäre. ASP-Konzerte waren nie für demonstrative Nüchternheit bekannt. Aber wenn das Spektakel zum Selbstzweck wird, droht es jene Sache zu überdecken, um die es eigentlich geht: Songs, Energie, Menschen. Selbst eine hohe Festivalgage verliert ihren Reiz, wenn sie anschließend vollständig in Pyrotechnik fließt, nur um das nächste Level an „Wow“ zu erreichen. Deshalb die Pause. Eine Saison ohne dieses Wettrüsten, dafür eine Tour, bei der der Kern wieder deutlicher im Vordergrund stehen soll.

Neugierig bleiben für die Magie der Welt

Stillstand bedeutet diese Entscheidung nicht. Im Gegenteil. ASP arbeitet an neuer Musik und am „Turm“, hält gleichzeitig seine kreative Neugier bewusst am Leben. Durch neue Bands, Bücher, Kunst und Menschen.

Wenig romantisch ist die Inspiration dabei beschrieben. Neugier braucht keine permanente Reizüberflutung. Eher das Gegenteil. ASP versucht, seinen eigenen Social-Media-Konsum zurückzufahren. Zu vieles dort macht ihn nicht klüger, sondern lediglich aufgeregter. Stattdessen will er sich wieder stärker vertiefen: in ein Buch, ein Gemälde, ein Gespräch.

Das passt erstaunlich gut zu allem, was ASP in dieser Folge über Musik sagt. Gegen die Beschleunigung setzt er Konzentration. Gegen Reichweitenlogik Beziehung. Gegen die permanente Sichtbarkeit: die Entscheidung, auch einmal etwas nicht zu tun.

Selbst beim Thema Künstliche Intelligenz landet er deshalb weniger bei der Technologie als beim Menschen. Wenn KI Arbeit abnehme, um mehr Raum für Kreativität, Sprache und Kunst zu schaffen, könne sie einen Zweck erfüllen. Dass ausgerechnet die kreativen Tätigkeiten zuerst automatisiert werden sollen, erscheint ihm dagegen absurd.

Sein Bild dazu ist bitter und ziemlich treffend: Am Ende putzen die Menschen die Toiletten, während eine KI Bilder und Musik erzeugt und womöglich eine andere KI sie konsumiert.

ASP: Was bleibt?

Für das Ende einer sechsteiligen Reise liegt die Frage nach dem Vermächtnis nahe. ASP beantwortet sie wesentlich unsentimentaler, als man es vom Erzähler großer Zyklen vielleicht erwarten würde.

Natürlich kennt er den künstlerischen Wunsch, mit Songs und Geschichten etwas zu hinterlassen. Gleichzeitig macht er sich keine Illusionen über die eigene Bedeutung. Wenn seine Werke auch in Zukunft noch jemandem etwas geben, würde ihn das freuen. Wenn nicht, bleiben trotzdem all jene Momente, die bereits stattgefunden haben.

Konzerte. Begegnungen. Menschen, die ihm erzählt haben, was ein Song für sie bedeutet. Augenblicke auf der Bühne, in denen spürbar wurde, dass Musik gerade etwas mit jemandem macht.

Vielleicht läuft genau hier alles zusammen, worüber diese Podcast-Reihe gesprochen hat. Die Zyklen und Geschichten, die Sprache, die Bühne, Krisen, Neuanfänge, Kunst und Geschäft: Am Ende steht bei ASP immer wieder die Verbindung zwischen Menschen.

Ab Ende September kehrt die Band mit der „Mehr denn je“-Tour auf die Bühne zurück. Und der Titel passt erstaunlich gut zu diesem Schluss. Denn so sehr ASP über Strukturen, Plattformen und wirtschaftliche Abhängigkeiten nachdenkt, findet für ihn Musik ihren eigentlichen Zweck nicht in Zahlen, Algorithmen oder Auszeichnungen, sondern dort, wo sie gemeinsam erlebt wird: in der Begegnung zwischen Band und Publikum!

„Live kommen wir zusammen“, sagt ASP am Ende!

Episode 1: Geschichten in Zyklen

Episode 2: Die Magie des Moments

Episode 3: Brüche, Krisen und Neuanfänge

Episode 4: Die Alchemie des Wortes

Episode 5: Klang und Stimme im Laufe der Zeit

Galerie mit 12 Bildern: Asphagor - Walpurgisnacht 2025 Vol. 4 in Berlin
Quelle: Interview ASP 7.2.26
30.08.2026

Musik ist mehr als Klang: Sie erzählt von Leben, Leidenschaft, Aufbruch und Ankommen. Sie ist Kunst: roh, echt und einzigartig. Ihre Bedeutung entfaltet sich im Resonanzraum zwischen uns und der Welt. Come as you are!

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