Reload Festival 2026
Heißes Wetter, heiße Bands, heiße Stimmung

Konzertbericht

Billing: Judas Priest, In Flames, Arch Enemy, Lamb Of God, Airbourne, Godsmack, Black Label Society, Alestorm, Avatar, The Ghost Inside, Thy Art Is Murder, Imminence, Paleface Swiss, Amorphis, Thrown, Orbit Culture, Kim Dracula, Soulfly, Dead By April, Perturbator, Stick To Your Guns, Agnostic Front, Terror, Fit For An Autopsy, Northlane, Dominum, Vengaboys, Future Palace, Deafheaven, Kittie, Gaerea, Thundermother, ZSK, Vended, From Fall to Spring, Alien Ant Farm, Signs of the Swarm, Gutalax, Misery Index, Self Deception, Allt, Broken By The Scream, 100 Kilo Herz, Excrementory Grindfuckers, Cytotoxin, Luna Kills, Inhuman Nature, Vulvarine, Wrestlemaniacs, Dead Phoenix und Heartless Human Harvest
Konzert vom 13.08.-15.08.2026 | Festivalgelände, Sulingen

Im Verlauf der vergangenen Jahre hat sich das Reload Festival in Sulingen zum prestigeträchtigen Festival mittlerer Größe gemausert. Mit ungefähr 20.000 Besucher:innen ist es im Vergleich zum Wacken Open Air überschaubar und liegt knapp unter Rockharz-Niveau. Trotzdem treten namhafte Headliner auf der großen Bühne auf. In diesem Jahr finden sich JUDAS PRIEST als Highlight ein, flankiert von zwei wiederkehrenden Gästen in Form von ARCH ENEMY und IN FLAMES. Doch auch in den unteren Reihen gibt es mit DEAD BY APRIL, ZSK oder AMORPHIS ein spannendes, breit gefächertes Bandangebot.

Zweites Standbein eines Festivals sind die Aktivitäten abseits der Konzerte – und auch da hat das Reload Festival viel zu bieten. Vom Kettenkarussell über das nahe gelegene Freibad bis zur Kooperation mit dem lokalen Edeka-Center, das per Bimmelbahn zu erreichen ist, gibt es viel, das die Gäste beschäftigt hält.

Reload Festival 2026 – die Bandhighlights am Donnerstag

Das Programm ist seit 2025 auf drei Tage vor der Hauptbühne ausgeweitet – vorher wurde am Donnerstag nur die kleinere Plaza Stage bespielt. Als wir unsere geschundenen Knochen am ersten Konzerttag aus dem Zelt schälen, bewegen wir den Kadaver am frühen Nachmittag zu SELF DECEPTION. Wir wollen während des Gigs schnell ein Shirt kaufen, doch aus schnell wird leider nichts, sodass wir das komplette Konzert am Merchstand hören. Was wir hören, deckt sich ungefähr mit dem Sound, den wir auf „One Of Us“ serviert bekommen.

Wir bleiben bei gutem Wetter und einem leckeren Cocktail-Slush noch für ZSK stehen und sind überrascht, wie gut die Punk-Rock-Recken sind. Vielleicht hätte man deren Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren näher verfolgen sollen, denn der Gig heute ist arschtight. Sehr stabil sind natürlich die Lyrics, und Songs wie „Ein Sommer Ohne Nazis“ und „Alle Meine Freunde“ sind eine Wohltat für alle, die noch geradeaus denken können.

Nach einer Pause im Camp schauen wir uns ORBIT CULTURE an, die ihre Wucht von der Platte nicht komplett auf die Bühne übertragen können. Die Musiker sind allerdings sehr sympathisch. Umso mehr Wucht haben dafür LAMB OF GOD, die den Headliner-Teil des Abends einläuten. Die Gruppe um Randy Blythe hat ihr neues Album „Into Oblivion“ am Start und präsentiert neben dessen Singles auch ein schniekes Best-of-Set, das im obligatorischen „Redneck“ mündet. Spätestens ab jetzt braucht man eine Staubmaske, denn trockenes Gelände sowie Circle- und Moshpits verwandeln das Reload-Infield in eine Wüste.

Viele sind gespannt, wie sich Lauren Hart als Frontfrau von ARCH ENEMY macht, und den Job füllt sie heute Abend voll aus. Sie ist nicht ganz so agil unterwegs wie ihre Vorgängerin, doch die Screams, Growls und die Interaktion mit dem Publikum sitzen. Sehr schön ist zudem, dass die Gruppe viele Tracks aus der Gossow-Ära in der Setlist hat, die in den vergangenen Jahren nicht dabei waren. Trotzdem stellt sich nach gut einer Stunde eine gewisse Müdigkeit ein, und wir hauen uns hin, um für Freitag fit zu sein.

Der Freitag mit JUDAS fuckin‘ PRIEST

Während viele aus unserem Camp nach dem Motto „Aufsteh’n ist schön und dann erstmal bei GUTALAX kräftig kacken gehen!“ zu leben scheinen, schlafen wir aus und gehen erstmal duschen. Diese hält zwar nur den Weg vom Duschcamp – hier „Shit City“ genannt – bis zu unserem Camp, weil es schon wieder gefühlte 666 Grad hat, aber hey – man tut, was man kann.

Wir versorgen uns daher mit Eiswürfeln und ein paar Getränken, bevor wir uns DEAD BY APRIL anschauen. Die Herren sind diesen Sommer viel auf Festivals unterwegs, und die Show heute auf dem Reload gleicht der vom Free For All Festival vor gut einem Monat, was sie nicht weniger gut macht. ALESTORM haben anschließend die übliche Party-Setlist samt überlebensgroßer aufblasbarer Enten am Start. Wir schauen uns ein paar Lieder an und stellen fest, dass wir dafür noch nicht betrunken genug sind, da die alten Epen ohnehin wieder fehlen.

Heute gibt es ohnehin nur eine Band, bei der alle vor der Bühne stehen müssen, denn JUDAS PRIEST geben sich die Ehre auf dem ehemals kleinen Provinzfestival. Die Briten haben den Heavy Metal geprägt wie kaum eine zweite Band und liefern im Rahmen ihrer „Faithkeepers“-Tour heute Abend eine Lehrstunde darin, warum kaum eine andere Gruppe auf dem heutigen Line-up da wäre, wo sie ist, wenn es Bands wie PRIEST nicht gäbe.

Frontmann Rob Halford ist zwar etwas hüftsteif – was für seine 76 Lenze vollkommen okay ist – und die ganz hohen Töne klingen nicht mehr wie auf den Aufnahmen aus den 80er-Jahren, doch instrumental ist alles großartig, und auch der Gesang ist zu 95 Prozent grandios. Es gibt viele Klassiker zu hören, doch auch die neueren Alben sind bei JUDAS PRIEST nicht nur eine Tour lang präsent. Spätestens als der obligatorische „Painkiller“ über den Reload-Acker schallt, stellen wir fest, dass wir nicht würdig sind.

Halford verabschiedet sich nach dem letzten Song „Living After Midnight“ kurz mit „We’re JUDAS fuckin‘ PRIEST and we will be back!“ und alles, was wir dazu zu sagen haben, ist: JA, BITTE!

Noch einmal Gas geben am Samstag

Wir schütteln im Zelt kurz den Kopf, als wir feststellen, dass aus unserem Camp mehr Leute zu den VENGABOYS als zu JUDAS PRIEST gehen, und dösen noch ein wenig weiter. Nichts gegen den Auftritt der Pop-Band, aber das hätte um 1 Uhr nachts als Tagesabschluss, wenn alle richtig schön die Lampen anhaben, noch besser gepasst.

Wir gehen zu den SLIPKNOT-Sprösslingen VENDED vor und stellen fest, dass die Gruppe manche Elemente der Papis übernimmt, insgesamt aber zahmer zu Werke geht. Dafür machen Dr. Dead und seine Zombies von DOMINUM wieder richtig Laune. So langsam wird einem klar, warum der eingängige Melodic Power Metal der Band ihren Bekanntheitsgrad so schnell hat steigen lassen. Klar, das ist alles durchchoreografiert, aber auch sympathisch.

Wir lassen uns von MISERY INDEX verprügeln, die neben den Songs ihrer letzten drei Alben auch ein neues Lied am Start haben, und schauen kurz bei FUTURE PALACE rein, deren Performance stark von der Sängerin Maria Lessing profitiert. Spannender sind aber GAEREA, die ihren Post-Black-Metal in den letzten Jahren immer mehr mit modernen Spielereien und Core-Anleihen garniert haben. Dementsprechend spielen sie fast nur Songs ihres aktuellen Albums „Loss“, was etwas schade ist, weil auch die alten Songs der Maskenmänner aus Portugal etwas können. Dennoch wirken die schwarzen Farbtupfer, und das Reload könnte gerne ein, zwei Black-Metal-Bands mehr vertragen.

Nach einer Essenspause machen wir uns bereit für den Endspurt und sind bei GODSMACK wieder vor der Bühne. Die Amerikaner haben mit „Lighting Up The Sky“ zwar ihr letztes Album veröffentlicht, hören aber nicht auf zu touren. Wir sagen: Zum Glück, denn der Auftritt heute ist bärenstark und liefert neben einem Best-of-Set inklusive Hits wie „Awake“ und „Straight Out Of Line“ auch ein furioses Drum-Duell zwischen Sully Erna und Mike Mangini, für das extra ein zweites Drumkit auf die Bühne gefahren wird.

AMORPHIS könnten auf der Nebenbühne etwas mehr Publikum vertragen, geben sich jedoch freundlich und professionell. Neben Klassikern wie „Black Winter Day“ und „House Of Sleep“ steht natürlich das aktuelle Werk „Borderland“ im Fokus.

Anschließend beenden IN FLAMES das Reload Festival 2026 in mehrerlei Hinsicht mit einem Knall. Nicht nur, dass sie mit „Colony“ als Opener starten – generell ist die Setlist gespickt mit Highlights. „Cloud Connected“ und „Only For The Weak“ sind noch vorhersehbar, aber „The Quiet Place“ und „The Chosen Pessimist“ gehören schon eher zu den selteneren Cuts. Als dann „Artifacts Of The Black Rain“ von „The Jester Race“ ansteht, sollten viele Old-School-Herzen im Takt hüpfen. Anders Fridéns Gesang ist heute on point, und auch die Screams sitzen. Die Lightshow ist sehr gut, auch wenn die Stroboskop-Effekte manchmal etwas überhandnehmen.

Zum Abschluss des Konzerts gibt es ein riesiges Feuerwerk, und der musikalische Teil des Reload Festivals ist Geschichte.

Was ging abseits der Bands auf dem Reload?

Wer gerade keine Lust auf Musik hat, kann sich neben der Druckbetankung im Camp noch auf andere Weise beschäftigen. Auf dem Reload-Vorplatz gibt es ein Kettenkarussell, diverse Fressbuden, ein Partyzelt und die Radio-Bob-Bühne, auf der man allerlei Devotionalien gewinnen kann. Morgens kann man dort Yoga machen, bevor im Zelt ein reichhaltiges Frühstück auf einen wartet.

Wer ein wenig laufen mag, kommt schnell in die Sulinger Innenstadt, wo es ein Freibad gibt, das bei den heißen Temperaturen der Festivalwoche für Abkühlung sorgt. Zudem gibt es im großen Edeka-Center alles, was das Herz begehrt. Wer nicht laufen will, kann auch auf die Reload-eigene Bimmelbahn warten, die einen dort gratis hinfährt.

Was das Reload Festival ausmacht, ist, dass die Veranstalter schnell auf Kommentare und Anmerkungen während des Festivals reagieren. So stocken sie die Wasserstellen auf dem Infield auf, verteilen gratis Mund-Nasen-Schutzmasken gegen den Staub und haben die Anreise im Vergleich zum Vorjahr deutlich verbessert. Zudem sind Allergene besser gekennzeichnet, und das Getränkeangebot ist reichhaltig. Nur Cider fehlt leider noch.

Kann man Kritik äußern? Ja, aber diese hält sich im Rahmen. Auf manchen Campgrounds ist am Frühanreisetag Mittwoch die Dixi-Situation etwas prekär, oder anders ausgedrückt: Wer GUTALAX-Feeling haben will, musste nicht bis Freitag warten. Ab Donnerstag hatte sich das Problem erledigt, doch ein paar mehr Mobiltoiletten wären nicht verkehrt. Wer Bier trinkt, könnte über die US-Brause schimpfen, die hier teilweise im Verkauf ist.

Unterm Strich ist das Reload Festival für seine aktuelle Größe jedoch eines der angenehmsten Festivals der Republik. Das Line-up für 2027 ist abseits der inflationären Callboy-Pandemie – die Gruppe macht Spaß, aber nächstes Jahr spielen sie gefühlt überall – auch wieder eigenständig und vielseitig, sodass wir die Reise nach Sulingen im kommenden Jahr sicher wieder antreten.

30.08.2026

Redakteur für alle Genres, außer Grindcore, und zuständig für das Premieren-Ressort.

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