
Kein Metal, aber...
...für Metalheads vielleicht trotzdem interessant. - Teil 2
Special
LAMBRINI GIRLS

Lambrini Girls – Credit: Jessie Morgan
Metal sind LAMBRINI GIRLS nun wirklich nicht. Leise, zurückhaltend oder besonders massenkompatibel allerdings ebenso wenig. Wer seine Musik gerne wütend, dreckig und konfrontativ mag und kein Problem damit hat, wenn einem dabei auch textlich ordentlich vor den Kopf gestoßen wird, dürfte mit dem Punk-Duo aus Brighton ziemlich schnell warm werden.
Phoebe Lunny und Selin Macieira-Boşgelmez haben sich innerhalb weniger Jahre von der britischen Clubszene auf große Festivalbühnen gespielt. Dass LAMBRINI GIRLS dabei ausgerechnet in einem „Kein Metal, aber …“-Special landen, fühlt sich trotzdem nur bedingt nach einem musikalischen Ausflug in fremde Gefilde an. Verzerrter Bass, sägende Gitarren, Geschrei und ausreichend Energie für den nächsten Moshpit: Zumindest beim Krachpegel müssen Metalheads hier kaum Abstriche machen.
LAMBRINI GIRLS sind angepisst – und zwar ziemlich
Bereits die 2023 veröffentlichte EP „You’re Welcome“ machte deutlich, dass LAMBRINI GIRLS Punk nicht bloß als musikalische Ästhetik verstehen. Transfeindlichkeit, sexualisierte Gewalt, toxische Männlichkeit und Missstände innerhalb der eigenen Musikszene: Lunny und Macieira-Boşgelmez haben einiges, worüber sie sich aufregen können.
Mit ihrem Debütalbum „Who Let The Dogs Out“ trieben sie dieses Konzept 2025 auf die Spitze. Schon Songtitel wie „Big Dick Energy“, „Filthy Rich Nepo Baby“ oder „Scarcity Is Fake (Communist Propaganda)“ machen wenig Hoffnung darauf, dass hier irgendjemand diplomatisch um den heißen Brei herumreden möchte.
„Bad Apple“ nimmt Polizeigewalt ins Visier, „Company Culture“ beschäftigt sich mit Sexismus und Belästigung am Arbeitsplatz und „Big Dick Energy“ zerlegt toxische Männlichkeit und männliches Anspruchsdenken. Dazwischen finden aber auch persönlichere Themen Platz. „Nothing Tastes As Good As It Feels“ behandelt Essstörungen, während „No Homo“ queere Beziehungen mit genau der Mischung aus Verletzlichkeit und trockenem Humor angeht, die bei LAMBRINI GIRLS immer wieder zwischen all dem Gebrüll hervorblitzt.
Das könnte alles schrecklich belehrend geraten. Tut es aber erstaunlich selten. Statt erhobenem Zeigefinger gibt es Sarkasmus, schwarzen Humor und vorzugsweise einen musikalischen Tritt gegen das Schienbein.
Punk für den Moshpit
Musikalisch lässt sich das Ganze irgendwo zwischen Punk, Noise Rock und Riot-Grrrl-Attitüde verorten. Der Bass klingt gerne so, als wolle er die Boxen eigenhändig auseinandernehmen, darüber schrammt die Gitarre und Lunny wechselt zwischen Singen, Schreien und einer Form des Vortrags, die permanent kurz davor scheint, endgültig zu eskalieren.
Vor allem live ergibt das Sinn. LAMBRINI GIRLS gehören zu diesen Bands, bei denen die Grenze zwischen Bühne und Publikum eher als unverbindlicher Vorschlag verstanden wird. Ihre Shows sind chaotisch und körperlich, gleichzeitig legt die Band großen Wert darauf, dass sich Menschen im Publikum sicher fühlen können.
Und vielleicht liegt genau hier die größte Verbindung zum Metal. Nicht, weil LAMBRINI GIRLS besonders metallisch klingen würden. Sondern weil die besten Momente der Band dieselbe körperliche Wirkung entfalten wie ein verdammt gutes Hardcore- oder Thrash-Konzert: Man möchte nicht still danebenstehen und anerkennend mit dem Kopf nicken. Man möchte irgendwo reinlaufen.
Dass LAMBRINI GIRLS inzwischen auch auf Festivals auftauchen, auf denen zwischen Punk, Hardcore und Metal ohnehin niemand mehr besonders streng die Genregrenzen kontrolliert, überrascht entsprechend wenig.
Keine Rückerstattung
Stillstand scheint dabei ebenfalls nicht vorgesehen zu sein. Nach „Who Let The Dogs Out“ steht bereits das nächste Kapitel an: Am 15. Januar 2027 erscheint mit „No Refunds“ das zweite Album. Und wenn die bislang veröffentlichten Stücke einen Hinweis darauf geben, dürfte die Stimmung kaum versöhnlicher werden.
Diesmal nehmen sich LAMBRINI GIRLS unter anderem Faschismus, den Aufstieg künstlicher Intelligenz, reproduktive Rechte und die sogenannte Manosphere vor. Allein Titel wie „Don’t Talk To Me Until I’ve Had My Abortion“, „White Man’s World“ oder „Is This AI?“ lassen erahnen, dass das Duo auch auf Album Nummer zwei nicht plötzlich beschlossen hat, es allen recht machen zu wollen.
Muss man LAMBRINI GIRLS deshalb mögen? Natürlich nicht. Die Band ist laut, anstrengend, politisch, vulgär und mitunter bewusst unangenehm. Aber genau das gehört zum Reiz.
Wer beim Metal vor allem die Energie, den Widerstandsgeist und die Lust am gepflegten Krach schätzt, findet hier möglicherweise mehr davon als bei mancher Band, die sich fünf verschiedene Metal-Subgenres ins Presseinfo schreibt.
Kein Metal also. Aber ziemlich sicher Musik für Leute, denen es gelegentlich gar nicht laut, wütend und unbequem genug sein kann.
(Alana Vandekerkhof)
Galerie mit 15 Bildern: Koenix – Hörnerfest 2023

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Die Spitz ist eine meiner persönlichen Entdeckungen des Jahres und Emma Ruth Rundle holt mich sowieso mit jedem Album aufs Neue ab.