



Mit dem Wort „Soundchaser“ hat RAGE-Mastermind Peter „Peavy“ Wagner einen wunderbar vielseitigen Begriff gefunden: für ein Studioalbum (2003), eine Kompilation (2014) und eine Biografie (2024). Letztere liegt nun auch als ungekürztes, rund achtstündiges Hörbuch vor, eingesprochen von der jüngst verstorbenen Ruhrpott-Ikone Ralf Richter. Wer die Zeit zum Lesen nicht findet, aber dafür welche zum Zuhören, kann hier auf eine Zeitreise gehen, die neben der Bandgeschichte en passant Einblicke in die Musikindustrie und den Zeitgeist der 1960er- und 1970er-Jahre gewährt.
„Soundchaser“ beginnt lange vor RAGE
Nach dem Vorwort von Wacken-Gründer Holger Hübner steigt Peavy mit einem Prolog ein, der als Knalleffekt eine Anekdote aus Argentinien platziert und den Bogen vom emotionalen Wacken-Auftritt mit Orchester 2019 bis zum ersten spontanen Konzert seines Lebens spannt.
Danach wird es chronologisch, und Peavy beginnt bei seinem eigenen Werdegang. Das geistige Klima der damals noch vergleichsweise jungen Bundesrepublik – Wagner ist Jahrgang 1964 – scheint dabei ebenso durch wie die Lebensbedingungen im Ruhrgebiet, das damals noch das industrielle Herz Deutschlands war: Der Erziehungsstil ist aus heutiger Sicht mit „streng“ noch milde beschrieben, saubere Wäsche wurde beim Trocknen draußen schwarz und Peavy litt unter Pseudokrupp.
RAGE im Wandel des Metal-Geschäfts
Aus vier Jahrzehnten RAGE und zuvor den ersten musikalischen Gehversuchen bei DARK LIGHTS gibt es naturgemäß viel zu berichten. Dabei entfaltet sich ein Ritt durch die deutsche Heavy-Metal-Geschichte, der nebenbei zeigt, wie sehr sich das Geschäft verändert hat. Ja, Major Labels wie BMG (Bertelsmann) haben wirklich mal als Joint-Venture ein Metal-Label mitgegründet – in dem Fall GUN Records mit RAGE als erstem Zugpferd. Und, ja, für deutsche Metal-Bands war Japan früher wirklich eine Reise wert – heute ist es für die meisten nur ein Kostenblock.
Dabei werden keineswegs nur Erfolge abgefeiert, auch Konflikte spart Peavy nicht aus: Er beleuchtet unschöne Seiten des Business, schwierige Erfahrungen mit Plattenfirmen wie Noise Records sowie turbulente Trennungen und Besetzungswechsel – etwa rund um Manni Schmidt, das „Black In Mind“-Line-up oder Victor Smolski und Mike Terrana. Statt schmutzige Wäsche zu waschen oder nachzutreten, versucht Wagner, auch die Perspektiven der anderen Beteiligten zu verstehen.
Kleine Details statt Gossip
So eng sein eigenes Leben mit RAGE verbunden ist, bleibt „Soundchaser“ dabei dennoch mehr als eine reine Bandchronik. Beziehungen und andere private Themen kommen vor, ohne dass die Biografie in Gossip abgleitet. Reizvoll sind zudem die vielen beiläufig eingestreuten Details. Mehrfach verwendet Peavy die Formel „bis heute“, wenn er auf langjährige Weggefährten zu sprechen kommt – etwa Chris Efthimiadis, den er bereits in der Grundschule kennenlernte. Nebenbei ergänzt sein Rückblick auch die Werdegänge anderer Musiker: Man erfährt beispielsweise, von wem Spiros Efthimiadis seine erste Gitarre bekam oder dass Victor Smolski schon Jahre vor seinem Einstieg bei RAGE als Option im Raum stand.
Ralf Richter trifft den Ton für „Soundchaser“
Einmal von der MP3-CD rübergezogen, vergeht die Zeit auch etappenweise wie im Flug. Denn „Soundchaser“ erzählt nicht nur von RAGE und Peavy Wagner, sondern nebenbei auch davon, wie aus ein paar langhaarigen Außenseitern im industriellen Ruhrgebiet eine deutsche Heavy-Metal-Szene entstand. Die Kombination aus Ralf Richters leicht schnoddriger Ruhrpott-Aussprache und Peavys gemeinsam mit Co-Autor Timon Menge in Form gebrachter Lebensgeschichte erweist sich als Glücksfall. Richter trifft einen Ton, der Wagners Biografie eine passende Kante verleiht.

Torsten Meierhöfer



























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