Kein Metal, aber...
...für Metalheads vielleicht trotzdem interessant. - Teil 2
Special
Was soll das heißen „kein Metal“? Das geht doch nicht, wir sind doch hier bei „metal.de“! Kaum zu fassen, aber wahr. Schon vor zwei Jahren haben sich erstmals diverse Mitglieder aus unserer Redaktion geoutet. Öffentlich und ohne rot zu werden gaben sie zu, nicht ausschließlich dem Metal die Treue zu halten, sondern unerhörter Weise gelegentlich mit anderen Musikrichtungen fremdzugehen. Und als wäre das nicht schon unverfroren genug, ließ man diesem Geständnis zu allem Überfluss auch noch eine Liste mit genrefremden Techtelmechteln folgen, um so möglicherweise auch andere unbedarfte Metal-Fans zum lüsternen Blick über den Tellerrand zu bewegen.
Aber wisst ihr was? Wir bereuen nichts! Und daher haben wir hier erneut ein kleines Kompendium an Bands und Musikschaffenden zusammengestellt, die den Metal-Kosmos musikalisch oft nur am Rande und manchmal auch gar nicht tangieren, die wir aus verschiedenen Gründen aber dennoch als möglicherweise interessant für ein aufgeschlossenes Metal-Publikum halten. Also dann, los geht’s!
DIE SPITZ
KOENIX
LAMBRINI GIRLS
MEPHISKAPHELES
EMMA RUTH RUNDLE
SOLITARY EXPERIMENTS
THE IRON ROSES
JESSIE WARE
WEEN
DIE SPITZ
„Die Bart, die!“ Wer sich noch an die Simpsons-Folge erinnert, in der Barts Nemesis Sideshow Bob versucht, eine mehr als bezeichnende Tätowierung mit fehlerhaftem Deutsch zu erklären, könnte vermuten, dass der Bandname DIE SPITZ auf ein ähnliches Missverständnis zurückzuführen ist. Ob es sich hier tatsächlich um eine humoristisch eingedeutschte Version von „The Spits“ handelt oder ob es „Die Spitze“ heißen sollte, bleibt unklar.
Vier Texanerinnen mit einem Hang zum Chaos
Denn die vier Anfang 20jährigen Texanerinnen aus Austin, die hinter dem etwas sonderbaren Bandnamen stecken, haben durchaus einen gewissen Hang zum Chaos und nehmen sich selbst nicht immer ganz ernst. DIE SPITZ, das sind Eleanor Livingston (Gesang, Gitarre), Ava Schrobilgen (Gesang, Gitarre, Schlagzeug), Kate Halter (Bass) und Chloe de St. Aubin (Schlagzeug, Gesang, Gitarre). Livingston und Schrobilgen kennen sich seit der Vorschule, mit Kate Halter freundeten sie sich in der Mittelschule an und Chloe de St. Aubin stieß später als ursprüngliche Social-Media-Bekanntschaft dazu. 2022 entschloss sich das Quartett nach einer abendlichen Sichtung des MÖTLEY CRÜE-Films The Dirt schließlich dazu, eine Rock-Band zu gründen und DIE SPITZ waren geboren.
Mit gleich drei Sängerinnen, die sich in Stil und Timbre übrigens deutlich voneinander unterscheiden, sind DIE SPITZ an dieser Front schon recht breit aufgestellt. Und auch die Musik gestaltet sich mindestens so abwechslungsreich, um nicht zu sagen sprunghaft, wie die Aufstellung der Band selbst. Dass DIE SPITZ „kein Metal“ sein sollen, ist dabei etwas geflunkert. Metal ist allerdings nur eine Zutat im kunterbunten Soundbild der Texanerinnen, welches seine Wurzeln im Punk und Hardcore hat, wobei sich DIE SPITZ aber ausdrücklich nicht als reine Punk-Band verstehen.
DIE SPITZ legen den Rock’n’Roll-Begriff weit aus
Das wäre auch zu kurz gegriffen, denn daneben wird sich bei Grunge, Pop Punk, Doom, Sludge, Hard Rock und etlichen weiteren Subgenres zeitgenössischer Gitarrenmusik bedient, ohne dass sich das Quartett dabei sonderlich um Genre-Grenzen schert. Die Band selbst zitiert so unterschiedliche Einflüsse wie TITLE FIGHT, DEFTONES, PJ HARVEY, MUDHONEY und NIRVANA, aber auch OZZY OSBOURNE, BLACK SABBATH und IRON MAIDEN.
Das von Ava Schrobilgen unglaublich räudig gebellte „Hair Of Dog“ lässt aber zumindest vermuten, dass auch Lemmy kein Unbekannter ist und das von Eleanor Livingston kämpferisch intonierte „Throw Yourself To The Sword“ glänzt mit einem der fettesten Sludge-Riffs seit DOWNs „Bury Me In Smoke“. Chloe de St. Aubin wiederum frontet häufig (aber nicht nur) grungiges Material wie das melancholische „Punishers“.
Jetzt mag man sich fragen, ob eine solche Stilvielfalt nicht zu einem ziemlich zerfahrenen Hörerlebnis führt. Auf zwei starken EPs und dem 2025er Debütalbum „Something To Consume“ zeigen DIE SPITZ leichtfüßig, dass dies mitnichten der Fall ist. Denn obwohl die Truppe fröhlich durch die Subgenres wechselt und dabei über weite Strecken auf Ohrenschmeichelei und klassisches Chart-Material pfeift, entwickelt sich ein unwiderstehlicher Flow und DIE SPITZ haben zu jeder Zeit einen Wiedererkennungswert, der sich eigentlich nur mit gutem Songwriting und einem blinden Verständnis untereinander erklären lässt.
Dabei stimmt zudem der künstlerische Anspruch, der sich neben der Musik auch auf die visuelle Präsentation erstreckt. Statt lahmen Visualizern haben DIE SPITZ in ihrer noch jungen Karriere schon eine Vielzahl unterhaltsamer und teils hochgradig skurriler Musikvideos veröffentlicht, die nicht nur sehenswert sind, sondern denen man den Spaß der Musikerinnen beim Dreh auch förmlich ansieht.
Haltung, Humor und künstlerischer Anspruch
Nicht unerwähnt bleiben sollen auch die Inhalte. Female Empowerment und weibliche Selbstbestimmung gehören zum zentralen Selbstverständnis von DIE SPITZ. Das kann mit positiven Vibes wie bei „Riding With My Girls“ einhergehen, oder auch maximal konfrontativ wie bei „Groping Dogs Gushing Blood“. Der Umgang mit Frauen in der Unterhaltungsindustrie wird basierend auf persönlichen Erfahrungen in „American Porn“ beleuchtet. Doch nicht nur dem Patriarchat sagen DIE SPITZ den Kampf an; sie sprechen sich grundsätzlich gegen Unterdrückung und für die Unterstützung marginalisierter Gruppen aus. Trotz der inhaltlichen Nähe zu Riot-Grrrl-Bewegung und Auftritten im Vorprogramm von L7 verstehen sie sich aber nicht als Riot-Grrrl-Band. Andere Texte wiederum beschäftigen sich mit Themen wie Sucht, Konsumverhalten und toxischen Beziehungsdynamiken („Punishers“), während es etwa bei „A Strange Moon/Selenophilia“ auch einfach mal um reine Weltflucht gehen darf.
Fassen wir also zusammen: DIE SPITZ sind eine hungrige junge Band, die den Rock’n’Roll-Begriff weit auslegt und dabei Haltung mit Humor und künstlerischem Anspruch verbindet. Davon, dass die vier Frauen zudem jede Menge Spaß in den Backen haben, kann man sich am besten bei einer ihrer hochenergetischen Live-Shows überzeugen. Denn DIE SPITZ sind seit ihrer Gründung ständig irgendwo auf Tour und haben es auch schon auf europäische Bühnen geschafft. DIE SPITZ are going places!
(Hans Völkel)
KOENIX
KOENIX aus der Schweiz zählen nicht zu den ganz großen Acts der Folk- und Mittelalterszene, dürften aber für die metallische Meute mit einer Affinität zu folkloristischen Klängen interessanter sein als die aktuellen Headliner-Bands mit ihrem Fokus auf Partymusik.
KOENIX existieren seit 2008 und setzen in ihrer Anfangszeit puristisch auf die heimische Mundart. Das Debüt nennt sich „Us Em Gjätt (Di Tribendi Musig Us Em Mittelalter)“ und die Tracks zum Beispiel „D’Kutschejagd“ oder „Vårvindar Friska“. Es geht um die mittelalterliche Musik aus der Schweiz inklusive der sehr speziellen Instrumente. Sackpfeifen oder Trumscheit sind nicht unbekannt. Aber was sind Darabuka oder Tschembe?
Stammgast sind KOENIX in Visby, Schweden. Hier findet die jährlich Mittelalterwoche statt, wo es um Folk aus verschiedenen Regionen der Welt geht, garantiert ohne Coverversionen von SCOOTER. Das bereits erwähnte „Vårvindar Friska“ passt nahezu perfekt zu dem schwedischen Festival:
Puristischer Ansatz und Ritual Folk auf dem Wacken Open Air
Auf dem Wacken Open Air waren KOENIX ebenfalls und brachten dort gleiche eine ganze Tanzgruppe mit, wo spätestens Vergleiche in Richtung der bekannten Nordic-Ritual-Folk-Bands sich anbieten.
Der Erfolg von VERSENGOLD oder MR. HURLEY & DIE PULVERAFFEN veranlassten KOENIX zu einer Anpassung ihres Sounds. Zum einen setzt die Truppe nicht mehr nur auf die Schweizer Mundart und dazu sind die Stücke eingängigerer und deutlich angepasster als die verschrobenen Folksachen der frühen Jahre. „Imagonomanie“ ist ein gutes Beispiel für den Wandel, wobei KOENIX auch 2026 weit entfernt von den bekannten Party- und Klamauk-Bands sind.
Ganz aktuell gibt es ein neues Album Namens „Andertal“, wo unter anderem der angesprochene Track „Imagonomanie“ zu finden ist, dazu aber auch Sachen die deutlich mehr im Folk beheimatet sind wie „Gletscherfee“ oder „Ke Troum“. Der Wandel zu mehr Eingängigkeit und einen deutlichen Schritt weg von den Anfängen setzt die Truppe aber konsequent fort.
Nicht nur für Mittelalter-Fans interessant
Wer könnte sich für KOENIX interessieren? Einmal die Fraktion rund um IN EXTREMO und Co, die sich im Folk- und Mittelalter tummeln. Aber auch die Fanbase von HEILUNG sollte vor allem in die frühen Sachen von KOENIX reinhören. Die Qualität von HEILUNG hat die Truppe aus der Schweiz nicht, glänzt dafür mit einem puristischen Ansatz und dem Bezug zum Mittelalter in den Bergen. Derartige Musik gibt es nicht an jeder Straßenecke. Live klingen KOENIX so:
Beim Stichwort Liveshows kommen wir zu einem Problem, welches nicht nur KOENIX haben. Von der Musik können die Menschen vor und auf der Bühne nicht leben, sodass es sich bei KOENIX um ein Freizeitprojekt handelt. Wer in Süddeutschland wohnt hat zum Beispiel die Chance kurz vor Weihnachten im Backstage in München oder in Wintherthur zu Halloween als Unplugged-Konzert. Im Norden sind KOENIX 2027. Auf dem Hörnerfest in Brande-Hörnerkirchen, zwischen Hamburg und Wacken gelegen, sind KOENIX gern gesehene Gäste. Auf der kleinen Bühne sind die Spielleute bereits mehrfach zu erleben gewesen und werden dort am 26. Juni 2027 erneut auftreten.
(Jürgen Fenske)
LAMBRINI GIRLS
Metal sind LAMBRINI GIRLS nun wirklich nicht. Leise, zurückhaltend oder besonders massenkompatibel allerdings ebenso wenig. Wer seine Musik gerne wütend, dreckig und konfrontativ mag und kein Problem damit hat, wenn einem dabei auch textlich ordentlich vor den Kopf gestoßen wird, dürfte mit dem Punk-Duo aus Brighton ziemlich schnell warm werden.
Phoebe Lunny und Selin Macieira-Boşgelmez haben sich innerhalb weniger Jahre von der britischen Clubszene auf große Festivalbühnen gespielt. Dass LAMBRINI GIRLS dabei ausgerechnet in einem „Kein Metal, aber …“-Special landen, fühlt sich trotzdem nur bedingt nach einem musikalischen Ausflug in fremde Gefilde an. Verzerrter Bass, sägende Gitarren, Geschrei und ausreichend Energie für den nächsten Moshpit: Zumindest beim Krachpegel müssen Metalheads hier kaum Abstriche machen.
LAMBRINI GIRLS sind angepisst – und zwar ziemlich
Bereits die 2023 veröffentlichte EP „You’re Welcome“ machte deutlich, dass LAMBRINI GIRLS Punk nicht bloß als musikalische Ästhetik verstehen. Transfeindlichkeit, sexualisierte Gewalt, toxische Männlichkeit und Missstände innerhalb der eigenen Musikszene: Lunny und Macieira-Boşgelmez haben einiges, worüber sie sich aufregen können.
Mit ihrem Debütalbum „Who Let The Dogs Out“ trieben sie dieses Konzept 2025 auf die Spitze. Schon Songtitel wie „Big Dick Energy“, „Filthy Rich Nepo Baby“ oder „Scarcity Is Fake (Communist Propaganda)“ machen wenig Hoffnung darauf, dass hier irgendjemand diplomatisch um den heißen Brei herumreden möchte.
„Bad Apple“ nimmt Polizeigewalt ins Visier, „Company Culture“ beschäftigt sich mit Sexismus und Belästigung am Arbeitsplatz und „Big Dick Energy“ zerlegt toxische Männlichkeit und männliches Anspruchsdenken. Dazwischen finden aber auch persönlichere Themen Platz. „Nothing Tastes As Good As It Feels“ behandelt Essstörungen, während „No Homo“ queere Beziehungen mit genau der Mischung aus Verletzlichkeit und trockenem Humor angeht, die bei LAMBRINI GIRLS immer wieder zwischen all dem Gebrüll hervorblitzt.
Das könnte alles schrecklich belehrend geraten. Tut es aber erstaunlich selten. Statt erhobenem Zeigefinger gibt es Sarkasmus, schwarzen Humor und vorzugsweise einen musikalischen Tritt gegen das Schienbein.
Punk für den Moshpit
Musikalisch lässt sich das Ganze irgendwo zwischen Punk, Noise Rock und Riot-Grrrl-Attitüde verorten. Der Bass klingt gerne so, als wolle er die Boxen eigenhändig auseinandernehmen, darüber schrammt die Gitarre und Lunny wechselt zwischen Singen, Schreien und einer Form des Vortrags, die permanent kurz davor scheint, endgültig zu eskalieren.
Vor allem live ergibt das Sinn. LAMBRINI GIRLS gehören zu diesen Bands, bei denen die Grenze zwischen Bühne und Publikum eher als unverbindlicher Vorschlag verstanden wird. Ihre Shows sind chaotisch und körperlich, gleichzeitig legt die Band großen Wert darauf, dass sich Menschen im Publikum sicher fühlen können.
Und vielleicht liegt genau hier die größte Verbindung zum Metal. Nicht, weil LAMBRINI GIRLS besonders metallisch klingen würden. Sondern weil die besten Momente der Band dieselbe körperliche Wirkung entfalten wie ein verdammt gutes Hardcore- oder Thrash-Konzert: Man möchte nicht still danebenstehen und anerkennend mit dem Kopf nicken. Man möchte irgendwo reinlaufen.
Dass LAMBRINI GIRLS inzwischen auch auf Festivals auftauchen, auf denen zwischen Punk, Hardcore und Metal ohnehin niemand mehr besonders streng die Genregrenzen kontrolliert, überrascht entsprechend wenig.
Keine Rückerstattung
Stillstand scheint dabei ebenfalls nicht vorgesehen zu sein. Nach „Who Let The Dogs Out“ steht bereits das nächste Kapitel an: Am 15. Januar 2027 erscheint mit „No Refunds“ das zweite Album. Und wenn die bislang veröffentlichten Stücke einen Hinweis darauf geben, dürfte die Stimmung kaum versöhnlicher werden.
Diesmal nehmen sich LAMBRINI GIRLS unter anderem Faschismus, den Aufstieg künstlicher Intelligenz, reproduktive Rechte und die sogenannte Manosphere vor. Allein Titel wie „Don’t Talk To Me Until I’ve Had My Abortion“, „White Man’s World“ oder „Is This AI?“ lassen erahnen, dass das Duo auch auf Album Nummer zwei nicht plötzlich beschlossen hat, es allen recht machen zu wollen.
Muss man LAMBRINI GIRLS deshalb mögen? Natürlich nicht. Die Band ist laut, anstrengend, politisch, vulgär und mitunter bewusst unangenehm. Aber genau das gehört zum Reiz.
Wer beim Metal vor allem die Energie, den Widerstandsgeist und die Lust am gepflegten Krach schätzt, findet hier möglicherweise mehr davon als bei mancher Band, die sich fünf verschiedene Metal-Subgenres ins Presseinfo schreibt.
Kein Metal also. Aber ziemlich sicher Musik für Leute, denen es gelegentlich gar nicht laut, wütend und unbequem genug sein kann.
(Alana Vandekerkhof)
MEPHISKAPHELES
Beim Black Metal stehen alle meist rum. Und Glen Benton wird auch nicht jünger. Mindestens daher gebührt MEPHISKAPHELES Dank. Die Musik der vielköpfigen Ska-Truppe aus New York geht nämlich im Namen des dunklen Herrn gar teuflisch ins Bein. Zugegeben: Klanglich derart weit vom Metal entfernte Musik auf unserer Seite zu erwähnen, das mag als skandalös betrachtet werden und als digitale Papierverschwendung. Aber: Alben von MEPHISKAPHELES heißen eben „God Bless Satan“ und „Maximum Perversion“.
Ska! Skandalös?
Inhaltlich brennt da also nichts an außer den Seelen der Rechtschaffenen. Musikalisch gehören die Herren um Sänger Andre A. „The Nubian Nightmare“ Worrell zu den Wegbereitern der sog. Third Wave des Ska. Der Anteil an Punk Rock ist jedoch gering, die verzerrte Gitarre hält sich zumeist im Hintergrund. Im Vergleich zu den frühen ruppigen Ausbrüchen der MIGHTY MIGHTY BOSSTONES beispielsweise klingen MEPHISKAPHELES insgesamt deutlich traditioneller.
Das macht im Verbund mit den unheiligen Texten aber gerade den Reiz der Band aus. Zwar vermittelt der Gesang auch abseits der Inhalte immer mal wieder eine latente Gefährlichkeit. Eine besondere Phrasierung hier, ein eindringliches Flüstern da – damit man sich nicht zu sehr in Sicherheit wiegt. Wenn man dann noch von einigen dezent noisigen Jazz-Schleifen ganz weit weg von John Zorn absieht, scheint hier musikalisch aber schon die Sonne, während dem Gehörnten gehuldigt wird.
Man kann also breit grinsend zu „Doomsday“ ungelenke Gute-Laune-Pirouetten aufs Parkett legen ohne im Mindesten mit der Welt versöhnt zu sein. Man kann sich ja auch nicht immer nur anschreien lassen. Und die Sonne scheint hier, so viel sei versichert, wirklich äußerst unfreundlich.
Die Sonne scheint hier unfreundlich
MEPHISKAPHELES haben seit der Gründung 1991 im East Village in New York City in wechselnder Besetzung insgesamt drei Alben und zwei EPs veröffentlicht. Sie sind mit den BUZZCOCKS getourt und haben für GWAR eröffnet. Zu empfehlen sind vor allem ihre eingangs genannten ersten beiden Alben aus den Neunzigern. Dass die noch beziehungsweise wieder aktive Band hierzulande die einschlägigen Clubs anzünden wird, erscheint unwahrscheinlich. Dass sie dein Herz entfacht und dein Tanzbein entfesselt, das nicht. Es sei denn, du hasstest Blechbläser UND Satan. Dann sind MEPHISKAPHELES für dich wahrscheinlich maximal im unteren Mittelfeld anzusiedeln. Aller Musikgruppen. Weltweit.
(Marek Protzak)
EMMA RUTH RUNDLE
Zwischen leisen Abgründen und schweren Gitarren
Wer viel Metal hört, landet früher oder später auch bei Musik, die sich abseits des Genres bewegt und dennoch vertraute Seiten anspricht. CHELSEA WOLFE oder Patrick Walker mit 40 WATT SUN zeigen, wie nah leise, persönliche Songs und schwere Gitarren einander sein können. Auch EMMA RUTH RUNDLE gehört für uns auch in dieses Umfeld. Ihre Musik besitzt eine Melancholie und Intensität, die viele von uns am Doom schätzen. Mit dem neuen Album „These Killing Times“ im Blick schauen wir auf ihren musikalischen Weg zurück.
Mehr als eine Singer/Songwriterin
Viele kennen Rundle vor allem durch ihre Soloplatten. Dabei lohnt sich auch ein Blick auf die Bands, in denen sie zuvor und parallel gespielt hat. Bei THE NOCTURNES verbindet sie Folk mit atmosphärischen Gitarren, bei RED SPAROWES ist sie Teil eines weitläufigen, instrumentalen Post-Rocks. Mit MARRIAGES bekommt schließlich auch ihre Stimme mehr Raum.
Gerade deren Album „Salome“ von 2015 könnte für diejenigen interessant sein, die Rundle bisher nur solo kennen. Shoegaze und Post-Punk treffen hier auf schwere Gitarren. Dass MARRIAGES mit RUSSIAN CIRCLES, DEAFHEAVEN und BORIS unterwegs waren, überrascht da kaum. Rundle hat ein aufgeschlossenes Metalpublikum also schon lange vor ihrer Zusammenarbeit mit THOU erreicht.
Auf ihren Soloplatten rückt sie näher an die eigenen Erfahrungen heran. „Some Heavy Ocean“ , „Marked For Death“ und „On Dark Horses“ erzählen von Verlust, Sterblichkeit und schwierigen Beziehungen. Die Musik reicht von zurückhaltenden Folkpassagen bis zu einem dichten Bandsound. Zusammengehalten wird sie von Rundles charakteristischer Stimme und einem Gespür dafür, wann ein Song mehr Lautstärke braucht und wann wenige Töne genügen.
Wer am Doom besonders die emotionale Seite liebt, dürfte sich hier schnell zurechtfinden. Auch in den leisen Momenten gibt Rundle ihren Themen viel Gewicht. Man braucht keine mächtigen Riffs, um sich von dieser Musik mitnehmen zu lassen – obwohl sie auch damit umzugehen weiß.
THOU, Roadburn und eine gemeinsame Idee
Wie gut das funktioniert, zeigt die Zusammenarbeit mit THOU. Ihre Entstehung gehört zu den spannenden Geschichten hinter Rundles Musik und erklärt zugleich, weshalb das Roadburn für sie eine besondere Bedeutung hat.
THOU waren dort 2019 als „Artist in Residence“ eingeladen und spielten mehrere unterschiedliche Sets. Eines davon bestritten sie gemeinsam mit Rundle. Beide Seiten schätzten die Musik des jeweils anderen schon länger und hatten eine Zusammenarbeit im Sinn. Das Festival und dessen Mitgründer und künstlerischer Leiter Walter Hoeijmakers gaben ihnen den konkreten Rahmen dafür. Ein gemeinsamer Auftritt stand im Kalender, aus einer Idee musste nun tatsächlich Musik werden.
Daraus entwickelte sich „May Our Chambers Be Full“, das 2020 erschien. Rundles Gesang und Bryan Funcks harsche Stimme begegnen sich über den tief gestimmten Gitarren von THOU. Dass beide Seiten auch Grunge und Alternative Rock nahestehen, hilft dieser Verbindung. Die melodischen und schweren Teile greifen ineinander, ohne dass jemand seine Eigenheiten aufgeben muss.
Wer THOU hört, findet hier einen naheliegenden Zugang zu Rundle. Umgekehrt lässt sich erleben, wie selbstverständlich ihr Gesang in dieser massiven Musik seinen Platz findet. Besonders „Ancestral Recall“ und das abschließende „The Valley“ laden dazu ein, sich länger mit dem gemeinsamen Album zu beschäftigen. Die Begleit-EP „The Helm Of Sorrow“ ergänzt 2021 weitere Stücke derselben Sessions, darunter eine Version von „Hollywood“ von THE CRANBERRIES. Auch diese Wahl passt zu den gemeinsamen Vorlieben.
Zurück in die Stille
Nach der Zusammenarbeit mit THOU erscheint „Engine Of Hell“ besonders ungeschützt. Rundle beschränkt sich auf Stimme, Klavier und akustische Gitarre und singt über Erinnerungen, Verlust und familiäre Erfahrungen. Wer gerade erst über THOU zu ihr gefunden hat, erlebt hier eine andere Seite. Die Musik lässt wenig Abstand zu den Geschichten, die sie erzählt, und kann gerade dadurch ziemlich schwer werden.
Auch dieses Album führt zurück zum Roadburn. Rundle spielt es dort 2022 vollständig; ein Jahr später erscheint der Mitschnitt als Livealbum. Für sie markiert der Auftritt den Abschluss eines Lebens- und Arbeitsabschnitts. Das Festival begleitet sie damit über sehr unterschiedliche Phasen hinweg und bietet sowohl der Sludge-Kooperation als auch diesen stillen Songs einen Platz.
Wer noch weiter in ihrem Werk stöbert, entdeckt neben dem Songwriting eine Vorliebe für Improvisation. Schon die Aufnahmen zu „Electric Guitar One“ entstehen während einer RED-SPAROWES-Tour im Tourbus. Unterwegs spielt Rundle auf einer kleinen Reisegitarre und hält die entstandenen Klangideen fest. Diese Lust am freien Spielen bleibt erhalten: „EG2: Dowsing Voice“ geht auf einen Aufenthalt in Wales zurück, während „Music From The Bella Vista“ ihre Gedichte mit Klavier und Feldaufnahmen verbindet. Für Hörer, die gern in Ambient und offenen Klangflächen verweilen, gibt es also ebenfalls einiges zu entdecken.
„These Killing Times“ und der Blick nach außen
Auf „These Killing Times“ kehrt Rundle 2026 zu kräftigen Gitarren und größeren Arrangements zurück. Nach der persönlichen Erinnerungsarbeit von „Engine Of Hell“ beschäftigt sie sich stärker mit gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Die Verletzlichkeit bleibt, doch sie sucht diesmal bewusster nach Verbindung und gemeinsamer Gegenwehr.
Dazu passt, dass sie Menschen einbezieht, mit denen sie teils seit Jahren verbunden ist. Bassist Troy Zeigler gehört zu ihren langjährigen Weggefährten; gemeinsam mit Jess Gowrie, die viele als Schlagzeugerin von CHELSEA WOLFE kennen, trägt er den Bandsound. Gina Gleason von BARONESS spielt auch in Rundles Liveband. Ihre Beteiligung an „Catherine Wheel“ ergibt sich somit aus einer Zusammenarbeit, die längst über das Studio hinausgeht.
Andere Gäste öffnen einzelne Songs in eine zusätzliche Richtung. Für das Saxofon von Patrick Shiroishi hatte Rundle beim Schreiben bereits Platz vorgesehen. Auf „Enough“ ist neben ihm DEAFHEAVEN-Sänger George Clarke zu hören, während die Folk-Musikerin Marissa Nadler den Gesang von „Oceans Of Time“ ergänzt. Besonders eng ist die Verbindung bei „Human Kindness“: Mit Bryan Funck kehrt eine vertraute Stimme von THOU zurück.
Das Album bietet entsprechend viel von dem, was Rundles Musik über die Jahre ausgemacht hat. „Anvil“ besitzt die dunkle Gitarrenwucht früherer Arbeiten, „Catherine Wheel“ zeigt ihre rockigere Seite. Dazwischen bleibt Platz für die Ruhe von „Don’t Delay Heaven“. Im ausgedehnten „Human Kindness“ kommen mehrere dieser Ansätze zusammen, ohne dass das Album wie ein Rückblick stehen bleibt.
Wer Rundle bisher nur dem Namen nach kennt, kann hier gut anfangen und sich von dort weiter durch ihr Werk hören. Vielleicht führt der nächste Schritt zu THOU, vielleicht zu „Marked For Death“ oder zu MARRIAGES. Für uns liegt der Reiz auch darin, dass diese Platten nach längeren Hörpausen wenig von ihrer Wirkung verlieren. Man kehrt zu ihnen zurück, erinnert sich an eine Stimme oder eine Melodie und findet schnell wieder hinein. Diese emotionale Nähe verbindet Rundles Musik über all ihre unterschiedlichen Formen hinweg.
(Oliver Schreyer)
SOLITARY EXPERIMENTS
Dass Gothic und Darkwave seit jeher mit Metal verwoben sind, zeigen die Line-ups von Festivals wie dem M’Era Luna oder dem Amphi Festival. Dennoch handelt es sich um unterschiedliche Genres und Subkulturen. Und genau wie bei unserer geliebten Gitarrenmusik gilt es, die Spreu vom glutenfreien Getreide zu trennen. SOLITARY EXPERIMENTS sind kein Metal, aber im Bereich Synth Pop und Future Pop ungeschlagene Meister. Dabei veröffentlichen sie im Schnitt nur alle fünf Jahre neue Musik und leben das Motto „Qualität statt Quantität“.
Von den EBM-Anfängen hin zum Future Pop
Die Anfänge der Berliner Band reichen bis zur Jahrtausendwende zurück: 1999 erscheint das Debütalbum „Final Approach“. Damals veröffentlichen viele deutsche oder deutschsprachige Bands dieses Genres ihre ersten Gehversuche. Genau wie bei Kollegen wie BLUTENGEL oder L’ÂME IMMORTELLE ist auch der frühe Sound von SOLITARY EXPERIMENTS noch nicht so ausgereift wie heute. Er ist düsterer, experimenteller, teilweise stärker auf der Noise-Seite angesiedelt, und auch der heute großartige Gesang von Dennis Schober steht noch nicht so im Vordergrund.
Der Sound, den wir heute von der Band kennen und schätzen, entwickelt sich zwischen 2003 und 2005. Spätestens mit dem Album „Mind Over Matter“ gelingt SOLITARY EXPERIMENTS der Aufstieg in den Synth-Pop-Olymp: Mit „Delight“ veröffentlichen sie ihre erste Hitsingle. Danach reduziert sich der Veröffentlichungsrhythmus erheblich, sodass wir bis zum nächsten Output „In The Eye Of The Beholder“ satte vier Jahre warten müssen.
Mit dieser Platte entdeckt dieser Schreiberling damals die Band und verliebt sich insbesondere in den Song „Immortal“. Während andere Bands oft dieselben Satzbausteine abspulen oder verstärkt mit Samples arbeiten, schaffen es SOLITARY EXPERIMENTS regelmäßig, nicht nur mit schönen Klängen, sondern auch mit großartigen Lyrics Gänsehaut zu erzeugen.
Mit „Phenomena“ geht das Ganze noch einen Schritt weiter: Schon das instrumentale Intro reißt einen mit. Seitdem kann man grundsätzlich davon ausgehen, dass die vorab veröffentlichten Singles ebenso mitreißen wie „Immortal“ im Jahr 2009. Die Mischung aus Melancholie und Hoffnung beherrschen viele Bands, SOLITARY EXPERIMENTS perfektionieren sie jedoch. Future Pop mit Botschaft, der auch noch tanzbar ist. 2012 spielt die Band im Rahmen des Nordstern Festivals ein Konzert im Hamburger Stadtpark und verteilt im Vorfeld Flyer, um den neuen Song „Stars“ zu bewerben, damit alle direkt mitsingen können. Weltpremiere mit Mitmach-Faktor!
Der Aufstieg in den Synth-Pop-Olymp
Den Ritterschlag verpassen sich SOLITARY EXPERIMENTS mit ihren beiden Alben „Future Tense“ und „Transcendent“ selbst. Ersteres ist insgesamt die stärkere Platte (Anspieltipps: „I Am“, „Brace Yourself!“ und „Crash & Burn“), aber „Transcendent“ hat mit „Every Now And Then“ eine Single an Bord, die schon mit den ersten Klängen Gänsehaut verursacht. Mit diesem Meisterstück adeln sie sich selbst.
Wer sich nun fragt: „Wie kann so etwas live aussehen?“, sollte ein Konzert besuchen. Wir hatten zuletzt 2022 die Ehre und warten seitdem auf eine weitere Gelegenheit, in diese Klangwelten abzutauchen. Wer einfach mal 90 Minuten die Augen schließen und in einer anderen Welt sein möchte, sollte sich ein Konzert dieser außergewöhnlichen Elektrogruppe auf die To-do-Liste schreiben!
(Jannik Kleemann)
THE IRON ROSES
Bei THE IRON ROSES liegen Wut und Freude erstaunlich dicht beieinander. Die Band singt über Macht, gesellschaftliche Ungleichheit, Faschismus und Gewalt und setzt damit etwas in Bewegung. Körperlich, weil diese Musik zum Tanzen, Springen und Mitsingen einlädt. Emotional, weil sie auffängt, stärkt und Wut ebenso zulässt wie Hoffnung. Und gedanklich, weil ihre Songs Haltung zeigen und etwas hinterlassen, das nicht mit dem letzten Ton verschwindet.
Punk darf hier rau, direkt und politisch sein, ebenso wie melodisch, verspielt und manchmal beinahe poppig. Diese Seiten gehören bei THE IRON ROSES zusammen und bilden einen Schutzraum für Liebe und Wut, in dem alle willkommen sind, genau so, wie sie sind.
Aus einem Soloprojekt wird eine Band
Die musikalische Mischung hat sich mit der Zeit entwickelt und ist nach wie vor nicht festgeschrieben. THE IRON ROSES entstanden aus Nats Soloprojekt. Becky war bereits an früheren Veröffentlichungen beteiligt, bevor während der Arbeit an „Rebel Songs“ Nats Wunsch wuchs, daraus eine tatsächliche Band zu machen. Nat wollte die Musik nicht länger um die eigene Person bauen. Freundinnen und Freunde sollten mitgestalten, Verantwortung übernehmen und ihre eigenen Ideen einbringen. Eine Band, so beschreibt Nat diesen Gedanken, ist kollektives künstlerisches Arbeiten, ein Soloprojekt hingegen ist viel mehr ein Egoprojekt.
Für viele führt dennoch ein direkter Weg von BOYSETSFIRE zu THE IRON ROSES. Logisch, denn Nats musikalische Vergangenheit verschwindet nicht einfach und manches davon lässt sich auch in den Songs wiederfinden. Doch diese Band ist viel mehr als Nats musikalische Geschichte. Dieser Rosenstrauß entfaltet sein volles Bouquet erst durch jede einzelne Rose: Becky, Pedro, Devon, Kate und Oliver bringen ihre eigenen Erfahrungen, Vorlieben und musikalischen Sprachen mit. Gerade in Europa erlebt die Band inzwischen, dass aus ehemaligen BOYSETSFIRE-Fans zunehmend THE IRON ROSES-Fans werden und ebenso finden neue Fans den Weg zu ihnen, die mit Nats früherer Band gar nichts verbinden.
Gerade darin entsteht der Sound von THE IRON ROSES. Punk bildet das Fundament, doch darin finden auch Hardcore, Ska, Reggae, Folk, Pop und sogar Country ihren Platz. Was auf dem Papier nach einem wilden Gemisch klingt, bleibt in den Songs stimmig, weil die Einflüsse nicht nebeneinanderstehen, sondern ineinanderfließen. „Hearts Of Fire“ zeigt das schon früh. Der Song lebt von einem dunkleren Reggae-Groove, zieht das Tempo an und kippt immer wieder zurück in Punk.
Freude als Widerstand
Mit „Class War Cheer Squad“ wurde 2025 noch deutlicher, wie eng Musik und Haltung bei THE IRON ROSES miteinander verbunden sind. Der Song entstand aus dem Gefühl, der eigenen Community in einer belastenden politischen Lage etwas mitgeben zu müssen. Die Idee dahinter: Die Verhältnisse dürfen schlimm sein, ohne einem auch noch die Freude zu nehmen. Protest wird so nicht zur dauerhaften Düsternis, sondern zu gemeinsamer Bewegung.
Auf „Molotov Nights“ tritt der Punk stärker nach vorn, ohne die Offenheit der Band zu verlieren. „The Good News“ beginnt fast folkig, bekommt einen Country-Einschlag, wächst, wechselt in Reggae-Passagen und folgt dabei keinem starren Bauplan. Gerade diese Spielfreude hält die unterschiedlichen Facetten zusammen.
Somit ist THE IRON ROSES eine Band, bei der Menschen aus Metal, Hardcore und Post-Hardcore schnell Zugang finden dürften. Nicht, weil THE IRON ROSES besonders nah am Metal wären. Sondern weil Härte hier aus Haltung, Druck und Dringlichkeit entsteht, und weil diese Musik bewegt: im Körper, im Geiste und irgendwo dazwischen.
(Diana Heinbucher)
JESSIE WARE
Wenn wir bei metal.de sagen, dass wir ein Special über Acts erstellen die wenig mit Metal zu tun haben aber durchaus interessant für Metalheads sein dürften, schwingt sicher ein Stück weit mit, dass die Acts hierhinter zumindest irgendwo im Umfeld des Metal beheimatet sind. Mit Jessie Ware gibt es hier aber ein Beispiel, das wirklich GAR NICHTS mit Metal oder dessen Umfeld zu tun hat. Jessie Ware ist eine britische Pop-Sängerin und als solche in ihrer Heimat durchaus erfolgreich und medienpräsent. Über die Grenzen hinaus hatte sie einige Zeit lang den Status eines Geheimtipps inne, was sich in den letzten Jahren, genauer seit Release ihres 2020er Albums „What’s Your Pleasure“, mehr und mehr relativiert hat. Aber was kann ein solcher Act für Metalheads interessant machen, die solche Musik allenfalls spielen, um die Nachbarschaft auf dem Campingplatz zu nerven?
Darf metal.de auch über „regulären“ Pop reden?
Im Gegensatz zu ihren Zeitgenossinnen, welche die internationalen Charts bevölkern, zieht Jessie Ware eine unverfälschte, authentisch wirkende und nicht durch (allzu auffälligen) Autotune-Unrat verunstaltete Gesangsdarbietung in ihrer Musik vor. Gleichzeitig gerät sie nicht in die gleiche, melodramatische Pfütze wie Adele beispielsweise (auch wenn es zu Beginn ihrer Karriere ein bisschen danach ausgesehen hat). Der stilistische Befreiungsschlag (und damit einhergehend der Grund, sich mit ihr auseinanderzusetzen) erfolgte mit dem erwähnten 2020er Output „What’s You Pleasure“, mit dem sie begann, klassische Pop-Einflüsse der letzten 50 Jahre in eine zeitlos klingende Melange zusammenzufügen.
70er-Disco-Hüftschwung in Schlaghosen trifft auf 80er-Glamour mit Glitzer, der selten allzu weit von den frühen Großtaten von Madonna und Co. entfernt ist, trifft auf die unverschämte, teils naive Tanzbarkeit der Neunziger trifft auf moderne Produktion mit vielschichtigen Arrangements und ansprechenden Soundlandschaften, die sich einfach nur „richtig“ anfühlen. Das Ganze klingt jedoch zu keiner Zeit zu eklektisch, sondern wirkt wie aus einem Guss, so als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Klar: Sicher steckt ein teures, behändes Produktionsensemble hinter der Dame, aber es haben schon deutlich mehr Köche ganze Alben nach Plastik und/oder Brei klingen lassen – dass die Musik der Britin so atmen und aufblühen darf, ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit.
Doch nicht nur stimmen die Oberflächlichkeiten wie Produktion und Arrangements, auch das Songwriting hält die Hörerschaft bei der Stange. Das ist sogar ein Understatement, denn das Liedgut der letzten drei Platten von Jessie Ware ist eingängig und peppig wie sau, hin zum Punkt, an dem selbst die Balladen nicht wie ein verlegener Nachklapp zur Besänftigung seelenloser Anzugträger wirken, sondern wirklich ergreifend und grazil in Szene gesetzt sind, man höre „Hello Love“ oder „16 Summers“. Die treibenderen Cuts gehen indes richtig schön ins Blut, fordern so regelrecht zum Tanzen auf wie das schweinecoole „That! Feels Good!“ oder das angenehm funkige, wieder mit diesen herrlich nostalgischen Vibes ausgestattete „Don’t You Know Who I Am“. Große Kunst entsteht auch, wenn diese beiden Modi überlappen. „Save A Kiss“ ist ein transzendentales Meisterstück in dieser Hinsicht. Und dann darf man in dieser Schaffensphase sicher auch nicht die etwas lüsterneren Momente vergessen wie „Shake The Bottle“, „Sauna“ oder „Ride“.
Grazie und Authentizität
Wenn also Pop, dann darf es bitte solcher sein, der stilsicher generationsübergreifend gestaltet ist, dabei nie den Sinn für zeitgemäße Hörbarkeit verliert und Nostalgie mehr als Werkzeug denn als Selbstzweck einsetzt. Selbst in ihren hungrigsten Momenten bewahrt sich Jessie Ware ihre Eleganz und Grazie. Und, eben, ein enormer Sympathiepunkt ist die authentisch wirkende Gesamtverpackung. Insofern dürfen die Werke der Dame gerne künftig öfter früh Morgens über die Campgrounds der Festivals schallen. Wäre jedenfalls willkommener als ironischer Schlager/Techno, wobei es dann natürlich passieren kann, dass sich der abgesteckte Zeltplatz spontan in eine Tanzfläche verwandelt …
(Michael Klaas)
WEEN
Nicht viele Rockbands wirbeln derart viele verschiedene Einflüsse mühelos herum, ohne prätentiös oder auf Biegen und Brechen eklektisch zu klingen. Noch weniger Bands schaffen es dabei gleichzeitig auf der einen Seite professionell und wohl produziert zu klingen, dann aber wiederum auch den Charme einer Indie-Formation der Marke Eigenbau zu versprühen. Aber WEEN waren (oder sind) eine dieser Formationen, die diesen Widerspruch verkörpern und sich damit einen Kultstatus erspielen konnten, sicher ein Stück weit auch dank ihres Humors, der mal subtil untergehoben wird, mal ins komplett Alberne abdriftet und gelegentlich einfach nur darin besteht, über die eigenen Penisse zu singen. Im Kern besteht die Band aus den nicht miteinander verwandten High School-Freunden Dean Ween (Mickey Melchiondo) und Gene Ween (Aaron Freeman), die aufgrund ihres geteilten Interesses für Musik zueinander gefunden und in den Achtzigern erste Demo-Aufnahmen und Live-Auftritte im Vorprogramm von Formationen wie SKUNK oder ROLLINS BAND vollzogen haben, bevor sie ihr Full-Length-Debüt „God Ween Satan: The Oneness“ 1990 veröffentlichen sollten.
Eine Band, viele Gesichter
Der Appeal der Band liegt vor allem in dem mühelosen Abwechslungsreichtum und der Experimentierfreude, im Rahmen derer lärmende Rock-Eruptionen, launische Grunge-Cuts, komplett verspleente Indie-Kabinettstückchen und geradezu BEATLES-artige Pop-Sahnetörtchen nicht nur in der gleichen Trackliste Platz finden, sondern auch nebeneinander Sinn ergeben können. Wer hier aufgrund des BEATLES-Namedrops an deren „White Album“ denkt, denkt im Grunde grob in die richtige Richtung, wobei WEEN gemäß der Neunziger natürlich mit mehr Augenzwinkern und einer größeren Bereitwilligkeit, unterhalb der Gürtellinie und/oder ohne Filter zu texten, unterwegs sind. Und nicht jeder Song ist wie geleckt produziert, hört man schließlich auch in ihrer Major Label-Phase, die mit dem Drittwerk „Pure Guava“ eingeleitet worden ist, deutliche Underground-Vibes und reichlich sequenzierte Instrumente neben dem oftmals sehr expressiven Gitarrenspiel der beiden Weener.
Die Diskografie von WEEN zu entdecken ist ein wildes Abenteuer, da selbst das stilistisch konsistenteste Album „12 Golden Country Greats“ nichts mit dem üblichen, mehr in Richtung Alternative mit Beat-, Indie- und Art Rock-Versatzstücken tendierenden Wirkungsradius der Band zu tun hat, sondern ein waschechtes Country-Album darstellt. Zwar schon variantenreicher, aber doch relativ kommerziell und bekömmlich ist da „White Pepper“, das sich aufgrund seiner gediegeneren Natur und (im Vergleich) recht im Zaum gehaltener Experimentierfreude vermutlich als ein wunderbarer Einstieg für Neulinge eignet. Faszinierend ist auch, mitzuerleben, wie WEEN als Independent-Act auf ihren ersten Platten „God Ween Satan: The Oneness“ und „The Pod“ klangen, wie sie auf ihrem Major Label-Debüt „Pure Guava“ immer noch diese Fahne empor hielten, dann langsam den Weg aller Major-Bands gingen, ehe sie mit dem Fan-Favoriten „Quebec“ wieder zu einer echten Indie-Band werden sollten.
Von Punk-Rotz über Indie-Gerumpel bis Pop-Sahnestückchen ist bei WEEN alles dabei
WEEN zu entdecken ist, als würde man einem wilden, perfekt aufeinander eingespielten Ensemble lauschen, das in immer neu zusammengewürfelten Lineups Häppchenweise ins Studio gebeten wird zur Aufnahme eines Songs, ehe die Besetzung für den Folgetrack neu ausgelost wird. Nur so lässt sich erklären, wie auf „The Mollusk“ beispielsweise ein bizarrer Surf-Rocker namens „Waving My Dick In The Wind“ vor einem verdächtig nach Peter Gabriel auf Grunge klingenden, dramatischen Rocker stehen kann, der dann wiederum vom objektiv vielleicht besten Song aller Zeiten, „Ocean Man“, abgelöst wird – bekannt übrigens unter anderem durch den Abspann des Spongebob Films von 2004. Ganz großes Rock-Kino, das alles ereignet sich innerhalb von weniger als zehn Minuten und ist damit um einiges fett- und kalorienärmer als so manche Rockoper.
Und wer sich einen richtig lustigen Nachmittag machen möchte, sollte sich, am besten in lustiger Gesellschaft, die Musikvideos von WEEN anschauen. Da darf in „I Can’t Put My Finger On It“ u. a. der Döner-Mann von gegenüber [OK, es ist ein Shawarma-Mann, sorry] mit lipsynchen. Unterdessen gibt man sich im Video zu „Push Th‘ Little Daisies“ so richtig schön albern – obgleich WEEN zu dem Zeitpunkt technisch gesehen bereits einen Major-Vertrag bei Elektra hatten, sieht das Teil von vorn bis hinten nach Shoestring-Budget aus. Mit all dem ist das Œuvre dieser Band natürlich nur sehr oberflächlich angerissen, aber vielleicht motiviert es den ein oder anderen, die Platten der Herren mal wieder auszukramen bzw. deren Wirken zu entdecken. Seit dem zum Zeitpunkt des Verfassens letzten Album „La Cucaracha“ von 2007 war die Band zwar live aktiv, fand jedoch nicht wieder ins Studio, pausierte mehrfach, teilweise erzwungenermaßen, und verwalten derzeit mehr das eigene Erbe. Aber WEEN sind offiziell immer noch aktiv. Wer weiß also …
(Michael Klaas)
