
Kein Metal, aber...
...für Metalheads vielleicht trotzdem interessant. - Teil 2
Special
EMMA RUTH RUNDLE

Zwischen leisen Abgründen und schweren Gitarren
Wer viel Metal hört, landet früher oder später auch bei Musik, die sich abseits des Genres bewegt und dennoch vertraute Seiten anspricht. CHELSEA WOLFE oder Patrick Walker mit 40 WATT SUN zeigen, wie nah leise, persönliche Songs und schwere Gitarren einander sein können. Auch EMMA RUTH RUNDLE gehört für uns auch in dieses Umfeld. Ihre Musik besitzt eine Melancholie und Intensität, die viele von uns am Doom schätzen. Mit dem neuen Album „These Killing Times“ im Blick schauen wir auf ihren musikalischen Weg zurück.
Mehr als eine Singer/Songwriterin
Viele kennen Rundle vor allem durch ihre Soloplatten. Dabei lohnt sich auch ein Blick auf die Bands, in denen sie zuvor und parallel gespielt hat. Bei THE NOCTURNES verbindet sie Folk mit atmosphärischen Gitarren, bei RED SPAROWES ist sie Teil eines weitläufigen, instrumentalen Post-Rocks. Mit MARRIAGES bekommt schließlich auch ihre Stimme mehr Raum.
Gerade deren Album „Salome“ von 2015 könnte für diejenigen interessant sein, die Rundle bisher nur solo kennen. Shoegaze und Post-Punk treffen hier auf schwere Gitarren. Dass MARRIAGES mit RUSSIAN CIRCLES, DEAFHEAVEN und BORIS unterwegs waren, überrascht da kaum. Rundle hat ein aufgeschlossenes Metalpublikum also schon lange vor ihrer Zusammenarbeit mit THOU erreicht.
Auf ihren Soloplatten rückt sie näher an die eigenen Erfahrungen heran. „Some Heavy Ocean“ , „Marked For Death“ und „On Dark Horses“ erzählen von Verlust, Sterblichkeit und schwierigen Beziehungen. Die Musik reicht von zurückhaltenden Folkpassagen bis zu einem dichten Bandsound. Zusammengehalten wird sie von Rundles charakteristischer Stimme und einem Gespür dafür, wann ein Song mehr Lautstärke braucht und wann wenige Töne genügen.
Wer am Doom besonders die emotionale Seite liebt, dürfte sich hier schnell zurechtfinden. Auch in den leisen Momenten gibt Rundle ihren Themen viel Gewicht. Man braucht keine mächtigen Riffs, um sich von dieser Musik mitnehmen zu lassen – obwohl sie auch damit umzugehen weiß.
THOU, Roadburn und eine gemeinsame Idee
Wie gut das funktioniert, zeigt die Zusammenarbeit mit THOU. Ihre Entstehung gehört zu den spannenden Geschichten hinter Rundles Musik und erklärt zugleich, weshalb das Roadburn für sie eine besondere Bedeutung hat.
THOU waren dort 2019 als „Artist in Residence“ eingeladen und spielten mehrere unterschiedliche Sets. Eines davon bestritten sie gemeinsam mit Rundle. Beide Seiten schätzten die Musik des jeweils anderen schon länger und hatten eine Zusammenarbeit im Sinn. Das Festival und dessen Mitgründer und künstlerischer Leiter Walter Hoeijmakers gaben ihnen den konkreten Rahmen dafür. Ein gemeinsamer Auftritt stand im Kalender, aus einer Idee musste nun tatsächlich Musik werden.
Daraus entwickelte sich „May Our Chambers Be Full“, das 2020 erschien. Rundles Gesang und Bryan Funcks harsche Stimme begegnen sich über den tief gestimmten Gitarren von THOU. Dass beide Seiten auch Grunge und Alternative Rock nahestehen, hilft dieser Verbindung. Die melodischen und schweren Teile greifen ineinander, ohne dass jemand seine Eigenheiten aufgeben muss.
Wer THOU hört, findet hier einen naheliegenden Zugang zu Rundle. Umgekehrt lässt sich erleben, wie selbstverständlich ihr Gesang in dieser massiven Musik seinen Platz findet. Besonders „Ancestral Recall“ und das abschließende „The Valley“ laden dazu ein, sich länger mit dem gemeinsamen Album zu beschäftigen. Die Begleit-EP „The Helm Of Sorrow“ ergänzt 2021 weitere Stücke derselben Sessions, darunter eine Version von „Hollywood“ von THE CRANBERRIES. Auch diese Wahl passt zu den gemeinsamen Vorlieben.
Zurück in die Stille
Nach der Zusammenarbeit mit THOU erscheint „Engine Of Hell“ besonders ungeschützt. Rundle beschränkt sich auf Stimme, Klavier und akustische Gitarre und singt über Erinnerungen, Verlust und familiäre Erfahrungen. Wer gerade erst über THOU zu ihr gefunden hat, erlebt hier eine andere Seite. Die Musik lässt wenig Abstand zu den Geschichten, die sie erzählt, und kann gerade dadurch ziemlich schwer werden.
Auch dieses Album führt zurück zum Roadburn. Rundle spielt es dort 2022 vollständig; ein Jahr später erscheint der Mitschnitt als Livealbum. Für sie markiert der Auftritt den Abschluss eines Lebens- und Arbeitsabschnitts. Das Festival begleitet sie damit über sehr unterschiedliche Phasen hinweg und bietet sowohl der Sludge-Kooperation als auch diesen stillen Songs einen Platz.
Wer noch weiter in ihrem Werk stöbert, entdeckt neben dem Songwriting eine Vorliebe für Improvisation. Schon die Aufnahmen zu „Electric Guitar One“ entstehen während einer RED-SPAROWES-Tour im Tourbus. Unterwegs spielt Rundle auf einer kleinen Reisegitarre und hält die entstandenen Klangideen fest. Diese Lust am freien Spielen bleibt erhalten: „EG2: Dowsing Voice“ geht auf einen Aufenthalt in Wales zurück, während „Music From The Bella Vista“ ihre Gedichte mit Klavier und Feldaufnahmen verbindet. Für Hörer, die gern in Ambient und offenen Klangflächen verweilen, gibt es also ebenfalls einiges zu entdecken.
„These Killing Times“ und der Blick nach außen
Auf „These Killing Times“ kehrt Rundle 2026 zu kräftigen Gitarren und größeren Arrangements zurück. Nach der persönlichen Erinnerungsarbeit von „Engine Of Hell“ beschäftigt sie sich stärker mit gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Die Verletzlichkeit bleibt, doch sie sucht diesmal bewusster nach Verbindung und gemeinsamer Gegenwehr.

Dazu passt, dass sie Menschen einbezieht, mit denen sie teils seit Jahren verbunden ist. Bassist Troy Zeigler gehört zu ihren langjährigen Weggefährten; gemeinsam mit Jess Gowrie, die viele als Schlagzeugerin von CHELSEA WOLFE kennen, trägt er den Bandsound. Gina Gleason von BARONESS spielt auch in Rundles Liveband. Ihre Beteiligung an „Catherine Wheel“ ergibt sich somit aus einer Zusammenarbeit, die längst über das Studio hinausgeht.
Andere Gäste öffnen einzelne Songs in eine zusätzliche Richtung. Für das Saxofon von Patrick Shiroishi hatte Rundle beim Schreiben bereits Platz vorgesehen. Auf „Enough“ ist neben ihm DEAFHEAVEN-Sänger George Clarke zu hören, während die Folk-Musikerin Marissa Nadler den Gesang von „Oceans Of Time“ ergänzt. Besonders eng ist die Verbindung bei „Human Kindness“: Mit Bryan Funck kehrt eine vertraute Stimme von THOU zurück.
Das Album bietet entsprechend viel von dem, was Rundles Musik über die Jahre ausgemacht hat. „Anvil“ besitzt die dunkle Gitarrenwucht früherer Arbeiten, „Catherine Wheel“ zeigt ihre rockigere Seite. Dazwischen bleibt Platz für die Ruhe von „Don’t Delay Heaven“. Im ausgedehnten „Human Kindness“ kommen mehrere dieser Ansätze zusammen, ohne dass das Album wie ein Rückblick stehen bleibt.
Wer Rundle bisher nur dem Namen nach kennt, kann hier gut anfangen und sich von dort weiter durch ihr Werk hören. Vielleicht führt der nächste Schritt zu THOU, vielleicht zu „Marked For Death“ oder zu MARRIAGES. Für uns liegt der Reiz auch darin, dass diese Platten nach längeren Hörpausen wenig von ihrer Wirkung verlieren. Man kehrt zu ihnen zurück, erinnert sich an eine Stimme oder eine Melodie und findet schnell wieder hinein. Diese emotionale Nähe verbindet Rundles Musik über all ihre unterschiedlichen Formen hinweg.
(Oliver Schreyer)
Galerie mit 15 Bildern: Koenix – Hörnerfest 2023

Galerie mit 5 Bildern: Emma Ruth Rundle in der Kulturfabrik Luxemburg 10.7.18

Mehr zu ...
| Bands | |
|---|---|
| Stile | Sonstige |
Interessante Alben finden
Auf der Suche nach neuer Mucke? Durchsuche unser Review-Archiv mit aktuell 38875 Reviews und lass Dich inspirieren!
metal.de Redaktion 




























Die Spitz ist eine meiner persönlichen Entdeckungen des Jahres und Emma Ruth Rundle holt mich sowieso mit jedem Album aufs Neue ab.