Kein Metal, aber...
...für Metalheads vielleicht trotzdem interessant. - Teil 2

Special

Jessie Ware

JESSIE WARE

Wenn wir bei metal.de sagen, dass wir ein Special über Acts erstellen die wenig mit Metal zu tun haben aber durchaus interessant für Metalheads sein dürften, schwingt sicher ein Stück weit mit, dass die Acts hierhinter zumindest irgendwo im Umfeld des Metal beheimatet sind. Mit Jessie Ware gibt es hier aber ein Beispiel, das wirklich GAR NICHTS mit Metal oder dessen Umfeld zu tun hat. Jessie Ware ist eine britische Pop-Sängerin und als solche in ihrer Heimat durchaus erfolgreich und medienpräsent. Über die Grenzen hinaus hatte sie einige Zeit lang den Status eines Geheimtipps inne, was sich in den letzten Jahren, genauer seit Release ihres 2020er Albums „What’s Your Pleasure“, mehr und mehr relativiert hat. Aber was kann ein solcher Act für Metalheads interessant machen, die solche Musik allenfalls spielen, um die Nachbarschaft auf dem Campingplatz zu nerven?

Darf metal.de auch über „regulären“ Pop reden?

Im Gegensatz zu ihren Zeitgenossinnen, welche die internationalen Charts bevölkern, zieht Jessie Ware eine unverfälschte, authentisch wirkende und nicht durch (allzu auffälligen) Autotune-Unrat verunstaltete Gesangsdarbietung in ihrer Musik vor. Gleichzeitig gerät sie nicht in die gleiche, melodramatische Pfütze wie Adele beispielsweise (auch wenn es zu Beginn ihrer Karriere ein bisschen danach ausgesehen hat). Der stilistische Befreiungsschlag (und damit einhergehend der Grund, sich mit ihr auseinanderzusetzen) erfolgte mit dem erwähnten 2020er Output „What’s You Pleasure“, mit dem sie begann, klassische Pop-Einflüsse der letzten 50 Jahre in eine zeitlos klingende Melange zusammenzufügen.

70er-Disco-Hüftschwung in Schlaghosen trifft auf 80er-Glamour mit Glitzer, der selten allzu weit von den frühen Großtaten von Madonna und Co. entfernt ist, trifft auf die unverschämte, teils naive Tanzbarkeit der Neunziger trifft auf moderne Produktion mit vielschichtigen Arrangements und ansprechenden Soundlandschaften, die sich einfach nur „richtig“ anfühlen. Das Ganze klingt jedoch zu keiner Zeit zu eklektisch, sondern wirkt wie aus einem Guss, so als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Klar: Sicher steckt ein teures, behändes Produktionsensemble hinter der Dame, aber es haben schon deutlich mehr Köche ganze Alben nach Plastik und/oder Brei klingen lassen – dass die Musik der Britin so atmen und aufblühen darf, ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit.

Doch nicht nur stimmen die Oberflächlichkeiten wie Produktion und Arrangements, auch das Songwriting hält die Hörerschaft bei der Stange. Das ist sogar ein Understatement, denn das Liedgut der letzten drei Platten von Jessie Ware ist eingängig und peppig wie sau, hin zum Punkt, an dem selbst die Balladen nicht wie ein verlegener Nachklapp zur Besänftigung seelenloser Anzugträger wirken, sondern wirklich ergreifend und grazil in Szene gesetzt sind, man höre „Hello Love“ oder „16 Summers“. Die treibenderen Cuts gehen indes richtig schön ins Blut, fordern so regelrecht zum Tanzen auf wie das schweinecoole „That! Feels Good!“ oder das angenehm funkige, wieder mit diesen herrlich nostalgischen Vibes ausgestattete „Don’t You Know Who I Am“. Große Kunst entsteht auch, wenn diese beiden Modi überlappen. „Save A Kiss“ ist ein transzendentales Meisterstück in dieser Hinsicht. Und dann darf man in dieser Schaffensphase sicher auch nicht die etwas lüsterneren Momente vergessen wie „Shake The Bottle“, „Sauna“ oder „Ride“.

Grazie und Authentizität

Wenn also Pop, dann darf es bitte solcher sein, der stilsicher generationsübergreifend gestaltet ist, dabei nie den Sinn für zeitgemäße Hörbarkeit verliert und Nostalgie mehr als Werkzeug denn als Selbstzweck einsetzt. Selbst in ihren hungrigsten Momenten bewahrt sich Jessie Ware ihre Eleganz und Grazie. Und, eben, ein enormer Sympathiepunkt ist die authentisch wirkende Gesamtverpackung. Insofern dürfen die Werke der Dame gerne künftig öfter früh Morgens über die Campgrounds der Festivals schallen. Wäre jedenfalls willkommener als ironischer Schlager/Techno, wobei es dann natürlich passieren kann, dass sich der abgesteckte Zeltplatz spontan in eine Tanzfläche verwandelt …

(Michael Klaas)

Galerie mit 15 Bildern: Koenix – Hörnerfest 2023Galerie mit 5 Bildern: Emma Ruth Rundle in der Kulturfabrik Luxemburg 10.7.18

Seiten in diesem Artikel

12345678910
28.10.2026

Interessante Alben finden

Auf der Suche nach neuer Mucke? Durchsuche unser Review-Archiv mit aktuell 38875 Reviews und lass Dich inspirieren!

Nach Wertung filtern ▼︎
Punkten
Nach Genres filtern ►︎
  • Black Metal
  • Death Metal
  • Doom Metal
  • Gothic / Darkwave
  • Gothic Metal / Mittelalter
  • Hardcore / Grindcore
  • Heavy Metal
  • Industrial / Electronic
  • Modern Metal
  • Off Topic
  • Pagan / Viking Metal
  • Post-Rock/Metal
  • Progressive Rock/Metal
  • Punk
  • Rock
  • Sonstige
  • Thrash Metal

1 Kommentar zu Kein Metal, aber... - ...für Metalheads vielleicht trotzdem interessant. - Teil 2

  1. Speedkartoffel sagt:

    Die Spitz ist eine meiner persönlichen Entdeckungen des Jahres und Emma Ruth Rundle holt mich sowieso mit jedem Album aufs Neue ab.