Speed Invasion Tour 2026
White Line Fever - Ein Tourtagebuch
Special
[Als „White Line Fever“ wird ein tranceartiger Zustand bezeichnet, bei dem Autofahrer eine lange Strecken automatisch bewältigen, ohne sich bewusst an Details zu erinnern. Der Geist wandert ab, während das Unterbewusstsein das Auto steuert. Quelle: Wikipedia]
Prolog
Frühlingsgefühle steigen langsam in mir auf und ich habe Lust. Ich habe Lust darauf, draußen zu sein, mit Freunden im Biergarten zu sitzen, am Ufer des Feringasees abzuhängen, auf Open Air Festivals zu pilgern und KNIFE, WARRANT sowie partiell TASKFORCE TOXICATOR bei ihrer „Speed Invasion Tour 2026“ durch Deutschland zu begleiten. Warum? Das Billing hat es mir irgendwie angetan. Auf der einen Seite stehen die Speed-Metal-Altvorderen WARRANT um Jörg Juraschek und dem Enforcer für Old School as Old School can. Andererseits kommen mit den Marburgern von KNIFE frische Töne ins Spiel, die gleichzeitig irgendwie vergilbt klingen. Als ob dir dein bester Kumpel stolz ein Foto seines gerade auf die Welt gekommenen Sprösslings auf dem Handy präsentiert, dass er zuvor mit einem 2010er Filter veredelt hat. Dazu kommt außerdem, dass ich die schwarzgekleideten Herrschaften seit unserem ersten Treffen irgendwie ins Herz geschlossen habe.
Drehen wir die Zeit noch einmal zurück und erinnern uns an das Rockharz 2024. Nach fünf intensiven Tagen der Berichterstattung und gefühlten 100 Bandinterviews, machen wir uns ein letztes Mal auf den Weg ins Artistvillage. Wir haben im Vorfeld ein Treffen mit KNIFE vereinbart. Bei aktuell 30 Grad, Sonnenschein und völlig ausgelaugter Physis und Psyche, halte ich diesen Pflichttermin nicht mehr für die beste Idee des Sommers 24. Wie auch immer.
KNIFE spielen am Nachmittag bei gleißendem Sonnenlicht ein energiegeladenes Set, pöbeln gegen Nazis und bringen blinde Menschen dazu, im Circle Pit zu tanzen. Und ich bin entzückt. Später geleitet die damalige Promoterin Sarah Jane, Kollegin Jeanette und mich in die Bandhütte (statt Container – ein extravagantes Highlight auf dem Rockharz) im Artistvillage, wo die Band bereits eine Biertischgarnitur in Beschlag genommen hat und fein säuberlich eine Kutte mit PENTAGRAM-Backpatch an eine Stuhllehne drapiert ist.
Es entwickelt sich ein spontaner, launiger Austausch und ich fühle mich inmitten dieses Haufens von Vollblut-Rockern direkt wohl. Später feiern wir noch bei Steckerleis weiter, Sänger Vince Nihil eskaliert während des JUDAS-PRIEST-Gigs und ich treffe die Band ein paar Monate später im Schwarzen Keiler in Stuttgart wieder. Fazit: Alles beim Alten.
Nach einer längeren Bühnenpause kehren KNIFE jetzt wieder in die Clubs und Hallen zurück und bereisen Deutschland und die Tschechische Republik unter dem Titel „Speed Invasion Tour 2026“. Während des Auftaktes in Oldenburg und am Folgeabend in Essen, bin ich noch auf dem „Braincrusher In Hell“ unterwegs, bei dem es wie immer – sagen wir mal – sehr familiär zugeht. Entsprechend wenig schlafe ich, was ich mit erhöhter Flüssigkeitsaufnahme im örtlichen Brauhaus auszugleichen versuche.
Vor der Abfahrt am Sonntagnachmittag muss meine Fahrtüchtigkeit zu 100 % wiederhergestellt und auch der letzte Tropfen Alkohol aus dem Blut verschwunden sein. Das ist eine eiserne Regel, an die ich mich auch halte. Trotz der anstehenden Tour von Hirschaid nach Kassel (in der dortigen Goldgrube wird der Abend ausgetragen). Dafür brauche ich mit meinem Campervan heute zweieinhalb Stunden und komme völlig außer Atem in Hessen an.
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Tag 1: 29. März – Stadt: Kassel – Location: Goldgrube
Die Goldgrube ist in ein Kellergewölbe eingelassen, das über eine schmale Treppe erreicht wird. Wer schon einmal ins Inntere der Cheops Pyramide in Gizeh hinabgestiegen ist, hat eine ähnliche Erfahrung gemacht. Im Club drängen sich die Menschen und ich muss den Bauch einziehen um mich an der Bar entlang, bis vor die Bühne zu schlängeln. Unterwegs treffe ich aber schon Laz Cultro, seines Zeichens Gitarrero von KNIFE. Kurz darauf schwingt die Tür vom Backstagebereich auf (der sich auf ein paar wenige Quadratmeter beschränkt und mit ein paar Küchenmöbeln und allerlei Musikermitbringsel vollgestellt ist) und Vince Nihil und Thanatos treten in Erscheinung.
Einen kurzen, aber innigen Widersehensschnack später, erklingt auch schon „Danger Zone“ aus den Boxen – das Intro der Thrasher von TASKFORCE TOXICATOR. Der KENNY-LOGGINS-Anheizer vom Top-Gun-Soundtrack schmiegt sich in seiner 80s-Ästhetik an das Band-Image an, immerhin treten die Münsteraner mit grellen Neonfarben und Laserschwertern an. Hintereinander begeben sich die Musiker auf die Bühne und ballern hernach ein ordentliches Brett US-Thrash-Metal in den Saal. Das geht ja schon einmal gut los. Irgendwann bringt Sänger Fabian tatsächlich die Jedi-Klinge zum Leuchten und lässt sie spielerisch auf seine Bandkollegen herabsausen, während die Titeltrack „Laser Samurai“ des Debüt-Albums spielen. Gleichzeitig landen ein paar aufblasbare Lichtschwerter im Publikum, was wiederum ein stimmiges Bild abgibt, als diese emporgereckt werden.
Danach gönne ich mir erstmal ein hopfenlastiges Erfrischungsgetränk, klettere an die Oberfläche und sauge die frische, Kasseler Stadtluft gierig in meine Lungen. Die Goldgrube ist ein Hexenkessel, so viel kann ich jetzt schon sagen. Als WARRANT die Bühne entern, ist der Club wieder voll und ich stehe zu meinem großen Entsetzen neben einem mannshohen Lautsprecher, direkt am Bühnenrand. Es gibt diesen Film, in dem Jimmy Page, Jack White und The Edge dokumentarisch in Szene gesetzt werden. Der heißt „It Might Get Loud“. Der WARRANT-Gig hingegen kann getrost mit dem Titel „It Was Definitely Loud“ geschmückt werden. Während Sänger/Bassist Jörg Juraschek unablässig versucht, das Publikum zu animieren, fliegen Michael Dietz und Adrian Weiss über die Griffbretter ihrer Gitarren und materialisieren den Titel ihres aktuellen Albums „The Speed Of Metal“. Der Hingucker bei diesem Auftritt ist aber Drummer Marius Lamm, der mit einer scheinbaren Leichtigkeit auf das Drumkit eindrischt, als gäbe es kein Morgen. Dabei ist er präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Ich muss es zugeben: Mir macht es richtig Spaß, ihm beim Trommeln zuzuschauen. Später im Set geben WARRANT dann ihren Signature-Song aus, bei dem der Namensgeber, Henker und Bandmaskottchen – der Enforcer – die Bühne stürmt und das Publikum mit seiner Kopf-Ab-Axt bedroht. Das Ganze entbehrt einer Prise Comedy nicht, denn immerhin rührt die Performance aus längst vergangenen Heavy-Metal-Tagen, die im vergleich zu modernen, digitalen Showelementen herzzerreißend schön ist.
Die Headliner dynamisieren sich wenig später wie von selbst auf der Bühne und nutzen jeden Zentimeter aus. Während Laz seinem Sound die die XL-Portion Fettheit durch das Bespielen von zwei Stags verleiht, lässt Gypsy Danger seine meterlangen Dreadlocks bis zu den Fersen baumeln und Vince Nihil schreit, zetert und lässt mitsingen. Eigentlich also alles wie gehabt. Mir geht allerdings frühzeitig die Puste aus. Schlagartig holt mich der Schlafmangel aus Hirschaid ein, während die Lautstärke an meinem „Boxenplatz“ den Puls auf „Wahnsinnige Geschwindigkeit“ anschwellen lässt. Das ist wohl ein klarer Fall von Festival-Entzugserscheinungen und ich bin irgendwie froh, als KNIFE ihr Set mit „Power Thrashing Death“ (WHIPLASH) beenden. Ohne weitere Abschiedsfloskeln mache ich mich auf den Heimweg zum Camper, der wie aus dem Ei gepellt auf dem Parkplatz steht. Das letzte Feierabendbierchen mache ich noch auf, nur um den Inhalt am nächsten Morgen (natürlich unangetastet) in den Ausguss zu schütten. Profi.
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Tag 2: 30. März – Stadt: Bamberg – Location: Live-Club
Der Blick in den Spiegel lässt mich erschrocken rückwärts gegen einen Schrank taumeln. Einen Augenblick zuvor hatte mich eine zerknirschte Fratze aus dunklen Augenhöhlen heraus angestarrt. Tiefe Furchen um die Mundwinkel herum und aufgedunsene Tränensäcke haben mich vermuten lassen, ein blinder Passagier hätte im Camper übernachtet und sei genauso überrascht gewesen mich zu sehen, wie ich das mir unbekannte Gesicht. Stunden später komme ich im regnerischen Bamberg an. „Schon wieder Oberfranken“ denke ich, während ich veganen Leberkäs in einer Pfanne brate und mir den vierten Kaffee des Tages reinschraube. Man soll auf Tour ja schließlich auf gesunde Ernährung achten. Topfit laufe ich später in der Oberen Sandstraße ein. Dort befindet sich das klassische Weggehviertel der Stadt und während ich am „Schlenkerla“ vorbeischlendere, überkommt mich ein eiskalter Schauer. Hier wird das sagenumwobene, wie Brechreiz hervorrufende Rauchbier ausgeschenkt. Schnellen Fußes komme ich wenige Augenblicke später vor dem Live-Club an, der heutigen Austragungsstätte der „Speed Invasion Tour 2026“.
Vor dem Eingang parken zwei Transporter und gutgelaunte Musiker und Crew-Mitglieder bringen gerade das Equipment in die Location. Von früher kenne ich den Live-Club noch sehr gut, als ich oft übers Wochenende nach Bamberg gereist bin. Die dunkle Holzvertäfelung, ja sogar der Techniker sind mir in wohliger Erinnerung geblieben und ich fühle schlagartig ein „Nachhausekommen“. Mein Blick schweift einmal vom hinteren Bereich, der praktisch komplett von der langgezogenen Bar flankiert wird über den vorderen Teil bis hin zur Bühne, die noch kahl ist und dadurch riesig wirkt. Davor drücken sich die verschiedenen Bandmitglieder herum, die teilweise amüsiert grinsen und die Köpfe dabei schütteln, aber auch mit zornig verkniffenen Gesichtern, die nichts anderes als Unverständnis ausdrücken, heftig miteinander diskutieren. Marius zupft im Vorbeigehen die Kopfhörer aus seinen Ohren und flüstert kaum hörbar: „Sowas habe ich ja noch nie erlebt“. Noch während der Tontechniker einen „gemischten Kasten“ vor die Bühne stellt, erfahre ich den Grund für dieses Wechselbad der Gefühle, in das ich unvermittelt reingehechtet bin.
„Stagetime für die erste Band ist um 20:30“, erklärt Vince und fährt ungerührt fort: „Und um 22:00 ist Feierabend. Das bedeutet, dass jede Band 30 Minuten inklusive Changeover zur Verfügung hat. Wie soll das denn funktionieren?“ Schluck. Ich leide mit, obwohl mich als Berichterstatter diese Anormalität eigentlich in Verzückung versetzen sollte. Innerlich male ich mir natürlich Überschriften wie „Speed Invasion Tour stellt den Geschwindigkeitsrekord in der Umbaupause auf!“ oder „Bühne wird zur Rennstrecke!“ aus. Nachdem der Konzertbeginn auf 20:00 Uhr zurückverhandelt und alle drei Setlisten beschnitten wurden, kühlen die Gemüter bei einem Bierchen und einer Pizza schnell wieder ab.
Der Live-Club füllt sich spät, aber schnell und TASKFORCE TOXICATOR fangen dann doch nicht um 20:00 Uhr an. Der Sound ist klasse, die Musiker nutzen die Bühne ordentlich aus und während im „Infield“ Bewegung aufkommt, ist an der Bar schon ordentlich Betrieb. Immerhin findet der Konzertabend kostenlos statt, während man für die anschließende Club-Nacht im Saal einen Zehner Eintritt zahlen muss. Das ist eigentlich ein cleverer Gedanke, denn so wird aus einem Montagabend-Lückenfüller-Termin ein dickes Ding mit voller Halle und (auch nach dem Aufbau immer noch) großer Bühne. Ich freue mich für die Bands, während mich ein Konzertgänger mehrmals um ein Plektrum bittet. Noch zelebrieren TASKFORCE TOXICATOR ihren Lichtschwerter-Schaukampf, aber später drücke ich ihm ein Plektrum von Fabian in die Hand, der ja eigentlich singt und nicht Gitarre spielt, aber jetzt ist es auch schon egal. Der Abend ist nämlich euphorisierend und das Bier schmeckt auch wieder. Und es wird einige Höhepunkte geben.
Einer davon ist der Gastauftritt von Gypsy Danger als der Enforcer, während des WARRANT-Sets. Der Original-Darsteller ist für diese Tour leider verhindert, weshalb es heute zu diesem Stelldichein kommt. Gypsy streift kurzerhand sein T-Shirt ab, zieht dafür die Henkers-Mütze über den Kopf und tänzelt axtschwingend über die Bühne. Das Schlächter-Werkzeug funktioniert er abwechselnd zur Gitarre, dann wieder zum Zepter um und schindet ordentlich Eindruck bei der Band, den Fans und der anwesenden Presse. Groß-Ar-Tig! Marius drischt wie wild und tight as fuck auf das Schlagzeug ein und ist mittlerweile auch ganz beseelt von der überraschenden Wende, die der Abend genommen hat.
Während KNIFE ordentlich das Gaspedal durchdrücken, wird der Live-Club immer voller und es entsteht die Illusion einer mit Metalheads überfüllten Halle. Und während ich im Bereich vor der Bühne Menschen beim Slamdance, Headbangen und Circle-Pit-Rundlauf beobachte, kleben sich weiter hinten aufgebrezelte Mädels falsche Wimpern auf und bestellen adoleszierende Jungs, die zu enge T-Shirts tragen, ihre ersten harten Getränke. Sprechen wir mal von einem bunt gemischten Publikum. Vince Nihil kränkelt heute bereits den zweiten Tag herum, lässt sich das auf der Bühne aber kaum anmerken. Nur, wenn er besonders harsche Vocal-Parts an die Fans übergibt, merken Kenner, dass er nicht in Topform angetreten ist. Tour-Drummer Thanatos (und mittlerweile festes Bandmitglied) bringt dafür Höchstleistungen und immer, wenn der Song „K.N.I.F.E:“ mit seinem donnernden Schlagzeug-Intro bedrohlich anschwillt, bekomme ich eine Gänsehaut. Vielleicht ist es das Bier, vielleicht aber auch, weil ich die Band wirklich ins Herz geschlossen habe. Bei den Gangshouts während des Refrains steige mit geschlossenen Augen ein: „You Obey The Knife – KÄI ENN AI EFF IEEH!“. Und bei der Wiederholung: „KÄI ENN AI EFF IEVÄÄÄL!“.
Als die Band nach ihrem Gig brav für ein Bild posiert hat, geht alles auf einmal ganz schnell. Kaum sind die größten Equipment-Brocken von der Bühne verschwunden, wird diese von unzähligen, tanzwilligen Jugendlichen in Beschlag genommen. In der hinteren linken Ecke war Michael (Tour-Videograph von TASKFORCE TOXICATOR) Sekunden zuvor noch damit beschäftigt gewesen, all seine Stative, unzähligen Kameras, Objektive, Kabel und das Laptop für den Weitertransport vorzubereiten, als wir sehen, wie er hinter einer Woge von Menschen verschwindet. Die Dramatik lässt sich kaum in Worte fassen und von anfänglichen Plänen für eine Befreiungsaktion sehen wir bald ab. Immerhin stecken uns all die Partyhymnen und gereichten Getränke an und obwohl ich eigentlich schon auf dem Weg zum Camper bin, schließe ich mich der verbliebenen Entourage gerne an. Dabei begeistert Marius mit seiner Fachkenntnis und Textsicherheit bei fast allen aufgelegten Songs, verschmilzt Gypsy Danger schnell mit den Partypeople zu einer homogenen Masse, ist Thanatos wohlgesonnen und schenkt mir Laz seine Ohren und lauscht meinen ältesten Geschichten. Derweil tauchen auch TASKFORCE ins Bamberger Nachtleben ein, das allerdings ein abruptes Ende nimmt: Der Zapfenstreich wurde im Vorfeld für 2 Uhr morgens angekündigt, aber schon um 1 Uhr werden keine Getränke mehr ausgeschenkt und wir werden bald freundlich vor die Tür geschoben.
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Tag 3: 31. März – Stadt: Frankfurt am Main – Location: Ponyhof
Frankfurt am Main ist eine Stadt, die viele Geschichten erzählt. Neben dem Sitz der Europäischen Zentralbank, wurde Goethe hier geboren, befindet sich Deutschlands größter Flughafen vor den Toren der Stadt, besitzt die Gegend um den Hauptbahnhof ein berüchtigtes Rotlichtviertel und ist Frankfurt obendrein Heimat der Hessen-Thrasher von TANKARD. Außerdem kannst du regelmäßige Konzertbesucher mitten in der Nacht anrufen und nach den Top 10 Locations des Landes fragen. Die hiersige Batschkapp wird immer dabei sein.
Mein Weg führt mich heute ins Herz der Frankfurter Weggeh-Szene nach Sachsenhausen. Im dortigen Ponyhof macht die „Speed Invasion Tour 2026“ heute Halt. Den Camper stelle ein paar Kilometer entfernt an einem Friedhof ab und genieße den Fußweg in der kühlen Luft, bis Nieselregen einsetzt und ich mit nassen Füßen vor dem Club eintreffe. Die Größe des Ladens ist nicht das, was man gemeinhin als überdimensioniert bezeichnen würde, womit wir von einem extrem gemütlichen Abend ausgehen. Gerade läuft der Soundcheck und ich verziehe mich ins obere Stockwerk des Gebäudes, wo ein schöner Backstagebereich eingerichtet ist und ein warmes Essen zubereitet wird. Noch eine Etage darüber, befindet sich der Übernachtungsplatz für Künstler:innen, die Vince Nihil und Gypsy Danger voll in Beschlag genommen haben. Ersterer, weil er den Höhepunkt seines grippalen Infekts erreicht hat. Letztgenannter, weil er gestern einfach zu tief in die Gin-Mischung geschaut hat und seinen Hangover auskurieren muss.
Der Tag zieht sich, weil an einen Spaziergang dank des Wetters nicht zu denken ist, das Bier zwar schmeckt, wir uns aber nicht aus Langeweile volllaufen lassen wollen und der Raum an seine Kapazitätsgrenzen stößt, als die Jungs von WARRANT eintreffen. Deren Gitarrist Adrian musste leider die Heimreise antreten und reißt eine damit zwar ein Lücke in die, ansonsten ausgezeichnet harmonische Gruppe aus allen an der Tour beteiligten Menschen, aber es muss ja weitergehen. „Wo ist eigentlich der Enforcer?“ fragt Laz in den kurzzeitig stillen Raum und da ist er wieder: Der Spirit vom kurzfristig entstandenen Zusammenhalt einer Entourage, als alle gemeinsam in ein Lachen einstimmen. Klar, ein Insider-Gag, aber genau darum geht es manchmal.
Der Ponyhof droht später aus allen Nähten zu platzen und wie ich es befürchtet hatte, kommt man kaum vom Eingang bis zu einem Ort, an dem man freie Sicht auf die Bühne hat. Die Luft ist zum Schneiden und heute stehe ich endlich einmal wieder in einem Club, in dem der vielzitierte Schweiß von der ebenso häufig erwähnten Decke tropft. Trotzdem ärgere ich mich kurz, denn neben der Bühne ist ein kleiner Raum, in dem die Bands ihre Instrumente und sonstiges Equipment abstellen können und ich Blödian habe Bleistift und Notizblock ebenfalls dort abgelegt. An die Utensilien ist kein Herankommen, zumal die Kammer derart vollgestopft ist, dass sich die Tür faktisch nicht mehr öffnen lässt und sich im Inneren Gigbags, Cases, Stative, die Axt vom Enforcer und Regale Türmen. Gerüchten zufolge soll Jörg den gesamten TASKFORCE-Gig dort verbracht haben, um sich „warm zu spielen“.
Apropos TASKFORCE TOXICATOR: Die ziehen Ihr Ding eiskalt durch, mit Laserschwertern und allem Drum und Dran. Für fünf Leute bietet die Bühne aber wirklich wenig Bewegungsfreiheit und nach allem, was ich an den beiden letzten Abenden von der Band gesehen habe, ist das schade. Speziell Fabian rockt den Gig normalerweise richtig ab, heute eben notgedrungen mit angezogener Handbremse. Das die Band aber wie jeden Abend auch etwas für die anwesenden SLAYER-Fans im Repertoire haben, ist Ehrensache und so dürfen wir wieder zusammen ein paar Textfetzen von „Angel Of Death“ skandieren.
Die Umbaupause könnte hektisch sein, weil ja kaum Platz ist und der Zutritt in den Abstellraum mit den erwähnten Hindernissen erschwert ist. Genaueres kann ich allerdings nicht berichten, weil ich mich doch noch einmal „nach oben“ verziehe und einen dringend benötigten Kaffee runterstürze. Dort laufe ich einem käsebleichen Vince in die Arme, der mit einem Inhalationsgerät hantiert. Ich bin mir sicher, dass das KNIFE-Konzert abgesagt wird. Wird es aber nicht, soviel kann ich verraten.
Zuerst stehen aber WARRANT auf der Bühne, wobei Jörg erstaunlich vital wirkt, nachdem er dem Instrumentenraum entkommen ist. Ich stelle mir immer noch die Szene aus „Star Wars – Eine Neue Hoffnung“ vor, als Leia, Luke, Han und Chewie im Müllschacht des Todessterns landen und die Wände zusammengedrückt werden. Sicher kein guter Ort für Menschen, die unter Agoraphobie leiden. Verschmitzt kurbelt Marius die Standsirene an, mittels derer WARRANT jeden Abend ihr Set einleiten. Das Publikum ist bestens gelaunt, Jörg bodenständig wie immer und die Band schafft es, den Verlust von Adrian so schmerzfrei wie möglich zu gestalten. Jedenfalls funktioniert der Auftritt als Trio wunderbar. Ein Wehmutstropfen ist aber, dass Gypsy heute nicht wie versprochen den Enforcer mimen kann, weil ihm Bamberg immer noch zu tief in den Knochen sitzt.
KNIFE machen später das, was KNIFE immer machen. Sie liefern ab und wenn man es nicht besser wüsste, wäre von Schnupfen, Heiserkeit und Kater nichts zu spüren. Das ist nicht nur professionell, es ist auch einfach bockstark, denn vermeintlich „größere“ Bands würden die Show mit großer Allüren-Geste abgesagt haben. Vor der Bühne formiert sich ein amtlicher Moshpit, Michael ist mit seinen Kameras mittendrin, was auch ein gutes Zeichen ist. Seit seinem Verschwinden im Rausch des Partyvolks sehe ich ihn das erste Mal in vollem Einsatz wieder. Im Ponyhof brummt es, die Menschen haben eine gute Zeit und doch ist von Aftershow-Feierlichkeiten nicht die geringste Rede. Wir werden alle nicht jünger und immerhin stehen noch vier weitere Tourdaten an.
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Tag 4: 01. April – Stadt: Stuttgart – Location: Schwarzer Keiler
Mit einem KFZ nach Stuttgart zu reisen, ist schon eine Herausforderung. Das Parken in der Innenstadt ist nämlich entweder nicht bezahlbar oder schlicht und ergreifend verboten. Wenn man dann noch mit einem 6-Meter-Kastenwagen vorfährt, ist die Erfahrung nicht ruhmreicher. So stelle ich meinen Camper auf einem der vielen Berge, die die Stadt säumen ab, und fahre mit dem Radl ein paar Kilometer runter zum Schwarzen Keiler. Noch ist von den Bands nichts zu sehen und ich entscheide mich für die sportliche Variante und hetze mit dem Drahtesel den Berg wieder hinauf. Puh. Oben angekommen, fährt mir ohne Ankündigung der Beelzebub in den Rücken, tja wie war das noch mit „Konzert absagen“?
Ohne Fahrrad treffe ich Stunden später wieder im Keiler ein, wo KNIFE gerade ihren Soundcheck beenden und Vince mich mit einem Wärmepflaster aus seiner Reiseapotheke behandelt. Ich fühle mich wie ein Rentner unter Gleichgesinnten auf Butterfahrt. Wir verziehen uns dann geschlossen ins nahe „2nd-Hand-Records“, kaufen dort ein und haken mit einem Interview den offiziellen Teil des Tages ab. Als wir wieder beim Schwarzen Keiler eintreffen, startet der Einlass und unter anderem ist auch wieder KNIFE-Die-Hard-Fan Stephan aus der Schweiz angereist. Er war gestern bereits in Frankfurt und ist nachts noch nach Luzern zurückgereist. Es ist eine weitere schöne Tour-Erfahrung, einen ausgeglichenen, sympathischen Menschen wie ihn zu treffen.
Der Abend in Stuttgart fällt insgesamt etwas kürzer aus, weil TASKFORCE TOXICATOR heute einen Auftritt in der Tschechischen Republik haben und die Slots auf nur zwei Bands aufgeteilt werden. Der Club ist ein echtes Highlight, wenn es um Metal-Konzerte geht. Immerhin wird er von Fans geführt und zieht auf natürlichem Wege jede Menge Besucher:innen an, die einfach Bock auf Live-Musik haben. WARRANT werden enthusiastisch aufgenommen, was Jörg dazu veranlasst, sein erstes Bier der Tour zu einem „Prost“ mit dem Publikum zu heben. Marius ist heute besonders energisch und am Bühnenrand erblicke ich doch tatsächlich Vince Nihil, der heute wieder fast gesundet zu sein scheint. Als Jörg den Enforcer ankündigt, stapft ein mit entblößtem Oberkörper und in Chucks steckender Gypsy Danger auf die Bühne. Der Mann ist also auch auferstanden. Der Enforcer hebt den Abend noch einmal in nie dagewesenen Sphären, kokettiert er doch spielerisch mit der Axt, springt in den Publikumsraum und füllt jeden freien Millimeter auf der Bühne aus. Beim anschließenden Abschlussfoto mit den Fans, darf er natürlich nicht fehlen und ist WARRANTs fehlender, vierter Mann.
Nachdem KNIFE vor knapp eineinhalb Jahren an gleicher Stelle einen wahren Abriss geliefert haben, könnten die Erwartungen an die Show nicht höher sein. Kurz bevor es mit „Behold The Horse Of War“ losgehen soll, klagt Thanatos darüber, dass etwas mit der Snare nicht stimmt und die Anspannung glüht wie ein entzündeter Sonnenbrand dritten Grades. Dann setzt der Test-Trommelwirbel unvermittelt in den Auftakt des Songs über und sofort ist Bewegung auf und vor der Bühne. Wieder geben die Marburger größtenteils Material von Ihrem Debüt zum Besten, was mit Songs wie „Inside The Electric Church“, „White Witch – Black Death“ und „Black Leather Hounds“ sowieso großartig ist. Die Haare fliegen, das Mikro landet mehr als einmal vor KNIFE-Ultra Stephan, der spielend in jede Textzeile einsteigt und geschlossen fordert der Schwarze Keiler eine Zugabe, während Laz ein bösartiges Sustain aus dem Verstärker flirren lässt und die Band sich kurz aber herzlich verabschiedet.
Für mich ist es einerseits ein sehr würdiger Abschied, andererseits kann ich mich noch nicht lösen und harre so lange im Club aus, bis kaum noch Besucher:innen da sind. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiede ich mich nach und nach von den Musikern: Jörg, Michael, Marius, Benni, Philipp, Philipp und Hussein und denke noch an Fabian, Dominik, Lars, Hendrik, Volker, Michael und Adrian. Ihr wart allesamt ein spitzenmäßiger Haufen.
Auch wenn die „Speed Invasion Tour 2026“ noch für drei Konzerte weiterzieht, fahre ich weit nach Mitternacht aus Stuttgart und auf die A8 in Richtung München. Eine erlebnisreiche Konzertreise geht für mich zu Ende, bei der nicht die oft beschworenen Exzesse und wilden Partys die Geschichte schreiben. Stattdessen zeichnen sich alle Akteure durch Fannähe, Bodenständigkeit, Leidenschaft und Professionalität aus. Wir sehen uns wieder! Oder der Enforcer wird kommen, um euch zu holen…
Während der Tour ist auch eine Video-Zusammenfassung entstanden.
