Cynic
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Interview

Inwieweit man solch einen Geniestreich wie "Focus" wiederholen oder modifizieren kann, ist schwer zu umreißen. An dieser Bürde müsste auch nach knapp fünfzehn Jahren ein neues Album eigentlich scheitern. Es ist aber mit "Traced In Air" eine Platte entstanden, von der man sagen kann, sie weckt Erinnerungen, obwohl ein Empfinden vorwärts durch die Zeit nichts erinnert, sondern sieht, sehen müsste, vielmehr ganz genau: CYNIC haben den Versuch unternommen, sich selbst noch einmal herauszufordern und trotzdem ihre typischen Elemente nicht zu hinterfragen: Quintessenz und zugleich Neuanfang.

CynicPaul Masvidal freut sich. Er ist sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Lange trug er den Gedanken mit sich herum, seine Band wiederzubeleben, ein neues Album aufzunehmen. Nun ist es vollbracht: „Eine Serie von unkoordinierten, unabwägbaren Gleichzeitigkeiten führte letztlich zu dieser Reunion“, sagt Paul. „Angefangen hat es mit einem Brief von einem russischen Fan, dessen Wunsch und Traum es war, CYNIC einmal in seinem Leben live zu sehen. Und auch Sean [Reinert, Schlagzeuger] und mich suchten Vorahnungen heim, dass es bald wieder soweit sein wird. Eine CYNIC-Reunion war eigentlich immer zum Greifen nah und wurde von uns nie kategorisch ausgeschlossen, so rief ich Sean an und sagte: ‚Hey Sean, es ist höchste Zeit‘. Er stimmte mir zu und wir gingen die Arbeiten zu ‚Traced In Air‘ an.“ Jetzt schleppen und tragen sie ihre Songideen von überall her an. Alle Songs auf „Traced In Air“ sind neu, es sind, wie er versichert, keine Überbleibsel aus vergangenen Tagen: „Einige Songideen stammen aus meiner umfangreichen Bibliothek, die aber erst mit dem Entstehungsprozess des neuen Albums vollständig Kontur annahmen. Das Gros des Albums entstand in einer hochkonzentrierten Periode zwischen Oktober 2007 und Juni 2008.“

Es gibt auf „Traced In Air“ klaustrophobisch stille Momente, die vor allem von der Atmosphäre einzeln tröpfelnder Töne leben. Dem Gegenüber stehen offensiv harsche, fast aggressive Momente, bei denen die oft ungewöhnlichen wendigen Melodien von wütenden Gitarren-Attacken überlagert werden. Intuitiv legen sich diese Momente einander: „Das Album ist wie von selbst entstanden. Ich musste nur jeden Tag das Studio betreten, und schon sprudelten aus mir und Sean [Reinert] nur so die Ideen hervor“, so Paul. „Meine Fähigkeiten als Songwriter haben sich stark entwickelt, zugleich sind wir bessere Musiker geworden, und ich denke, das Album spiegelt diese Fortentwicklung wieder.“ So entstehen scheinbar mühelos verhakelte Songs aus Gitarren, Schlagzeug und leichter Elektronik, die ineinander greifen, um an den unkritischsten Stellen dann doch unerwartet zur Seite zu springen. Details enthüllen sich hier erst bei genauer Betrachtung. Bei „Traced In Air“ reicht ein geschärfter Blick allerdings nicht immer aus, um klar zu sehen. Es bleibt vage und unaufdringlich. „Viele Arrangements ließen wir uns von unserem Gehör aufdiktieren, ja aufoktroyieren; teils Kalküldenken, teils Instinkt, möglicherweise ist das aber dasselbe. Wer weiß das schon. Musik hat so unermesslich viel Potential. Dieses Album war wie jede kreative Anstrengung ein Befreiungsschlag, ein Versuch wenigstens ein Quäntchen dieser musikalischen Eventualität fassbar zu machen.“

So schwerelos wie die Musik, so gefährlich verträumt sind auch die Texte, die ihren Platz zwischen Wachkoma und Schlaf nie ganz finden. Zwischen die Buchdeckel „Nunc Fluens“ und „Nunc Stans“ passt kein Gedanke mehr: „Das eröffnende und schließende Stück stehen für Geburt und Tod. Die Ideen dahinter sind im Grunde kongruent. Es gibt zahlreiche schmale Fäden, musikalisch als auch thematisch, die über das gesamte Album hinweg zu einem Strang zusammen laufen. Das Album handelt davon, dein Leben zu retten, eine xenologische Verbindung einzugehen, die dich in allen Lebenslagen beschützen und unterstützen soll.“ Paul illustriert das konsequent anhand von Geschichten, die vom Strand handeln, von utopischen Großstädten oder von Selbsterkenntnisprozessen.

Es geht um Menschen. Alles dreht sich in Masvidals narrativem Gesamtkonzept um die Frage, was Menschsein eigentlich heißt. Vielleicht läuft nicht alles so, wie sich die Menschen immer das vorstellen, oder vielleicht sind sie innerlich tot. Vielleicht haben sie etwas verloren, vielleicht gibt es etwas, was sie nie begriffen haben, oder vielleicht sind sie getrieben von einer Unruhe, die sie nicht benennen können. So findet man in den Texten von CYNIC stets Verweise auf höhere, spiritistische Kräfte, die trotz ihrer Einzigartigkeit universell verständlich sind und beim Hörer eigene Assoziationen auslösen. „Wir fühlen uns dem Buddhismus verbunden, auch wenn ich die umfassend gültige Wahrheit in allen Lehren sehe. Letztlich müssen wir alle in den Spiegel schauen und uns selbst erkennen; innerlich wie auch äußerlich. Die externe, vergängliche Welt ist nur der Nährboden für unsere Inspiration und die in uns lodernde Flamme, durch die wir erkennen können, wer wir überhaupt sind. Wir müssen lernen mit unseren Ängsten und Frustrationen, mit Enttäuschungen und Irritationen, mit den schmerzhaften Erlebnissen im Leben umzugehen. Wir sind spiritistische Wesen, die eine menschliche Erfahrung erleben, oder vielmehr ausleben, und diese Wahrnehmung der Menschheit wollen CYNIC mit ihren Texten vermitteln.“

Der Gitarrist, Sänger und allgemein Verantwortliche für diese nur schwer definierbare, vielseitige und neuerdings spleenig-extraterrestrische Progmusik gibt sich angemessen, doch mehr betont überheblich: „Wir wollten mit CYNIC schon immer zu diesen großartigen Bands zählen, die sich nicht kategorisieren lassen und sich die Freiheit nehmen, grenzenlos, ja anarchisch zu musizieren.“ Zusammen mit Drummer Sean Reinert spielt er noch in AEON SPOKE, eine weitere musikalische Herausforderung, zugleich ein Modus Procendi sich von weiteren Kilo Kreativität zu befreien. Erst letztes Jahr veröffentlichten sie das Album „Aeon Spoke“, Mitte 2009 soll bereits der Nachfolger erscheinen. Wenn der Multi-Instrumentalist nicht gerade Spuren auf Spuren schichtet, im Studio Ideen zu Alben formt, sucht er seinen Teil zur Entdeckung der Leichtigkeit beizutragen. „Wenn ich nicht gerade mit einer von meinen Bands auf Tour oder im Studio bin, dann meditiere ich in den Himalajas. Aber selbst in diesen Höhen kann ich nicht ohne Musik sein. Gerne würde auch malen, oder einfach nur Stoffwechsel betreiben. Das kann manchmal anstrengend genug sein.“

Sie machen vieles anders als die meisten Bands aus Florida. Death Metal – früher mal so ein Ding der Stunde, inzwischen ein Nischenprodukt; aber immer noch sind die Bands, die vor rund zwanzig Jahren die Szene beherrschten das Aushängeschild. Viele haben sich umorientiert, aufgelöst, CYNIC hielten sich nie an die dort üblichen, vorherrschenden Konventionen. „CYNIC kamen aus Miami, nicht aus Tampa und Umgebung, und obwohl wir uns mit der Szene damals und all ihren Bands auf irgendeine Weise verbunden fühlten, teilten wir andere Auffassungen von Death Metal. Wir waren nicht interessiert an Extremen, auch wenn ich gestehen muss, dass mich einige Bands von damals in dieser Hinsicht noch heute beeindrucken.“ Für kurze Zeit half Paul bei Chuck Schuldiner und DEATH aus. Wie er beteuert, eine unvergessliche und lehrreiche Phase als Musiker. Über ein Album, das Grenzen sprengen sollte: „Der Aufnahmeprozess zu ‚Human‘ war für uns alle ein Riesenspaß. Wir arbeiteten frei; wir sagten Death Metal ade, zugleich hießen wir Death Metal willkommen. An eine Episode im Studio erinnere ich mich noch ganz genau: Wir arbeiteten gerade an dem mittleren Teil des Instrumentals ‚Cosmic Sea‘, als mir schlagartig bewusst wurde, wie wir als Kollektiv Chucks Musik um eine weitere Nuance, um einen nie zuvor dagewesenen Modus bereicherten. Schon damals hatte ich das Gefühl, an etwas ganz großartigem beteiligt zu sein.“

13.12.2008

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