Heaven Shall Burn
Heaven Shall Burn

Interview

Sie sind die unangefochtenen Könige des Metalcore in Deutschland: HEAVEN SHALL BURN. Charteinstiege hier, bis zum Mischpult reichende Walls Of Death dort, ausrastende Kids auf der einen Seite, bangende Metaller auf der anderen. Was ist es, was diese fünf Jungs aus Ostdeutschland so erfolgreich macht? Sind es die stets durchdachten und kritischen Themen der Alben? Ist es ihre grundehrliche Einstellung? Oder sind es einfach äußerst starke Platten wie ihr neues Werk „Iconoclast“? Gitarrist und Chefdenker Maik Weichert gibt ehrliche Antworten.

Iconoclasts sind Krieger, die entsandt werden, um die Mörder Gottes zu rächen. Wie kamt ihr auf diesen Plot?

Wir sind auf dieses Wort gestoßen und fanden seinen Klang ästhetisch. Daraufhin habe ich mich näher mit der seiner Bedeutung befaßt und fand heraus, daß es eine feine Thematik abgab. Also haben wir eine Story drum herum gesponnen, da es darüber hinaus auch gut zu unserem eigentlichen Konzept paßte. Wir hatten schon immer falsche Idole oder Ersatzgottheiten angeprangert. Diesmal war es nur ein anderer Denkanstoß.

Wie ist eure eigene Beziehung zu Religion, die ja gerade im Moment die ganze Welt in Atem hält?

Unsere Sichtweise darüber haben wir auf der Platte unmißverständlich dargelegt. Man muss das Thema nur auf zwei Ebenen spalten. Es gibt einen Realitätsbezug der Lyrics und die Fantasy-Story. Wir wollten symbolisch die Trennung zwischen weltlicher und geistlicher Macht rüberbringen. Religion ist in meinen Augen eine private Sache. Jeder sollte für sich selbst entscheiden, was für ihn hinter diesem Wort steckt. Es darf nur keine weltliche Bedeutung annehmen und zu einer Macht werden, die Staaten lenkt. Das wäre in unserer westlichen Welt sehr rückschrittlich.

Trotzdem gibt es heute Beispiele, wo genau das eintritt, z.B. im Islam.

Nicht nur dort. Im Islam ist so ein System in vielen Staaten noch das überlegene. Man sieht ja gerade im Irak, was passiert, wenn man zwanghaft demokratisieren will. Die dort geplante gelenkte Demokratie ist ein Unwort an sich. Am interessanten im Islam finde ich die aktuellen Auseinandersetzungen in der Türkei. Da ist der Gegensatz zwischen weltlicher und geistlicher Macht noch am größten. Jeder versucht, auf seine Weise Einfluß zu nehmen. Bis zu einem bestimmten Level kann man Menschen auch mit religiöser Macht gesellschaftlich lenken. Ist ja auch einfacher. Aber für weiteren Fortschritt engt es die Individuen zu sehr ein.

In welchem Zusammenhang stehen dazu die zentralen Worte der Platte aus dem Refrain von „Endzeit“: We are the final ones, we are the final resistance?

Als ich diese Zeilen geschrieben habe, hatte ich auf unsere Generation bezogen wieder diese Konkurrenz zwischen geistlicher und weltlicher Kraft im Kopf. Wir leben in der Gewißheit, daß um uns herum alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Einen Krieg mit England, Frankreich oder den USA wird uns in absehbarer Zeit nicht blühen. Wir denken, ein dritter Weltkrieg wird nicht kommen, dabei sind wir eigentlich mittendrin. Nur kämpfen diesmal wir Menschen gegen die Natur und keine Staaten mehr gegeneinander. Wir sind die letzte Generation, die diesen Krieg vielleicht noch beenden kann. So erklärt sich auch der Titel des Songs. Um jetzt den Bogen zur Religion zu schlagen: Hierbei handelt es sich um die knallharte Realität und nicht um Verblendung. Es werden immer noch Kriege der Religion wegen geführt, obwohl ein viel größerer und unbemerkter Krieg im Gange ist, bei dem es um den Planeten geht, auf dem wir leben.

Dies war euer erster deutscher Songtitel, oder?

Ich glaube schon. Wir hatten schon mal isländische Songtitel, aber deutsche noch nie, außer mal bei Coverversionen.

Warum habt ihr euch dann ausgerechnet hier für „Endzeit“ entschieden?

Weil dieses Wort unheimlich stark klingt. Für englische native speaker klingt es typisch deutsch, nämlich hart und harsch. Außerdem wollten wir, daß auch in Deutschland jeder kapiert, worum es uns in diesem Song geht. Es verleiht dem Stück noch dazu einen etwas besonderes Flair.

Es scheint sowieso, als würdet ihr des Öfteren Kernwörter setzen und diese auch – sogar auf verschiedenen Platten – gerne mal wiederholen. Leaders ist z.B. so ein Wort…

Dieses Wort fällt im Kontext einer jeden Platte besonders auf. Ein Leader steht immer im Mittelpunkt. Ich bin aber auch der Ansicht, daß es wesentlich einfacher ist, Leute mit bestimmten Worten oder Wortgruppen oder Zitaten zum Denken anzuregen. Mit seitenlangen Pamphleten würde das verpuffen. Einzelne, gezielte Schläge mit starken Worten sind da viel effektiver.

Wie wählt ihr diese Schlagworte aus?

Das ergibt sich von selbst. Sie sind immer themenbezogen. Bei Religion sind das dann eben Worte wie Glaube oder Führer. Bei Krieg wären es Wut, Angst, Tragödie. Redet man von Religion, werden automatisch auch die Dinge erwähnt, die zu Ersatzreligionen werden. In einem Interview letzte Woche haben der Interviewer und ich festgestellt, daß mittlerweile bei einer Eröffnung eines Media Marktes mehr Leute am Start sind, als bei einer Kirchweihe. Der Denkensmittelpunkt der Menschen hat sich verschoben. Heute kann auch ein Golf GTI ein Altar sein für jemanden, der den ganzen Tag malocht und danach alle seine Kohle und Liebe in dieses Auto steckt.

Was ist eure persönliche HSB-Religion?

Hehe, eine Church of HSB haben wir nicht in petto. Bei uns glaubt jeder an seine ganz eigenen Dinge, weswegen es so unterschiedlich ausfällt wie der Geschmack, wenn es um Fußballmannschaften geht. Wenn wir es überhaupt auf etwas runterbrechen können, dann darauf, daß wir uns gegenseitig akzeptieren und niemandem befehlen, wie er zu sein hat. Und als gemeinsamer Nenner fungiert natürlich auch die Musik und die Freiheit.

Kommen wir mal auf die Musik von „Iconoclast“. Ihr habt erstaunlich viele kleine Experimente versteckt und eingewoben. Sei es ein versteckter Dance Beat oder für euch untypische Gitarrenläufe und Melodien, die sich erst nach mehrmaligem Hören öffnen. Wie kam es dazu?

Das freut mich, daß das entdeckt wird. Ist doch schön, wenn eine Platte immer etwas Neues bereit hält und spannend bleibt. Wir sind jetzt an einem Zeitpunkt, wo wir uns das ganz einfach trauen. Wir haben schon immer gerne RAMMSTEIN, WALTARI oder THINK ABOUT MUTATION gehört, die solche Beats auch verwendet haben. Sie klingen fett und stumpf, wodurch die Musik brutaler wird. PARADISE LOST verwendeten elektrische Drum Loops. Das alles sind unsere Einflüsse. Es muß nur passen und darf nicht gezwungen wirken. Und dies ist der Fall, wenn es einem erst beim zweiten oder dritten Hören auffällt. Uns soll es ja auch nicht langweilig werden. Trotzdem legt man die CD ein und erkennt uns nach zehn Sekunden. Aber auch wir wollen Abwechslung. Oder willst du, daß deine Freundin immer die gleiche Unterwäsche trägt?

Auf keinen Fall, hehe! Ich würde dennoch so weit gehen und sagen, daß man „Iconoclast“ sogar mehrmals hören muß, damit sie sich einem erst richtig öffnet. Die Stimmungskurven eurer Stücke sind sich diesmal recht ähnlich ausgefallen.

Bei dieser Platte ist es nicht ganz so extrem wie beim Vorgänger „Deaf To Our Prayers“. Diesmal haben wir mehr ruhigere Momente eingebaut. Die finden sich aber wieder in jedem Song. Insofern magst du recht haben. Die Stücke an sich laufen alle in Wellenbewegungen, was die Scheibe abwechslungsreicher macht. Die Songs an sich haben aber teilweise eine ähnliche Dramaturgie, was daran liegt, daß es gefühlte Musik ist und keine konstruierte.

Was gleich geblieben ist, ist die Tatsache, daß ihr wieder fleißig eure Vorbilder zitiert.

Klaro. Du hast es schön ausgedrückt. Eine Stufe drunter würde liegen, daß wir unsere Einflüsse zeigen. Und der ganz große Vorwurf wäre das Klauen von Riffs…

Hehe, ganz so offensichtlich wie bei der letzten Platte, wo 1:1 BOLT THROWERs „Powder Burns“ übernommen wurde, geht es diesmal nicht zur Sache.

Haha, das stimmt. Sagen wir es mal so: Wir haben schon ein oder zwei Riffs weggelassen, die man sehr gut hätte erkennen können. Aber auch damit hätten wir kein Problem gehabt. In der Kunst ist es ganz alltäglich und sogar willkommen. Kommunisten… äh… Komponisten lassen sich seit Hunderten von Jahren von anderen beeinflussen und verwenden Zitate. Die geilsten Melodien haben nun mal IRON MAIDEN und die größten Riffwalzen nun mal BOLT THROWER geschrieben. Dann darf man sich davon auch beeinflussen lassen. Damit hatten wir noch nie ein Problem gehabt. Und auch die Leute hatten deswegen eher ein fettes Grinsen im Gesicht als ein skeptisches Stirnrunzeln. So lange man keine ganzen Songs klaut und die Vorlagen nur als Denkanstöße benutzt, ist das doch in Ordnung.

Und wie schaut es dann mit der EDGE OF SANITY-Coverversion „Black Tears“ aus?

EOS waren schon immer eine unserer Lieblingsbands. Dieses Stück bewegt sich genau auf der richtigen Kante zwischen Punk und Metal, geht unglaublich nach vorne und hat eine griffige Melodie. Das Stück wird auf jeden Fall von uns auch live gespielt. Außerdem war Dan Swanö schon immer jemand, dessen musikalisches Können extrem unterbewertet wurde und wird. Er hatte nie den Erfolg, den er verdient gehabt hätte. Wir verehren ihn seit Ewigkeiten.

Da seid ihr ja mit Bands wie FALL OF SERENITY und MISERY SPEAKS in guter Gesellschaft, die ihre Platten gerade von ihm mastern lassen.

Diese Band hatten die gleiche Intention wie wir. Sie fanden ihn schon immer geil. Es gibt so viele Fans von Melodic Death Metal, denen gar nicht bewußt ist, wer diesen Sound eigentlich kreiert hat. Und das war eben Dan und nicht IN FLAMES zusammen mit DISMEMBER.

Kommen wir mal kurz auf den Rerelease von „Whatever It May Take“. Hat er euch auch so weggeblasen? Der neue Mix ist unglaublich.

Ich hab richtig breit gegrinst, als ich ihn gehört habe. Wir waren zuerst von Idee gar nicht begeistert. Man hat den bestimmten Charme einer Platte im Kopf und viele Leute lieben diesen Charme. Aber auf einmal nimmt man eine Gesichtsoperation vor. Wir waren sehr skeptisch. Aus diesem Grunde haben wir auch das gleiche Studio und den gleichen Produzenten wie damals benutzt. Es hat nichts von seiner chaotischen Brutalität verloren und ist keinesfalls zu glatt.

Ich denke, er war vor allem für die jungen Fans wichtig, die erst mit und nach „Antigone“ dazu gekommen sind.

„Das auf jeden Fall, denn das waren die meisten. Diese Intention steckte natürlich auch dahinter.“

Ist ein Rerelease von „Asunder“, dem Vorgänger von „Whatever It May Take“ geplant?

Bisher noch nicht. Aber ich kann es mir vorstellen, weil es mit „Whatever…“ so gut geklappt hat. Wir müssen nur ein gutes Konzept finden, damit es nicht zum Rip Off wird. Es muß den Leuten was bringen, sich diese Scheibe erneut zuzulegen.

Wenn du über die Jahre mal eure und deine Entwicklung betrachtest, wie verändert sich die Sichtweise auf Dinge wie Geld, Freunde, Erfolg, Ruhe, Freiheit oder Langeweile?

Hehe, Langeweile hatten wir noch nie und würden wir auch nicht haben, wenn es HSB nicht mehr gäbe. Wir haben uns alle unser Leben daneben bewahrt. Fulltime Rock N’ Roll war noch nie unser Ding. Wir fünf können auch zusammen zu einem Fußballspiel gehen oder mal ins Kino. Wir müssen nicht zwanghaft im Tourbus rumsitzen. Wir sind älter geworden und kommen jetzt so langsam ins Erwachsenenalter, hehe. Das bringt automatisch eine andere Sicht auf Dinge wie Geld etc. mit sich. Mit 16 denkt man immer, man hat kapiert, wie die Welt funktioniert. Geht man dann auf Ende 20 zu, merkt man erst, wie viele Kompromisse man eingehen muß. Wir haben alle unsere Jobs nebenbei und sind somit nicht von HSB abhängig. Deswegen können wir uns auch die Freiheit rausnehmen und sagen, worauf wir keinen Bock haben. Zwar verdienen wir mehr Geld mit HSB, als wir jemals erwartet hätten, halten die Band aber nicht am Laufen, weil wir es müssen. Das ist ein Spaßding. Mit einer unverkrampften Arbeitsweise kommt der Erfolg viel schneller, als wenn man auf bestimmte Zahlen setzt. Wir hoffen, daß der Fan merkt, wenn etwas erzwungen und aufgesetzt oder ehrlich ist. Das Feedback, das wir bekommen, geht aber in diese Richtung. Wenn mir jemand eine Mail schreibt, daß er ein Autogramm oder eine Grußbotschaft für die Abizeitung haben will, dann haben wir eben die Zeit, diese Mail zu beantworten, da wir nicht gerade sonstwo auf Tour hocken. So merken die Leute, daß bei uns mehr Menschlichkeit als Business dahinter steckt. Dennoch wissen wir, was wir wert sind, und lassen uns im Business nicht über den Tisch ziehen. Rock n’ Roll-DIY dort, wo es angebracht ist. Und wo andere Geld verdienen, wollen wir auch mit verdienen. Das ist klar.

Du bist, wenn du nicht gerade Gitarre spielst, Jurist. Speziell auf das Musikwesen bezogen?

Ich schreibe gerade eine Dissertation und bin eher Verfassungsrechtler. Musik- und Verlagsrecht hatte ich mal gehabt und kann auch über unseren Plattenvertrag drüber schauen. Aber es macht immer mehr Spaß, wenn die Leute, die einem gegenüber sitzen, nicht wissen, daß man Jurist ist. Auf diese Weise bekommt man mehr aus ihnen heraus, hehe.

Ihr wart kürzlich in Japan, richtig?

Ja, wir sind erstmals durch das ganze Land gereist und haben mehr von Japan mitbekommen als Tokyo Downtown und das Festival, auf dem wir spielten. Diesmal waren wir z.B. auch in Osaka, als gerade die Leichtathletik-WM stattfand. In Japan wird man immer behandelt, als sei man ein absoluter Rockstar. Man wird von vorne bis hinten bedient. Die ganzen Leichtathleten haben sich gewundert, warum wir ständig Autogramme geben mußten und sie nicht, haha. Die Japaner sind wahnsinnig disziplinierte Leute, die dann aber mit so viel Passion und Emotion bei der Musik ausrasten können.

Das Jahr 2007 ist vorbei. Was waren deine Highlights?

Ein richtig geiler Moment war im Januar in Island, als ich zum ersten Mal in meinem Leben wahnsinnig schöne Nordlichter sah. Bezogen auf die Band war es definitiv die Show auf dem Wacken Open Air. Wir hätten nie erwartet, daß die Leute uns so gut annehmen und die kleine Bühne wirklich fast zu klein war. Und natürlich, als uns Tue Madsen zum ersten mal den Mix der neuen Platte vorspielte. Es war sofort klar, daß dies eine Bombenscheibe werden würde.

Hast du Vorsätze für 2008 gefasst?

Ja, ich möchte mir meine Arbeitstage genauer strukturieren und nicht mehr nur alles machen, wie es kommt. Mit der Band werden wir weiterhin nur das machen, worauf wir Bock haben, hoffentlich ein paar coole Touren spielen und viel mit Freunden abhängen. Außerdem wollen wir endlich die Länder beackern, wo wir noch nie waren wie in den USA, Finnland, Bosnien oder Kroatien.

26.01.2008
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