Orlog
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Interview

ORLOG haben mit "Elysion" ein großartiges zweites Album vorgelegt, das jeder Freund richtigen Black Metals zumindest gehört haben sollte. Gitarrist und Kreativkopf Angantyr warf mit uns einen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart der Band und stellte klar, dass ORLOG mit dem momentan grassierenden "Pagan"-Unsinn nichts zu tun haben wollen.

OrlogBandvorstellungen interessieren niemanden, lass uns also gleich in die Vollen gehen und über „Elysion“ reden. Wie fühlt es sich an, auf einmal ganz oben bzw. vorne zu sein? Hast Du Dir schon überlegt, wie Du Dich in Zukunft motivierst, wenn es besser praktisch kaum noch geht?

Wir sehen uns weder irgendwo vorne noch oben, was auch immer das bedeuten mag. „Elysion“ ist aus unserer Sicht natürlich ein sehr starkes Album geworden, aber ich bezweifle, dass es in Zukunft nicht noch besser geht. Wir sind Perfektionisten und selten lange mit dem zufrieden, was wir tun.

Im Vergleich zu „Reinigende Feuer“ habt Ihr gleich ein paar Briketts draufgelegt. „Elysion“ ist deutlich aggressiver und „viel mehr BM“, um es mal salopp zu formulieren. Letzteres gilt auch optisch: Anno 2008 treten ORLOG in Kriegsbemalung an, was ein eher ungewöhnlicher Schritt ist; normalerweise wird sich davon im Zuge der sogenannten „Weiterentwicklung“ getrennt. Was hat diese Entwicklung in Sachen Musik und Außendarstellung verursacht?

Ja, da hast Du vollkommen recht. „Elysion“ ist aggressiver und finsterer geworden, weil wir uns auf das konzentriert haben, was uns die ganze Zeit am meisten inspiriert hat: Black Metal. Wir werden ja meist als Pagan/Black-Metal-Band eingestuft, waren damit aber schon nach „Reinigende Feuer“ nicht besonders glücklich. Wir stehen zwar durchaus noch zu unseren heidnischen Wurzeln, sind als Band im Jahr 2008 aber nicht mehr von ihnen beeinflusst. ORLOG sind eben auch nicht mehr genau die selben Persönlichkeiten wie 2001. Alles verändert sich, so auch wir. Der Kern der Platte ist düster und lebensfeindlich, dazu passt auch die äußerliche Wandlung. Manchmal kommt das Gefühl auf, dass wir uns im Gegensatz zu den meisten Bands immer weiter ins Extreme bewegen.

Lass uns das Thema „ORLOG im Wandel der Zeiten“ noch kurz weiterführen. Für meinen Geschmack habt Ihr Euch von Veröffentlichung zu Veröffentlichung enorm gesteigert. Die EP fand ich 2003 nicht sonderlich berauschend, Euer Debüt dann schon ziemlich gut, und „Elysion“ ist nun ein richtiger Hammer geworden. Gibt es zwischen diesen Aufnahmen bestimmte musikalische Schlüsselerlebnisse oder sonstige Knackpunkte, die Euch auf ein jeweils neues Niveau katupultiert haben? Oder würdest Du Eure Qualitätssprünge einzig und allein Eurer „natürlichen Entwicklung“ zuschreiben?

Dazu muss man zunächst einmal sagen, dass keine der angesprochenen Veröffentlichungen mit dem selben Line-Up eingespielt wurde. Gerade bei der EP hatten wir bereits große Probleme mit unserem damaligen Gitarristen, die schlussendlich dazu führten, dass wir uns von ihm trennen mussten. Die Besetzung der Band ist seitdem immer stärker geworden, und zur Zeit haben wir mit Abstand das kreativste und fähigste Line-Up unserer Geschichte. Dazu kommt noch, dass wir uns musikalisch extrem weiterentwickelt haben. Ein Großteil der Musik kommt ja von mir, und auf unserem Demo waren die ersten Songs, die ich überhaupt geschrieben habe. Die EP war dann schon besser, aber noch lange nicht das, was uns vorschwebte. Man ist immer an seine kreativen Möglichkeiten gebunden. Von diesem Standpunkt aus gesehen war „Reinigende Feuer“ eigentlich die erste ernstzunehmende Aufnahme von ORLOG. Mit allem, was vorher war, habe auch ich so meine Probleme. Um Deine Frage zu beantworten: Ich denke, man kann diesen Weg als natürliche Entwicklung bezeichnen. Auf einzelne, einschneidende Schlüsselerlebnisse würde ich das nicht zurückführen.

ORLOG wurden zumindest in der Vergangenheit oft als Pagan Black Metal gehandelt. Siehst Du Euch heute mit diesem Etikett noch zufriedenstellend zugeordnet? Was bedeutet(e) Dir das Attribut „Pagan“ und wie wirkt(e) es sich auf das Schaffen von ORLOG aus? Wie eklig findest Du in diesem Zusammenhang den gegenwärtigen Pagan-Metal-Trend mit seinen Humppaauswüchsen?

Vieles dazu habe ich ja bereits gesagt. Das Attribut Pagan bedeutet mir nichts und wirkt sich weder auf ORLOG aus, noch ist es eine zufriedenstellende Zuordnung. Zum Pagantrend brauche ich nicht viele Worte zu verlieren: Das meiste ist niederstes Bierzeltgejaule ohne künstlerischen Anspruch.

Der Albumtitel hat immerhin einen heidnischen Hintergrund, klar. Warum „Elysion“, warum nicht Walhalla oder Hel oder schlicht Jenseits? Welche Aspekte des Elysion faszinieren Euch so sehr, dass dem Elysion gleich das ganze Album gewidmet wurde?

Oh, da befindest Du Dich auf dem Holzweg. Der Titel hat keine mythologische Bedeutung, sondern steht in Verbindung mit dem dazugehörigen Text und dem Layout. Er ist pure Ironie. Das Ziel aller menschlichen Erlösungsphantasien: Bedeutungslosigkeit; die große Leere.

Statt der Texte gibt es im Booklet jeweils einen Einzeiler zu bewundern. Warum diese Lösung? Hast Du Lust, grob zu umreissen, um welche Themen sich das Album dreht?

Das grobe Konzept habe ich gerade umrissen. Die einzelnen Texte kann ich Dir aber nicht genau erläutern, da sie alle von Wolfram stammen und sehr schwer verständlich und persönlich sind. Letzteres war auch der Grund dafür, nur einzelne Textpassagen, welche die Stimmung des Songs unterstreichen, zu wählen. Elysion wurde komplett abgedruckt, da er nicht direkt von uns selbst stammt, sondern auf Grundlage unserer Vorstellungen von Sermon (Gitarre und Gesang bei THORNESBREED. -Ed.), einem Freund der Band, geschrieben wurde. Er ist sehr bildhaft geworden und hat unsere Erwartungen mehr als erfüllt.

Du hast in einem älteren Interview mal gesagt, dass Dir „Frostnacht“ sehr gefällt. Deswegen nehme ich an, dass die Beobachtung, „Elysion“ klänge an ein paar Stellen nach HELRUNAR, Dich nicht sonderlich verärgert, oder? Gibt es andererseits Vergleiche, die Du nicht mehr hören kannst? Als Musiker muss man natürlich mit Vergleichen leben, aber wie gut oder schlecht fühlst Du Dich im allgemeinen von den Einfällen der Schreiberlinge repräsentiert?

HELRUNAR ist eine großartige Band, ein warer Lichtblick im Paganmorast. Mich verärgert der Vergleich also überhaupt nicht. Ich kann ihn aber auch nicht ganz nachvollziehen, da ich eigentlich weniger musikalische Parallelen zu ORLOG finde. Aber das kann auch am fehlenden Abstand zur eigenen Band liegen. Mit Vergleichen muss man leben, wir vergleichen selbst ja auch. Manchmal fragt man sich aber, wie der eine oder andere zustande kommt. Zum Beispiel wurden wir mehrmals mit IMMORTAL verglichen, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Was ORLOG ein ganzes Stück Charakter verleiht, ist die gerade für BM-verhältnisse sehr untypische Lead- und Soloarbeit der Gitarre. Welche Musiker haben Dich in diesem Bereich besonders beeinflusst und was hat Dich bewogen, derlei in einem BM-Rahmen umzusetzen?

Ich liebe Gitarrensoli und finde, dass ein gutes Solo einen Song sehr bereichern kann. Beeinflusst haben mich zu viele Gitarristen, als ich hier alle aufzählen könnte: Paul Gilbert, Garry Moore, David Parland (Blackmoon), Euronymous, Jon Nödtveidt, Kirk Hammet, Yngwie Malmsteen und viele mehr.

Rein theoretisch hättet Ihr wohl durchaus das Zeug, für BM-Verhältnisse ziemlich groß zu werden. Und das meine ich prinzipiell erstmal wertungsfrei. Habt Ihr Ambitionen in Richtung „groß werden“, inkl. ausgedehnter Touren auch im Ausland? Euch gibt es jetzt seit acht Jahren, was wollt Ihr in den nächsten acht Jahren erreichen? Denkst Du, es gibt so etwas wie „Glaubwürdigkeitsgrenzen“ für das Wachstum einer BM-Band?

Natürlich würden wir gerne im Ausland touren. Wir haben aber auch keine Eile damit. Wenn die Umstände stimmen und die Zeit reif ist, wird es sicher eine Tour geben. Zur Zeit ist in dieser Hinsicht aber nichts in Sicht. Was in acht Jahren ist, interessiert uns nicht. Wir konzentrieren uns auf das Jetzt. Eine Glaubwürdigkeitsgrenze gibt es nicht, solange die Band langsam wächst und sich nichts von Außenstehenden vorschreiben lässt.

Als Gegengewicht zur letzten nun eine Frage mit etwas mehr Bodenhaftung bzw. Realitätsbezug: Wie sieht die unmittelbare Zukunft von ORLOG aus? Wann und wo wird man Euch live erleben können? Wann kommt die Vinylversion des Albums?

Wir schreiben bereits an neuen Songs, von denen wir sogar einen ins Live-Set aufgenommen haben. Zu den letzten zwei Punkten kann ich im Moment noch nichts Genaues sagen.

Anno 2008 kann man fast jedes beliebige Album schon vor dem offiziellen VÖ-Termin irgendwo illegal runterladen. Wie wichtig sind da eigentlich noch Kritiken und Interviews in Magazinen zur Fällung einer Kaufentscheidung? Obwohl ich selbst immer noch schreibe, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, dass irgendwer noch aufgrund einer Kritik eine CD kauft. Führt also auch dieses Gespräch bestenfalls dazu, dass sich jemand das Album runterlädt und dann VIELLEICHT auch die CD ersteht? Ist es eigentlich frustrierend, dass Interesse an einer Band heutzutage höchstwahrscheinlich zuerst zum Download führt, anstatt direkt zum Albumkauf?

Das ist schwer einzuschätzen. Reviews waren früher definitiv wichtiger, aber ich denke, viele Leute lesen trotzdem noch gerne intelligente Kritiken. Allerdings werden diese wohl tatsächlich kaum noch einen großen Einfluss auf eine Kaufentscheidung haben. Ändern lässt sich das sowieso nicht. Wie alles hat auch die Sache mit dem Internet seine zwei Seiten. Einerseits hat es sicher viele negative Auswirkungen, andererseits trägt es sehr zur Verbreitung von Bands bei. Es wäre sinnlos, deshalb frustriert zu sein, da man es wie gesagt nicht ändern kann.

Da mir keine sinnvollen Fragen mehr einfallen, darfst Du kurz vor Schluss unseren Lesern verraten, wie im Hause ORLOG das Julfest begangen wird. Mit jeder Menge Wernesgrüner?

Davon ist auszugehen.

Und das war’s dann auch schon. Vielen Dank für Deine Zeit. Wenn Du noch irgendwas bewerben möchstest oder sonst etwas auf dem Herzen hast, so ist dies Deine letzte Chance.

Danke für das Interview.

10.12.2008

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