Runemagick
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Interview

Nicklas Rudolfsson zelebriert mit „After Chaos: Nocturnal Vigil“ ein musikalisches, atmosphärisch dichtes Ritual an apokalyptischem Death Doom in der ureigenen Art von RUNEMAGICK. Der Hohepriester spricht im Interview über die Hintergründe.

Cover Artwork von Runemagick – „After Chaos: Nocturnal Vigil“

Das neue Album „After Chaos: Nocturnal Vigil“ markiert ein neues Kapitel in der Geschichte von RUNEMAGICK. Aus den Ruinen und der Stille, die auf den in „Cycle Of The Dying Sun (Dawn Of Ashen Realms)“ beschriebenen Zusammenbruch folgten, taucht das Album durch acht miteinander verbundene Kompositionen in eine introspektivere, ritualistischere und kosmischere Dimension ein. Welches Bild, welches Gefühl oder welche kreative Notwendigkeit hat dich ursprünglich dazu inspiriert, zu erforschen, was nach dem Chaos kommt, und wie hat diese Idee das Album als Ganzes geprägt?

Ich glaube, der Gedanke, irgendwie weiterzumachen, schwebte mir schon in der Endphase von „Cycle Of The Dying Sun (Dawn Of Ashen Realms)“ irgendwo im Hinterkopf herum. Aber ich möchte die Geschichte nicht umschreiben und so tun, als hätte ich „After Chaos: Nocturnal Vigil“ zu diesem Zeitpunkt bereits vollständig geplant gehabt. Das war nicht der Fall. Ich glaube, es dauerte noch eine Weile nach Fertigstellung von „Cycle Of The Dying Sun (Dawn Of Ashen Realms)“, bis ich mich wirklich hundertprozentig dazu entschlossen hatte, diesen Weg weiterzugehen und zu erkunden, was jenseits seines Endes existieren könnte.

„Cycle Of The Dying Sun (Dawn Of Ashen Realms)“ hat diese Bewegung hin zu Niedergang, Tod, Zusammenbruch und schließlich zu etwas, das fast einer Auflösung gleicht. Als es fertig war, wurde mir klar, dass da noch etwas war, das mich interessierte. Was passiert, nachdem alles zusammengebrochen ist? Was bleibt übrig, wenn der Lärm verstummt ist? Das wurde zu einem der Ausgangspunkte für „After Chaos: Nocturnal Vigil“.

Aber ich hatte kein Interesse daran, eine wörtliche Fortsetzung zu schreiben, bei der der erste Song fünf Minuten nach dem Ende des vorherigen Albums beginnt, haha. Es ist eher eine Fortsetzung von Ideen, Atmosphäre und Gemütszuständen. Nach dem Chaos kann Stille herrschen, aber Stille bedeutet nicht unbedingt Leere. Es kann Reflexion, Verwandlung, Erinnerung und vielleicht den Beginn von etwas Neuem geben. Dieser Raum hat mein Interesse geweckt. Hier kommt auch die nächtliche Wache ins Spiel. Mir gefällt die Vorstellung, wach zu sein, während um einen herum alles still ist, zu beobachten und zuzuhören. Die Dunkelheit kann die Wahrnehmung der Dinge verändern. Die vertraute Welt ist immer noch da, aber man erlebt sie anders. Das passte sehr gut zu der Richtung, in die sich die Musik entwickelte.

Im Laufe der Entstehung des Albums entstand auch eine stärkere Verbindung zur Natur, zur kosmischen Perspektive, zu alten Symbolen und zu meinen Gedanken über Zeit und Existenz. Einige dieser Elemente gab es bei RUNEMAGICK schon immer, aber hier wurden sie meiner Meinung nach stärker in die eigentliche Struktur des Albums integriert. Es war also nie so, dass ich mich mit einem 86minütigen, auf Papier geschriebenen Konzept hingesetzt habe. Ganz im Gegenteil. Es entwickelte sich ganz natürlich und offenbarte nach und nach, was daraus werden wollte. So arbeite ich im Allgemeinen am Liebsten.

Dies ist das zweite Album als Soloprojekt seit „Cycle Of The Dying Sun (Dawn Of Ashen Realms) „. Wie fühlt es sich an, alles ganz allein zu machen? Fühlst du zu „After Chaos: Nocturnal Vigil“ dieselbe starke Verbindung wie zu seinem Vorgänger?

Ich habe zu beiden Alben eine sehr starke Verbindung, wenn auch vielleicht auf etwas unterschiedliche Weise. RUNEMAGICK wieder hauptsächlich alleine zu produzieren, fühlt sich eigentlich sehr natürlich an, denn wenn man ganz zurückblickt, ist RUNEMAGICK ursprünglich aus meinen eigenen Ideen entstanden. Natürlich gab es im Laufe der Bandgeschichte verschiedene Besetzungen und sehr wichtige Menschen, die daran beteiligt waren, und das möchte ich keineswegs herabsetzen. Jede Phase hat etwas dazu beigetragen, was RUNEMAGICK geworden ist.

Aber dort, wo ich heute stehe, passt es mir außerordentlich gut, völlige kreative Freiheit zu haben.

Es gibt niemanden, den ich davon überzeugen muss, dass ein Song zehn, zwölf oder fünfzehn Minuten lang sein sollte. Ich muss nicht erklären, warum es plötzlich mehrere Minuten lang Percussion, Drone- oder Ambient-Klänge geben sollte. Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, ob es jedem in einer traditionellen Band Spaß macht, einen bestimmten sich wiederholenden Part zu spielen. Wenn sich etwas für die Musik richtig anfühlt, kann ich dem folgen.

Das heißt aber nicht, dass ich allein in irgendeinem Bunker sitze und niemanden an RUNEMAGICK heranlasse. Dísa Draugurinn hat Gesang und andere kreative Elemente beigesteuert, Andy La Rocque ist am endgültigen Sound und am Gitarrensound beteiligt, und es gibt noch weitere Leute, die an der Musik und den Veröffentlichungen mitwirken. Der Unterschied ist, dass RUNEMAGICK nicht mehr wie eine herkömmliche Band funktionieren muss.

Was meine Verbindung zu den beiden Alben angeht: „Cycle Of The Dying Sun (Dawn Of Ashen Realms)“ war wichtig, weil es diese aktuelle Phase eingeleitet hat. „After Chaos: Nocturnal Vigil“ ermöglichte es mir dann, noch tiefer darin einzutauchen. In diesem Sinne sind sie sehr eng miteinander verbunden. Ich betrachte „After Chaos: Nocturnal Vigil“ nicht einfach als „Cycle Of The Dying Sun (Dawn Of Ashen Realms)“ Teil 2, aber es gibt eindeutig einen roten Faden, der beide Alben verbindet. Und es gibt bereits Überlegungen, wohin dieser rote Faden letztendlich führen könnte, aber ich denke, es ist noch viel zu früh, um mehr darüber zu sagen. Dieses Album ist gerade erst erschienen. Es verdient seine eigene Zeit.

Gibt es etwas, das du bei der Entstehung von „Cycle Of The Dying Sun (Dawn Of Ashen Realms)“ gelernt hast, das einen Einfluss auf „After Chaos: Nocturnal Vigil“ hatte?

Ja. Das Wichtigste war wahrscheinlich, zu lernen, meinen Instinkten noch mehr zu vertrauen. Bei „Cycle Of The Dying Sun (Dawn Of Ashen Realms)“ habe ich zugelassen, dass die Songs ziemlich lang und atmosphärisch wurden, und mir wurde klar, dass ich die Musik nicht ständig kontrollieren oder in eine traditionelle Struktur zwängen musste. RUNEMAGICK war natürlich schon immer von Wiederholungen und Atmosphäre geprägt, aber ich hatte das Gefühl, dass es dort noch viel mehr zu entdecken gab.

Als ich also ernsthaft mit der Arbeit an „After Chaos: Nocturnal Vigil“ begann, hatte ich wahrscheinlich weniger Angst davor, den Dingen Raum zum Atmen zu geben. Wenn sich ein Riff lange wiederholen muss, um einen bestimmten Zustand zu erzeugen, dann soll es sich wiederholen. Wenn ein harter Abschnitt komplett verschwinden muss, um Platz für etwas Meditatives oder Ambient-artiges zu schaffen, dann soll er verschwinden. Wenn sich etwas seltsam anfühlt, aber die richtige Atmosphäre erzeugt, sollte man es nicht entfernen, nur weil jemand fragen könnte, zu welchem Genre es gehört.

Ich glaube, diese Freiheit ist auf diesem Album noch stärker geworden.

Eine weitere Erkenntnis ist, dass man bei dieser Art von Material Geduld haben muss. Wenn man an langen Kompositionen arbeitet, neigt man leicht dazu, zu analytisch zu werden. Man hat einen Abschnitt während der Aufnahme und des Abmischens schon fünfzig Mal gehört und denkt plötzlich: „Vielleicht ist das zu lang.“ Aber man muss bedenken, dass der Hörer es nicht zum fünfzigsten Mal hört. Manchmal ist es gerade die Wiederholung, die den Effekt erzeugt.

Ich glaube also, dass mir „Cycle Of The Dying Sun (Dawn Of Ashen Realms)“ das Selbstvertrauen gegeben hat, das noch weiter voranzutreiben und dem Prozess zu vertrauen.

Auf dem neuen Album scheinen sich Atmosphäre, Text und Musik gemeinsam entwickelt zu haben. Wie wichtig war es, das Konzept direkt in den Songwriting-Prozess einfließen zu lassen, anstatt zuerst die Musik zu komponieren und erst danach deren Bedeutung zu erarbeiten?

Sehr wichtig, auch wenn es keine bewusste Vorgehensweise war, die ich mir vorher vorgenommen hatte. Für mich wachsen diese Dinge meist zusammen. Manchmal habe ich zuerst eine musikalische Idee. Manchmal ist es ein Titel, ein paar Worte, ein Bild oder einfach nur eine bestimmte Atmosphäre. Irgendwann fangen diese Dinge an, sich zu verbinden. Normalerweise schreibe ich nicht erst zehn fertige Texte und denke dann: „Jetzt brauche ich Musik dazu.“ Und ich schreibe auch nicht immer komplett fertige Songs und denke mir erst danach eine Bedeutung dafür aus. Es ist fließender als das.

Auch meine Umgebung beeinflusst diesen Prozess. Ich lebe in Ljungskile an der schwedischen Westküste und verbringe einen Großteil meiner Freizeit damit, in den Wäldern und der Natur hier in der Umgebung spazieren zu gehen, vor allem rund um den Bredfjället (ein Naturschutzgebiet, Anmerk. d. Verf.). Das ist mir wirklich wichtig – und kein Image, das ich für RUNEMAGICK geschaffen habe. Ich glaube, wenn man spazieren geht, ohne ständig auf das Handy zu schauen oder Informationen zu konsumieren, gibt das dem Geist Raum, anders zu arbeiten. Ideen verbinden sich. Dinge, über die man im Studio nachgedacht hat, ergeben plötzlich Sinn.

Auf dem Album gibt es tatsächlich eine schamanische Trommel, die ich draußen im Wald am Bredfjället aufgenommen habe. Für mich macht das viel mehr Sinn, als zu versuchen, das Gefühl, draußen zu sein, nachzuempfinden, indem ich in einem perfekt kontrollierten Studio sitze und ein Wald-Sample aus einer Soundbibliothek hinzufüge.

Das bedeutet nicht, dass jeder Klang eine komplizierte symbolische Erklärung hat. Manchmal ist ein Gitarrenriff einfach nur ein Gitarrenriff, weil es gut klingt, haha. Ich möchte nicht alles intellektualisieren. Aber als das Konzept klarer wurde, hat es die Musik, die Texte, die Arrangements und den Sound definitiv beeinflusst. Schließlich ließen sich all diese Elemente kaum noch voneinander trennen.

Wie hast du die Reihenfolge der acht Kompositionen gestaltet, damit jeder Übergang eine bestimmte Funktion innerhalb der Reise erfüllt? Wie wichtig ist es dir, dass das Album als Gesamtwerk und nicht einfach nur als Sammlung von Songs wahrgenommen wird?

Die Reihenfolge ist extrem wichtig, denn ich betrachte dies als ein Album im traditionellen Sinne und nicht als acht einzelne Stücke, die zufällig zusammen veröffentlicht wurden. Ich bin damit aufgewachsen, Alben auf diese Weise zu hören, und höre Musik auch heute noch so. Ich höre wahrscheinlich hauptsächlich CDs, aber auch Schallplatten. Wenn ich draußen spazieren gehe, benutze ich oft einen MP3-Player, auf dem komplette Alben gespeichert sind. Ich habe auch bewusst keine sozialen Medien auf meinem Handy. Ich mag es, mich auf das konzentrieren zu können, was ich gerade tue. Daher komponiere ich Musik natürlich nach derselben Philosophie.

Die verschiedenen Kompositionen haben zwar ihre eigene Identität, erfüllen aber auch bestimmte Funktionen innerhalb der übergeordneten Reise. Es muss Bewegung und Dynamik geben. Wenn man 86 Minuten Musik mit genau derselben Intensität hat, verliert das Ganze an Bedeutung. Die härteren Abschnitte brauchen einen Kontrast. Die rituellen und ambientartigen Passagen müssen im richtigen Moment einsetzen. Es gibt Übergänge, bei denen der Hörer das Gefühl haben sollte, dass sich etwas verändert hat, und nicht nur, dass der nächste Titel begonnen hat. Der letzte Teil, insbesondere das, was auf der physischen Veröffentlichung zur Seite D wurde, bewegt sich in einen ruhigeren und meditativeren Raum. Das ist beabsichtigt. Nach allem, was zuvor geschehen ist, wollte ich nicht, dass das Album einfach mit einem weiteren massiven Death/Doom-Riff und dann Stille endet. Es brauchte eine andere Art von Ende.

Für mich lässt sich das Album am besten von Anfang bis Ende erleben. Nimm dir die Zeit dafür. Leg dein Handy am besten woanders hin. Dimmt das Licht, wenn ihr möchtet. Nehmt die Schallplatte oder CD zur Hand, schaut euch das Artwork und die Texte an und lasst das Ganze auf euch wirken. Natürlich bin ich realistisch. Wir schreiben das Jahr 2026 und die Leute hören Musik, wie sie wollen. Ich kann nicht neben jedem Hörer stehen und ihm seinen Spotify-Account wegnehmen, haha. Aber das beabsichtigte Format ist das komplette Album. Es ist eine Reise, und ich glaube, man verpasst etwas, wenn man nur zufällige Fragmente davon hört.

Eines der markantesten Elemente des Albums ist das Zusammenspiel zwischen der Wucht des Death/Doom Metal und seinen eher meditativen, ritualistischen und kosmischen Passagen, gepaart mit einer so breiten Instrumentenpalette. Wie hast du die Balance zwischen den verschiedenen Stilen gefunden?

Hauptsächlich aus dem Bauch heraus. Es gab definitiv keine Tabelle, in der ich berechnet habe, wie viele Minuten Death Metal, Doom, Ambient oder rituelle Musik das Album enthalten sollte.

Ich höre und komponiere seit vielen Jahren verschiedene Arten dunkler Musik, daher empfinde ich diese Elemente nicht wirklich als unvereinbar. RUNEMAGICK hat offensichtlich sehr tiefe Wurzeln im Death Metal und Doom Metal. Diese Grundlage ist nach wie vor vorhanden, und ich habe kein Interesse daran, mich davon zu lösen. Ich liebe diese Art von Musik. Aber ich mag auch Dark Ambient, rituelle Musik, Drone, akustische Klänge und Dinge, die einen anderen Geisteszustand hervorrufen. Für mich können diese Elemente die harte Musik eher verstärken als schwächen. Kontrast ist extrem wichtig.

Wenn alles laut ist, ist nichts laut. Wenn alles 86 Minuten lang langsam und erdrückend ist, gewöhnen sich die Ohren irgendwann daran, und es fühlt sich nicht mehr erdrückend an. Manchmal ist der beste Weg, das nächste schwere Riff gewaltig wirken zu lassen, die Gitarren für eine Weile komplett wegzulassen. Auch die meditativeren Passagen haben ihren eigenen Zweck. Es sind keine Zwischenspiele, die ich hinzugefügt habe, weil ich dachte, das Album bräuchte etwas Experimentelles. Sie gehören zur Reise dazu. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich nicht wirklich darüber nachdenke, Genres auszugleichen. Ich denke vielmehr darüber nach, Atmosphäre, Intensität, Raum und Bewegung in Einklang zu bringen.

Du hast wieder mit Dísa Draugurinn und Andy La Rocque zusammengearbeitet. Wie wichtig sind sie für RUNEMAGICK, welchen Einfluss hatten sie?

Meine Freundin Dísa ist bei diesen letzten Alben zu einer wichtigen kreativen Verbindung geworden. Wir kennen uns schon seit mehreren Jahren und sind auch gemeinsam im Bereich der Dark-Ambient-Musik aufgetreten, daher bestand bereits vor diesen RUNEMAGICK-Aufnahmen ein gegenseitiges Verständnis zwischen uns. Ihre Stimme bringt etwas ein, das ich selbst nicht erschaffen kann. Ich habe es schon einmal so beschrieben, als würde man bestimmten Abschnitten eine weitere Farbe oder eine Würze hinzufügen. Man möchte es nicht unbedingt überall haben, denn dann geht der Effekt verloren. Aber wenn es im richtigen Moment einsetzt, kann es die Atmosphäre komplett verändern. Vor allem die schamanischen Gesänge verleihen dem Ganzen etwas Uraltes und Ritualistisches, ohne dass man das Gefühl hat, sie wären nachträglich in die Musik eingefügt worden. Auch visuell hat sie einen Beitrag geleistet. Dísa hat Illustrationen für das Album-Layout entworfen, was wichtig ist, da ich es mag, wenn die visuelle Seite und die Musik zur selben Welt gehören.

Andy hat eine andere Rolle, ist aber ebenfalls wichtig. Ich habe bereits zuvor mit Andy und Sonic Train zusammengearbeitet, und da herrscht Vertrauen. Wenn ich die Endphase eines Albums wie dieses erreiche, lebe ich schon sehr lange in dieser Musik. Ich habe die Instrumente aufgenommen, alles arrangiert und jedes Detail unzählige Male angehört. Da ist es wertvoll, wenn erfahrene Ohren von außen beim finalen Mix und beim Mastering mitwirken. Besonders bei einem Album wie „After Chaos: Nocturnal Vigil“, denn es gibt große Unterschiede zwischen extrem schweren Passagen, ruhigeren Abschnitten, Ambient-Elementen und unterschiedlicher Instrumentierung. Man möchte diese Dynamik bewahren, anstatt alles zu einer einzigen Wand zu verflachen.

Sowohl Dísa als auch Andy leisten also einen wichtigen Beitrag, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise.

Zweifellos ist „After Chaos: Nocturnal Vigil“ ein klar erkennbares RUNEMAGICK-Album, aber eines mit einem ganz eigenen Ansatz, der es erfordert, genau hinzuhören, um tiefer in die Musik einzutauchen – selbst im Kontext des Death-Doom-Metal, der ja nicht gerade leicht zugänglich ist, oder?

Nein, ich würde wahrscheinlich lügen, wenn ich ein 86-minütiges RUNEMAGICK-Doppelalbum als zugänglich bezeichnen würde, haha. Aber Zugänglichkeit war noch nie wirklich das Ziel. Ich mache Musik, die ich selbst gerne hören würde. Das ist wahrscheinlich die einfachste Erklärung. Ich verstehe sehr gut, wie heute viel Musik konsumiert wird. Streaming, Playlists, Algorithmen, soziale Medien, kurze Clips und das ständige Weiterblättern zum Nächsten. Alles kämpft um ein paar Sekunden Aufmerksamkeit. Ich persönlich finde vieles davon ziemlich anstrengend.

Das bedeutet nicht, dass ich denke, jeder müsse genau so leben wie ich oder dass Technologie etwas Schlechtes sei. Ich arbeite in anderen Bereichen meines Lebens ständig mit Technologie. Aber ich glaube, es hat seinen Wert, etwas manchmal bewusst die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Dieses Album profitiert definitiv davon.

Es gibt Details, die sich wahrscheinlich nicht sofort offenbaren. Es gibt lange Wiederholungen, in denen sich kleine Dinge verändern. Es gibt Themen und Stimmungen, die in unterschiedlichen Formen wiederkehren. Vielleicht hört man es einmal und konzentriert sich dabei hauptsächlich auf die Riffs. Beim nächsten Mal nimmt man etwas wahr, das sich dahinter abspielt und dass man zuvor kaum bemerkt hat. Das ist die Art von Musik, die mir selbst gefällt.

Also nein, es ist wahrscheinlich keine Musik zum beiläufigen Hören. Und das ist für mich völlig in Ordnung. Es gibt bereits genug Musik, die für den beiläufigen Konsum gedacht ist.

Du hast die monumentale Spielzeit von 86 Minuten selbst angesprochen. War es von Anfang an geplant, dass dieses Album so umfangreich werden würde?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich sicherlich nicht hingesetzt und beschlossen: „Jetzt mache ich ein 86-minütiges Doppelalbum.“ Das wäre ein seltsamer Ausgangspunkt gewesen. Es hat sich einfach so entwickelt.

Die Kompositionen wurden lang, weil das Material dies erforderte. Es kamen immer mehr Ideen hinzu und das Konzept wurde immer umfassender. Irgendwann wurde mir klar, dass dies ein sehr umfangreiches Album werden würde. Dann muss man eine Entscheidung treffen…

Fängt man an, Musik zu kürzen, nur weil es eine konventionelle Vorstellung davon gibt, wie lang ein Album sein sollte, oder akzeptiert man, was man geschaffen hat? Ich habe mich dafür entschieden, es zu akzeptieren.

Natürlich habe ich mir alles kritisch angehört. Lang bedeutet nicht automatisch gut. Ich würde niemals zehn überflüssige Minuten beibehalten, nur weil mir die Idee gefällt, etwas Episches zu schaffen. Jeder Abschnitt muss immer noch etwas beitragen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen unnötiger Länge und bewusster Wiederholung oder Atmosphäre. Als ich das Gefühl hatte, dass die gesamte Reise funktionierte, sah ich keinen Grund, sie zu kürzen, nur um eine angenehmere Spieldauer zu erreichen. Es wurde ein Doppelalbum, weil dass das natürliche physische Format für die Musik war, die wir hatten. Und ich mag Doppelalben eigentlich ganz gerne. Es hat etwas Besonderes, ein großes Werk zu öffnen und zu wissen, dass man einige Zeit darin verbringen wird.

Wenn man die Geschichte von RUNEMAGICK betrachtet, begann das Projekt Anfang der Neunzigerjahre als Soloprojekt und hat im Laufe der Jahrzehnte verschiedene Besetzungen, Pausen und Wandlungen durchlaufen, bis es schließlich eher zu einer kreativen Einheit als zu einer traditionellen Band wurde. Wenn du auf diese Entwicklung zurückblickst: Gab es einen bestimmten Moment, in dem dir klar wurde, dass RUNEMAGICK sich nicht mehr an die Regeln einer konventionellen Band halten musste?

Ich glaube nicht, dass es einen einzigen dramatischen Moment gab, in dem ich plötzlich aufwachte und beschloss, dass RUNEMAGICK keine normale Band mehr war. Es geschah ganz natürlich über einen sehr langen Zeitraum hinweg. RUNEMAGICK entstand Anfang der Neungziger Jahre aus meinen eigenen Ideen, zunächst unter dem Namen DESIDERIUS, dann RUNEMAGIC, bevor schließlich die Schreibweise RUNEMAGICK zum Tragen kam. Danach entwickelte es sich zu einer echten Band mit verschiedenen Besetzungen und Menschen, die für die jeweiligen Phasen äußerst wichtig waren.

Es gab auch Pausen, Neuanfänge und Veränderungen in meinem eigenen Leben. RUNEMAGICK hat also bereits in verschiedenen Formen existiert. Schließlich hatte ich wohl das Gefühl, dass ich nicht mehr genau definieren musste, was es war.

Heute betrachte ich RUNEMAGICK eher als kreatives Gebilde. Ich bin der konstante Teil davon und schaffe derzeit den Kern der Musik selbst, aber andere Menschen können in diese Welt eintreten, wenn es einen Grund dafür gibt. Diese Freiheit ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich bei RUNEMAGICK wieder so kreativ aktiv bin. Eine traditionelle Band erfordert Kompromisse. Das ist nicht unbedingt negativ. Manchmal entsteht fantastische Musik dadurch, dass vier Menschen leicht unterschiedliche Richtungen einschlagen. Aber RUNEMAGICK braucht diese Struktur nicht mehr.

Wenn ich morgen etwas extrem Primitives und Schweres machen möchte, kann ich das tun. Wenn eine andere Komposition zu zwanzig Minuten ritualistischer Wiederholung wird, kann ich stattdessen diesem Weg folgen. Nach mehr als dreißig Jahren hat sich RUNEMAGICK meiner Meinung nach das Recht verdient, sich nicht allzu sehr um die Regeln zu kümmern.

Ist das Musizieren für dich eine Art spirituelle Erfahrung?

Ja, ich denke, das kann es sein, obwohl ich mit dem Wort „spirituell“ etwas vorsichtig bin, weil es zu einem so weit gefassten Begriff geworden ist und die Leute fast alles darin hineininterpretieren können.

Ich habe kein Interesse daran, über RUNEMAGICK eine Religion zu predigen. Für mich hat es eher mit Natur, Kreativität, Bewusstsein, Zeit, Tod und unserem Platz in etwas zu tun, das viel größer ist als wir selbst. Die Natur spielt dabei eine wichtige Rolle. Ich verbringe ziemlich viel Zeit im Freien, vor allem in den Wäldern in der Umgebung meines Wohnortes. Wenn man mehrere Stunden lang allein im Wald ist, ohne ständig Nachrichten, Neuigkeiten und soziale Medien zu checken, verändert sich die Wahrnehmung. Zumindest bei mir ist das so. Man beginnt, auf ganz einfache Dinge zu achten: das Wetter, Geräusche, Licht, Bäume, Tiere, den Boden unter den Füßen. Und man wird daran erinnert, dass der Mensch nicht von der Natur getrennt ist, auch wenn das moderne Leben manchmal so gestaltet zu sein scheint, dass es uns das glauben machen will. Diese Perspektive fließt in RUNEMAGICK ein.

Auch die Runen und die nordische Symbolik stehen damit in Verbindung. Sie interessieren mich als Symbole, die Ideen, Geschichte und verschiedene Bedeutungsebenen in sich tragen. Sie sind nicht nur Dekoration, die hinzugefügt wurde, weil Runen auf einem Metal-Album geheimnisvoll wirken. Ein Gedanke, der besonders relevant geworden ist, ist Urðr und das kosmische Gewebe. Was geschehen ist, was gerade geschieht und was noch kommen mag, ist miteinander verbunden. Was wir tun, wird Teil dessen, was folgt. Ich finde diesen Gedanken kreativ sehr kraftvoll.

Und das Musikmachen selbst kann definitiv zu etwas werden, das der Meditation ähnelt. Manchmal kann ich stundenlang arbeiten und fast das Bewusstsein für die normale Zeit verlieren. Man folgt Klängen und Instinkten, anstatt alles intellektuell zu analysieren. Ob jemand das nun als spirituellen, kreativen Flow oder etwas anderes bezeichnen möchte, spielt für mich keine Rolle. Die Erfahrung ist real, unabhängig davon, welches Wort wir dafür verwenden.

Was gibt es Neues von deinen anderen Bands und Projekten?

RUNEMAGICK ist derzeit definitiv mein musikalischer Schwerpunkt. Hier also ein paar Worte zum aktuellen Stand der Dinge… Es gibt Ideen, wohin die Reise gehen könnte, und manches davon nimmt bereits Gestalt an. Allerdings möchte ich noch keine Titel verraten oder schon für das nächste RUNEMAGICK-Album werben, wo „After Chaos: Nocturnal Vigil“ gerade erst erschienen ist. Ich finde, Musik verdient mehr Zeit als das.

Heutzutage scheint ein ständiger Druck zu herrschen, sofort das nächste Projekt anzukündigen. Man veröffentlicht am Freitag ein Album, und schon am Montag wollen die Leute wissen, was als Nächstes kommt. Ich möchte „After Chaos: Nocturnal Vigil“ lieber erst einmal wirken lassen. In meinem Kopf gibt es jedoch eine Fortsetzung. „Cycle Of The Dying Sun (Dawn Of Ashen Realms)“ und „After Chaos: Nocturnal Vigil“ gehören eindeutig zusammen, und ich bin gespannt, wohin dieser Weg letztlich führen wird.

Neben RUNEMAGICK schreibe ich auch Material für ein kommendes Album mit THE FUNERAL ORCHESTRA. Auch dieses Projekt lebt weiter und entwickelt sich auf seine ganz eigene Weise. Ich widme mich noch anderen kreativen Dingen – seien es Musik oder sonstige Projekte, aber der Großteil meiner musikalischen Energie fließt im Moment in RUNEMAGICK. Ich habe das Glück, meine Kreativität nicht wie am Fließband behandeln zu müssen. Ich kann an etwas arbeiten, wenn es sich sinnvoll anfühlt, und dem Ganzen die Zeit geben, die es braucht.

Im November werde ich live mit DOULA INFERNUM auftreten; ich freue mich darauf, wieder auf der Bühne zu stehen.

Vielen Dank für das Interview! Die letzten Worte gehören dir!

Ein riesiges Dankeschön an alle, die das Album gekauft oder angehört, darüber geschrieben oder RUNEMAGICK auf irgendeine Weise unterstützt haben.

Ich weiß genau, um was für ein Album es sich hier handelt. Es ist sechsundachtzig Minuten lang. Einige der Songs sind sehr lang. Manche Passagen sind extrem langsam und repetitiv, andere bewegen sich in Ambient-, ritualistische oder meditative Gefilde. Es ist nicht darauf ausgelegt, einem in den ersten dreißig Sekunden alles zu offenbaren.

Ich weiß es daher sehr zu schätzen, wenn sich jemand die Zeit nimmt, in diese Welt einzutauchen. Wenn du dir „After Chaos: Nocturnal Vigil“ anhören willst, ist mein einziger wirklicher Rat: Gib dem Album diese Zeit. Betrachte es nicht als bloße Hintergrundberieselung.

Leg das Handy für eine Weile beiseite. Schalte den endlosen Informationsstrom ab. Hör dir das gesamte Album von Anfang bis Ende an und lass es zu einer Reise werden. Vielleicht berührt es dich, vielleicht auch nicht. Das liegt ganz beim Hörer. Und vielleicht hörst du es an einem anderen Tag noch einmal. Ich glaube, in diesem Album stecken Dinge, die sich erst mit der Zeit erschließen.

Ich würde zudem empfehlen, das Gleiche gelegentlich auch im Leben außerhalb der Musik zu tun. Lass den Bildschirm hinter dir und geh hinaus in den Wald oder in die Natur. Nicht, um es zu dokumentieren, hochzuladen oder irgendjemandem davon zu erzählen.

Sei einfach nur da.

Hör zu.

Beobachte.

Spüre die Kraft und die lebendige Seele der Natur und denk daran, dass du nicht außen vorstehst und hineinblickst. Du bist ein Teil davon.

Wir alle sind Teil von Urðrs Gewebe. Was war, was ist und was noch kommen mag.

Unsere Zeit in diesem irdischen Leben ist begrenzt; nutze also einen Teil davon, um selbst etwas zu erschaffen, anstatt nur zu konsumieren, was andere dir vorsetzen.

Danke!!

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07.10.2026

Geschäftsführender Redakteur (stellv. Redaktionsleitung, News-Planung)

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