The Ocean
Die Macht des Zufalls

Interview

THE OCEAN haben kürzlich mit „Solaris“ ihr neues Album veröffentlicht. Nachdem mit „Holocene“ die Nomenklatur der Zeitrechnung abgeschlossen worden ist und zudem das bis dahin bestehende Lineup um Robin Staps auseinandergefallen ist, stand die Zukunft der Band einstweilen in den Sternen. Dass es ausgerechnet genau in diese Richtung gehen würde mit einem Konzeptalbum, das klassische Sci Fi-Raumfahrtabenteuer mit historischen Entdeckerberichten auskleidet, während der Geist von Andrei Tarkowski, spezifisch die gleichnamige Romanadaption der Vorlage von Stanislaw Lem, über allem schweben würde, hat sich, wie erstaunlich Vieles bei THE OCEAN, aus einer Aneinanderreihung von Zufällen ergeben. Über das und mehr sprach Staps mit uns im Interview.

Hallo Robin. Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Zunächst erstmal natürlich die berühmte Frage: Wie geht es dir aktuell eine Woche, nachdem das Album rausgegangen ist?

Mir geht es ziemlich gut, abgesehen von chronischem Schlafmangel, aber das ist bei mir Normalzustand. Ansonsten geht es mir eigentlich ziemlich gut. Wir hatten eine super Show in Barcelona am Freitag. Es war die erste wirklich richtig geile Show mit dem neuen Lineup, es war sehr wichtig. Es war überhaupt ein großartiges Wochenende. Freitag nach der Show waren wir noch lange aus. Insofern zehre ich noch etwas davon. Mit 46 dauert das, bis man das wegsteckt. Und gestern [Montag, der 28.09., Anm. d. Red.] hatten wir MOURIR im Schokoladen, eine andere Pelagic-Band, und heute Abend sind alte Freunde in der Stadt. Emil Amos und Alex John Hall von der Band GRAILS legen heute [Dienstag, der 29.09., Anm. d. Red.] auf in der Falkensteinstraße. Also diese Woche ist sehr busy, aber ja, wir freuen uns natürlich, dass das Album raus ist und das ist Anlass zum Feiern.

Hattest du nach dem Ende von „Holocene“ und dem Ende der humanen Zeitrechnung, der aktuellen Zeitrichtung, schon das Gefühl gehabt, dass es so in diese Richtung weitergehen würde?

In welche Richtung meinst du jetzt genau?

Quasi in Richtung Weltall, wenn man so möchte.

Ach so, konventionell.

Genau.

Nein, das war mir überhaupt nicht klar. Also „Holocene“ war eigentlich nicht geplant. Das war eher so ein Umwegalbum oder so ein ungewolltes Kind, was halt plötzlich da war. Insofern haben wir das noch quasi in die alte Konzeptreihe reingepresst. Das war eigentlich nicht so gedacht. Aber wie es weitergehen würde, das habe ich tatsächlich erst letztes Jahr alles irgendwie entwickelt, als wir dann angefangen haben, mit dem neuen Lineup am neuen Album zu arbeiten.

Das Album war zu dem Zeitpunkt schon in Grundzügen geschrieben, weil es nämlich zur selben Zeit entstanden ist wie „Holocene“, instrumental und der Gesang und das gesamte Konzept darum ist aber tatsächlich erst letztes Jahr neu entstanden und vorher wusste ich auch überhaupt nicht, in welche Richtung das gehen würde. Gesangtexte und auch die Konzepte, die dahinter stehen, sind meistens das Letzte, was passiert bei THE OCEAN. Ausnahme ist „Pelagial“ gewesen, da war wirklich das Konzept vorher da und das Album wurde quasi mit dem Konzept im Sinne geschrieben. Aber eigentlich sind alle anderen Alben so entstanden, dass immer erst die Musik und dann der Gesang und die Texte im Nachhinein als letztes Glied in der Kette geschrieben worden sind sozusagen.

Habt ihr das schon immer so gemacht? Weil ich erinnere mich, damals bei „Aeolian“ war das, glaube ich, hattet ihr, glaube ich, ein Bataillon von über 10 Gastsängern dabei gehabt.

Ja, das stimmt. Ja, das war, das war aber eigentlich ganz interessant bei „Aeolian“. Ja, weil der Grund dafür war so ein bisschen, dass wir am Anfang ein bisschen Startschwierigkeiten hatten mit dem Gesang, glaube ich, so dass ich das im Nachhinein sehe. Also „Fogdiver“, das erste Album war ja instrumental. Wir hatten zu der Zeit aber eigentlich schon 2 Sänger in der Band und Markus und Nico und vielleicht sogar auch schon Meta, der Dritte, der dann auch noch mit dabei war auf „Fluxion“. Das waren quasi die drei Sänger, die auf „Fluxion“ am Start waren. Und „Aeolian“ ist relativ zur selben Zeit entstanden und für das Album wollte ich gesangsmäßig einfach was ausprobieren. Das war so ein bisschen so das PROBOT-Konzept irgendwie, also einfach auf jedem Track irgendwie einen anderen Sänger meiner Lieblingsbands ranzuholen.

Und das hat dann sogar weitgehend gut geklappt und war als Album eine super spannende Sache, ließ sich natürlich nicht live umsetzen. weil wir konnten die natürlich alle nicht alle mit auf Tour nehmen, aber wir hatten damals auch zwei, ich glaube sogar schon drei Sänger in der Band, die ein relativ breites Spektrum abdecken konnten und live war das dann auch nicht so wichtig, dass halt nicht Sean Ingram oder oder Nate Newton da mit uns auf der Bühne standen. Es wär natürlich geil gewesen, aber das war einfach nicht machbar.

Deswegen haben dann andere Leute die Parts übernommen und insofern war das bei uns damals halt so auch Teil des Gedankens des Kollektivs, was wir damals waren, dass halt man auf Album andere Dinge machen darf als live und dass es dadurch auch live immer ein bisschen anders wird und das fand ich eigentlich gerade spannend damals, dass man halt nicht immer dieselbe Band mit denselben Gesichtern, mit denselben Stimmen zu sehen kriegt, sondern dass es ein gewisses Überraschungsmoment gibt, trotzdem natürlich auch die Konstante der Songs, die wir relativ gleich eigentlich sonst vom Gesang abgesehen dargeboten haben und ich fand das damals sehr spannend und find das auch heute wieder spannend.

Tatsächlich, es ist schwer vorzustellen, dass THE OCEAN oftmals sehr viel einfach durch Zufall zu entstehen scheint. In der Presseinfo steht ja, eure aktuellen Sänger Lane Shi und Enrico Tiberi sind beide ebenfalls durch Zufall zu euch gekommen. Wie genau hat sich das entwickelt?

Ja, es ist tatsächlich so, dass ziemlich viel bei THE OCEAN zufällig und planlos passiert. Ich verstehe aber auch, dass das in der Wahrnehmung oft anders anders ist. Aber es ist tatsächlich so, es waren zufällige Begegnungen, die sich halt so ergeben haben, einfach im Laufe des Jahres 2025. Lane saß irgendwann bei mir im Wohnzimmer, weil ein Kumpel von ihr sie mitgebracht hatte zu einem unserer Hot Pot Feste, die wir mit Pelagic hier regelmäßig zelebrieren.

War sie zu dem Zeitpunkt schon in Berlin ansässig?

Ja, sie ist seit der Pandemie in Berlin gewesen und ich kannte sie aber vorher nicht. Und ja, sie landete irgendwie bei mir in der Wohnung, wir haben angefangen über Musik zu reden und dann stellte sich raus, dass ich ihre alte Band kannte und auch auf dem Roadburn gesehen hatte. Wir fuhren beide sogar zum Roadburn, allerdings aus verschiedenen Gründen: Sie kam dorthin, weil sie aufgetreten ist, und wir mit Pelagic fahren eigentlich jedes Jahr hin, um dort Platten zu verkaufen. Und insofern gab es da genügend Gesprächsstoff und wir hatten auch gewissermaßen eine ähnliche Geschichte, weil wir beide unsere Band verloren hatten, gewissermaßen, und an so einem Scheideweg standen irgendwie.

Und mit Enrico war es so, dass uns sein ehemaliger Gitarrist und Freund Marco [Gennaro, Anm. d. Red.] angeschrieben hat, weil er sich aktiv für THE OCEAN als Gitarrist bewerben wollte. Und ich hab mir dann seine Band, die er ja mit Enrico zusammen hatte, angehört und bin dadurch auf Enrico aufmerksam geworden. Das war ein super Album, ist völlig untergegangen weil in der Pandemie veröffentlicht. Das Projekt heißt DARKSIDE BRIGHTSIDE und da spielt Marco Gitarre und Enrico singt. und ich hab mir das wegen Marco angehört, weil er sich als Gitarrist vorgestellt hat und bin dann aber sehr schnell auf Enrico auch aufmerksam geworden und hab dann gesagt, ja, könnt ich mir gut vorstellen, mit dir an der Gitarre und bring mal deinen Sänger mit.

Und dann haben wir uns halt getroffen in der Bar der Falkensteinstraße, wo ich jetzt heute Abend wieder hingehe, und haben dann angefangen über Musik zu reden und so hat sich das gewissermaßen ergeben und zu diesem Zeitpunkt war es für mich auch tatsächlich so, dass ich eigentlich mir vorgestellt hatte, dass das nächste THE OCEAN-Kapitel instrumental passieren wird, weil ich mir einfach nicht vorstellen kann konnte, jemanden zu finden, der dort ansetzt, wo Loïc [Rosetti] aufgehört hat, gesangsmäßig. Das war irgendwie schwer vorstellbar und als Lane und Enrico dann da waren, hat sich das schlagartig geändert. Dann war halt plötzlich irgendwie so eine Perspektive da, „Oh, das könnte interessant sein“. So, also mit Enrico, war es halt denkbar, auch alte Songs zu spielen, weil er das abliefern konnte.

Er hat dann halt viele alte THE OCEAN-Cover aufgenommen, letztendlich in den folgenden Wochen, nachdem wir uns getroffen haben. Und ich hab halt gesehen, OK, das funktioniert. Das ist anders. Natürlich ist es anders, ein anderer Sänger, ein anderer Mensch, aber irgendwie gab es auch gleichzeitig viele gute Anknüpfpunkte, sag ich mal, und es hat gut funktioniert. Und Lane hat halt gleichzeitig was völlig Neues reingebracht, was es vorher nicht gab und das war mir auch wichtig, dass man oder diese, diese, ja diesen, dieses Auseinanderfallen des Lineups zu nutzen, um auch irgendwie was Neues zu machen, was wir vorher so noch nicht gemacht hatten. Das war mir persönlich sehr wichtig.

Ich weiß nicht, wie ich genau das beschreiben sollte. Mönchsgesang ist, glaube ich, der falsche Ausdruck, aber sowas in in die spirituelle Richtung hat sie für mich meiner Meinung nach reingebracht und das finde ich ganz erfrischend.

Ja, sie ist hat einfach ’ne super eigenartige, einzigartige Stimme und auch Herangehensweise an Gesang und Performance und das ist genau die Schönheit daran.

Weil du vorhin von einem verlorenen Lineup gesprochen hast, hat sich dieser Prozess des Verlierens abgezeichnet von Weitem?

Wir sind es immer schon gewohnt gewesen, dass wir alle nicht in derselben Stadt gewohnt haben und dass wir, wenn wir proben wollten, dann mussten wir uns dazu verabreden. Verabreden heißt Flüge buchen letztendlich. Das ist eigentlich die letzten Jahre immer so gewesen, wobei Paul [Seidel], David [Ramis Åhfeldt] und ich und später dann auch Loïc am Ende in Berlin gewohnt haben, ganz am Ende. Aber Matthias [Hägerstrand] hat immer in Stockholm gewohnt und tut das auch immer noch. Insofern waren wir nie eine Band, die jede Woche geprobt hat, sondern wir mussten uns dazu immer verabreden. Und um auf deine Frage zurückzukommen, das hat sich auf jeden Fall abgezeichnet.

Ja, das war jetzt für mich schon gewissermaßen ein Schock, als es dann kam, aber andererseits auch nicht, weil es hat sich abgezeichnet. Wir waren einfach in eine Sackgasse geraten irgendwie und wir haben einerseits immer bessere, größere Shows gespielt und mehr getourt und andererseits hat es aber irgendwie nicht mehr so richtig gezündet, zumindest für einige von uns. Und unser persönlicher Umgang mit dem Touren war, glaube ich, recht unterschiedlich und das liegt auch einfach daran, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Möglichkeiten und Toleranzen haben bezüglich Stress und einfach dem Pensum, was man halt gerne touren möchte und kann.

Und da waren wir uns einfach nicht mehr einig. Das war auf jeden Fall absehbar. Aber als es dann kam, war es für mich dann doch irgendwie so ein Erdrutsch erst mal und klar, hat eine Weile gedauert, bis ich mich damit abgefunden hab. Am Anfang hab ich auch versucht, das zu retten und Angebote zu machen an diejenigen, die halt irgendwie müde und ausgebrannt waren und zu sagen, OK, dann lass uns halt mal einen Gang zurückschalten, ein Jahr lang nur große Festivals spielen. Aber das war zu dem Zeitpunkt auch schon zu spät und es war gewissermaßen einfach die Luft raus. Ich hab dann auch schnell gemerkt, ich will auf gar keinen Fall in einer Situation sein, wo ich irgendjemanden dazu überreden muss, in dieser Band zu spielen oder Dinge zu tun, die einfach ein unglaubliches Privileg sind und was, was ich mein ganzes Leben lang machen wollte und auch immer noch machen will.

Und wenn jemand das nicht mehr möchte, dann ist es OK, denn es verändern sich die Lebensprioritäten, das muss man akzeptieren und da erwachsen mit umgehen. Wir sind alle in unseren Vierzigern gewesen, als das passiert ist. Und man muss die Tatsache bedenken, dass wir halt zehn, fast 15 Jahre zusammen in derselben Band gespielt und getourt haben, wo alle unsere Erwachsenen Kumpels Familien gegründet haben. Das ist eigentlich ein Wunder. Und darauf sind wir, glaube ich, auch alle stolz, dass das so lange geklappt hat. Als der Zeitpunkt dann gekommen war, wo es nicht mehr klappte, war es dann auch nicht mehr so schlimm. Ich spreche jetzt natürlich für mich, aber ich glaube, das galt für uns alle.

Wir haben mit dem Hellfest eine letzte Show gespielt, die wir alle wirklich auch genossen haben. Und die Zeugnis dessen war, dass wir extrem happy sind, dass das so lange so gut funktioniert hat, was wir zusammen geschaffen haben, irgendwie mit dieser Band. Es ist immer irgendwie unangenehm, wenn man sich trennt. So richtig geil ist das halt nie. Und ich glaube, wir haben da wirklich ein sehr eleganten Weg gefunden, mit dem wir alle, also jeder einzelne von uns, am Ende gut leben konnte und happy war. Das war uns auch wichtig. Und, dass man sich gegenseitig in die Augen gucken kann und sagen kann: „Ey, geil, was wir da gemacht haben, 10 Jahre lang und jetzt beginnt halt ’n neues Kapitel für jeden von uns“.

Wie hast du es geschafft, Emmanuel Jesua von HYPNO5E an Bord zu kriegen?

Das war gar nicht so einfach. Ich kenne ihn seit 20 Jahren. THE OCEAN haben mit HYPNO5E schon 2006 zusammen Shows gespielt in Südfrankreich. Insofern war ja auch tatsächlich mein erster Gedanke als Gitarrist und ich hab ihn direkt angeschrieben. Da war er aber gerade mitten in den Aufnahmen für das neue HYPNO5E-Album „Trame Noir“, was jetzt rauskommt Ende des Jahres und hat sich eine Zeit lang nicht gemeldet und in der Zwischenzeit hat sich dann Marco bei mir gemeldet und dann haben wir angefangen zu reden und dann kam Manu dann irgendwann doch auf mich zurück und sagte OK, ich hab da Bock drauf und deswegen sind wir jetzt plötzlich drei Gitarristen.

Wir werden nicht immer zu dritt auf der Bühne sein, Wir haben es jetzt kürzlich so gemacht und auch beim Pelagic Fest, aber auf den meisten Touren werden wir wahrscheinlich nur mit 2 Gitarristen spielen, was perspektivisch auch mir dann mal die Möglichkeit eröffnet, mal zu Hause zu bleiben, vielleicht. Oder was ich auch mal total geil fände, wenn ich mal selber im Publikum sein kann bei der THE OCEAN-Show. Und das ist jetzt tatsächlich eine reale Option geworden.

Fühlst du dich bei sowas dann eher wie ein Kurator von THE OCEAN oder schon wie ein Bandmitglied?

Das kann ich nicht wirklich sagen, weil es ja noch nie passiert ist. Aber ich freue mich da wirklich drauf. Also, ich glaube, beides ist irgendwie richtig und natürlich würde ich mich weiterhin als Teil der Band fühlen, aber es ist auch irgendwie spannend, sich das mal so aus der Vogelperspektive anzugucken, wenn man die Gelegenheit dazu hat. Die hat man ja sonst immer nur beim Soundcheck, wenn man mal kurz vor die Bühne geht, irgendwie und das fände ich schon spannend.

Ja, gehen wir mal zum Album selbst über. Es heißt oder es hieß irgend an einer Passage der Presseinfo, dass der Titel angelehnt sei an den gleichnamigen Film von Andrei Tarkowski. Aber das Album selbst ist keine Nacherzählung dessen, sondern basiert ja mehr lose auf schätze mal, ins Futuristische adaptierte Erfahrungsberichte von historischen Seefahrern, wenn ich das richtig verstanden habe.

Oh ja, das ist alles richtig. Ja, es ist jetzt natürlich ein relativ weiter Bogen, der dazu spannend ist, irgendwie. Also alles ist richtig, das Album heißt „Solaris“, das ist angelehnt an den tatsächlich den Film von Tarkowski, nicht die Romanvorlage von Lem. Mein Zugang war über den Film. Ich bin seit jeher großer Takowski-Fan und wollte schon seit langer Zeit ein Album machen, was irgendwie an den Film angelehnt ist, auf eine Art und Weise. Und es hat sich halt ergeben, dass diese Connection zum Vorgängeralbum „Holocene“  sich halt relativ plötzlich erschloss, wiederum spontan, vielleicht auch zufällig. Mir war halt klar, dass mit „Holocene“ dieses Erdzeitalterliche, diese zeitalterliche Konzeptalbenreihe abgeschlossen ist. Eigentlich sollte „Holocene“, wie gesagt, gar nicht passieren und dass jetzt was anderes passieren musste.

Und dann ist es halt so gewesen, der letzte Song von „Holocene“, „Subatlantic“, zeichnet halt diese Vision einer unbewohnbar gewordenen Erde durch Naturkatastrophen, Klimawandel und Raubbau an der Natur und eine Gruppe von Menschen, die sich ins All aufmacht, um neue Lebensrealitäten zu schaffen oder zu finden. Das war so quasi der der Gedanke des letzten Songs und da ist eben auch die Textzeile drin „Prepare for Departure“ und dann hatte der Philipp Janta diese Illustration gemacht von dem Schiff, was aus den Fluten aufsteigt, was jetzt im Gatefold des Albums gelandet ist. Und als ich das sah, hab ich zu ihm gesagt, da muss „Prepare for Departure“ drunter, diese Zeile aus „Subatlantic“.

Und dann wurde mir auch relativ schnell klar, also es war ungefähr zum Zeitpunkt des Hellfests letztes Jahr, dass das irgendwie ein zentrales Thema fürs neue Album sein wird, weil es ist ja ein Aufbruch-Album mit neuem Lineup für uns und gewissermaßen wollte ich das auch konzeptionell entsprechend umsetzen und auch, dass das Album eben auch auf der Ebene einen Aufbruch darstellt und da war diese Illustration einfach unheimlich passend und das war quasi so der erste, das erste Element, was da war, war tatsächlich diese Zeichnung von diesem Schiff und diese Textzeile „Prepare for Departure“. So und dann war da „Solaris“, den Film, den ich seit langer Zeit kenne und wahrscheinlich so oft gesehen hab wie keinen anderen Film.

Und dann wurd mir irgendwie relativ schnell klar, dass dieses neue Album eine Reisegeschichte werden soll, wobei „Solaris“ halt eher so die klassische Utopie verkörpert, also das unbekannte Wunschziel, wohin man trachtet, gewissermaßen. Und darüber bin ich dann gelandet, also auch über den Gedanken, dass irgendwie eine Schiffsreise erzählen zu wollen, bin ich dann bei den historischen Entdeckern gelandet und ihren Tagebüchern. Das war ganz spannend, diese diese Parallelen zu sehen zwischen diesen Berichten, die irgendwie immer die gleichen Geschichten erzählten. Das waren alles immer weiße Europäer, die aufgebrochen sind mit ursprünglich ehrbaren Motiven und dann aber am Ende resultierte das Ganze in Kolonialisierung, der Unterdrückung und „Verwestlichung“ von Kulturen, die die eigentlich gar nicht haben wollten.

Und es war irgendwie immer das Gleiche bei rausgekommen. Da habe ich dann angefangen darüber nachzudenken, was uns selbst als Künstler mit diesen Entdeckern verbindet, weil als Künstler empfindet man sich ja selber auch als Entdecker. Wir wollen auch Neuland finden, wir wollen neue Ausdrucksformen erschließen und Dinge machen, die so niemand zuvor gemacht hat, idealerweise. Und insofern teilen wir diese explorative Disposition oder dieses Mindset, glaube ich, mit diesen Entdeckern und gleichzeitig, wenn man sich dann vor Augen führt, wie diese Geschichten geendet haben, dann stellt sich halt die Frage, ob es da vielleicht auch Parallelen gibt. Neugier im Deutschen, da steckt ja auch das Wort Gier drin, irgendwie auf Englisch ist das bei Curiosity, glaube ich, nicht so negativ behaftet oder befleckt und eigentlich ist sowas wie Neugier etwas, mit dem wir uns als Künstler brüsten.

Das wollen wir alle. Und da stellt sich dann halt die Frage: Ist das tatsächlich so unschuldig, wie der Begriff im Englischen ist, oder ist die deutsche Gier da vielleicht doch ein wichtiger Bestandteil des Wortes irgendwie? Das sind halt so die Fragen, die sich dann auftaten und ist, glaube ich, ganz typisch für ein THE OCEAN-Album. Also da ist am Anfang immer ein gewisser Gedanke, in welche Richtung das gehen soll, aber das Konzept entwickelt sich auch im Laufe des Schreibens der einzelnen Songs, Texte und des Drübernachdenkens und das ist hier halt auch so gewesen. Also am Anfang war alles viel mehr an „Solaris“, den Film, angelehnt als am Ende und das ist aber auch ein sehr wichtiger Prozess, finde ich.

Also dass man sich erlaubt, auch von diesem ursprünglichen Gedanken bewusst abzuweichen und Dinge passieren zu lassen, weil dasbei kreativen Arbeiten ungeheuer wichtig ist, dass man sich selbst da keine Vorschriften macht und dann sagt: „Oh, das passt jetzt aber nicht rein“. Wenn da gewisse Gedanken oder Verweise aufkommen, dann ist es doch wunderbar, denen auch nachzugehen und zu gucken, wo das Ganze hinführt. Und ja, am Ende ist das Resultat halt so zwei ineinander verwobene Narrative. Es ist halt einmal die die Geschichte der Explorer, der Entdecker und zum anderen „Solaris“, der Film, auf den immer noch sehr viel Bezug genommen wird.

Wir haben viele Textpassagen auch aus den Subtitles des Films direkt in die Songs übernommen, zum Teil. Und im Booklet des Albums, der Special Edition, die wirklich auch als Buch erscheint, ist das Ganze vermengt durch einen historischen Reisebericht von William Barrons. Das ist der Mann gewesen, der die Barronssee nördlich von Russland entdeckt hat und der hat ein ungeheuer spannendes Reisetagebuch hinterlassen aus dem 16. / 17. Jahrhundert und wir haben den Text, der ist Public Domain, den haben wir komplett abgedruckt in dem Booklet, aber für unsere Zwecke verändert, also Personen und Orte gezielt verändert und das Ganze ist gespickt mit Zitaten aus dem „Solaris“-Film, bezogen auf die einzelnen Passagen. Also da ist das Ganze dann wieder zusammengekommen, letztendlich.

Das Album beginnt ja mit Titel, der die Koordinaten eures Aufnahmestudios darstellt, und ich hab die Koordinaten des Outros oder des letzten Songs einmal eingegeben: der Song endet in der Nähe von Ceno Ultima Esperanza. Und dem habt ihr ja auch ein Song gewidmet. Hat dieser Ort eine spezifische Bedeutung für dich oder für THE OCEAN oder ist das einfach nur, weil es irgendwie mit den Seefahrern zu tun hat?

Ja, es ist die südlichste Provinz von Chile und der Name Ultima Esperanza, auf Spanisch heißt das letzte Hoffnung, wo wurde dieser Provinz beziehungsweise einem Fjord in dieser Provinz gegeben durch einen spanischen Entdecker, der ‚ eine Passage zur Straße von Magellan gesucht und nicht gefunden hat. Dieser Fjord endet eben Fjord-typisch an einem Gletscher und man kam nicht durch und insofern ist der Begriff eben sinnbildlich für Hoffnung und letzte Hoffnung, verlorene Hoffnung. Und das ist also gewissermaßen auch das, was hinter all diesen Entdeckungsreisen steckte als Ziel. Es ging immer irgendwie um Hoffnung, als ganz wichtige psychologische Disposition, Hoffnung und Suche nach etwas Neuem. Und da ja, ist Ultima Esperanza gewissermaßen ein Sinnbild für und natürlich auch der klassische „Frontier“.

Also im 15. / 16. Jahrhundert war die Welt ja noch kleiner als heute, die war noch nicht geschlossen, Kontinente waren noch nicht entdeckt und gleichzeitig haben diese Leute gedacht, die Erde sei eine Scheibe und man fällt auf der anderen Seite runter, wenn man an den Rand kommt. Und trotzdem sind sie halt aufgebrochen, getrieben von ungeheuren Tatendrang und und dieser Neugier halt irgendwie, um Territorien zu erschließen, wo noch niemand gewesen ist. Und da ist Ultima Esperanza natürlich auch das klassische Ende der Welt gewesen. Also vor Feuerland, vor Terra del Fuego, wirklich das der letzte Zipfel Land in Südamerika, wo noch niemand vorher gewesen ist aus der bekannten Welt oder diesen damaligen Entdeckern bekannten Welt und deswegen bot sich das als letzter Songtitel natürlich auch an.

Und der persönlicher Bezug zu THE OCEAN: Wir haben da tatsächlich gespielt, 2022 in Chile und haben nicht nur Santiago bespielt, die Hauptstadt, was man normalerweise macht auf einer Südamerikatour, sondern haben drei weitere Shows gespielt und die letzte war in Puntas Arenas, also wirklich im am südlichsten Zipfel Chiles am 23. Dezember, kurz vor Weihnachten. Das war eine Show in einem Pub, zwar sicherlich nicht die beste THE OCEAN-Show, die wir je gespielt haben, aber für mich irgendwie ein ungeheuer symbolischer Ort. Also mit der Band wirklich da an das „ehemalige“, klassische Ende der Welt zu kommen, da eine Show zu spielen, war für mich persönlich ein ein sehr wichtiges und bereicherndes Erlebnis.

Und wir haben dann an dem Abend, wir wollten nach Torres del Paine, was wirklich dann der Nationalpark ist in Ultima Esperanza, letztendlich wollten wir über Weihnachten fahren, aber weil Weihnachten gewesen ist, gab es nirgendwo Autos zu mieten. Wir haben dann auf der Show rumgefragt und haben einen Fan gefunden, der uns das Auto seiner Tante geborgt hat. Und dann sind Loïc, David und ich am Weihnachtsmorgen, am 24.12. mit diesem Auto halt wirklich in den Park gefahren und haben da am Fuße des Gletschers übernachtet und ein unglaublich geiles Weihnachten gehabt, weit weg von der Familie, alleine in den Bergen und es war was, was ich nie vergessen werde. Also insofern ist auch diese persönliche Bedeutung da durchaus vorhanden.

Ja, ich würde das gesamte Album schon als relativ klassisch THE OCEAN bezeichnen, wobei ich finde, dass man Elemente aus quasi eurer gesamten Geschichte findet. Aber gerade „Milk of My Dreams“ bricht das ja dann komplett auf. Ich finde es faszinierend und wenn man das so ein bisschen im Kontext setzt, fühlt sich das fast so an, entweder als ob die Fahrt sich hier nach stabilisiert oder möglicherweise komplett zerfahren ist.

Das wird nur die Zukunft uns verraten, wahrscheinlich. Ja, die Kollaboration mit Thorsten war auch wieder eine extrem spontane Sache, die sich ergeben hat, als wir in den Hansa Studios am Aufnehmen waren.

Thorsten [Quaeschning] von TANGERINE DREAM, richtig?

Thorsten von TANGERINE DREAM, genau. Und ich hab morgens einen Post von ihm in meinem Feed gesehen und dachte mir, ach, das wär doch cool, irgendwie schreib ich den mal an, weil ich auch wusste, dass TANGERINE DREAM in den Hansa Studios aufgenommen haben. Und dann kam er da halt vorbei und wir haben angefangen über Musik zu reden. Dann wussten wir lange nicht, ob das klappt, weil da war zwar so die lose Abmachung getroffen, dass er was zum Album beitragen wird, aber er war dann auch super busy und wir selber mussten auch noch allerlei andere Sachen aufnehmen erstmal. Das Ganze kam dann relativ kurzfristig zustande vor dem Mix, wo wir uns dann eine Woche bei ihm im Studio eingefunden haben und es war dann eine total geile Zeit.

Er hat zwar anfangs ein bisschen gebraucht, um sich in unseren musikalischen Kosmos reinzufinden, wo viele rhythmische Veränderungen passieren, so dass es schwer ist, das zu programmieren. Und er hat am Ende dann wirklich viel per Hand gespielt deswegen. Aber als er sich dann mal reingefunden hatte, war es wirklich super geil und seine Beiträge zum Album sind sehr sehr wichtig geworden. Gleichzeitig haben wir auch viel zurückgehalten, weil zu dem Zeitpunkt das Album schon extrem voll war. Da war schon extrem viel Gesang und ja auch noch Orestis‘ [Zafiriou] Material, der zweite Typ, der auch parallel zu Thorsten an den Synths gearbeitet hat und die beiden haben sich nie getroffen und nie zusammen im Studio gesessen und wir haben wirklich in letzter Minute erst die Parts zusammengefügt, aber das hat dann erstaunlich gut funktioniert.

Trotzdem haben wir aber eben auch viel zurückgehalten, einfach weil das Album schon so dicht war und wir werden noch ein paralleles Instrumentalalbum veröffentlichen, wo die Synths von Thorsten deutlich mehr im Vordergrund stehen als bei der aktuell veröffentlichten Version von „Solaris“ und bei im Rahmen einer Instrumentalversion hat man natürlich mehr Raum, weil der Gesang eben fehlt und da die Synths auch den Platz einnehmen können. Und deswegen haben wir diesmal ganz bewusst die Instrumentalversion nicht schon parallel jetzt mit dem Vocal Album rausgehauen, sondern wir wollen da wirklich ein Special Release draus machen und das auch mit der der Sache gebührenden Aufmerksamkeit dann separat nächstes Jahr machen.

Und vielleicht noch eine finale Frage, ihr hattet zu „Holocene“ damals, hab ich gesehen, eine Hot Sauce rausgebracht. Ich schätze mal, das war wahrscheinlich ein Marketinggag, aber bist du generell so ein scharfer Esser oder war das wirklich einfach nur so ein Scherz?

Ich bin auf jeden Fall, ich liebe Chilis, das war absolut kein Scherz. Also ich bau auch meine eigenen Chilis an und ja, ich esse sehr gerne sehr scharf und insofern ist ’ne Hot Sauce schon auch irgendwie ’ne Sache, die für uns Sinn ergibt, gewissermaßen. Aber das war auch eine Kollaboration mit einem alten Kumpel von mir, der halt seine eigene Hot Sauce Firma gegründet hat, Mary On A Cross. Die machen wirklich auch super geile, leckere Soßen. Also unsere Hot Sauce ist mit Ajo Amarillo gemacht, einer gelben Chili. Aus einem gelben Chili wird die gemacht, so eine tief orange Soße, die auch einfach gut schmeckt. Die ist nicht nur scharf, sondern die kannst du wirklich auf alles raufpacken und es wird besser dadurch und das ist schon eine geile Sache.

Cool, dann danke ich dir auf jeden Fall vielmals für die Zeit, für die guten Antworten. Gutes Gelingen wünsche ich heute Abend und auch für die weitere Zeit, in der jetzt hier „Solaris“ im Umlauf sein wird und sage dann einfach mal, man sieht sich.

Ja, danke dir, alles klar, bis dahin, ciao, ciao.

Quelle: Robin Staps, 29. September 2026
01.10.2026

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

Exit mobile version