Clawfinger - Before We All Die

Review

Soundcheck Februar 2026# 17 Galerie mit 10 Bildern: Clawfinger - Wolfweez Open Air Festival 2025

Mehrere Auflösungen/Pausen haben CLAWFINGER nun schon hinter sich und nach „Life Will Kill You“ folgte eine lange Dürreperiode, was neue Veröffentlichungen anging. Nun liefern sie mit „Before We All Die“ aber endlich neues Material und lassen nach so langer Zeit durchaus fragen, wie sie denn anno 2026 nun klingen mögen. Durchaus experimentierte die Formation um Zak Tell und justierte den eigenen Sound hier und da fein, zum Beispiel mal in extremere Gefilde gehend wie auf „Hate Yourself With Style“. Dagegen klingt „Before We All Die“ wieder wie ein klassisches Album der Schweden, nur eben ins Hier und Jetzt transportiert, oder besser: ziemlich zeitlos inszeniert. Die Essenz des eigenen Schaffens wurde destilliert und in etwas Modernes transformiert, das einen generationsübergreifenden Appeal anstrebt und diesen auch erzielen dürfte.

CLAWFINGER bringen die Essenz des eigenen Schaffens ins Hier und Jetzt

Klanglich ist keine Phase der Band tabu und es wandert in die Trackliste, was gerade gefällt. Das heißt: Es gibt dick aufgetragene, vor allem auf Durchschlagskraft ausgelegte Gitarren, ein straffes, gern durch passende, elektrische Beats sekundiertes Schlagzeugspiel, das Geschehen durchaus atmosphärisch umspielende (oder: umspülende) Synths und das Gebelle von Tell, der sich zwischen 90er-Rap-Gebärden und durchaus angepisstem Hardcore-Bravado dynamisch hin und her bewegt. Gerade die genannten Gebärden sind für Trveheimer natürlich schwer zu verdauen (siehe Soundcheck), aber „Tear You Down“ oder „Going Down (Like Titanic)“ haben eben diese herrlichen HOUSE OF PAIN-Vibes inne, die wiederum eine wunderbare Brücke zu „Deaf Dumb Blind“ schlagen.

Ebenfalls unverändert bleiben Gift und Galle, die Tell hier am laufenden Band spuckt. Dreimal darf geraten werden, auf wen sich der Opener „Scum“ bezieht, für den CLAWFINGER noch den passenden Merch-Artikel rausbringen. Durchaus ambitioniert ist das Konzept hinter „A Perfect Day“, dessen eponymischer, perfekter Tag sich allmählich in einen Alptraum verwandelt. Es ist ein bisschen cheesy inszeniert und erinnert mitunter an etwas, was auch von SUCH A SURGE hätte stammen können, aber zeigt, dass die Herren selbst auf ihre alten Tage noch gewillt sind, Risiken einzugehen. Die cheesy Intonation muss man auch an anderer Stelle hinnehmen können, wenn vor Themen wie Kriegsverbrechen wird nicht halt gemacht wird („Kill The Dream“).

Gift und Galle – und etwas Cheese

Das wäre an anderer Stelle ein Dealbreaker, doch das Gesamtpaket, das CLAWFINGER hier geschnürt haben, macht letztlich den Unterschied. Zwischen den wuchtigen, breitbeinigen Riffs und den hymnischen Refrains, für die den Schweden auch nach so langer Zeit immer noch nicht das Fingerspitzengefühl verlustig gegangen ist, fühlt sich „Before We All Die“ nur im ersten Moment wie ein Nostalgietrip an, beweist seine Halbwertszeit aber durch sein konzises, abwechslungsreiches Songwriting und der puren Überzeugung, die praktisch jede Note befeuert. Und das düstere Bild, das hier gezeichnet wird, hinterlässt bei aller Euphorie, die durch die Musik erzeugt wird, doch einen bitteren Nachgeschmack.

Bei aller Cheesiness, die sich CLAWFINGER nun mal attestieren lassen müssen, wird doch kräftig Salz in zeitgenössische und zeitlose Wunden gerieben, ohne allzu viele Blätter vor den Mund zu nehmen. Dahingehend wirkt der abschließende Titeltrack wie eine Art Credo der Band, ein Resümee, aber auch ein Aufruf an die Hörerschaft zur Proaktivität, der jedoch bandtypisch mit kommandierendem Ton heraus gebellt wird. Aber manchmal muss man einfach zum eigenen Glück gezwungen werden. Mag unsereins auch die Nostalgiebrille aufhaben, so sei dieses Album doch allen ans Herz gelegt, die etwas für Crossover übrig haben. Denn es klingt nach klassischen CLAWFINGER mit all den Qualitäten, die dazugehören, steht jedoch mit beiden Beinen in der Gegenwart.

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13.02.2026

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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