Crematory - Oblivion

Review

Zuerst die gute oder die schlechte Nachricht? Okay, zuerst die schlechte. Für gute Nachrichten schaut doch mal auf Seite 2 vorbei, wo unser Gastautor Markus Hollenhorst „Oblivion“ aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Die Note ergibt sich rechnerisch als Mittelwert beider Reviews.

Im Intro zu „Oblivion“ preisen sich CREMATORY zu bombastischen Klängen als verlässlichen Rettungsanker in existenzieller Lebenskrise. Im folgenden „Salvation“ drehen sie die Perspektive allerdings um und halten fest: „I’m the fallen angel, crying in the darkness, hope is out of sight.“ Und egal, welchen Blickwinkel man nun einnimmt, es geht auf „Oblivion“ prinzipiell um alles oder nichts, um dunkle Nächte, brennende Leidenschaften, um Liebe, um Rache, um die Stille des Friedhofs auch.

„Oblivion“ gerät stiltreu

Dass man dieses Kaleidoskop der Katharsis vielleicht mit kreativem, nicht aber mit musikalischem Minimalismus der Mittel abspeisen darf, liegt auf der Hand. Und so bleiben sich CREMATORY, betrachtet man das Schaffen der Band mal als Ganzes, konsequent treu: Den simplen und sauber in Szene gesetzten Riffs werden die Schultern durch bombastische Keyboard-Klänge massiv aufgepolstert, dazu gibt es bedeutungsschwangere Growls und verstärkt bedeutungsschwangeren Klargesang. Stilistische Ausreißer fehlen.
Dabei gibt es 2018 kein zweites „Tears Of Time“, aber es entstehen doch einige eingängige Songs, die sich mindestens passagenweise nachgerade penetrant im Hirn festsetzen. Und da hört der Spaß dann tatsächlich tendenziell eher auf. Denn Seifiges wie „Salvaaaation – you’re my guardian aaaangel“ oder „Stay with meee, my looove, pain is the key to the heart of the lost“ verlangt einem (abseits des ehrenwerten AOR-Rahmens) schon so einiges ab.

CREMATORY gehören ins Schloss

Wie, da braucht nicht groß herumgeredet zu werden, eine Band wie CREMATORY mit ihrem Ansatz auch insgesamt. Und wacklige Schüttelreime oder allseits bekannte Zutaten stehen dabei gar nicht mal im Mittelpunkt der Debatte – die werden anderen Bands anderer Genres schließlich auch nonchalant als Charme und Prinzipientreue ausgelegt. Was bei CREMATORY fordert, bringt das Video zu „Salvation“ vielschichtig auf den Punkt: Zu sehen ist eine Band, die inmitten eines Schlosses und originell uniformiert im eigenen Merch jede über die Jahre akkurat verinnerlichte Variante aus dem großen Pool der Pathos-Posen routiniert abspult – und dabei so authentisch ist, dass es schmerzt: Denn was man da in puncto Salvation, Guardian Angel etc. grimassierend kundtut, wird in seiner Schablonenhaftigkeit perfekt transportiert – und abgerundet von der eben nur vermeintlich unmotivierten Platzierung des Schauspiels inmitten glänzenden Größenwahns: Entscheidend ist die Verpackung.
Also heißt es eben für eine zu Großem berufene Band wie CREMATORY (s. Intro a.a.O.): Ab in den güldenen, den blendenden Thronsaal. Letzterer gehört zum baden-württembergischen Schloss Bruchsal, auf der imaginären Karte der Wahrhaftigkeit womöglich kalauernd zu verorten irgendwo zwischen Trübsal und Bruchlandung.

Pulle Rotwein!

Aber nichts für ungut, vielleicht geht der auf den zweiten Teil des Begriffes „Gothic Metal“ fixierte Rezensent auch schlicht mit unpassenden Erwartungen diesseits der Schwarzlack-Buffalos an Musik wie diejenige auf „Oblivion“ heran. Und sich derart herablassend über das Werk anderer zu äußern, ist natürlich auch nur vermeintlich smart.

Aber es hilft ja alles nichts. Außer vielleicht: frühe PARADISE LOST. TIAMAT. MY DYING BRIDE. TYPE O NEGATIVE. Pulle Rotwein. Nächtliche Runde um den Block. Ihr wisst schon.

4/10 (Marek Protzak)

Momentan ist es anscheinend „total in“, CREMATORY zu dissen, ihr Auftreten und ihre Musik schlechtzureden und mies zu finden. Dass sich die Band um Drummer Markus Jüllich mit ihrem Auftreten bei Facebook keine Freunde macht, sollte hinreichend bekannt und diskutiert sein. Daher sollte man sich bei der Rezension ihrer aktuellen CD rein auf die Musik konzentrieren und sich am besten auch nicht durch die eher bescheidenen Musikvideos ablenken lassen.

CREMATORY bleiben sich treu

Die Besetzung der sechs Musiker, immerhin sind noch drei Gründungsmitglieder vorhanden, ist im Vergleich zur letzten Platte „Monument“ konstant geblieben. Auch an der musikalischen Ausrichtung hat sich nichts geändert. Die CD schließt nahtlos an ihren Vorgänger, und im Stil auch an die erfolgreiche Phase Ende der 90er und Anfang des neuen Jahrtausends („Act Seven„, „Believe“ und „Revolution„), an. Vorbei sind die starken Elektro-Goth-Momente, die tanzbaren Synthie-Einsätze und die Experimente aus der „Infinity“ und „Antiserum„-Ära. Mit dem Eintreffen von Matthias Hechler im Jahr 1999 hielt der Klargesang Einzug. Dieser wechselt sich, auch seit Tosse Basler zur „Monument“ Hechler ablöste, mit den Growls von Gerhard „Felix“ Stass ab. Dies wird stringent und in allen Songs umgesetzt.

Nach einem kurzen, für CREMATORY typischen Intro folgen zwölf Songs, welche, mit der Ausnahme des kürzeren „Immortal“, alle zwischen vier und fünf Minuten lang sind. Stilistische Ausreißer gibt es nicht, alle Songs sind im Midtempo gehalten, echte Balladen (mit „Stay With Me“ ist eine starke Halbballade vertreten) oder aber Uptempo-Nummern sucht man vergebens. CREMATORY bleiben sich auf der ganzen CD treu, die Gitarren wandeln zwischen NDH-Riffs und kurzen Soli, das Keyboard überzuckert und unterfüttert die Songs, bleibt aber (fast) immer songdienlich im Hintergrund.

„Oblivion“ – keine Höhepunkte, aber konstant hohes Niveau

Im Vorgänger, neben dem sehr starken Opener „Misunderstood“ und den absoluten Ohrwürmern „Die So Soon“ und „Ravens Calling„, war der eine oder andere Song dabei, der deutlich abfiel. Diesmal ist die Qualität über die gesamte Platte konstant. Eine echte Niete fehlt genauso wie ein ultimativer Übersong. Als Anspieltipps würde ich am ehesten „Oblivion“ und „Revenge Is Mine“ nennen. Angenehm finde ich, dass es keine klare Aufteilung der Gesangsstile im Sinne Strophe mit Growl und Refrain immer Klargesang gibt. Hier wird munter gemixt und bei manchen Liedern liegt der Schwerpunkt bei Felix, bei anderen bei Tosse. Die Refrains bleiben aber immer im Ohr und lassen sich fast alle nach dem ersten Durchlauf der Platte bereits mitsummen. Ohrwürmer konnten CREMATORY schon immer schreiben.

Man muss die Band sicher nicht mögen, und sonderlich innovativ sind sie ebenfalls nicht. Aber wer das letzte Album oder die oben genannten Alben aus den späten 90ern mag, sollte definitiv ein Ohr riskieren und wird auch nicht enttäuscht werden.

8/10 Markus Hollenhorst (Gastbeitrag)

Markus hört CREMATORY seit 1996, als das deutschsprachige, selbstbetitelte Album erschien, und verfolgt seitdem die Laufbahn der Band mit ihren Höhen und Tiefen mit großem Interesse.

16.04.2018
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