



Mit Metal im eigentlichen Sinne hat Eivør Pálsdóttir auch auf ihrem neuen Album nicht viel am Hut. Und trotzdem gelang es ihr unlängst sogar die lärmerprobte Menge beim diesjährigen Summer Breeze mit ihrer intensiv emotionalen Show zu begeistern. Ein neugieriger Blick über den Tellerrand lohnt sich also, denn wie schon beim Vorgänger „Enn“ gibt es auch auf „Tungl“ wieder ein Übermaß an Atmosphäre zu entdecken, das die geradezu meditativ wirkenden Stücke zwischen Elektro, Pop und Folk durchzieht.
EIVØR öffnen die Tore zur mondmystischen Esoterik
Benannt nach dem Mond versprüht „Tungl“ eine angemessen mystische Spiritualität, stets etwas düster, aber mit einer ruhigen Erhabenheit, die das Tor zu esoterisch überhöhten Deutungen weit öffnet. Und obwohl der Mond im nordischen Sprachraum (anders als bei den alten Römern und Griechen) eher männlich gelesen wird, verkörpert EIVØR ähnlich wie die Dänin Amalie Bruun (MYRKUR) eine machtvolle Weiblichkeit die sich aufs Wohligste in all dieser Mystik und Folklore suhlt, ohne dabei an Bedeutung einzubüßen oder gar ins Kitschige abzudriften. Damit steht EIVØR in der Tradition der Isländerin BJÖRK, vor allem aber auch von Stevie Nicks (FLEETWOOD MAC), an die ihr Styling und die Pose auf dem Cover-Artwork überdeutlich erinnern.
Etwas nüchterner betrachtet handelt es sich bei „Tungl“ einmal mehr um ein facettenreiches Klangkunstwerk, das ein breites Spektrum an menschlichen Emotionen in hypnotische Rhythmen und fesselnde Melodien gießt, dabei aber vor allem von der mitreißenden Gesangsstimme von Eivør Pálsdóttir lebt. Von samtig weichen Tieftönen bis hin zu den eindringlich spitzen Schreien beherrscht die Färöerin ein beeindruckendes Frequenzspektrum und eine umfangreiche Palette an musikalischen Ausdrucksweisen. So ist es eine wahre Freude, EIVØR zuzuhören, weil man die Bedeutung der größtenteils in ihrer färöischen Muttersprache getexteten Stücke auch ohne konkrete Sprachkenntnisse immer erahnen kann – eine englische Übersetzung der Liedtitel wird immerhin direkt mitgeliefert.
All die Schätze und die ganze Magie der Dunkelheit
Über die gesamte Spielzeit hinweg hält „Tungl“ damit nicht nur die musikalische Qualität auf einem ausnehmend hohen Level, sondern sorgt immer wieder auch mit neuen musikalischen Elementen und kleinen Klangspielereien für Abwechslung. Als Beispiele können die Stimmverzerrung mittels Autotune beim spukigen Geistermarsch „Spøkilsir“ dienen, aber auch das Duett mit ihrer ebenfalls als Sängerin erfolgreichen Schwester ELINBORG in „Fangað“.
Den krönenden Abschluss bildet mit „Everyone But Me“ schließlich eines von drei englischsprachigen Stücken, das EIVØR zu ihren absoluten Favoriten zählt. Besser als die Künstlerin selbst, kann man dieses Stück, das gleichwohl auch als pars pro toto das gesamte Album repräsentiert, gar nicht beschreiben:
„Das Lied handelt davon, über den großen Ozean des Lebens zu navigieren und dort seinen Weg zu finden. Das ist beängstigend, aber zugleich ein schöner Gedanke. Man weiß, dass man sich in diese Dunkelheit begeben muss, um all die Schätze und die ganze Magie zu finden.“

Florian Schörg































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