Flotsam And Jetsam - The Cold

Review

Es wird Zeit, einer Band Reverenz zu erweisen, welche einst zu Recht in einem Atemzuge mit METALLICA genannt wurde. Die „Doomsday For The Deceiver“ und „No Place For Disgrace“-LPs, (jawohl, LPs waren das damals!) sind legendär. Wir kennen die traurige Geschichte von Jason bei den großen Brüdern. FLOTSAM & JETSAM machten weiter, unverdrossen, veröffentlichten immer wieder Klassealben, welchen jedoch nicht mehr die Beachtung geschenkt wurde wie den ersten beiden.

Schade eigentlich. Aber das kann noch gutgemacht werden. Denn jüngst veröffentlichte die Band um Ausnahmevocalist Eric A.K. mit „The Cold“ ein neues Album, welches mal wieder richtig gut ist, das darf ich mal vorwegnehmen. Der zunächst noch unscheinbar wirkende Opener „Hypocrite“ geriert zu einem stampfenden Smasher, entführt in wilde, turbulente Soli (Eine Stärke der Band) und zeigt in der Bridge bereits, dass Eric A.K. durchaus an Geoff Tate, den Frontmann von QUEENSRYCHE erinnert, und zwar positiv natürlich.

Der traurig-melancholische Grundton verstärkt sich mit „Take“, einem Klassesong, welcher sich durch eine so noch nicht gehörte Melodie, schaufelndes Riffing und einen wehmütigen Chorus auszeichnet. Der Bass pumpt, drückt, wird führend gespielt, wie es einst im US-Metal Gang und Gäbe war und wie es eigentlich auch sein sollte. Doch dazu muss man ihn natürlich spielen können, nicht wahr, ihr zahlreichen Power Metal-Maniacs da draußen? Nun, FLOTSAM & JETSAM können sich da beruhigt zurücklehnen, denn sie verfügen über ausgezeichnet harmonierende Musiker. Sie tun es natürlich nicht, im Gegenteil, sie sind immer in Bewegung.

Akustisch perlt „The Cold“, kristallklar wie ein Bergbächlein, Elbengeflirre, Drums aus der Ferne, dann der superbe, ausdruckstarke Gesang unseres Heroen Eric A.K. Ein wenig orientalisch mutiert der Song hinein in die „Operation Mindcrime“ und wartet mit einem überraschenden, transparent wie ein Schmetterlingsflügel anmutenden Prechorus und einer härteren Auflösung auf. Düster sind sie geworden, die US-Boys. Und das Geblinker, das Solo, die Rückführung zum Thema, mal ehrlich, wer von den Bands, welche ich in diesem Jahr gehört habe, kann da mithalten? „Black Cloud“ marschiert hart, „The Hammer Falls Down“, ein gemeiner Chorus hackt wie ein Rabe ins Äuglein des ungebetenen Gastes am Futtertrog. Und die Gitarrenarbeit, da können wirklich nur Sherman/Denner mithalten. Rückkehrer Michael Gilbert hat nichts verlernt, man hört es.

„Blackened Eyes Starring“ mäandert vom metallischen Riffrocker melodisch-verschnörkelt ins Reich Atrejus (ich meine nicht die Band, sondern unseren Helden in „Die Unendliche Geschichte“). Interessant, wie FLOTSAM & JETSAM ständig Richtung und Atmosphäre verändern. Denn auch die Moderne hält immer wieder Einzug, mischt sich ins muntere Treiben. Die Band bietet KEIN Retroalbum, warum auch. Älter, ernster, nachdenklicher, melancholischer, dennoch hart und wild, das ist die Devise. Oder anders gesagt: Nicht so sehr Speed, sondern die Balance auf dem Stahlseil könnte das Motto sein. Erics wunderbare Klarstimme entfaltet sich in „Better Off Dead“. Solche (Halb-)Balladen waren früher, in den goldenen Achtzigern, immer am Ende von Roadrunner-LPs angesiedelt und wurden heimlich auch von den Härtesten verehrt. Erinnert sich jemand an LAAZ ROCKITs „The Omen“? Ja? Gut…

In „Falling Short“ geht es wieder härter zur Sache, natürlich mit stillen Momenten, der Chorus zeigt beinahe alternative Gesangslinien. Desgleichen gilt für „Always“. Dem Gitarrengesäge und dauernden Solieren wird ein Chorus beigemischt, welcher zeigt, dass wir uns hier nicht nur im Märchenland befinden. Alarm dann in „K.Y.A.“: Dramatik, Speed, Chaos: der Song ist FLOTSAMs & JETSAMs „My Apocalypse“. Die verzerrten Akkorde am Ende des Songs, das schräge Gesäge, die hellen Soli, geil! Das mit Melodie, Schwere, einigem Groove und furiosem Finale aufwartende „Secret Life“ beschließt einen harten Brocken von Album. Sanft geht anders, jedenfalls. Man muss es sich schon anhören, das sperrige Ding. Doch das lohnt sich! Mit „The Cold“ spielen FLOTSAM & JETSAM so gut wie alle MetalCore-Bubis und erst Recht sämtliche Kastraten-Powerbands an die Wand, nein durch die Wand.

20.10.2010
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