Savatage - Streets

Review

SAVATAGE ’91, fuckin‘ hell: Kinderchor aus der Zauberflöte am Anfang, Reli-Powerballade am Ende, insgesamt eine Story gefährlich nah an der Musical-Hölle – „Streets“ wirkt grundsätzlich erstmal bedrohlich. Untertitel: „A Rock Opera“. Erzählt werden Aufstieg, Fall und Erleuchtung des Musikers und Dealers D. T. Jesus. Da kann und sollte man es gepflegt mit der Angst zu tun bekommen.

Und tatsächlich spaltet SAVATAGEs Sechste die Gemeinde. Produzent und Mit-Komponist Paul O’Neill hatte den Entwurf für das Broadway-Metal-Konzeptwerk bereits Jahre zuvor in der Tasche und sich beharrlich gegen die noch in Teilen skeptischen Musiker durchgesetzt. Die Gebrüder Oliva bauen entsprechend das getragen-pathetische Element in ihrem Sound hörenden Ohres noch weiter aus und bewegen sich damit natürlich auf einem schmalen Grat.

These „Streets“ glitter in the dark

Dabei gibt es klassischen, harten (Power) Metal auf „Streets“ durchaus noch, jedenfalls passagenweise: „Agony And Ecstasy“ ist ein stampfender, vergleichsweise schnörkelloser Brecher, „Sammy And Tex“ greift noch ungeschliffener an. „Jesus Saves“ wiederum vereint harte Gitarren forsch und stimmig mit Keyboard-Klängen, die mal eher an Streicher, mal an Bläser, auf jeden Fall aber an die goldenen Achtziger erinnern.

Prägend für das sechste Album von SAVATAGE sind allerdings andere Stücke. Der getragen-hymnische Titelsong zu Beginn nimmt aus dem Stand für sich ein, das getragen-hymnische „Tonight He Grins Again“ zeigt den Mountain King in all seiner wahnsinnigen Klasse. Die getragen-hymnischen „Can You Hear Me Now“ und „If I Go Away“ ziehen mächtig, doch nicht abgeklärt, sondern hochemotional mit ausgebreiteten akustischen Schwingen ihre Kreise.

Ähnlich in der Wirkung ist auch „St. Patrick’s“, das nicht nur ruhig beginnt, sondern auch so endet und der Story Rechnung tragend gar auf eine Kirchenorgel setzt. So richtig explodiert das Stoßgebet des konsternierten Protagonisten allerdings erst durch den orchestral emporgehobenen Solo-Ausbruch von Chris Oliva im Mittelteil. Der haut der Kapelle locker das Dach weg und schießt die Verse der Reue akkurat auf dem ganz kurzen Weg in den Himmel.

All I Ask Of You Is Believe

Doch vor allem die vollständigen Balladen lassen „Streets“ so richtig glitzern. Die Bal-la-den! „Heal My Soul“ dreht die Kitsch-Spirale mit sweet Lord Jesus im Visier zwar eine Winzigkeit zu weit – „A Little Too Far“ bereitet jedoch glänzend die brüchige Bühne für Jon Oliva als gezeichneten Piano-Poeten.

Und „Believe“ als Krönung bringt zum Abschluss Erstaunliches fertig. Kongenial eingeleitet von „Somewhere In Time“ streichelt der Song Individuen die Seele, die ihre längst umgesetzt, zielt bei Menschen ins Herz, die gar keins haben, und verdreht auch dem letzten Agnostiker den Kopf. Der Meister am Mikro fordert so inbrünstig zu Piano und überlebensgroßer Gitarre das Glaubensbekenntnis, dass sich für die paar Minuten alle Ratio und der sehr gesunde Menschenverstand in Richtung heiliger Geist verflüchtigen. Kein Auge bleibt trocken.

SAVATAGE gelingt der Hattrick

Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass sowohl der Titelsong als auch „When The Crowds Are Gone“ von der Vorgängerin „Gutter Ballet“ ursprünglich zu „Streets“ gehören sollten, bricht einem endgültig der Schweiß aus. Mit diesen beiden monströsen Stücken hätte das latent kitschige, das tendenziell größenwahnsinnige, das in seiner Story so klischeehaft angelegte wie konfus sich entfaltende „Streets“ die Höchstnote erhalten.

Ach, egal. Ohne sie auch. All I ask of you is believe.

P.S.: Es versteht sich, dass mindestens „Hall Of The Mountain King“ und „Gutter Ballet“ in jedem anständigen Haushalt mit „Streets“ regelmäßig den Titel als bestes Heavy Metal-Album wechseln. SAVATAGE gelingt ein Lupenreiner Hattrick in der Blüte ihrer Jahre.

Die später erschienene und ursprünglich geplante „Narrated Version“ von „Streets“ enthält weitere gesprochene Zwischenstücke. Brauchen tut man sie nicht.

23.01.2019
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