The Ocean - Solaris

Review

2023 schlossen THE OCEAN die Zeitrechnung mit dem Eintritt ins bis zum heutigen Tage andauernde Zeitalter, dem Holozän, ab. „Holocene“ ließ dabei die Frage offen, wie es im Universum des im Berlin beheimateten Kollektivs weitergehen würde. Immerhin hat hiermit quasi die große, albumübergreifende Nomenklatur entlang der Zeitrechnung ihr vorläufiges Ende gefunden, sodass die Frage nach der Zukunft durchaus interessant gewesen ist. Drei Jahre später liegt die Antwort nun also mit „Solaris“ vor, dem neuen Album, das mit geändertem Lineup eingespielt worden ist. Der Albumtitel bezieht sich laut Presseinfo auf den gleichnamigen Film von Andrey Tarkovsky, in dem inmitten eines Science Fiction-Settings tiefgehende psychologische wie philosophische Fragen erörtert werden.

Die Zeitrechnung ist vollendet – nun peilen THE OCEAN die Sterne an

„Solaris“, das Album, ist jedoch keine Nacherzählung des Filmes, sondern führt das Albumkonzept mit einem vergleichbaren Sujet weiter. Genauer geht es darum, dass die Menschheit die zum Ende von „Holocene“ ausgezehrte Erde verlassen und sich auf die Reise zu neuen, bewohnbaren Planeten machen. Diese Reise ist ihrerseits ebenfalls in ein Sci-Fi-Setting eingebettet, zeichnet sich jedoch durch jede Menge zwischenmenschlicher Konflikte aus und speist sich laut Pressetext aus Erfahrungsberichten von historischen Seefahrern und Entdeckern wie Vasco Da Gama, Ferdinand Magellan oder Sir Francis Drake. Von unmittelbaren Krisen wie Krankheiten, Unwetter und Schiffbrüchen hin zu abstrakteren Konzepten wie Egoismus, Machtspiele und Personenkulte fließen unterschiedliche Themen in die Erzählung mit ein und lassen sich, wiederum Sci-Fi-typisch, als Spiegel unserer zeitgenössischen Gesellschaft auslegen.

Mit der im Anschluss an die Touraktivitäten zu „Holocene“ auseinandergefallenen Besetzung schien es zunächst danach auszusehen, als hätte Staps die Band trotz des sich im fortgeschrittenen Status der Arbeit befindlichen Songmaterials auf Eis legen müssen. Doch Staps konnte, laut Presseinfo aufgrund einer Aneinanderreihung von glücklichen Zufällen bzw. Begegnungen, relativ zügig ein neues Lineup aufstellen, sodass die Frage nach dem Sound von THE OCEAN anno 2026 – wieder einmal – eine sehr Spannende ist. Und tatsächlich: Das Personalkarussell hat dafür gesorgt, dass das offiziell sieben Köpfe zählende Kollektiv im Gegensatz zum mundgerechter verabreichten Vorgänger wieder ein paar ordentliche Post-Metal-Pfunde zugelegt hat. Das gesangliche Tandem bestehend aus Enrico Tiberi und Lane „Otayonii“ Shi steuert das Schiff souverän durch vertraute und neue Gewässer, wobei vor allem Letztgenannte ein Gewinn für die Band geworden ist.

Mit neuer Besetzung in vertraute (und neue) Gewässer

Zugegen muss man die Variable der Besetzung bei THE OCEAN immer cum grano salis nehmen, immerhin ist der Katalog an ehemaligen Bandmitgliedern so unübersichtlich, dass diesem auf der englischsprachigen Wikipedia-Präsenz eine eigene Seite gewidmet wurde. Andererseits klingt auch das neue Album „Solaris“ trotz deutlicher Veränderung im Vergleich zu „Holocene“ nach dem Berliner Kollektiv – und nach nichts anderem. Man bewegt sich klanglich wieder etwas mehr zu den vorangegangenen Werken zurück, was auch bedeutet, dass „Solaris“ längst nicht so zugänglich geraten ist wie der direkte Vorgänger. Einen urtümlichen Klumpen der Marke „Aeolian“ werfen sie uns aber auch nicht vor die Füße. „Solaris“ liegt auf der Zugänglichkeitsskala somit mehr in der Mitte, gerade sperrig genug, um mehrere Hördurchgänge einzufordern, gerade zugänglich genug, um diese andererseits auf Hörerseite zu motivieren.

Die Gitarren donnern wieder gewaltig und urtümlich, räumen aber auch gerne den Weg für reichhaltig texturierte Passagen, die dem Prog Metal erfolgreich Einzug gewähren. Und irgendwie trifft alles wieder den Sweetspot, der sämtliche Knie auf Empfängerseite weich werden lässt. „Ultima Esperanza“ verkörpert diese Ambivalenz in Reinkultur, donnert der Song zu Beginn ähnlich ungeheuerlich drauf los wie in den frühen Tagen, während Shis Interjektionen wie hymnische Farbtupfer eingestreut werden. Weiter im Track krachen Riffkaskaden wie aus dem MASTODON-Lehrbuch auf die Hörerschaft ein, fast als würde man einem unbarmherzigen Naturschauspiel lauschen. Das sind natürlich nur zwei Facetten dieses knapp 12 Minuten andauernden Longtracks, der einerseits mit verschiedenen Motiven und Phrasen vollgestopft worden ist, andererseits jedoch wieder einen eleganten Weg findet, um zu seinen Ausgangspunkt zurück zu kehren.

„Solaris“ trumpft mit einer beeindruckenden Vielschichtigkeit innerhalb und außerhalb der Songs

Überhaupt packen Staps und Co. wie gewohnt in einzelne Tracks so viele Ideen hinein wie manch andere Bands auf Albumlänge verwursten. Das macht „Solaris“ wie erwähnt wieder zu einer sperrigeren Angelegenheit, was im über 17 Minuten auf die Uhr bringenden „Simulacra“ gipfelt. Doch selbst hier finden sich immer wieder Ankerpunkte in Form von memorablen Hooks, die das Hören, ach was: Studium des Songs lohnenswert machen. Und dann kommt noch „Milk Of My Dreams“, ein geradezu andersweltlicher, von elektronischen Beats und Synths dominierter Track, der in Sachen Intensität und Klangkunst locker mit dem Besten mithalten kann, was der ULVERsche Trip Hop-Kosmos zu bieten hat, nur deutlich tanzbarer. Der Track leitet dann wiederum über in das abschließende „51°28′30″ S, 73°6′11″ W“, bei dem das musikalische Motiv von „Milk Of My Dreams“ aufgegriffen und fortgeführt wird.

Und ja, das sind Koordinaten. Mit einem solchen Track, namentlich „52°30’11- N, 13°26’12“ E“, wird das Album auch eingeführt, der wiederum geschmeidig in den „Departure Song“ überführt. Wenn man diese Koordinaten jeweils auf der Weltkarte verorten lässt, führt die Reise vom Ausgangspunkt, dem Aufnahmestudio in Berlin, nach Seno Ultima Esperanza, einer Einbuchtung im chilenischen Puerto Natales. Wie ein Buchumschlag umfassen diese beiden Tracks den Corpus des Albums, während der Ausgangspunkt ähnlich beginnt, wie der Endpunkt aufhört, sodass sich der Kreis wunderbar schließt. Hier stecken sowohl in als auch jenseits der Textzeilen Unmengen an Interpretationsansätzen, sodass „Solaris“ bereits jetzt schon auf eine enorme Halbwertszeit des Materials hoffen lässt.

Damit bleiben THE OCEAN eine feste, unumstößliche Größe

Staps hat den Strömungen der Zeit also demnach getrotzt, um den Tenor der Presseinfo einmal beizubehalten, und mit erneuertem Lineup wieder einmal gewohnt Großartiges geschaffen. Der Post-Metal von THE OCEAN lebt und sitzt wie ein Fels in der Brandung – Abtragungen durch die Wogen der Zeit sind praktisch marginal und fördern wenn dann nur neue, eindrucksvolle Formen zu Tage. Schwachpunkte machen sich wenn überhaupt rar. Man kann dem Album eventuell ankreiden, dass es ohne Lyric Sheet aufgrund der enormen Masse an Material nicht immer ganz leicht ist, dem Sujet zu folgen. Aber das Meckern auf ganz hohem Niveau, denn „Solaris“ ist in seiner Gesamtheit so dermaßen gut gelungen, dass praktisch jeder individuelle Track für sich genommen eine intensive Einzelbetrachtung rechtfertigt. „Solaris“ ist also ganz großes Post-Metal-Tennis, vielschichtig ohne Ende und lebendiges Kino für die Ohren.

24.09.2026

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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