Gravenhorsts Graveyard
Die Reinheit des Thrash Metals

Special

Aus der Not ein Dogma. Zyniker dürften das als pointierte Beschreibung der Herausbildung typischer Charakteristika des Metals betrachten. Dieser Betrachtung lässt sich schwer widersprechen, aber einige der unumstößlichen Normen der Szene empfinde ich doch als sehr wohltuend: Eine tief durchdringende Düsterkeit, die Fixierung auf die klassische Bandbesetzung und eine sich verschiedenermaßen äußernde Distinktion, um mal eine quantitativ stereotype Aufzählung zu machen. Dennoch ist es hilfreich, diese Dogmen auf den Prüfstand zu stellen. Da gibt es insbesondere einen Standpunkt, von dem ich mir wünsche, dass er mehr Zustimmung erhält: Thrash Metal kann auch mit cleanen Gesang gut sein!

In diesem Subgenre ist vor allem Shouting dominant. Das liegt an den ersten, stilprägenden Bands: Weder die Vorbilder MOTÖRHEAD und VENOM noch die ersten Thrash-Bands METALLICA und SLAYER haben durch hervorragende Gesangsfähigkeiten auf sich aufmerksam gemacht. Aus diesem technischen Makel und um gleichzeitig aggressiver zu klingen, haben sie so immer mehr das Shouting forciert. Damit definierten sie das Genre. Erst einige Jahre später kamen mit ANTHRAX die ersten Bands, die clean gesungen haben.

Von Staatssfeinden und Raumjägern

In der Achtziger-Nostalgie, die sich im Thrash hält, sind viele Bands nicht darüber hinaus gekommen. Leider. Es gibt einige prominente Beispiele, welche das Potenzial dieser Gesangsform belegen: Allen voran natürlich die Staatsfeinde ANTHRAX. Der saubere Gesang von Joey Belladonna macht die Musik nahbarer. Die Band klingt nicht wie gefallene Engel , sondern macht einen sehr kumpelhaften Eindruck. Das gleiche gilt auch für TANKARD. Zu ihren Texten würde guttraler Gesang nicht passen. Denn gerade so biergeschwängerte Lyrik sollte leicht mitsingbar bleiben. Darauf können die sich natürlich ihren Kult-Status aufbauen, dafür fehlt es bei der Gruppe beileibe nicht an zwingenden Riffs.

Zugegeben, ich habe gerade die ultimativen Feindbilder bemüht. Es gibt aber auch andere, respektable Gruppen, die sich des cleanen Gesangs bedienen. Da wären die Berliner SPACE CHASER. Deren Sänger Siegfried Rudzynski beschwört durch seine hohen, schiefen Schreie den Charme des US-Metals. Eine andere Linie verfolgen da POLTERGEIST. Deren letztes Album „Feather Of Truth“, welches gerade dem ersten Jahrestag entgegen fiebert, ist äußerst kurzweilig. Das liegt nicht zuletzt am Sänger André Grieder, der trotz des cleanen Gesangs die geforderte Seriösität ausstrahlt. Wer sich durch diese beiden Bands triggern lässt, ist ein hoffnungloser Fall.

All diesen Bands gemeinsam ist ihre Lockerheit. Wo ihre Kollegen die ganze Zeit versuchen, satanischer und boshafter als/wie alle anderen zu klingen, nehmen diese Bands sich nicht so ernst. Gerade dieser gesunde Umgang mit dem eigenen Image ist es zu verdanken, dass ANTHRAX Dinge tun, die klassische Metal-Bands nicht machen, allen voran die Kollaboration mit PUBLIC ENEMY. Auch wenn diese vielen in negativer Erinnerung bleibt, muss man doch sagen: ‚Bring The Noise‘ war ein Meilenstein des Rap Metals, der zwar schon schnell überboten wurde, für dessen Entwicklung eine wichtige Rolle spielt.

Obwohl die Vorzüge von Thrash Metal mit cleanem Gesang nicht wegzureden sind, soll das keine Abwertung anderer Gesangsformen bedeuten. Tom Arayas Shouting wurde zurecht millionenfach kopiert. Paul Baloff versprühte seine eigene Aura. Aber es gibt keinen Grund, den Gesangsstil grundsätzlich zum Qualitätsmerkmal zu machen.

Offenlegung: Dieser Text ist aus zwei gleichberechtigten Motivationen entstanden. Einerseits die Würdigung von Thrash Metal mit cleanem Gesang und andererseits die Provokation meines Kollegen Dominik Rothe. Er tritt als entschiedener Gegner dieser Ausprägung auf, was zu unterhaltsamen Ausbrüchen führt.

20.06.2021

Redakteur mit Vorliebe für Hard Rock, Heavy Metal und Thrash Metal

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2 Kommentare zu Gravenhorsts Graveyard - Die Reinheit des Thrash Metals

  1. motley_gue sagt:

    Bei Thrash mit Cleangesang ist mMn der Schritt zu amerikanischem Powermetal nicht weit bzw. die Grenze verschwimmend. Mir fallen da zB sofort Iced Earth oder Nevermore ein, die teilweise instrumental doch sehr nach Thrash klingen.
    Und ehrlich gesagt sind da zwischenzeitige Alben von Megadeth (Symphony… , Youthanasia, Risk, Cryptic Writings) stilistisch doch ähnlich weit weg oder eben nah dran am Thrash. Auch Annihilator würde ich noch in den Ring werfen. Tatsächlich gibt es viel guten Thrash mit „Gesang“. Ich glaube auch, dass viele „Sänger“ im Thrash shouten, weil sie keinen adäquaten Gesang zur doch oft melodiösen Gitarrenarbeit schaffen. Hab ich jetzt den Faden verloren?

  2. Interkom sagt:

    Bitte um Nachsicht, falls ich hier etwas überlesen habe, aber wurde bei thrash Metal mit Clean Gesang VOIVOD unterschlagen? Oder sind die zu technisch? Alt wären die ja … die nothingface ist von 1989.