In This Moment und "Witch": Zwischen Widerstand und dem Wert des Augenblicks

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Mit „WITCH“ veröffentlichen IN THIS MOMENT am 28. August ihr neuntes Studioalbum. Im Gespräch erzählt Gitarrist Chris Howorth von gesellschaftlicher Unruhe, Maria Brinks Empathie, dem Entstehungsprozess der Songs und davon, warum die Band nach 20 Jahren lernen muss, den Moment zu genießen.

WITCH: Warum jetzt?

Dass das neue IN THIS MOMENT-Album „WITCH“ heißt, wirkt fast folgerichtig. Schon „Black Widow“, „Ritual“ oder „Mother“ sowie das Vorgängeralbum „Godmode“ arbeiteten mit starken Symbolen und einer Bildsprache, die weit über die Musik hinausreicht. Für Gitarrist Chris Howorth passt der Titel jedoch nicht nur zur Ästhetik der Band, sondern vor allem zur Gegenwart.

Die Idee der Hexe sei bei IN THIS MOMENT schon länger präsent gewesen. Jetzt fühlt sich der Zeitpunkt richtig an. Howorth beschreibt ein gesellschaftliches Klima, in dem Unterschiede schnell zu Fronten werden: Menschen urteilen übereinander, zeigen mit dem Finger aufeinander und erklären das Unbekannte zum Problem.

„Everyone’s pointing a finger at somebody else“, sagt er. Genau dieses Gefühl hat „WITCH“ geprägt. Dabei will die Band kein politisches Manifest liefern. IN THIS MOMENT gibt ihrem Publikum nicht vor, was es glauben soll. Sie reagieren auf das, was sie beobachten und auf die Emotionen, die daraus entstehen.

„Crawl“: Nicht wegsehen

Besonders deutlich wird das in „Crawl“. Howorth verbindet den Song mit Bildern von Menschen, die im Zuge verschärfter Maßnahmen gegen Migrantinnen und Migranten in den USA festgehalten, zu Boden gebracht oder überwältigt wurden. Chris betont an dieser Stelle bewusst, dass es sich bei dem Song nicht um einen politischen Song handelt, sondern um eine Reaktion auf die Bilder, die verstörend gewesen seien.

„‘Crawl’ came from seeing that and not being okay with it“, sagt Howorth.

Der Song folgt damit einer Haltung, die IN THIS MOMENT schon lange begleitet. Maria Brink schreibe aus großer Empathie heraus, erklärt Howorth. Wenn Menschen – oder auch Tiere – leiden, wolle sie helfen, verteidigen, sich einmischen. Über die Jahre hinweg sei diese Haltung zu einem wesentlichen Bestandteil der Bandidentität geworden.

Howorth sieht sich dabei als Partner und Unterstützer ihrer Vision. Die Themen und die visuelle Welt tragen stark Brinks Handschrift. Sein Fokus liegt weiterhin auf dem musikalischen Fundament: Songs, Sounds, Gitarren und Riffs.

IN THIS MOMENT: Atmosphäre vor Riff

Dass Howorth der Gitarrist der Band ist, bedeutet allerdings nicht, dass ein IN THIS MOMENT-Song zwangsläufig mit einer Gitarre beginnt.

Oft entstehen zunächst Keyboards, elektronische Flächen oder Gesangsideen. Mal schickt Howorth musikalische Skizzen an Brink, mal kommt der zentrale Hook von ihr. Erst wenn das Grundgerüst steht, folgen häufig die Gitarren.

Bei „I Want To Believe“ etwa existierte die zentrale Gesangsidee bereits früh. Die passende musikalische Umgebung musste sich die Band anschließend durch Versuch und Irrtum erarbeiten.

Diese Arbeitsweise erklärt vieles am Sound von IN THIS MOMENT. Härte und Riffs bleiben wichtig, stehen aber gleichberechtigt neben Atmosphäre, Elektronik und Dramaturgie. Howorth spricht von zahllosen kleinen Details in den Produktionen: Gitarrenspuren, Soundflächen, Stimmen, Effekte – Dinge, die sich manchmal erst nach mehreren Durchläufen offenbaren.

„Little candy and little magic“, nennt er sie.

IN THIS MOMENT: Nach 20 Jahren den eigenen Moment sehen

„WITCH“ erscheint zugleich an einem Punkt, an dem IN THIS MOMENT auf zwei Jahrzehnte Bandgeschichte zurückblicken kann. Für Howorth verändert das den Blick auf Erfolg.

Seit den Anfängen hätten Brink und er ständig nach vorne geschaut: die nächste Tour, die nächste Platte, die nächste Stufe. Dieser Ehrgeiz sei bis heute da. Doch inzwischen stellt sich eine andere Frage: Was geht verloren, wenn eine Band immer nur darüber nachdenkt, was als Nächstes kommt?

„We’ve spent every single second of our career thinking: What’s next?“, sagt Howorth. „Maybe we’ve missed some of the magic that’s already been happening.“

Vielleicht liegt genau darin die interessanteste Spannung von „WITCH“. Die Platte handelt von Transformation, Widerstand und davon, Dunkelheit in Kraft zu verwandeln. Gleichzeitig lernen IN THIS MOMENT nach 20 Jahren offenbar eine andere Form der Entwicklung kennen: nicht nur weiterzugehen, sondern auch wahrzunehmen, wo man bereits angekommen ist.

Quelle: Interview Chris Howorth 20.08.26
23.08.2026

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