Tanzbare Wut und laute Liebe: Molotov Nights das vielleicht notwendigste Album des Jahres

Special

All die Facetten von THE IRON ROSES

Die Entwicklung der Band ist hörbar. An einigen Stellen ist „Molotov Nights“ auch musikalisch härter, kraftvoller und energetischer geworden, ohne je ins Metallische oder Brutale zu kippen. Neben dem Punk, der nach vorn geht, steht deutlicher Punkrock. In einzelne Songs hat sich eine Hardcore-Attitüde eingeschlichen, dazu kommen Reggae-Vibes und ein Country-Einschlag. Die größere Härte liegt aber in den Texten und in der Haltung.

Becky und Nat greifen perfekt ineinander, nicht nur menschlich, sondern auch stimmlich. Ihre Stimmen umkreisen einander, lösen sich ab, bauen gegeneinander auf und fließen ineinander. Beckys Klangspektrum kommt endlich voll zur Geltung. Doch nicht nur das: Jedes Mitglied trägt seine eigene musikalische Identität gleichwertig zu dieser Platte bei. Man könnte erwarten, dass daraus ein unhörbarer Mischmasch entsteht. Das Gegenteil ist der Fall. Die Songs sind ausgewogen und sie leben die Vielfalt auf so vielfältige Art und Weise. Gerade das ergibt jenen unverwechselbaren Iron-Roses-Sound, der hier erstmals zur vollen Geltung kommt.

Damit hat die Band ihre Identität gefunden. „Wir waren nie eine Ska- oder Reggae-Band“, sagt Nat, „immer eine Punkband mit Einflüssen.“ Auf „Molotov Nights“ rückt dieser Kern nach vorn, ohne dabei die Farben zu verlieren. Dass Natashas dreißig Jahre Boysetsfire in dem einen oder anderen Song nachklingen, leugnet sie nicht. Reizvoll wird es dort, wo sich das mit den Einflüssen von Becky, Pedro und Devon zu etwas Neuem überlagert.

Molotov Nights: Die Songs

Als Auftakt wählt die Band nicht das Vertraute, sondern mit „Dead Eyes“ einen Song der aggressiver und direkter daherkommt als erwartet und uns mit seinem fast discomäßigen Refrain überrascht. Der Song bricht Krieg auf seine eigentliche Logik herunter: Geld. Er benennt globale Gräuel von Sudan über den Kongo bis nach Gaza. Nat erklärt, dass irgendwann der Punkt gekommen sei, die Angst vor dem Vorwurf der Bosheit abzulegen und eine klare Linie zu ziehen. Dem Song geht es nicht um verschiedene Lager, sondern um die Gräuel und deren Auswirkungen im Allgemeinen. Das Geschehen ordnet Nat in größere Zusammenhänge ein. „Es ist ein ständiger Kreislauf“, sagt sie. „Was wir jetzt erleben, ist nicht neu. Es kommt immer wieder.“

Daneben steht „Fascist Lullabies“: ein Kinderreim, der auf ein klares ACAB hinausläuft, etwas zutiefst Wütendes in fast verspielter Form, mit Crass und Chumbawamba als hörbare Ahnen. „The Good News“ ist einer der vielschichtigsten Momente der Platte, folkig am Lagerfeuer beginnend, ins Große kippend, durch Reggae ziehend, getragen von der lakonischen Gewissheit, dass böse Menschen irgendwann vergehen und wir am Ende durchhalten müssen, weil die Zeit es richten wird. Am schwersten zu schreiben war kurioserweise ein Song über Hoffnung, berichtet Nat. „Ich habe sehr lange versucht, einen Song wie ‚Rise Up Phoenix‘ zu schreiben, über meine eigene Erfahrung als trans Person und darüber, das zu feiern“, sagt Nat. „Ich habe ihn gefühlt 50.000 Mal geschrieben. Immer kam er nicht gut genug heraus.“ Doch in seiner finalen Version sitzt er: schwer, cool und aufrichtig. Themen wie ICE, Femizid und Genozid spricht die Band aus, ohne zu zögern. Für Becky, mit 47 an einem Punkt, an dem sie sich die Zunge nicht mehr verbietet, ist das eine Befreiung.

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Quelle: Interview Becky and Nat, The Iron Roses (
14.06.2026

Musik ist mehr als Klang: Sie erzählt von Leben, Leidenschaft, Aufbruch und Ankommen. Sie ist Kunst: roh, echt und einzigartig. Ihre Bedeutung entfaltet sich im Resonanzraum zwischen uns und der Welt. Come as you are!

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