Highfield Festival: One Last Dance
Special
Nach fast 30 Jahren verabschiedet sich das Highfield vom Störmthaler See. Warum wir diesen letzten Sommer nicht betrauern, sondern feiern sollten.
Es gibt Sätze, die man in einer Pressemitteilung nicht lesen möchte, und dieser gehört dazu: „Nach fast 30 unvergesslichen Jahren wird das Highfield Festival in diesem Jahr zum letzten Mal stattfinden.“ Mit diesen Zeilen haben Semmel Concerts und FKP Scorpio ihrer „Highfield-Family“ mitgeteilt, dass am Störmthaler See im August die 27. – und vorerst letzte – Auflage über die Bühne geht. Das Motto, das die Veranstalter für den Abschied gesetzt haben, klingt weniger nach Grabrede als nach Aufforderung: One Last Dance.
Die Begründung ist so nüchtern wie die Zeiten, in denen wir leben. Die Produktionskosten für ein Festival dieser Größe – Personal, Material, Gagen, Energie – sind gegenüber der Vor-Corona-Zeit um rund 45 Prozent gestiegen, während die Nachfrage unter dem Druck der Lebenshaltungskosten eher sinkt. 2027 legen die Macher eine schöpferische Pause ein, um an einem Konzept zu arbeiten, das wirtschaftlich wieder tragbar ist. Was danach kommt, lassen sie bewusst offen. Ein „Vorerst“ ist keine Zusage. Aber es ist auch kein Punkt. Eher ein Doppelpunkt, hinter dem noch nichts steht.
Highfield Festival: Ein Festival auf wiedergewonnenem Grund
Um zu verstehen, was hier verloren geht, lohnt sich ein Blick auf den Ort selbst. Das Highfield begann 1998 am Stausee Hohenfelden in Thüringen und fand vor rund 15 Jahren seine neue Heimat am Störmthaler See – auf der Magdeborner Halbinsel, südöstlich von Leipzig. Dieser See ist kein Naturidyll, das schon immer da war. Er ist ein ehemaliger Braunkohle-Tagebau, geflutet und begrünt, Teil des Leipziger Neuseenlands: eine Landschaft, die sich neu erfunden hat, nachdem ihr die alte industrielle Grundlage weggebrochen war.
Genau darin liegt die eigentliche Größe des Highfields, die über die 35.000 Besucher hinausgeht. Ein Festival ist in einer strukturschwachen Gegend nie nur ein Konzertwochenende. Es ist Infrastruktur. Es ist der Beweis dafür, dass Kultur nicht nur in den Metropolen mit dicken Budgets stattfindet, sondern auch dort, wo einst der Bagger stand. Für die Region rund um Großpösna bedeutet das Festival gefüllte Pensionen, beschäftigte Betriebe, ein Wochenende im Jahr, an dem eine ehemalige Tagebaufläche zum kulturellen Zentrum eines ganzen Landstrichs wird. Und für Zehntausende junge Menschen aus einem Umkreis, in dem die großen Bühnen sonst weit entfernt sind, war das Highfield oft das einzige Festival, zu dem man nicht stundenlang in eine andere Ecke der Republik fahren musste.
Solche Orte lassen sich nicht einfach ersetzen. Wenn ein Festival dieser Statur verschwindet, verschwindet nicht nur eine Party. Es verschwindet ein Fixpunkt im Kalender, eine gemeinsame Erinnerung, ein Stück Selbstverständnis einer Region, die sich mühsam neu erfunden hat und sich in diesen drei Augusttagen jedes Jahr aufs Neue bewiesen hat: Wir sind auf der Landkarte.
Das Programm: drei Tage, drei Handschriften
Und wenn schon Abschied, dann mit Haltung. Das Line-up für 2026 liest sich wie eine Bestandsaufnahme dessen, was deutschsprachige Festivalmusik gerade ausmacht – quer durch Indie, Rap, Punk und Pop.
Am Donnerstag startet dieser One Last Dance mit der Strandparty. Dabei sind DRUNKEN MASTERS, BIERBABES, THE IRONIX, MIAMI LENZ, RUTGER LIVE, DENNIS CONCORDE.
Freitag eröffnet mit SDP an der Spitze, flankiert von BHZ, GIANT ROCKS, SONDASCHULE, LEVIN LIAM, PA69, ITCHY, ADAM ANGST und HI! SPENCER – ein Auftakt, der die ganze Bandbreite zwischen Party-Pop, Rap und Melodic-Punk abdeckt.
Samstag gehört den Heimkehrern. KRAFTKLUB, jene Band aus Chemnitz, die den ostdeutschen Alltag popfähig gemacht hat, teilt sich den Tag mit 01099 aus Dresden-Neustadt, weiter dabei sind DROPKICK MURPHYS, ZARTMANN, QUERBEAT, DAS LUMPENPACK, RITTER LEAN, RAUM27, ZSK, VICKY und ein Heimspiel für YUNG PEPP aus Leipzig-Plagwitz! Von Folk-Punk über Brass-Pop bis hin zu Rap setzt der Samstag ein klares Zeichen für Vielfalt und Demokratie.
Sonntag setzt den Schlusspunkt mit doppelter Wucht: BEATSTEAKS und MARTERIA teilen sich die Headliner-Rolle, dazu kommen FEINE SAHNE FISCHFILET, DEINE COUSINE, NURA, MONTREAL, KAFVKA, $OHO BANI, DILLA, ANAïS. Dass mit MARTERIA (Rostock) und den BEATSTEAKS ausgerechnet Künstler mit ostdeutschen Wurzeln beziehungsweise langer Verbundenheit den letzten Abend beschließen, wirkt fast zu passend für einen Zufall.
Highfield: One Last Dance – Warum wir tanzen sollten
Es wäre einfach, dieses Wochenende als Trauerfeier zu begehen. Aber das würde weder dem Festival noch dem Motto gerecht werden. Ein „One Last Dance“ ist keine Beerdigung, sondern das Gegenteil: die bewusste Entscheidung, das, was man verliert, nicht mit Wehmut zu verabschieden, sondern mit voller Lautstärke.
Es gibt einen guten Grund, im August an den Störmthaler See zu fahren, der über Nostalgie hinausgeht. Kultur in strukturschwachen Regionen überlebt nicht durch Absichtserklärungen, sondern durch Menschen, die auftauchen. Jedes verkaufte Ticket ist auch ein Argument – dafür, dass sich so etwas lohnt, dass es Publikum gibt, dass eine Fläche am Wasser mehr sein kann als nur ein Naherholungsgebiet. Wer 2026 dabei ist, betrauert nicht das Ende, sondern feiert, dass es das alles überhaupt gab. Und hält, ganz nebenbei, die Tür für ein „danach“ einen Spaltbreit offen.
Vielleicht ist das die schönste Art, sich von einem Ort zu verabschieden, an dem über 15 Jahre lang gecampt, gerockt, gefeiert und geplantscht wurde: nicht leise, sondern so laut, dass man es noch in Leipzig hört.
Also: einmal noch. Alles geben. One Last Dance.
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Diana Heinbucher
































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