Jörg Scheller - Metalmorphosen

Review

Sachbücher zum Thema „Heavy Metal“ leiden oft darunter, dass sie in einem kumpelhaften Ton verfasst sind und weniger auf die Materie eingehen, sondern eher die, auf persönliche Erfahrungen gestützten, Ansichten des Autors oder der Autorin wiedergeben. „Metalmorphosen“ von Jörg Scheller, dies sei an dieser Stelle vorweggenommen, ist anders.

Zwar bringt auch der Autor viele persönliche Blickpunkte in das Buch ein, macht dabei aber immer wieder den nötigen Schritt zurück, um den Blick aufs Gesamtbild nicht zu verlieren. Denn in „Metalmorphosen“ beschreibt Jörg Scheller einerseits die, so verrät es schon der Untertitel, „unwahrscheinlichen Wandlungen des Heavy Metal“. Gleichzeitig sucht er aber auch nach dem gemeinsamen Kern dieses Musik-Genres, der schließlich dessen Publikum verbindet.

Der gemeinsame Nenner aller Metal-Fans?

Die Frage danach, was ganz unterschiedliche Fans und Bands vereint, was der gemeinsame Nenner ist, prägt das Buch. Kein Wunder also, dass der Autor immer wieder auch auf die musikalischen Ursprünge des Genres zu sprechen kommt. Neben einem längeren Teil zu BLACK SABBATH und deren erst später wiederentdeckten Vorgängern COVEN, kommt er dabei immer wieder auf die New Wave of British Heavy Metal zu sprechen, insbesondere auf IRON MAIDEN aber auch auf JUDAS PRIEST und MOTÖRHEAD.

In dieser Entstehungsphase erkennt der Autor bereits die Saat für einen bis heute andauernden Wandlungsprozess, der den Metal so vielseitig werden und bleiben lässt, ja, die vielen Sub-Genres überhaupt erst ermöglicht. Im Spannungsverhältnis zwischen Punk, Blues und Hard Rock kam es zu Abgrenzungsprozessen, aber auch zu Aneignungen, die auch heute noch Anknüpfungspunkte für Außenstehende bieten, aber auch aus der Innenperspektive zur eigenen Weiterentwicklung genutzt werden können.

Metal ist im Mainstream angekommen – die Musik aber nicht.

Diese Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit haben schließlich auch dazu geführt, dass Metal in gewisser Weise im Mainstream angekommen ist. „Man spricht zwar immer häufiger über Heavy Metal, aber Metal-Songs laufen weiterhin nicht im Mainstreamradio […]“ beschreibt diesen Zustand sehr anschaulich. Denn mindestens durch die alljährliche nationale Berichterstattung zum Wacken-Open-Air kommt es zu einer Meinungsbildung über Musik und Fans, ohne tiefer auf soziologische oder gar musiktheoretische Hintergründe einzugehen.

Diese Hintergründe liefert stattdessen der Autor in Hülle und Fülle. In „Metalmorphosen“ widmet er sich vielen unterschiedlichen Aspekten, die in Bezug zum Metal stehen. Dem Verhältnis von Metal und Religion, Gender und Politik sind jeweils eigene Kapitel gewidmet. Die Ausführungen zu den jeweiligen Anknüpfungspunkten und beispielhaften Ausprägungen sind dabei stets nachvollziehbar und erhellend.

„Metalmorphosen“ bleibt trotz Fachbegriffen verständlich.

Generell zeichnet sich „Metalmorphosen“ durch eine gute Verständlichkeit aus. Ein gewisses soziologisches Grundwissen kann allerdings nicht schaden. Wenn der Autor Metal als „Semiosphäre“ bezeichnet, oder zur Erklärung, wie sich Metal seine Anpassungsfähigkeit bewahrt, auf Niklas Luhmanns Begriff der „strukturellen Kopplung“ zurückgreift, mag man sich zunächst ratlos am Kopf kratzen. Die Einflechtung dieser Punkte erfolgt aber in einer nachvollziehbaren Sprache und auf unterhaltsame Weise.

Die zentralen Erkenntnisse sind ohnehin sehr eindeutig und leicht verständlich bereits zu Beginn des Buches festgehalten. „Heavy Metal ist die Summe seiner Wandlungen, und diese Summe ist etwas anderes als die Wandlungen“ fasst bereits am Anfang von Kapitel 2 zusammen, was einerseits die Fragestellung des Buches erkennen lässt, als auch das Fazit auf den Punkt bringt.

Ein neues Referenzwerk?

Die darauffolgenden Ausführungen sind aber dennoch notwendig und nicht zuletzt auch lesenswert. Der Autor glänzt durch Fachwissen über das Metal-Genre, dessen Geschichte und die Strukturen der zugehörigen Fanszene. Dass er dieses darstellen kann, ohne bei seinen Ausführungen zu weit in die Innenperspektive abzurutschen, hebt „Metalmorphosen“ von den eingangs beschriebenen Werken ab. Zu dieser positiven Änderung war es in den letzten Jahren bereits durch die neu entstandene akademische Fachrichtung der Metal Studies gekommen. Jörg Scheller setzt aber gerade durch das grundsätzliche Thema noch einen drauf.

Er vermeidet es, die Frage zu stellen, was Metal ist, nähert sich der Antwort aber dennoch anhand der Fragen, was Metal, war, wurde und geworden ist. Dadurch erhält er ein umfassendes Bild und schafft gleichzeitig Einstiegspunkt, wie auch Referenzwerk für jene, die sich in Zukunft dem Thema Metal wissenschaftlich nähern wollen, aber auch für Interessierte innerhalb und außerhalb der Szene, die sich ähnliche Fragen schon länger stellten.

 

18.07.2020

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