Hail Spirit Noir - Eden In Reverse

Review

Soundcheck Juni 2020# 15

Verkannte Vordenker oder elitärer Nonsense? Selbst die metal.de-Redaktion ist sich nicht ganz einig und schickt Griechenlands angeschwärzte Prog-Meister HAIL SPIRIT NOIR mit ihrem Viertling „Eden In Reverse“ im aktuellen Soundcheck auf den unspektakulären fünfzehnten Platz. Dabei gilt die Band in Fachkreisen als eines der vielversprechendsten Projekte überhaupt. Bereits auf dem hochgelobten Debüt „Pneuma“ überzeugten die Griechen in vielerlei Hinsicht, indem sie gekonnt eine Brücke zwischen urgewaltigem Black Metal, psychedelischen Einflüssen und rockig-melodischen Elementen schlugen. Nun, zehn Jahre nachdem man als Trio die Band ausrief, wenden sich die südosteuropäischen Freigeister ernsteren, strittigeren Klangfarben zu.

HAIL SPIRIT NOIR – Vertracktes Gesamtkunstwerk

Zugegeben, „Eden In Reverse“ schreit von Beginn an förmlich danach, als intellektuelles, nicht immer ganz greifbares Gesamtwerk wahrgenommen zu werden, doch dieser erste Eindruck ist im weiteren Verlauf durchaus berechtigt. HAIL SPIRIT NOIR sind nun mal keine Band, deren Musik sich für gemütliche Abende auf der Veranda oder als Soundtrack zu feuchtfröhlichen Autofahrten in den verdienten Sommerurlaub eignet. Dafür folgt die Klangkulisse zu sehr ihrer eigenen Logik, wirkt manchmal recht verkopft, punktet jedoch dafür hinsichtlich der vorherrschenden Vielseitigkeit, die stets eine ausgeglichene Balance zwischen postmoderner Ästhetik und vertontem Chaos zu halten weiß. So wirft der Opener „Darwinian Beasts“, eine von Synthesizern dominierte Liebeserklärung an den retrofuturistischen Sound der Achtziger, den Hörer gewissermaßen direkt ins kalte Wasser. Hier finden sich nur wenige bekannte Anknüpfungspunkte, dennoch eignet sich die progressiv-poppige Nummer als brillianter Auftakt zu einem Album, das seinen wahren Glanz erst als vollkommene Einheit aus sieben detailverliebten Songs entfaltet.

„Incense Swirls“ erweist sich als musikalisches Feuerwerk, das systematisch und exzellent durchdacht Einfluss um Einfluss abarbeitet, dabei jedoch auch die schwarzmetallische Grundstimmung der Vorgängeralben authentisch wiederverwertet und so einen Song schafft, der bis an die Grenzen von Progressivität und Innovation vordringt. HAIL SPIRIT NOIR servieren dementsprechend recht anspruchsvolle Kost, die mit „Alien Lip Reading“ oder „The First Ape on New Earth“ durchaus auch mal derbe scheppert, grundsätzlich jedoch stets mit avantgardistischen Melodien auftrumpft. Herzstück dieses Gesamtkunstwerks ist zweifelsohne „Crossroads“, das – in diesem Ausnahmefall – trotz seines potentiellen Ohrwurmfaktors praktisch im Sekundentakt neue Facetten entfaltet und so in nur etwas mehr als fünf Minuten die Quintessenz von „Eden In Reverse“ verblüffend akribisch einfängt.

Auf „The Devil’s Blind Spot“ prallt schließlich eine urtümlich-monotone Lärmwand auf prägnante, eigentümliche Melodien, was der Nummer nicht nur einiges an Dramatik verleiht, sondern gleichzeitig eindrucksvoll belegt, dass es sich bei HAIL SPIRIT NOIR fraglos um eingefleischte Perfektionisten handelt, die dort Ordnung schaffen, wo sich oberflächlich betrachtet zunächst lediglich bloße Willkür erkennen lässt. „Automata 1980“, das imposante Finale von „Eden In Reverse“, wartet schließlich mit cineastischen Momenten auf, die ihr Potential oftmals leider ungenutzt lassen und das Album zwar souverän, jedoch nicht auf Höchstniveau ausklingen lassen.

Vereinigen gekonnt Chaos und Ordnung: HAIL SPIRIT NOIR

„Eden In Reverse“ – Berechtigter Streitfall

Angesichts der vorangegangenen Lobeshymnen mag das sonderbar klingen, doch selbst harsche Kritik an „Eden In Reverse“ ist grundsätzlich gesprochen absolut nachvollziehbar. Nur wenige Alben polarisieren auf diesem Niveau. HAIL SPIRIT NOIR schaffen mit ihrem Viertling eine Platte, die unheimlich modern und ideenreich klingt, selbst passionierten Genrefans jedoch einiges an Liberalität abverlangt und je nach Toleranzgrenze womöglich sogar einen Hauch zu verkünstelt wirkt. Gerade deswegen sollte man – unabhängig von persönlichen Präferenzen – möglichst unvoreingenommen an das Album herantreten und sich definitiv die Zeit nehmen, die es braucht, um ein derart komplexes Werk bis in seine Grundzüge zu verstehen. Wem dies gelingt, der wird mit den griechischen Alleskönnern noch sehr viel Spaß haben. Genie und Wahnsinn liegen eben doch oftmals beinahe direkt nebeneinander.

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15.06.2020

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