Velveteen Queen
„Gebt uns den Hunger, die Attitüde, die Gemeinschaft und die großartige Musik – den Rest lassen wir zurück.“

Interview

VELVETEEN QUEEN haben am 18. September 2026 ihr zweites Album „The Greater Good“ veröffentlicht. Darauf verbinden die jungen Schweden ihre unverkennbare Liebe zu klassischem Hard Rock und dem Sunset Strip mit einem moderneren Sound und ernsteren Themen. Wir nahmen den Release zum Anlass, um Sänger Samuel Nilsson über die Entwicklung seit dem Debüt „Consequence of the City“, gesellschaftskritische Texte, die Zusammenarbeit mit Produzent Sören Andersen und die Frage zu sprechen, was vom Rock-’n’-Roll-Lifestyle der Achtziger im Jahr 2026 noch übrig bleiben sollte.

„The Greater Good“ ist erst euer zweites Album, wirkt im Vergleich zu „Consequence of the City“ aber bereits wie ein ziemlich großer Schritt. Was wolltet ihr dieses Mal ganz bewusst anders machen?

Ich glaube, der größte Unterschied ist, dass wir diesmal viel stärker aus einer Produktionsperspektive an die Sache herangegangen sind. „Consequence of the City“ basierte hauptsächlich auf Songs, die aus Jam-Sessions im Proberaum entstanden sind, während „The Greater Good“ viel stärker im Studio geschrieben wurde.

Lukas und ich haben viele Ideen in dem Studio ausgearbeitet, das wir in unserem Proberaum eingerichtet haben. Danach sind wir immer wieder zwischen Studio und Proberaum hin und her gewechselt und haben viel Zeit in die Details investiert. Wir wollten die rohe Energie und Attitüde des ersten Albums bewahren, gleichzeitig aber alles etwas reifer und moderner klingen lassen.

In den vergangenen Jahren haben wir uns außerdem als Musiker stark weiterentwickelt, und ich denke, das hat ganz automatisch seinen Weg auf das Album gefunden. Wir wollten nicht komplett verändern, wofür VELVETEEN QUEEN stehen – wir wollten einfach sehen, wie weit wir damit gehen können.

Der Titel „The Greater Good“ klingt ungewöhnlich ernst für eine Band, die gleichzeitig für energiegeladenen und unbeschwerten Rock ’n’ Roll steht. Warum wurde ausgerechnet dieser Ausdruck zum Titel des gesamten Albums?

Eigentlich fühlte sich der Titel sehr passend an, weil der Titelsong eine ernstere Seite hat. Gleichzeitig glaube ich aber, dass der Ausdruck auch im größeren Zusammenhang gut zum Album passt. Auf der Platte geht es um viele verschiedene Themen – Liebeskummer, persönliche Probleme, Beziehungen, das Erwachsenwerden und Dinge, die um uns herum passieren. Es ist also kein Album, das einer einzigen Geschichte folgt.

Den Ausdruck „the greater good“, also „zum Wohle aller“, hört man ständig, besonders von Menschen in Machtpositionen. Gleichzeitig schaut man sich um und sieht Menschen, die mit Abhängigkeit, Gewalt und Einsamkeit kämpfen oder einfach versuchen, ihren Alltag zu bewältigen. Dieser Gegensatz ist uns sehr im Gedächtnis geblieben.

Deshalb ist es für uns ein ziemlich starker Albumtitel. Er hat eine ernste Bedeutung, aber die Musik selbst trägt trotzdem all die Energie und Rock-’n’-Roll-Attitüde in sich, die wir lieben.

Ihr habt gesagt, dass sich der Titelsong mit Lügen, Gleichgültigkeit und dem Kampf um Wahrheit beschäftigt. Was genau hat euch zu diesem Text inspiriert? Gab es eine konkrete Situation dahinter?

Es gab nicht die eine konkrete Situation, die den Song inspiriert hat. Es waren vielmehr viele Gedanken und Gefühle, die sich über längere Zeit angesammelt hatten. Der Song ist im Grunde eine Reflexion über den Zustand der Welt, in der wir leben.

Mich hat es irgendwann ziemlich genervt, wenn Leute den Ausdruck „for the greater good“ wie eine Art Schutzschild oder Ausrede benutzen, während man gleichzeitig sieht, wie Menschen in der eigenen Umgebung Schwierigkeiten haben, sich Essen, eine Unterkunft oder selbst die grundlegendsten Dinge leisten zu können. Wir alle wissen, dass auf der Welt ziemlich viel Scheiße passiert.

Der Song handelt von diesem Gegensatz zwischen dem, was uns erzählt wird, und dem, was wir tatsächlich um uns herum sehen. Gleichzeitig steckt darin auch dieses Gefühl, dass wir alle wissen, dass etwas nicht stimmt, aber irgendwie trotzdem weitermachen und das Spiel mitspielen.

Wir wollen niemandem vorschreiben, was er denken soll, und wir behaupten auch nicht, die Antworten zu kennen. Es geht vielmehr darum, Fragen zu stellen und die Leute dazu zu bringen, genauer hinzuschauen, was tatsächlich um sie herum passiert.

Wie politisch wollt ihr mit VELVETEEN QUEEN überhaupt sein? Ist „The Greater Good“ eher eine Ausnahme oder werden gesellschaftliche und politische Themen künftig eine größere Rolle in euren Texten spielen?

Ich würde nicht sagen, dass wir zu einer politischen Band werden wollen. „The Greater Good“ ist definitiv stärker gesellschaftlich ausgerichtet als viele unserer anderen Songs, aber unsere Texte sind eigentlich schon immer aus Dingen entstanden, die wir selbst erleben oder die um uns herum passieren.

Uns gefällt der Gedanke, über ganz unterschiedliche Themen zu schreiben. Manche Songs handeln von Beziehungen, andere sind sehr persönlich, manche drehen sich ums Feiern und wieder andere beschäftigen sich mit Dingen, die in der Welt passieren. Ich denke, das wird auch in Zukunft so bleiben.

Wenn uns etwas beschäftigt und wir stark genug darüber empfinden, dann schreiben wir darüber. Aber wir werden nicht zwanghaft eine politische Botschaft in einen Song packen, nur damit dort eine politische Botschaft drinsteckt.

Eure Einflüsse – GUNS N’ ROSES, AEROSMITH, HANOI ROCKS oder VELVET REVOLVER – sind ziemlich offensichtlich. Wie stellt ihr sicher, dass VELVETEEN QUEEN nach VELVETEEN QUEEN klingen und nicht wie eine Band, die einfach eine andere Ära nachstellt?

Ehrlich gesagt denken wir beim Songwriting gar nicht so viel darüber nach. Natürlich beeinflusst uns die Musik, die wir hören – bewusst und unbewusst. Aber wir sitzen nicht da und sagen: „Lasst uns das jetzt wie GUNS N’ ROSES klingen lassen“ oder „Das muss wie AEROSMITH klingen.“

Wir schreiben einfach das, was sich für uns natürlich anfühlt. Wir fünf haben alle einen etwas unterschiedlichen Musikgeschmack, und ich glaube, genau das trägt einen großen Teil dazu bei, dass die Band nach VELVETEEN QUEEN klingt.

In unserer Musik stecken Elemente aus Siebziger-Rock, Blues, Achtziger-Hardrock, Neunziger-Rock und vielen anderen Dingen. Wir nehmen all diese Einflüsse und lassen sie durch unsere eigenen Persönlichkeiten laufen. Hoffentlich fühlt es sich dadurch wie unsere eigene Musik an und nicht so, als würden wir versuchen, etwas nachzustellen, das längst gemacht wurde.

Keiner von euch hat die Glanzzeit des Sunset Strip selbst erlebt. Was fasziniert euch so sehr an dieser Phase der Rockmusik – und welche Aspekte davon gehören definitiv nicht mehr ins Jahr 2026?

Ich glaube, am meisten fasziniert uns dieser Hunger. Die Bands damals hatten einen unglaublich starken Glauben an sich selbst. Musiker probten, schrieben Songs, spielten in Clubs, hängten Flyer auf, gingen zu den Konzerten anderer Bands und lebten im Grunde komplett für ihre Musik.

Auch die gesamte Szene rund um Orte wie den Sunset Strip war ziemlich cool. Bands, Fans, Clubs und Musiker waren alle Teil desselben Ökosystems. Heute dreht sich in der Musikwelt so viel um Social Media, Streamingzahlen und Follower, deshalb finden wir dieses Gemeinschaftsgefühl unglaublich inspirierend.

Wir mögen auch diese beinahe naive Einstellung nach dem Motto: „Wir werden die größte Rockband der Welt.“ Heute klingt das vielleicht etwas lustig, aber genau so ein Glaube kann einem unglaublich viel Energie geben.

Natürlich gibt es aber auch Seiten dieser Ära, die definitiv in der Vergangenheit bleiben sollten. Drogen, Selbstzerstörung und all die wirklich ungesunden Aspekte dieses Lebensstils wollen wir ganz sicher nicht nachstellen. Gebt uns den Hunger, die Attitüde, die Gemeinschaft und die großartige Musik – auf den Rest verzichten wir gerne.

Sören Andersen hat „The Greater Good“ produziert. Worin hat er euch im Studio am stärksten gefordert und gab es einen Song, der sich durch seinen Einfluss besonders stark verändert hat?

Sören hat sehr schnell verstanden, welchen Sound wir gesucht haben, wodurch der ganze Prozess sehr unkompliziert war und viel Spaß gemacht hat. Er hatte eine riesige Auswahl an verschiedenen Marshall-Amps, anderen Gitarrenverstärkern, Schlagzeugen und sogar unterschiedlichen Becken vorbereitet, sodass wir für jeden Song genau den passenden Sound und Charakter finden konnten.

Er hat uns definitiv dazu gebracht, stärker über die kleinen Details in den Arrangements und in der Produktion nachzudenken. Das war etwas, worauf wir beim ersten Album wahrscheinlich noch nicht in diesem Ausmaß geachtet hatten.

Ich würde nicht sagen, dass es einen einzelnen Song gab, der sich durch ihn komplett verändert hat. Vielmehr hat er uns geholfen, die Songs aus einer anderen Perspektive zu betrachten und aus jedem einzelnen das Maximum herauszuholen.

Es waren vier sehr intensive Wochen, aber gleichzeitig auch unglaublich lehrreiche. Wir haben Sören sehr schnell vertraut und jeden Abend das Studio verlassen und uns schon darauf gefreut, am nächsten Morgen wiederzukommen.

Peter Keys von LYNYRD SKYNYRD spielt auf dem Titelsong Klavier. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande und was hat er dem Song gegeben?

Peter war tatsächlich schon auf unserem ersten Album dabei, nämlich bei „Stranger in the Mirror“. Lukas’ Vater Magnus kennt ihn schon seit langer Zeit und wir selbst haben Peter ebenfalls kennengelernt, als er vor einiger Zeit in Göteborg war.

Als wir an „The Greater Good“ gearbeitet haben, haben wir im Proberaum mit einigen Klavierparts experimentiert und irgendwann gemerkt, dass der Song noch etwas zusätzlichen Piano-Swag brauchte. Und wir dachten uns: Wenn man den Besten haben kann, fragt man eben den Besten!

Also haben wir Peter kontaktiert und nur ein paar Tage später hat er uns zwei verschiedene Klavierspuren geschickt. Beide waren großartig.

Sein Spiel verleiht dem Song einen sehr coolen, bluesigen und groovigen Charakter. Er bringt etwas hinein, das für uns selbst nur sehr schwer nachzubilden gewesen wäre. Wir sind wirklich stolz darauf, ihn erneut auf einem unserer Songs dabei zu haben.

Das Klischee vom „schwierigen zweiten Album“ existiert nicht ohne Grund. Habt ihr bei „The Greater Good“ mehr Druck verspürt als bei eurem Debüt?

Ich denke schon, dass wir uns dieses Mal stärker bewusst waren, dass die Leute das Album mit „Consequence of the City“ vergleichen würden. Gleichzeitig wollten wir aber auch nicht zu viel darüber nachdenken.

Wir hatten einfach große Lust darauf, neue Musik zu schreiben. Eigentlich haben wir fast unmittelbar nach der Veröffentlichung des ersten Albums angefangen, an neuem Material zu arbeiten, weil wir den Motor gerne am Laufen halten. Mit seinen besten Freunden im Proberaum oder Studio zu stehen und gemeinsam Rock ’n’ Roll zu erschaffen, ist immer noch eines der besten Gefühle der Welt.

Ein gewisser Druck war also wahrscheinlich irgendwo im Hinterkopf vorhanden, aber hauptsächlich haben wir uns darauf gefreut. Wir wollten einfach das bestmögliche Album machen und hoffentlich zeigen, dass wir uns weiterentwickelt haben, ohne dabei das zu verlieren, was die Leute am ersten Album mochten.

Wenn jemand VELVETEEN QUEEN über „The Greater Good“ entdeckt, ohne vorher etwas über die Band oder eure Einflüsse zu wissen: Was soll diese Person nach dem Album über euch verstanden haben?

Ich hoffe, dass man eine Band hört, die Rock ’n’ Roll wirklich liebt. Das ist wahrscheinlich das Wichtigste.

Wir wollten ein pures Rock-’n’-Roll-Album mit einem modernen Sound und unserer eigenen Identität machen. Es gibt bluesigen Swagger, Punk-Attitüde, eingängige Melodien und jede Menge Energie, aber nichts davon sollte erzwungen wirken.

Ich hoffe außerdem, dass man hört, dass die Band verschiedene Seiten hat. „Adrenaline“ und „The Greater Good“ sind zum Beispiel zwei sehr unterschiedliche Songs – und das war Absicht. Wir wollen nicht in einer einzigen Schublade feststecken.

Am Ende des Tages sind wir einfach fünf Typen, die es lieben, gemeinsam Musik zu machen, und hoffentlich hört man das auch. Wir sind unglaublich stolz auf das Album und wollen jetzt einfach rausgehen, die Songs live spielen und sehen, was sie den Menschen bedeuten.

28.09.2026

Heavy Metal Maniac! :)

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