Vulvarine
Die Frechheit der Bezeichnung 'female fronted'

Interview

Im Rahmen unseres Specials zur Repräsentation von Frauen auf dem SUMMER BREEZE 2026 haben wir vor Ort einige Musikerinnen interviewt. Darunter VULVARINE aus Wien. Hier findet ihr das ganze Interview, von dem aufgrund des Umfangs nur einige Parts Platz im Special gefunden haben.

Bild Vulvarine Logo

Auf der VULVARINE-Website steht: ‚Vulvarock from Vienna‘. Da kommen wir gleich zu dem Punkt, dass ihr das Weibliche auch in eurer Musik thematisiert. Wie sind da die Reaktionen bisher gewesen? 

Bea: Also, es ist ein Thema, klar. Wie du sagst, tragen wir das vor uns her. Und wir finden es auch wichtig, das zu enttabuisieren; also einerseits den Begriff ‚Vulva‘ und andererseits auch das Sichtbarmachen von Frauen in der Musikszene und als Musikerinnen. Und das stößt schon ab und zu auf Erstaunen. Aber wir kriegen sehr viele positive Reaktionen, gerade von Frauen und jungen Menschen, die meinen: ‚Na endlich!‘ und ‚Das wird Zeit!‘ Und wir sind ja nicht die Einzigen. Es gibt immer mehr Künstlerinnen, die da in den Vordergrund treten. Das ist schön.

Robin: Ich finde, dass vom männlichen Publikum eigentlich auch sehr viele positive Reaktionen kommen. Aber dann stellt sich die Frage: Wie viele Leute, die es echt scheiße finden, kommen danach zum Merch-Stand und erzählen dir, wie scheiße sie es finden? Also, ich glaube, die, die es wirklich scheiße finden, denken sich während der Show: ‚Das ist scheiße‘, und dann gehen sie halt einfach.

Aber man wird doch auch oft aufs Äußere reduziert. Das kriegen wir schon auch mit, wenn so Kommentare fallen wie: ‚Oh, ihr seid so geil‘, und solche Dinge. Oder: ‚Dass Frauen überhaupt so Gas geben können, das hätte ich mir nicht gedacht‘. Das hören wir auch immer wieder.

Bea: Es gibt auch diesen ‚wohlwollenden Sexismus‘, wo sehr viel in Richtung Mansplaining passiert. Also von Männern, die glauben, sie tun dir einen Gefallen damit, dass sie dir jetzt erklären, wie dein Instrument klingen sollte oder wie du dieses oder jenes besser machst. Und mir kommt es so vor, dass sich das männliche Kollegen weniger oft anhören müssen. Es sind ja auch ab und an gute Ratschläge dabei, aber oft ist es halt einfach ein bisschen ein Nicht-Zutrauen.

Bild Vulvarine Bandfoto 2026

Vulvarine sind (v. l.): Sandy Dee, Robin Redbreast, Lauree Blaze, Bea Heartbeat. © Iza Rocks

Zu den Kommentaren wie ‚Ihr seid so geil‘: Fühlt ihr euch sexualisiert bei Konzerten?

Die Band nickt.

Was bei Konzerten mit einer Frau in der Band oft zu beobachten ist: Statt dass da junge Frauen vorne stehen, die sich damit identifizieren, sind die ersten Reihen voll mit fünfzigjährigen Männern, die die ganze Zeit mit dem Handy filmen. Habt ihr bei VULVARINE-Auftritten ähnliche Erfahrungen gemacht?

Robin: Ja, wir beobachten das definitiv auch, dass diese 50-plus-Männer bei uns im Publikum sind, die dann meistens dauerfilmen. Was sie danach mit diesen Aufnahmen machen, sei mal dahingestellt. Aber es ist trotzdem so, dass wir auch ein wirklich durchmischtes Publikum haben. Bei uns sind auch viel mehr Frauen, was wir insbesondere auf unserer Support-Tour mit THUNDERMOTHER beobachtet haben. Im Vergleich zu unseren normalen Konzerten waren da deutlich mehr ältere Männer als bei unseren Headliner-Shows. Also, wir beobachten eine gewisse Vielseitigkeit, trotz allem.

Sandy: Das Ding ist halt: Wir versuchen, den Space zu schaffen. Was uns sehr wichtig ist und was wir immer wieder versuchen, einzubauen – wofür wir definitiv nicht die Ersten sind, wo BIKINI KILL und Kathleen Hanna damals mit dem Spruch gekommen sind: ‚Girls to the front and guys to the back‘ – dass wir wirklich den Girls und den Frauen verkörpern wollen: Ihr habt euren Platz und ihr sollt ihn euch auch nehmen.

In der gesamten Welt ist einfach alles sehr patriarchal aufgebaut, und es ist immer irgendwie so: Als Frau bist du weniger und du musst neat sein und quiet. Und ich glaube, dass ein Rockkonzert genau das Richtige ist, um das zu relearnen und auch in andere Lebensbereiche einzubauen. Und das wollen wir auf jeden Fall weiterführen.

Konzertfoto von Vulvarine - Summer Breeze Open Air 2026

Vulvarine – Summer Breeze Open Air 2026

THUNDERMOTHER ist ja gerade gefallen. Ihr habt es wahrscheinlich nicht mitbekommen, aber kurz vor dem Interview kam ein Mann rüber, hat hier reingeschaut meinte: ‚Oh, sind das THUNDERMOTHER?‘ Dabei seht ihr nicht gerade aus wie THUNDERMOTHER. Wenn hier eine random männliche Band sitzen würde, würde sowas wohl nicht passieren. Aber eine Frauenband, davon kann es ja nur die eine geben. Habt ihr das sowas auch schon erlebt? Es gibt Bands und es gibt FRAUENbands.

Robin: Ich finde, am meisten muss ich mich wirklich ärgern, wenn irgendwo ein Artikel oder eine Rezension der Platte oder dergleichen über uns ist und dann steht da einfach ‚female fronted‘. Das ist auf so vielen Ebenen so falsch. Ja, unsere Sängerin ist eine Frau. Alle anderen sind auch Frauen. Und dann noch die Frechheit dieser Bezeichnung an sich: dieses ‚female fronted‘. Dann noch ganz viele, die das als eigenes Genre kategorisieren. Du kannst ja teilweise wirklich bei Musikplattformen ‚female fronted‘ eingeben und kriegst deine ganzen Songvorschläge dazu. Also, es ist halt einfach eine Frechheit.

Bea: Wobei man sagen muss: Es ist ja ein Zeichen dafür, dass es halt ein Marker für die Leute ist. Du hast uns das Poster gezeigt [im Special], wie viele Frauen auf dem SUMMER BREEZE auftreten. Und wir sehen ja auch, wie viele Frauen wirklich on stage als Artists auf so einem Festival oder auf einem Konzert sind. Und ja, das ist halt das, was für die Leute noch immer das Außergewöhnliche ist. Das sollte nicht so sein, aber das ist halt statistisch leider noch so. Deshalb kann ich es ihnen gar nicht so sehr verübeln. Aber natürlich, dass man ein Genre daraus macht, ist Bullshit, weil das Black Metal sein kann oder Hip-Hop sein kann. Das macht also keinen Sinn.

Sandy: Es ist natürlich so, dass man das auch geschichtlich oder musikgeschichtlich betrachten muss. Es gab einfach überhaupt sehr wenige Identifikationspersonen für Frauen auf der Bühne. Natürlich gibt es da diese großen Namen wie Janis Joplin und Stevie Nicks, aber viel weniger als männliche Bands.

Und ich glaube, wenn es einen Bereich gibt, wo wir vielleicht Einfluss haben können, dann ist es der, wo wir zeigen können: Wir sind fünf Frauen, die auf der Bühne stehen und die unsere Instrumente spielen und das voll im Griff haben und voll abrocken. Und einfach genauso da sind wie jede andere Band, die männlich besetzt ist. Was nicht heißt, dass männlich besetzte Bands schlecht sind. Ich glaube, es werden viel mehr in den nächsten Generationen nachkommen, wenn man diese Identifikation und diese Role Models hat und sieht: Rockmusik kann auch weiblich sein und das ist cool.

Robin: Genau. Das ist eben die Übergangsphase zu dem Punkt, den wir wahrscheinlich nicht mehr erleben werden, aber an dem es irgendwann wirklich egal ist, ob es Männer sind oder ob es Frauen sind. Aber bis dorthin braucht es diesen Push in die Richtung.

Foto der Vulvarine Autogrammstunde - Summer Breeze Open Air 2026

Vulvarine Autogrammstunde – Summer Breeze Open Air 2026

Oder einfach gemischt. Dass es normal ist, dass in allen Bands alle Geschlechter in irgendeinem Verhältnis gemischt sind. Und es nicht thematisiert werden muss.

Bea: Es muss halt aktuell noch thematisiert werden, deshalb thematisieren wir es ja. Wir heißen VULVARINE, wir tragen das vor uns her, weil wir eben noch nicht an dem Punkt sind, wo es egal ist.

Zum Thema ‚female fronted‘: Wo sind die ganzen Musikerinnen? Wir hatten ein Interview mit Frau Percht von PERCHTA zum gleichen Thema. Die hat eine männliche Band und hat gesagt, dass es einfach schwer ist, Musikerinnen zu finden. Wie war das bei euch? Wie schwierig war es, VULVARINE zusammenzukriegen?

Robin: Der Start war eigentlich leicht, aber das richtige Line-up zu finden, war schwer. Ich glaube, motiviert sind doch mehr, als man denkt. Also mehr Frauen und auch junge Mädels sind motiviert, das auszuprobieren, vor allem jetzt in den letzten paar Jahren. Aber die, die das wirklich mit Dedication verfolgen und das vielleicht auch schon länger machen, sind weniger. Denn man muss so ehrlich sein: Je früher man mit Musik beginnt, desto besser ist man dann halt irgendwann auch, so wie mit allem. Da gibt es, glaube ich, dann doch deutlich weniger als männliche Kollegen.

Bea: Man kann es vielleicht so vergleichen: Im Sport, im Fußball werden Frauenfußball und Männerfußball verglichen, und dann wird oft gesagt: ‚Ja, die Frauen sind ja bei Weitem nicht so gut‘. Und dann muss man sich das mal strukturell anschauen. Wie viele junge Burschen werden mit drei Jahren motiviert, Fußball im Garten zu kicken, und wie viele Mädels?

Und so wird die Pyramide immer spitzer. Und wie viele Profifußballerinnen leben davon und was kriegen ihre männlichen Kollegen als Gage? Und das ist so augenöffnend, wenn man sich da die Zahlen anschaut. Und ich glaube, in der Musikbranche ist es halt ähnlich. Und da jemanden zu finden, der schon etabliert ist und das wirklich machen kann und die Zeit und die Ressourcen hat, das ist nicht so leicht.

Sandy: Ich glaube, dass das ein guter Punkt ist. Es ist nicht nur eine Geschichte in der Rockmusik. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Geschichte, die echt ein Problem ist. Wo man halt wirklich sagen muss: Wir leiden alle unter dem Patriarchat, und es ist wurscht, ob du männlich, weiblich oder dazwischen bist, völlig egal.

Und es gibt halt gewisse Sachen, die einfach stereotypisch weiblich und stereotypisch männlich sind, und irgendwie formt sich das. Ich glaube aber, dass wir als Menschen sehr wohl dazu befähigt sind, das zu unlearnen und einen anderen Weg zu finden. Dafür muss es aber Beispiele geben. Man muss sich identifizieren können. Es ist nicht so, dass jemand etwas besser oder schlechter kann, nur aufgrund des Geschlechts.

Galerie mit 25 Bildern: Vulvarine - Summer Breeze Open Air 2026

Wenn ihr zurückdenkt, wie ist die Entwicklung, die ihr bisher gesehen habt? Bei Frauen auf der Bühne, in der Crew, in der Technik?

Robin: Wir kommen ja recht viel rum in Europa. Und da sieht man, finde ich, schon zunehmend weibliche Technikerinnen. In den letzten zwei Jahren mehr als noch vor vier Jahren. Uns gibt es seit sechs Jahren. Auch Kolleginnen auf der Bühne. Vor allem in Wien habe ich das Gefühl, dass relativ bald nach unserer Gründung, vielleicht im Rahmen von zwei bis drei Jahren danach, sehr viele neue Formationen aufgepoppt sind in unserer doch relativ kleinen Szene, die zumindest gemischt unterwegs sind oder sogar rein weiblich besetzt. Also, ich habe das Gefühl, dass wir da so ein bisschen was losgetreten haben zu Hause.

Wir kommen zum Ende und da soll es natürlich noch ein bisschen um die Musik gehen. Wie kann man VULVARINE am besten entdecken? Was müssen potenziell interessierte Fans von euch anhören, um euch kennenzulernen?

Bea: Ich finde: Live is live. Ich halte das auch selbst so, dass ich mir Artists live anschaue, und da kommt dann die Energie rüber. Da spürt man es dann. Wenn man jetzt die Möglichkeit nicht mehr hat, weil wir uns bald ins Studio zurückziehen, dann ins letzte Album „Fast Lane“ reinhören und sich da ein bisschen durchschmökern.

Sandy: Wir nennen als unsere Vorbilder gerne Bands, die wir komplett abfeiern und die natürlich unter anderem auch weiblich besetzt sind. Wenn ihr Fans von GIRLSCHOOL, THE DONNAS oder THE RUNAWAYS seid, bekommt man, glaube ich, bei VULVARINE die neue Version davon und noch viel mehr. Wir sind nie fertig damit, zu sagen, was Vulvarock ist, sondern wir schauen, wo uns die Reise hinführt. Es gibt keine Grenzen. Das neue Album wird genauso rauskommen.

Wir sind auf allen Plattformen, auf Spotify, Deezer, Apple Music und so weiter. Da könnt ihr auf jeden Fall reinhören. Ihr könnt euch aber natürlich auch Vinyl bestellen in unserem Webshop, der von der lieben Bea betreut wird.

Bea: Da wir ja jetzt ein starkes Fokusthema hatten: Ein Song von „Fast Lane“, der das ganz gut zusammenbringt, ist „Equal, Not The Same“. Das ist thematisch die Botschaft, die wir vertreten. Und ich glaube, es ist ein cooler Song. Hört’s rein.

Vielen Dank für das Interview!

Quelle: Vulvarine
27.10.2026

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