Lindy-Fay Hella
Ich kann mich nicht an Regeln halten

Interview

WARDRUNA gibt es jetzt seit mehr als 15 Jahren. Wie hast du dich durch die Zeit mit der Band verändert?

Ich bin sehr zerstreut. Auf Tour mit WARDRUNA muss ich sichergehen, dass das für die anderen nicht zur Last wird. Im Laufe der Jahre habe ich mir beigebracht, systematischer zu sein, etwa wenn ich reise und pünktlich sein muss. Das klingt vielleicht lächerlich, aber schon seit meiner Kindheit tue ich mich mit Pünktlichkeit schwer. Ich war schon immer in meiner eigenen Welt – aber nicht mit Absicht. So bin ich einfach. Abgesehen davon schätze ich mich unheimlich glücklich, so viele schöne Orte bereisen zu dürfen und dabei Musik zu machen.

Wie funktioniert WARDRUNA, wenn ihr nicht tourt? Sprichst du viel mit Einar darüber, was du aufnimmst, oder kannst du dich frei austoben?

Beides. „Isa“ ist ein gutes Beispiel, wo ich mir ausgedacht habe, was ich singe. Oder „Bjarkan“ und „Sowelu“ – die Gesangsmelodie im ersten Teil stammt von mir. Die meisten Songs haben natürlich schon eine Melodie, aber ich habe die Freiheit, mir etwas auszudenken.

Wann hast du dich entschieden, ein eigenes Album rauszubringen?

Ich habe die ganzen Jahre über Dinge gemacht, aber ich hatte nie den großen Drang, etwas zu veröffentlichen. Vor ein paar Jahren entschied ich plötzlich, dass es an der Zeit ist. Ich trete gern auf und hätte gern mehr Konzerte gespielt, also dachte ich, dann muss ich auch was rausbringen. Ich hatte so einen Drang, aus meiner Komfortzone auszubrechen.

Woher kam dieser Drang?

Ich hatte einen guten Freund verloren – er war mein Ex-Freund, aber wir waren weiter gut befreundet. Das war ein großer Schock. Nach seinem Tod dachte ich über existentielle Fragen anders nach. Und ich hatte dieses Bedürfnis, es irgendwie rauszubekommen und die Trauer zu verarbeiten.

Wie bist du an „Seafarer“ herangegangen?

Anfangs sollte mein Album nur aus Gesang bestehen. Aber dann langweilte ich mich. Ich dachte an Musiker, die ich kenne, die alle unterschiedliche Dinge machen – ich wollte wissen, was ihnen dazu einfällt. Also ließ ich meinen Cousin Drums hinzufügen und Herbrand Larsen das meiste davon programmieren, nur um den Ball ins Rollen zu kriegen. Ich wollte Sachen zusammenbringen, die eigentlich nicht zusammenpassen. Weil ich keine Lust auf Einschränkungen hatte, die besagen: „Dieses Instrument kannst du aber auf dem Track nicht verwenden.“

Du hast Elektronik mit organischen Instrumenten gemischt – und ein paar davon spielt dein WARDRUNA-Kollege Eilif Gundersen.

Ja, ich wollte Musiker, denen ich freie Hand lassen konnte, denn dann kriegt man das beste Ergebnis. Ich zeigte ihnen also Songs und sagte: „Aber nur, wenn du es auch fühlst.“ Es ist nie gut, etwas zu erzwingen.

Und dann ist da Gaahl, oder Kristian.

Das war ein bisschen lustig. Denn privat ist er ja einer meiner besten Freunde. Und ein fantastischer Sänger – einer meiner Favoriten, unabhängig von unserer Freundschaft. Aber ich dachte: „Ich kann ihn unmöglich fragen – am Ende bringt er es nicht über sich, nein zu sagen.“ [Lacht] Weil er einfach so lieb und gutherzig ist. Ich dachte auch, diese Musik sei ihm definitiv zu ‘rosa’. Aber dann wollte er natürlich hören, woran ich arbeitete. Als ich ihm etwas vorspielte, fing er an, dazu zu singen, und sagte, er liebe es. Dann war er auf einmal dabei und verlieh dem Ganzen seine persönliche Note. Und darüber bin ich sehr froh.

Konzertfoto von Gaahls Wyrd - Summer Breeze Open Air 2019

Netter als man denkt: Gaahl

In Zukunft dürftest du dich also trauen, ihn zu fragen.

Tatsächlich machen wir auch bald noch mehr zusammen. Er hat mich eingeladen, im März bei einer Performance in der norwegischen Botschaft in Berlin mitzumachen. Und in Zukunft werden wir mehr zusammenarbeiten. Das Event in Berlin hat etwas mit einem Metalfestival in Oslo zu tun. Es geht darum, norwegische Musik mal in einem anderen Setting vorzustellen.

Norwegischer Metal hat sich im Laufe der Jahre extrem entwickelt, vom scary Underground-Phänomen zu einem Kulturexport, zu etwas Familienfreundlichem.

Es ist unglaublich. Obwohl ich nie selbst Metal gespielt habe, war ich schon immer mit Leuten aus der Szene befreundet. Und ich musste Kristian mehrmals verteidigen. Heute ist das nicht mehr nötig, aber vor 20 Jahren schauten die Leute auf mich herab, weil ich mit ihm befreundet war. Weil Menschen – nicht die Mehrheit, aber einzelne – meinten, ich sei deswegen alles Mögliche. Dass wir böse Menschen seien und so. [Lacht] Heute weiß natürlich die ganze Stadt, dass er ein total lieber Kerl ist. Aber so lief es mit Metal insgesamt, und das ging sehr schnell. Ich denke, vielleicht hat es was damit zu tun, dass diese Musik damals von Herzen kam, und das merkten die Leute. Und es war etwas völlig Neues und Anderes. Trotzdem finde ich es auch seltsam, wie es sich gewandelt hat, von etwas total Furchteinflößendem zu – ja, es ist, wie du sagst, ein Kulturexport. Die Leute in Norwegen sind stolz darauf.

Du sagst, du hast nie Metal gemacht, aber hast du viel Metal gehört?

Nein, aber auf Konzerte gehen liebe ich schon immer. Natürlich war ich schon bei GAAHLS WYRD, dann war ich zum Beispiel noch bei IMMORTAL… Aber ganz ehrlich, ich hab vermutlich irgendeine Diagnose, denn ich kann dieselben Songs jahrelang anhören. Ich hing mehrere Jahre lang an „Black Celebration“, dem Album von DEPECHE MODE. Ich habe jahrelang nichts anderes angehört. Insgesamt war es schon viel elektronische Musik.

Elektronische Musik ist also deine große Liebe?

Ja, aber es muss irgendwie rau, düster und melancholisch sein. Wenn sich alles zu glatt anhört, mag ich es nicht mehr. Aber mir gefallen Sachen aus so gut wie jedem Genre. Ich habe auch alte Cabaret-Musik gehört, und ich liebe uralten Blues aus den 20ern und 30ern. Ich habe Phasen, in denen ich mich auf etwas konzentriere. Norwegischer Folk war auch so eine Phase.

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Quelle: RUBY MORRIGAN
17.02.2020

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