Oysterband
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Interview

Die OYSTERBAND ist in Metalkreisen wohl eher weniger bekannt, aber einige eher offene Zeitgenossen unter unseren Lesern dürfte es sicherlich freuen, dass auch diese englische Folk Rock-Band, die seit 1978 ihr Unwesen treibt und zur Speerspitze ihres Genres zählt, auch in unseren heiligen Hallen endlich mal die ihnen gebührende Beachtung findet. John Jones, der Mann am Mikro und an der Quetschkommode, nahm sich etwas Zeit für uns. Selten ausladend, meist kurz, präzise und gentlemanlike antwortete der junggebliebene Herr auf meine tolpatschigen Fragen.

OysterbandZuerst einmal ein riesengroßes Dankeschön für „Meet You There“! Um es kurz zu machen: ich bin einer, der eigentlich zu drei Vierteln eher dem Metal zugetan ist, sich nie großartig mit Folk Rock befasst hat und das Promoexemplar zu „Meet You There“ eher zufällig erhalten hat. Die Überraschung war um so größer – das Album hat mich regelrecht aus den Socken gehauen! Wie sind die Reaktionen aus dieser Ecke der Musikpresse denn sonst so?

Freut mich, dass du das Teil magst. Die Reaktionen aus der Metalszene sind wahrlich atemberaubend. Die Interviews, die wir machen, sind überwiegend welche mit Webzines. Ich hätte ja nie gedacht, dass sich in der Welt des Rock und Metal so viele verkappte Folk Rocker tummeln.

Da fragt man sich natürlich als Unkundiger, aus welchen Arten von Fans sich die Besucher eines OYSTERBAND-Gigs zusammensetzen.

Politicos (welch eine Definition, haha! – Anm. d. Verf.), Goths, Ex-Punks, junge und alte Folkies, besoffene Hetzer und sensible, hochgebildete Seelen. Jeder, der selbstständig denkt.

Da ihr ja nun schon seit fast drei Dekaden unter verschiedenen Bannern aktiv seid, kannst du uns bestimmt rückblickend an ein paar Hochs und Tiefs aus eurer Karriere teilhaben lassen, oder?

Ein Hoch war es, Leute zu treffen und mit ihnen eine gemeinsame Vorliebe für britischen Folk zu entdecken. Es war unser Underground, und wir dachten, wir seien im alkoholisierten Himmel. Und natürlich war es auch ein Hoch, zu einer ernsthaften Band heranzuwachsen und im Jahre 1986 mit „Step Out Side“ unseren ersten Mainstreamrelease herauszubringen. Zwei Tiefs waren einerseits, den ganzen Scheiß des Musikbusiness zu erleben und andererseits unseren Basser und unseren Drummer in einer schwierigen Zeit zu verlieren. Sehr schön war es, dass Chopper und Lee dafür 1988/1989 in die Band kamen, genau so war es ein Hoch, das Album „Freedom And Rain“ mit June Tabor zu erschaffen, welches im Mojo Magazine zum Folkalbum des Jahrzehnts gekürt wurde. Wunderbar auch die 1991er Tour mit NEW MODEL ARMY durch Deutschland sowie das Zusammentreffen mit dem Produzenten Al Scott, dem wir unser bis dato erfolgreichstes Album zu verdanken haben.

Mit „Granite Years“ hatten wir in Spanien einen Hit. Gleichermaßen ein Hoch und ein Tief war es, durch die Staaten zu touren. Ansonsten haben wir auf einigen der größten und besten Festivals der Welt gespielt – das sind ebenfalls unvergessliche Höhepunkte. Und natürlich ist auch das Erschaffen und Aufnehmen unserer aktuellen epischen Reise „Meet You There“ ein solcher.

Eure Texte sind ja erneut überwiegend politisch, teilweise mit bitterem Sarkasmus garniert. Bitte erzähl uns mal ein wenig, womit sich die Texte auf „Meet You There“ auseinandersetzen.

Unsere Texte auf „Meet You There“ sind aus persönlicher Sicht politisch. Ich nehme an, wir befassen uns mehr mit der menschlichen Verfassung, als bittere politische Seitenhiebe auszuteilen. Manche unserer Songs handeln von Veränderung und wie sie uns überwältigen kann, in anderen geht es um unsere Liebe zur dunklen Seite des Lebens und die Entscheidungen, die wir treffen. Der Rhythmus des Lebens und das Überleben in der Not sind bei uns stets wiederkehrende Themen.

Einer eurer größten Fans in Deutschland (you know who you are – Anm. d. Verf.) meinte, dass der letzte Song auf eurer neuen Scheibe, „Dancing As Fast As I Can“, wie das ultimative Statement klingt. Ist dies der zweite Song nach „When I’m Up…“, der das Selbstverständnis der OYSTERBAND auf den Punkt bringt?

Es ist viel von uns in diesem Song, aber ob es ein zweites „When I’m Up“ wird, wird die Zeit zeigen. Der Song hat eine völlig andere Atmosphäre.

Beobachtet ihr eigentlich, was so in der Musikszene von sich geht oder lebt ihr mehr oder minder in eurer eigenen Welt?

Wir hören eigentlich schon ganz schön viel anderes Zeugs. Deutschen Mittelalter-Metal, Schwedische Volksmusik, Americana, frühe Renaissance… um nur ein paar der Sachen aufzuzählen, die wir im Moment so hören.

Nun, nach der langen Existenz der Bands stellt sich natürlich die Frage, wo eure Wurzeln liegen. Was gab euch den Anstoß, zu sagen, „Yeah, ich will Musik machen!“?

Jeder von uns hat eine andere musikalische Vergangenheit, aber ich sag mal so: wir lieben alle Livemusik und dachten damals, „Hey, das möchte ich auch machen!“

Kommen wir auf das aktuelle Werk zurück. Was unterscheidet – in deinen Worten ausgedrückt – „Meet You There“ von euren älteren Werken?

Dieses Album ist weitaus wichtiger für uns als andere, denn es ist eine Art Runderneuerung für uns – beispielsweise, um wieder die Frische und Originalität in uns selbst und in unserer Musik zu finden. Es ist eine fühlbare Einheit, sowohl von Musik als auch der Aussage, wo wir in unseren Leben stehen. Einfach ausgedrückt sind auf der Scheibe einige der besten Songs der letzten Zeit vertreten.

Hmm, manchmal erinnert mich deine Stimme an die von Michael Stipe (R.E.M.) – in wie weit kannst du das nachvollziehen? Und wo wir schon bei Vergleichen sind: in wie fern ist so etwas hilfreich oder hinderlich?

Wenn du findest, dass ich dich an Michael Stipe erinnere, so kann ich glücklich sterben. R.E.M. sind eine der wenigen amerikanischen Bands, die wir seit Jahren verehren. Vergleiche können durchaus schmeichelhaft sein, meistens sind sie aber arg vereinfachend und irreführend.

Wenn ihr keine Musiker wärt – was würdet ihr stattdessen machen? Hehe… ich weiß, die Vorstellung ist furchtbar…

Ich fürchte mich vor diesem Gedanken!!!

Wie seht ihr die Folk(-rock)-Szene aus eurer Sicht?

Sehr reichhaltig und gesund. Die Szene ist in Großbritannien sehr akustisch und traditionell. Aber ich würde es sehr begrüßen, wenn mal wieder eine junge, wilde, gefährliche Folkband in die Szene platzt.

Stichpunkt Genres. Was hältst du von dem Kategorisierungswahn der Musikpresse?

Konsumwahn. Plakative Musikwerbung. Produkte. Ich hasse es!

Welche Folk Rock-Bands – außer euch natürlich – hältst du für essenziell?

Ohne Frage THE POGUES. Und definitiv THE LEVELLERS!

Wird es in Zukunft ähnliche Projekte geben wie „The Big Session Vol. 1“?

Es wird irgendwann „The Big Session Vol. 2“ geben, aber nicht allzu bald.

Nun… was ist besser, unser Bier oder eures? Welche alkoholischen Leckereien aus England oder Großbritannien allgemein kannst du uns denn sonst so empfehlen?

Generell ist euer Bier ohne Frage das bessere, aber folgendes solltest du dir antun: 40 Jahre alten Talisker Single Malt Whiskey, Easy Rider Beer aus der Kelham Island Brewery in Sheffield, Aspalls Cider aus Suffolk und unser Big Session Festival Ale.

Da läuft einem die Sabber ja förmlich aus den Mundwinkeln, hahaha! Nun, wo wir gerade so schön abschweifen: welche Klischees hat der gemeine Brite denn so von uns Deutschen?

Die kennst du! Kein Sinn für Humor, maschinenartig, effizient; rüchsichtslose, aber phantasielose Fußballer, UND: ihr gewinnt ständig! Haha, und weißt du, dass ihr das einzige europäische Land seid, das eine Sparte im Telefonbuch hat, die sich „Diskrete Schlüsseldienste“ nennt? Bei euch muss ja S/M-technisch die Hölle los sein?!

Hehe… ein Klischee, das die Deutschen ja von euch haben, ist jenes, dass eine englische Hausfrau keine Hausfrau sei, wenn sie weder Mikrowelle noch Dosenöffner besitzt.

Noch schlimmer ist es nur ohne Sektkühler.

Ihr tourt ja bald, unter anderem auch durch unsere Breitengrade. Welche Erwartungen habt ihr?

Wir haben ein gutes Gefühl, wir lieben es, die neuen Songs zu spielen – natürlich auch die alten. Könnte etwas Besonderes werden.

Okay, John, ich danke dir vielmals für die Zeitverschwendung für unser Zine! Die letzten Worte sind die deinen!

MEET YOU THERE!

22.03.2007

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