Yonin Bayashi - Golden Picnics

Review

Blast From The Past

Tja, werte Kollegen – wenn euch meine Beiträge zu nerdig sind, dann fühle ich mich erst recht herausgefordert, euch diese Woche mit dem Zweitwerk „Golden Picnics“ von YONIN BAYASHI etwas besonders Exotisches zu präsentieren. Spaß beiseite, aber bleiben wir doch bei Band und Album, die sind nämlich schon entdeckenswert.

Dass der Progressive Rock auch außerhalb Europas Anklang finden würde, muss wohl ein Zeichen der Zeit gewesen sein. So fand die anspruchsvolle, den Konventionen entgegengesetzte Spielweise der Rockmusik auch ihren Weg ins Land der aufgehenden Sonne, wo die Band YONIN BAYASHI ihre Idee des Prog umsetzen würde. Aus der Band SAN-NIN hervorgehend, steht der Name der Band wohl im übertragenen Sinne für „Quartett“, das Werk dieser Kapelle dagegen, die nur noch sporadisch für Konzerte zusammenfindet, für Progressive Rock mit leicht britischer Färbung, dem selbstredend eine ordentliche Portion Japan injiziert worden ist.

YONIN BAYASHI = klassischer Prog mit Japan-Flair

Aufgrund der Verweise in Richtung Psychedelic Rock, die sich noch vermehrt auf dem 1974er Debüt „Ishoku Sokuhatsu“ finden lassen, könnte man versucht sein, YONIN BAYASHI als die „japanische Antwort auf PINK FLOYD“ abzutun. Zumindest wenn man denn einer von diesen PR-Typen ist, die auf knackige Eyecatcher-Sprüche für CD-Aufkleber spezialisiert sind. Zugegeben: Wenn sich die Band von ihrer atmosphärischeren Seite zeigt, dann trifft das sogar ein bisschen zu. Alleinstellungsmerkale sind dagegen natürlich vor allem der Gesang, der trotz z. T. englischer Songtitel komplett in japanisch gehalten ist, und der Hang zur landestypischen Weirdness. Diesen Hang würde die Band jedoch erst im folgenden, hier zu besprechenden „Golden Picnics“ von 1976 ausleben.

Ein weiteres Merkmal der Band ist neben besagter Psychedelik und dem gewissen Extra an Japan-Exzentrik aber vor allem eben der klassische Prog in seiner eklektischeren Form, auch auf „Golden Picnics“. Deshalb finden sich auf der Platte zahlreiche Querverweise in Richtung der üblichen Verdächtigen, wenn es um vielschichtig und komplex arrangierte Rockmusik geht. Von CAMEL bis GENESIS, ansatzweise gar VAN DER GRAAF GENERATOR gibt es eine Reihe von Einflüssen, die sich finden lassen, die aber gleichzeitig in eingängige, gut hörbare und nicht zu banale Stücke verarbeitet worden sind. Mit der Betonung auf Synthesizer, die sich auf „Golden Picnics“ bemerkbar machen, lassen sich auch vereinzelte Space-Rock-Verweise aufzeigen.

„Golden Picnics“ fährt Vertrautes und Seltsames auf

Eingangs erwähnte Psychedelic-Verweise treffen in diesem Falle noch am ehesten auf das als Intro fungierende THE BEATLES-Cover „Flying“ zu, das in dieser Version seinem Namen gemäß elegant dahin segelt mit luftig wabernden Gitarren und Keyboardlinien, die fast ein bisschen bekifft klingen. Doch schon beim folgenden „Carnival“ geht es deutlich quirliger und seltsamer zu. Der Track klingt wie eine kunstvolle und schmissige Aneinanderreihung von Jingle-artigen Motiven und Vaudeveille-Versatzstücken. Der japanische Gesang fügt stets eine exotische Note hinzu, passt aber wunderbar in das kunterbunte Gewusel hinein. Sicher ein Stück weit von traditioneller, japanischer Volksmusik beeinflusst gefallen die blumigen Gesangslinien, ohne zu sehr ins Kitschige abzudriften.

Bei dem Instrumental „Continental Laid-Back-Breakers“ geht es dann genauso quickelebendig weiter, wobei hier konkreter mit Rock-Materie europäischer Prägung gearbeitet wird. Es klingt ein bisschen wie die klassischen YES auf psychedelischen Drogen, bevor die Band sich mit „Kool Sailer & Fools“ wieder etwas mehr zusammen nimmt und fast entspannte Surf-Rock-Gefilde zu erkunden scheint. Eingeschoben wird dieser leicht erotisch anmutende Soul-Part, bei dem sich YONIN BAYASHI mal kurz ein bisschen „Streetwalker“-Flair von Jan Akkerman wirksam und effektiv ausborgen.

Die gelungene Mischung macht’s

Etwas weniger suggestiv aber nicht minder gefühlsbetont beginnt der Longtrack „Birds & Nessy’s“, fast mit ein bisschen Romantik versehen. Ein hallendes Saxofon setzt dem mit seinen geschmeidigen Melodien noch die stimmungsvolle Krone auf, arbeitet aber gleichzeitig schon erste, an David Jackson (VAN DER GRAAF GENERATOR) gemahnende Anzeichen in den Song ein, die auf dessen deutlich wilderen, düstereren Verlauf hindeuten. Und es dauert auch nicht lange, bis der Song relativ abrupt in diese Richtung abbiegt. Doch wie zu erwarten stecken noch ganz andere Facetten in dem Track drin, so wird zeitweilig der kunterbunte Irrsinn von „Carnival“ erneut aufgegriffen mit fast betrunken klingenden „Lalalas“ dazwischen.

„A Song For Lady Violetta“ kehrt dann noch mal ein bisschen zu den anfänglichen, psychedelischen Momenten zurück, injiziert gleichzeitig aber die smoothen Akkerman-Vibes und den die ebenso geschmeidige, jazzige Spielfreude der „Islands“-KING CRIMSON für ein schönes Finale, dass die Platte insgesamt zu einer runden, durchweg gefälligen Sache macht. YONIN BAYASHI mögen zwar außerhalb ihrer Heimat keine große Bekanntheit inne haben, doch lässt sich an dieser Band wunderbar demonstrieren, wie weit der Einfluss des Prog doch bereits in den Siebzigern gereicht hat. „Golden Picnics“ setzte sich von seinem Vorgänger durch mehr Eigenständigkeit, Spielfreude und Witz ab und ist auch heute noch ein kleines, obskures und exotisches Juwel, das sich zu entdecken lohnt.

13.03.2019

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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