Godflesh - Decay

Review

Die legendäre, britische Industrial Metal-Formation GODFLESH begibt sich mit ihrem neuen Album „Decay“ nun schon zum zehnten Mal in voller Länge in den Ring, hat aber im Voraus angekündigt, dass dies wohl das vorletzte Werk des Duos bestehend aus Justin Broadrick und Ben Green sein werde. Wahrscheinlich wird nur die Zeit zeigen, ob es dabei bleibt, aber Fakt ist, dass das neue Album der Briminghamer eine lebensfeindliche, geradezu gottverlassene Ausstrahlung sein eigen nennt, dessen Fokus deutlich mehr auf Instrumentierung und Texturierung denn Lyrik besteht. Weniger als 150 Wörter würden innerhalb der 42-minütigen Laufzeit gesprochen/gesungen werden, so heißt es von Seiten Broadricks. Genau nachgezählt hat der Verfasser dies nicht, aber selbst wenn es sich hier um eine Hyperbel handelt, so bringt dieser Spruch doch den musikalischen Charakter der Veröffentlichung auf den Punkt.

GODFLESH erwecken urbane, gottverlassene Landschaften der Postapokalypse musikalisch zum Leben

„Decay“ klingt wie der Versuch, eine postapokalyptische, ausgestorbene Landschaft in Klang zu formen. Dabei ist jedoch weniger ein Ödland und mehr das Skelett, wenn man so möchte, einer Stadt gemeint. Industrielle Perkussion, die oftmals wie aufeinander prallende Metallgegenstände klingt, eindringliches Synth-Gejaule und -Gekreische und bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Gitarren, die fast nur noch wie ein undefinierbares Kratzen wirken, erzeugen eine unfassbar finstere Stimmung, in der praktisch kein Licht durchdringt und jedes bisschen Hoffnung im Keim erstickt wird. „Decay“ klingt unangenehm im besten Sinne der Worte, eine unbequeme Symphonie der Finsternis und des Zerfalls, dystopisch und furchteinflößend. Der Fokus auf die Instrumentierung weist dem Gesang auch mehr eine untergeordnete Rolle zu, sodass meist eher im Hintergrund sporadische Spoken Word-Passagen, Growls und Schreie auf- und wieder abtauchen.

Zu sagen, dass „Decay“ sperrig ist, dürfte folglich das Understatement des Jahres sein. Dennoch üben die Arrangements eine enorme Faszination aus, während GODFLESH in der Single „Living / Ending“ sowie im folgenden „Feral Colony“ zwischenzeitlich sogar mal etwas mehr Zugang zu ihrer Musik gewähren. Hier kann man eventuell an die frühen Tage der Band erinnert werden, mit etwas Fantasie vielleicht sogar frühere MINISTRY hinein interpretieren. Hiernach berappelt sich „Decay“ jedoch wieder und geht wieder in seinen weniger einsteigerfreundlichen, deutlich intensiveren Modus über, den das Album für den Rest der Spielzeit auch beibehält. Denn drum herum bestimmt lebensfeindliches Industrial-Gepumpe das musikalische Hauptfeld. „Decay“ ist hierbei weißgott nicht unfehlbar, denn ausgerechnet der Opener „Master And Slave“ tut sich mit seiner repetitiven Natur und nur einzelne BPM oberhalb der Doom-Schmerzgrenze firmierenden Trott keinen Gefallen.

Dabei schießen sie nur einmal wirklich übers Ziel hinaus

Und das ist ein Jammer, denn der Rest der Trackliste ist eine Beeindruckende Werkschau dystopischer Klangkunst wie aus dem Lehrbuch. Auf der einen Seite lassen GODFLESH ihre Hörerschaft im eigenen Saft kochen, gleichzeitig offenbaren sich regelmäßig einschlägige Widerhaken, welche die Hörarbeit auf Empfängerseite durch kleinere Klimaxen immer wieder belohnen. Dieser Faktor der Genugtuung ist trotz oder vielleicht gerade wegen der Lebensfeindlichkeit des Gesamtsounds absolut essentiell, weshalb „Master And Slave“ das qualitative Schlusslicht darstellt. Doch trotzdem sollten Fans von Noise und Industrial dieses Album unbedingt in ihre Rotation aufnehmen, einfach weil die Briten hier ein erdrückendes Werk in Form gegossen haben, das den Drahtseilakt zwischen dystopischer Klangkulisse und entfernt wahrnehmbarer Songorientierung (größtenteils) souverän absolviert.

26.09.2026

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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