Lost In Kiev - Persona

Review

Opulente Soundwelten, in denen sich der Hörer verlieren kann – das war immer schon das selbstgesteckte Ziel von LOST IN KIEV, die im Übrigen nicht aus der ukrainischen Hauptstadt, sondern aus Paris stammen. Wäre „Persona“ ein Kinofilm, würde wohl am ehesten die kühle Bildästhetik von Alex Garlands „Ex Machina“ dazu passen, zumal es auch Inhaltlich einige Parallelen gibt. Auf dem dritten Album der Intrumental-Post-Rocker geht es um eine, vermutlich gar nicht allzu ferne Zukunft, in der künstliche Intelligenz nicht nur vollständig in die Gesellschaft integriert ist, sondern die Grenze zum Menschen immer diffuser wird. Ist diese Vision ein Traum, den die Menschheit schon lange verwirklichen wollte, oder eher ein Albtraum, der uns heimsuchen wird?

LOST IN KIEV verpacken komplexe Themen in Intrumentalmusik

Diese Frage beantworten uns LOST IN KIEV auf „Persona“ nicht direkt, sondern erzählen einfach eine Geschichte, aus der jeder seine eigenen Schlüsse ziehen muss. Nun ist das Anpacken komplexer Themen nicht immer einfach für Instrumentalmusik, da die lyrische Ebene einfach fehlt. Viele Bands lösen dies über das Verarbeiten von Voice-Samples, und auch die vier Franzosen nutzen letztlich diese Herangehensweise. Statt aber einfach vorhandenes aus Filmen oder Hörbüchern zu verwursten, nehmen sie eigene Sprachfetzen auf, die das Konzept des Albums treffend wiedergeben sollen.

Musikalisch setzen LOST IN KIEV durchaus auf gewohnte Zutaten des Genres, sparen aber insbesondere nicht an Synthesizer-Klängen, oftmals bestehend aus einer Kombination von bleepigen Sounds und weichen, atmosphärischen Flächen. Dies ist natürlich auch ohne Frage dem Thema von „Persona“ geschuldet. Grundsätzlich ist der gewählte Ansatz weniger ohrenschmeichelndes Fahrstuhlmusik-Gedudel unverzerrt gespielter E-Gitarren, sondern deutlich progressiver, wenn auch eine gewisse Eingängigkeit durchweg erhalten bleibt. Sieht man vom Gesang ab, erinnert dies stellenweise ein wenig an das letzte, recht poppige Album von Multi-Instrumentalist STEVEN WILSON.

Bereits der eröffnende Titelsong ist Musik zum Augen schließen und die Welt um sich herum vergessen. Die neue Welt, in die man entführt wird ist sicherlich nicht unbedingt eine bessere, aber dennoch durchweg faszinierend. Der aus 16 Prozessen bestehende, mittels künstlicher Versionen unseres Selbst verwirklichte, optimierte Lebenszyklus „Lifelooper®“ verwandelt sich zum Ende in einen immer intensiver werdenden Strudel, bevor dieser abrupt endet und die monotone Computerstimme sich für unser Vertrauen bedankt.

Diese kontinuierliche Steigerung zum Ende des Songs wiederholt sich im gesamten Verlauf des Albums noch mehrfach, weshalb ein leichter Abnutzungseffekt nicht von der Hand zu weisen ist und den einzigen Kritikpunkt am gesamten Werk darstellt. Vermutlich gilt hier aber: „It‘s not a bug, it‘s a feature“. Monotonie durch ständige Wiederholung ist sicher ein passendes Stilmittel um eine technisierte Zukunft zu vertonen.

Erfolgreiche Entschlackungskur – „Persona“

Ihre Liveshows gestalten LOST IN KIEV mit aufwändigen Videoprojektionen aus, in denen Schauspieler die eigens erschaffenen Sprach-Samples zum Leben erwecken und somit, zusammen mit einer stimmungsvollen Lichtshow, alle Sinne der Gäste beanspruchen. Funktioniert dies aber auch ohne jeglichen visuellen Firlefanz auf der heimischen Couch? Im Falle von „Persona“ auf jeden Fall. Die Band hat im Vergleich zum Vorgänger „Nuit noir“ noch einmal einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht und dies, ohne poppiger oder wesentlich zugänglicher zu werden. Die Entschlackungskur, die man sich laut Gitarrist Maxime Ingrand selbst verordnete und die kürzere, straffere Songs hervorgebracht hat, steht der Band verdammt gut zu Gesicht.

Auch wenn bereits zu Beginn einige Melodien hängen bleiben, möchte „Persona“ erarbeitet werden. Die Belohnung ist ein packendes Album, das einen dauerhaft in seinen Bann zu ziehen vermag und bei jedem Hördurchlauf wieder neue Nuancen und Feinheiten offenbart. Einen Anspieltipp zu nennen erscheint auch fast unmöglich, da sich ständig neue Favoriten unter den neuen Songs herausbilden. Vielleicht nicht unbedingt ein Klassiker für die Ewigkeit, der dem Genre entscheidende neue Impulse gibt, aber definitiv eines der ersten Post-Rock-Highlights des Jahres.

12.05.2019

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